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70 Min.
Haben uns unsere Eltern versaut? Wie setzen wir ihnen Grenzen, ohne sie zu verlieren? Und warum fühlen wir bei ihnen trotzdem plötzlich wieder wie mit Zwölf?
Warum fühlen wir uns selbst mit 40, 50 oder 60 am elterlichen Esstisch manchmal schlagartig wieder wie Zwölfjährige?
Beziehungen

In dieser Folge nehmen Brigitte und Stephan unser wohl komplexestes Beziehungsgeflecht unter die Lupe: das Verhältnis zu unseren Eltern. Aufhänger ist ein provokantes Zitat des britischen Dichters Philip Larkin, nachdem Eltern grundsätzlich das Leben ihrer Kinder versauen würden, selbst wenn sie es nicht wollen.
Stephan berichtet von einer berührenden Aufstellung beim Männer-Retreat, in der das Trennen von elterlichen Schmerzen und elterlicher Liebe gelang.
Brigitte zeigt, wie aus strengen Urteilen Verständnis für die Biografie der Eltern wird – ohne alles gutheißen zu müssen.
Beide sprechen auch darüber, warum perfekte Eltern ein Albtraum sind, wie man friedliche Spielregeln für Elternbesuche und Familienfeste aufstellt und sie ziehen Zwischenbilanz ihrer und unserer Zuversichts-Challenge mit Volker Busch.
Kapitelmarken
0:00:00 „Deine Eltern versauen dich“: Warum wir über Eltern sprechen (Philip Larkin)
0:04:21 Küche, Disziplin, Glaubenssätze: was wir von unseren Eltern haben
0:07:42 Warum Besuche bei den Eltern so erschöpfen
0:10:26 Eltern als Menschen mit eigener Geschichte
0:17:29 Harmoniebedürfnis und Durchsetzungswille
0:19:51 Ungefragte Ratschläge: Wer erzieht hier eigentlich wen?
0:23:10 Vom Eltern-Kind-Verhältnis zur Beziehung unter Erwachsenen
0:33:18 Kindheit ruhen lassen oder die Eltern konfrontieren?
0:39:36 Eine Sache vornehmen: ein übernommenes Muster ablegen
0:43:44 Wie sehr können wir bei unseren Eltern wir selbst sein?
0:48:56 Fragen an die Eltern: Verstehen heißt nicht einverstanden sein
0:53:56 Raus aus der Kinderrolle: Apfel, Stamm und „gut genug“ (Winnicott)
0:57:07 Was wir mitnehmen: ein Vorsatz für Weihnachten
0:59:36 Unsere Challenge: was besser lief als befürchtet (Volker Busch)
1:06:52 Vorschau auf unseren nächsten Gast: Dr. Anne Fleck
Transkript zur Folge
Brigitte Huber 0:00
Ich bin jetzt ein bisschen nervös, weil ich ein Zitat mitgebracht habe, in dem ein Wort vorkommt, über das wir ansonsten stillschweigen. Und zwar das F-Wort.
Stephan Seiler 0:12
Das F-Wort. Oh nein.
Brigitte Huber 0:14
Oh nein, oh nein. Nicht wahr? Nee, ganz im Ernst. Gegen unsere sonstigen Überzeugungen beginnen wir mal wirklich mit einem englischen Zitat. Ich mache nur den ersten Teil und dann geht es schön deutsch weiter. Aber das lasse ich mir jetzt nicht nehmen.
Stephan Seiler 0:28
Dann mal los.
Brigitte Huber 0:29
They f*** you up, your mom and dad. Hast du mich verstanden?
Stephan Seiler 0:33
Ja, they f*** you up, um das noch mal zu wiederholen.
Brigitte Huber 0:36
Ja, genau. Also das beginnt. Es ist ein Zitat von dem britischen Dichter Philip Larkin. Und zwar hat er gesagt: Deine Eltern versauen dich. Vielleicht wollen sie das gar nicht, aber sie tun es. So geht das schöne Gedicht los und es geht dann schon etwas ein bisschen differenzierter weiter, dass sie bewusst oder besser gesagt unbewusst, dass sie unbewusst jede Menge Fehler dir übertragen und noch ein paar dazufügen, also ihre eigenen und so weiter. Und um das Ganze dann noch so richtig negativ aufhören zu lassen, empfiehlt er am Ende des Gedichts also möglichst schnell das Elternhaus zu verlassen und am besten keine eigenen Kinder zu kriegen. Also ich habe mich nicht tiefer mit seiner Geschichte auseinandergesetzt.
Stephan Seiler 1:19
Scheint ja nicht so eine glückliche Kindheit gewesen zu sein. Heute soll es um Eltern gehen. Auch diese spielen keine unwichtige Rolle auf unserer Reise. Um besser, vitaler, fitter, gesünder und auch irgendwie einigermaßen entspannt älter zu werden. Das ist ja unsere große Mission hier. Gemeinsam werden wir hier älter jede Woche. Und welche Steine uns unsere Eltern dabei in den Weg legen können, womöglich, wie eben der Dichter es auch meinte, manchmal ohne es selbst zu wollen. Darum soll es heute gehen und auch, wie wir diese Steine wieder aus dem Weg räumen können.
Brigitte Huber 1:49
Ja, und es soll nicht nur um Steine gehen. Es geht auch teilweise über Sterne, über Leitsterne, über ein Funkeln, das in unserem Leben herrscht, weil da sind wir, glaube ich, glaube ich, schon dabei. Es geht hier nicht um Gut und Böse, es geht um ein Sowohl-als-auch manchmal. Und kann man, glaube ich, auch noch sagen, wir sind auch auf das Thema gestoßen, weil wir eben in unseren Gesprächen immer wieder auf dieses Thema stoßen. Erst zuletzt ging es ja mit Hubertus Meyer-Burckhardt über die schwierige Situation oder über die schwierigen Erfahrungen, die er mit seinem, ja, muss man sagen, gewalttätigen und alkoholabhängigen Vater hatte. Aber wir haben das, selbstverständlich hast du es in der Auseinandersetzung in der Männergruppe, die auch viel beschäftigt. Oder wenn wir eben auch mit Stefanie Stahl, der Psychologin, gesprochen haben und der Autorin des Buches Das Kind in dir muss Heimat finden, dann geht es natürlich ganz stark um Prägungen der Kindheit. Und ganz viele haben wir eben auch unter anderem von unseren Eltern.
Stephan Seiler 2:50
Ja, die Sache mit den Eltern müssen wir uns auf jeden Fall anschauen. Sie drängt auch mit Blick auf die Weihnachtstage. Wie gehen wir mit den störrischen Eltern um? Und aus Blick der älteren Generation: Wie umgehen mit den störrischen Kindern? Solchen Kindern wie mir zum Beispiel. Und darum soll es heute gehen. Wir haben jede Menge vor, aber wir haben auch noch eine Challenge zu besprechen. Wir haben uns herausgefordert vor einer Woche, wir wollten eine Woche lang jeden Abend aufschreiben, was am Tag besser gelaufen ist als gedacht. Das hatte uns ja unser Gast von vor einer Woche, Schlafforscher Volker Busch, nahegelegt. Brigitte, du und ich, wir haben es ausprobiert. Ihr da draußen doch alle auch, oder? Ihr habt doch alle zugesagt, habt doch einen Vertrag unterschrieben, dass ihr das alle macht, oder? Ja, ja. Im Ernst.
Brigitte Huber 3:31
Es war gar nicht so einfach, muss ich sagen. Aber wir sprechen drüber.
Stephan Seiler 3:34
Wir werden uns das nachher angucken, unsere Leistungsbilanz. Leistung ist ein großes Wort, aber unsere Bilanz, was besser gelaufen ist als gedacht am Ende. Und wir blicken auch nach vorne. Wir freuen uns auf einen besonderen Gast, der uns kommende Woche beehren wird. Eine der populärsten Medizinerinnen Deutschlands wird zu Gast sein, um mit uns über ihre neuesten Erkenntnisse zu sprechen. Was es mit dem Älterwerden auf sich hat, wie es noch besser gelingt. Und darum geht es ja hier. Wir werden jede Woche gemeinsam älter, gemeinsam klüger älter werden. Das ist unsere Mission. Wollen wir loslegen?
Brigitte Huber 4:04
Ja, würde ich sagen. Mein Name ist Brigitte Huber.
Stephan Seiler 4:07
Mein Name ist Stephan Seiler und das ist Die Sache mit dem Älterwerden.
Brigitte Huber 4:21
So, Stephan, jetzt Kurz und knapp auf den Punkt bitte. Haben dich deine Eltern versaut und wenn ja, inwiefern?
Stephan Seiler 4:29
Ich glaube, wir werden nicht alle in irgendeiner Form versaut im Sinne von geprägt, mit Glaubenssätzen versehen, mit denen wir dann erstmal zu tun haben im Erwachsenenalter. Ich kann mich auch daran erinnern, dass ich am Anfang meiner Adoleszenz und der ersten Jahre, die ich dann quasi unabhängig von meinen Eltern gelebt habe, ich glaube, ich bin mit 19 oder 20 ausgezogen, da wirkten viele Glaubenssätze schon noch nach, auch wenn ich dann auch schon versucht habe, mich über manche wegzusetzen. Und bis heute gibt es noch so manche Dinge. Zum Beispiel? Bei mir muss die Küche sauber sein. Das hat mir meine Mutter beigebracht, auch wenn ich als Kind wirklich nur ungern die Spülmaschine ausgeräumt habe. Heute mache ich es gerne. Die Spülmaschine und ich haben quasi so fast eine amoröse Beziehung und ich bin auch sehr schnell mucksch, wie man in Hamburg sagt, wenn die Spülmaschine nicht so ausgeräumt worden ist oder eingeräumt worden ist, das ist ja eigentlich noch schlimmer, wie es vorgeschrieben ist. Ich möchte hygienisch saubere Umfelder haben im Küchenbereich. Das habe ich meiner Mutter zu verdanken und hat mir seitdem noch die eine oder andere Auseinandersetzung in Wohngemeinschaften beschert. Wie ist das bei dir?
Brigitte Huber 5:34
Ah, verstehe. Na, weil dann hätte ich erst mal gedacht, das ist ja per se gar nicht so schlimm. Also eine saubere Küche.
Stephan Seiler 5:41
Ja, das finde ich. Also ich wollte ja erst mal mit was Positivem einsteigen. Es gibt natürlich auch andere Sätze, die sich so eingeprägt haben. Ist ja vermutlich bei dir auch nicht anders, mit denen man sich vielleicht dann manchmal noch ein bisschen schwer Werratat und irgendwann dann auch wirklich ganz entschieden sich davon trennen musste. Hast du auch so was?
Brigitte Huber 5:58
Ja, ich bin mir gar nicht immer so sicher, ob das eins zu eins dann ein Glaubenssatz war oder ob man tatsächlich am Beispiel der Eltern natürlich auch seine Entwicklung vorangeht. Also ich weiß zum Beispiel, mein Vater war wirklich ein sehr, sehr disziplinierter Mann. Der hatte eine Schreinerei. Er hätte gesagt, mein Vater ist leider gestorben, mit Mitte 50 schon. Und wir hatten wirklich auch ein sehr gutes Verhältnis. Aber ich weiß, dass der halt jeden Morgen um 6 Uhr aufgestanden ist, um 7 war in der Werkstatt, der war halt ein Schreiner und hatte da ein paar Gesellen und Lehrlinge, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Und dann ging das den ganzen Tag, am Samstag natürlich auch bis 13 Uhr und danach ist er ins Büro verschwunden, um Angebote zu schreiben und so weiter. Und ich weiß noch, dass ich mir als Jugendliche immer gedacht habe, um Himmels willen, was ist denn das für ein Leben? Und wenn ich mir aber dann das heute anschaue, wie ich viele Jahrzehnte gelebt habe, dann muss ich sagen, ja, also ich meine, ich habe auch ganz häufig mehr 60 Stunden gearbeitet als 35,3 oder so und dabei auch noch eine Familie, einen Haushalt, nebenbei klingt schon ein bisschen verdächtig, und all das gehabt. Das heißt, diese Disziplin, die habe ich mit Sicherheit von ihm mitgekriegt. Und da werden wir aber bestimmt im Laufe der Folge noch dazu kommen. Auch von meiner Mutter habe ich natürlich Dinge mitgebracht, Interessant finde ich da ja auch die Frage: Wann realisieren wir, dass unsere Eltern nicht nur Mutter oder Vater sind, sondern auch Menschen, Erwachsene mit einer eigenen Geschichte? Weißt du, wann das bei dir war?
Stephan Seiler 7:42
Das finde ich so eine zentrale Frage und ich glaube, ich habe diesen Punkt immer noch nicht ganz erreicht. Ich habe mich da jetzt in den vergangenen Tagen auch öfter mit meinen Freunden drüber unterhalten. Genau über diese Frage, weil welche Rolle nehmen wir eigentlich ein? Denn ich muss ein bisschen ausholen. Ich habe mich mit meinen Freunden darüber unterhalten, warum diese Besuche bei den Eltern für so viele von uns so anstrengend sind. Und da rede ich jetzt gar nicht über mich persönlich. Es gibt da Fälle in meinem Freundeskreis, die haben wirklich Bammel davor, nach Hause zu fahren. Und wenn sie dann zurückkehren von dem Besuch, dann sind sie wahnsinnig erschöpft, auch wenn vielleicht gar nicht viel Disharmonie war, auch wenn sie sich nicht gestritten haben. Aber sie fühlen sich erschöpft. Und ich habe versucht, in den vergangenen Tagen auch in Vorbereitung auf die heutige Folge herauszufinden, woran liegt das denn? Denn also, es kann— wie kann das sein, dass es Menschen gibt, mit denen wir einen Nachmittag verbringen und danach fühlen wir uns wunderbar, und es gibt Menschen, mit denen wir einen Nachmittag verbringen, danach brauchen wir erstmal Nachmittag für uns selbst? Und dieser zweiten Gruppe gehören eben erstaunlich häufig unsere eigenen Eltern. Wir lieben sie ja, jedenfalls viele von uns, auch viele meiner Freunde, und ich ja auch. Wir besuchen sie, weil wir sie sehen möchten, weil wir wissen, dass die gemeinsame Zeit ja auch so kostbar ist, Und manchmal auch, weil wir ein schlechtes Gewissen haben. Womöglich. Das ist auch bei mir manchmal der Fall. Und dann passiert eben dieses Merkwürdige. Wir sind irgendwie 55, 45, 65 Jahre alt, vielleicht auch noch älter, wenn wir Glück haben, unsere Eltern noch leben. Wir haben Beruf und Beziehung, eigene Wohnung und vielleicht sogar Kinder. Und trotzdem rutschen wir dann am elterlichen Esstisch wieder in diese Rolle des Zwölfjährigen oder der Zwölfjährigen. Ist das bei dir auch so gewesen? Kennst du das auch?
Brigitte Huber 9:20
Also es ist ganz witzig, weil meine Mutter war jetzt gerade 3 Tage in Hamburg bei mir und dann unternehmen wir auch viel. Nein, ich finde das nicht anstrengend. Ich finde es nicht anstrengend. Ich weiß allerdings auch nicht. Also wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Aber ich weiß auch nicht, inwieweit das bei mir noch mal anders gelaufen ist, weil ich so früh meinen ersten Sohn bekommen habe, meine Eltern den mit aufgezogen haben. Das weiß ich aber nicht. Aber selbstverständlich, dass man ab und zu dann wieder in die Rolle des Kindes rutscht. Ich glaube, das kennt jeder. Und wir haben uns ja auch letztes Mal darüber unterhalten, über das Die-Ärzte-Lied.
Stephan Seiler 9:57
„Ja, wie geht's noch mal?" „Ja, sag mal, wie du wieder aussiehst." „Wie du wieder aussiehst? Junge, warum hast du nicht gelernt? Guck dir den Dieter an, der hat sogar ein Auto. Warum gehst du nicht zu Onkel Werner in die Werkstatt? Der gibt dir eine Festanstellung, wenn du ihn darum bittest. Junge, ja, und dann wie du wieder aussiehst? Löcher in der Hose und ständig dieser Lärm. Was sollen die Nachbarn sagen?" Tönt es dann aus dem Hintergrund. „Und dann noch deine Haare, da fehlen mir die Worte. Musst du die denn färben?" Und so weiter und so fort.
Brigitte Huber 10:26
Ja, und es hört ja auch ganz dramatisch auf. Und oder willst du, dass wir sterben? Also dann, dass die Scham oder die Schmach so groß ist. Und da habe ich auch noch mal drüber nachgedacht. Das ist zum Glück bei meinen Eltern nicht so gewesen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die mich recht viel anschieben oder anschieben müssen, auch weil ich war auch recht, ja, ging schon voran. Ich merke es dann eher als Mutter manchmal, dass ich aufpassen muss, dass ich nicht sagen, ich dachte, du wolltest oder du wolltest doch dies oder jenes machen oder so, also das Das wird ja dann auch spannend, wenn man selber Eltern wird, dass man auf einmal denkt, oh, all das, wovon man überzeugt war, dass man das nicht eins zu eins wiederholen wird, fällt einem dann doch ein bisschen auf. Aber noch mal zurück zu der Frage: Wann glaubst du, dass du angefangen hast, deine Eltern auch als Menschen mit einer eigenen Geschichte zu sehen? Oder hast du noch gar nicht damit angefangen?
Stephan Seiler 11:19
Also ich habe schon damit angefangen, aber ich hadere eben noch damit. Und das ist echt so ein Knackpunkt auch bei ganz vielen in meinem Alter. Wie gesagt, ich bin ja Mitte 40, dass wir immer noch in diese Rolle rutschen, dass wir uns dann irgendwie so fühlen, als wären wir 12. Und gleichzeitig wollen wir aber, oder hätten wir gerne, ein anderes Verhältnis. Manche versuchen, ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Eltern herzustellen. Und dazu gehört natürlich auch, dass man in dem Vater oder in der Mutter nicht nur den Vater und die Mutter sieht, sondern in dem Fall einen Mann oder eine Frau oder auch quasi den Ehemann meiner Mutter, also auch als liebenden Partner. Und das finde ich verrückt, denn wir kennen unsere Eltern ja eigentlich nur in dieser Rolle. Rolle Vater, Mutter. Aber wie mein Vater, wie meine Mutter auf der Arbeit waren, keine Ahnung. Also als Kollegin, als Kollege, I don't know. Wie sie quasi als guter Freund, gute Freundin sind, ich weiß es nicht. Wie sie unterwegs waren in ihren eigenen Familien, das kriegt man ja manchmal noch so ein bisschen mit über Onkel und Tanten, aber eigentlich weiß man das auch nicht so richtig. Du hast eben nur diese Rolle Mutter und frage ich mich, sieht sie mich vielleicht auch nur in der Rolle? Sohn, mein Vater genauso, andere Eltern wohl ähnlich. Oder sehen Sie in uns dann auch irgendwann die Frau Brigitte, die auch eine Liebhaberin sein kann, Königin ihres eigenen Lebens sein kann, eine Chefredakteurin ist, eine Buchautorin ist? Also all die Facetten, die du ja auch noch mitbringst.
Brigitte Huber 12:44
Also ich sehe das schon ein bisschen anders. Also ich glaube nicht, dass wir im Laufe der Zeit unsere Eltern nur in der Rolle Eltern wahrnehmen. Also jetzt sagen wir mal, wir öffnen unseren Blick schon, dass wir auf einmal sagen, okay, die haben eine Geschichte und das kriegt man schon irgendwie, ich sage jetzt mal spätestens in den 20ern mit. Wir haben es ja zum Beispiel bei Hubertus Meyer-Burckhardt, der dann irgendwann mal sich auch innerlich so ein bisschen aussöhnen konnte mit seinem Vater, weil er verstanden hat, warum der vielleicht so ist, wie er ist. Und das kenne ich jetzt inzwischen bei ganz vielen Freundinnen, wenn ich mit denen auch rede und die Väter dann teilweise, die sind dann auch oft schon relativ betagt, sehr patriarchal unterwegs sind, dass wir dann schon im 5. Satz sagen: Ja, aber das ist auch eine Kriegsgeneration. Und so weiter und so fort. Also man hört schon irgendwann mal auf, Eltern nur in der Rolle zu sehen. Ich sage jetzt mal, von den Entwicklungsschritten ist es mit Sicherheit so, dass du mit ungefähr 12 anfängst, deine Eltern zu hinterfragen. Das wird dann eine relativ anstrengende Geschichte. Die nennt sich Pubertät. Die Eltern haben glasklar die Unfehlbarkeit dann irgendwann mal verloren und man sagt: Oh, die machen ja irgendwelche Sachen ganz schön komisch und verbieten mir Zeug und so weiter und so fort. Und dann ist es schon so, also ich habe da mich auch noch mal ein bisschen schlau gemacht. Im jungen Erwachsenenalter kriegen dann die Eltern ihre eigene Biografie. Also wenn du so ab 20 oder so bist. Ich habe dann irgendwann mal erfahren, Ich habe gedacht, boah, ich werde jetzt mit 19 Mutter, das ist ja mords früh. Und dann kriegst du mit, okay, mein Vater ist mit 14 oder 15 zur Lehre im Bayerischen Wald geschickt worden. Dann denkst du ja, oha, ja, und dann, der hat ja auch ein Leben vorher und so weiter und so fort. Und das finde ich, sind schon so Momente, wo du das mitkriegst. Und irgendwann in der zweiten Lebenshälfte spätestens beginnt dann auch unter Umständen so ein Verstehen einzusetzen. Weißt du, was ich meine? Also aus einem Urteil wird dann auch ein Verständnis. Also ich weiß, dass mein Vater jemand war, der, wenn es Streit gab, eher verstummt ist für längere Zeit.
Stephan Seiler 14:58
Ja, hat dich das irritiert früher als Kind? Fandest du das doof? Hättest du gern lieber gezofft so richtig?
Brigitte Huber 15:03
Genau das habe dann ich gemacht eher in der Familie, weil irgendwie die Rolle war noch nicht so besetzt. Aber tatsächlich klar, du gewöhnst dich ein bisschen dran als Kind, du hinterfragst das auch nicht Und später kapierst du aber, ach so, ja, und dann guckst du dir auch an, wie die Großeltern waren und so weiter und so fort. Oder also bei meiner Mutter, die sehr harmonisch ist, war das mir schon sehr, sehr früh klar, dass das an meinem sehr, ich sage jetzt mal eher oberdominanten und nicht sehr freundlichen Großvater lag. Also du musst—
Stephan Seiler 15:39
Das war dir als Kind schon klar?
Brigitte Huber 15:42
Ich würde mal sagen, ich könnte jetzt nicht sagen, an welchem Tag genau. Aber so richtig realisiert habe ich es mit Sicherheit als junge Erwachsene. Und deswegen glaube ich, ist es auch interessant, vor allem in der zweiten Lebenshälfte, um die wir ja jetzt kreisen, verändert sich schon noch mal unser Verhältnis zu unseren Eltern. Dann natürlich noch viel stärker, wenn sie irgendwann auf unsere Hilfe stark angewiesen sind oder so. Das macht ja auch noch mal was mit uns. Aber jetzt einfach schon so dieses Verständnis, das krieg ich in meinem umkreist ganz, ganz stark mit, dass man sagt: Ja, das war nicht schön, fand ich jetzt nicht toll in meiner Kindheit. Oder: Ich habe da nie Anerkennung gekriegt. Also ich zitiere da ein paar Freunde: Ich habe nie Anerkennung gekriegt. Oder es hat auch mal irgendwie, wie bei Hubertus, irgendwie eine verbale Grenze überschritten. Also dann hast du mal eine eingefangen.
Stephan Seiler 16:37
Ja, ja, vielleicht noch mal ganz kurz für alle, die die Folge nicht gehört haben. Hubertus Meyer-Burckhardt, haben wir interviewt, den Talkshow-Moderator, vor 2 Wochen ist die Folge gelaufen, Folge, nee, vor 3 Wochen. Schreiben Sie die Shownotes rein.
Brigitte Huber 16:52
Wir liefern die genaue Nummer, glaube ich, in den Shownotes nach. Und dann verstehen wir irgendwie, warum die Mutter eher immer ängstlich war oder der Vater seine Gefühle nicht zeigen konnte und so weiter und so fort. Und das finde ich, ist schon etwas, was im Laufe der Zeit kommt. Oder ich ganz klar, also ich merke das auch bei meinen erwachsenen Kindern, bei meinem Sohn hier, der weiß schon, warum ich an welchen Stellen wie bin. Da haben wir schon noch drüber geredet.
Stephan Seiler 17:17
Ja, hast du dich da auch geöffnet? Also fiel es dir auch leicht, ihm zu öffnen? Hast du da nicht manchmal gedacht, du bist doch mein Sohn, das sollst du gar nicht wissen über mich, weil sonst siehst du mir auch mehr eine verletzlichere Seite, als ich es eigentlich möchte?
Brigitte Huber 17:29
Nee, das wäre jetzt ja nie mein Bild von Männlichkeit gewesen, dass der verletzlich sein darf oder dass er auch seine Mutter nicht als verletzlich erkennen darf. Ganz im Gegenteil. Also ich möchte schon, dass er sein Fühlspektrum gut ausweiten kann. Und vor allem möchte ich auch, und das glaube ich, ist so eine Grundlage, dass er versteht, warum etwas wie ist. Und wenn ich ihm sage, dass ich sehr— ich habe das eben auch. Also was haben wir von unseren Eltern mitgekriegt? Ich habe von meiner Mutter, das wirst du jetzt nicht so glauben, weil im beruflichen Umfeld kann ich das besser. Ich bin sehr harmoniebedürftig im Privaten. Ja, ganz genau. Im Job habe ich das anders noch mal hingekriegt im Laufe der Jahre. Es war am Anfang auch nicht so. Gleichzeitig bin ich aber jemand, der sehr durchsetzungswillig auch ist. Und ich lass mir nicht die Butter vom Brot nehmen. So haben mich meine Eltern auch erzogen, so haben sie mich schon erzogen. Nur gleichzeitig habe ich von meiner Mutter zum Beispiel dieses Harmoniebedürfnis mitgekriegt. Die zwei Sachen passen manchmal nicht so gut zusammen. Und da wurde ich schon relativ alt, um das zu realisieren. Und wieso das dann immer wieder dazu führt, dass ich im Streit irgendwie so ein bisschen ins Schludern komme.
Stephan Seiler 18:49
Also einerseits harmoniebedürftig, aber dann auch in Streitsituationen kamst du dann ins Schludern, weil du dann, weil dir dann die richtigen Worte auch nicht fehlen.
Brigitte Huber 18:56
Wenn dann mein Gegenüber sagt, ich glaube, es ist besser, wir sehen uns mal 2 Tage nicht. Ja, da macht es bei mir so Nein, und eigentlich sollte man ja immer vorm Schlafengehen sich vertragen und nie irgendwie. Also weißt du, was ich meine? Also das steckt dann ganz tief drin.
Stephan Seiler 19:12
Das kann ich nachvollziehen.
Brigitte Huber 19:13
Während die anderen Menschen in meinem Umfeld dann, Söhne, Männer, was auch immer, damit ganz gut leben können. Auch weil sie wissen, da passiert jetzt nichts. Es ist jetzt bisschen Pause. Aber das war zum Beispiel etwas, darunter habe ich viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, ja, damit habe ich zu tun gehabt. Gehabt und dann rauszufinden, aha, woher kommt das? Zum einen ja toll, meine Eltern haben mich wirklich zum selbstbewussten Mädchen erzogen, aber ich habe halt noch was, würde Larkin sagen, so ein paar Altlasten auf 1 oder 2 Ebenen mitgekriegt. Und damit umzugehen. Wer würde das sagen? Ich habe jetzt gemeint, Larkin, dieser Dichter.
Stephan Seiler 19:51
Ah okay, alles klar, vom Anfang. Und hast du auch die Situation gehabt in deiner Kindheit, aber auch genauso jetzt als als erwachsene Frau, auch mit deinem Sohn, aber auch mit deiner Mutter, dass dir gesagt wird, was du tun sollst. Also im Sinne von, wenn es draußen ist, als du mit deiner Mutter unterwegs warst, gab es auch mal so Situationen, dass deine Mutter dir gesagt hat: Mensch Brigitte, zieh doch eine Jacke an, ist doch kalt draußen. Oder dass du umgekehrt deinem Sohn, der jetzt ja auch erwachsen ist, ähnliche Dinge mitgibst, der wieder verweist auf meine Freundin. Manche will ich wahnsinnig machen, im Sinne von, man kommt zu Hause an und der Vater erklärt einem erstmal, wie man das Auto parken müsste, damit man richtig steht. Solche Sachen. Also gibt es da bei dir auch so Triggerpunkte, wo du denkst: Oh nein, schon wieder?
Brigitte Huber 20:34
Es ist leider eher so, dass ich mich da recht zusammennehmen muss und meine Söhne oder so dann nicht so zwangsbeglücken darf und ihnen sagen kann, wie sie es am besten machen.
Stephan Seiler 20:45
Also dir fällt es schwer, dich da zurückzuhalten?
Brigitte Huber 20:48
Ja, weil ich denke mir mit meiner Lebenserfahrung, ich weiß doch, wie es gut ist. Nein, aber ich glaube, ich bin da jetzt auch nicht schlimm oder so was. Aber ja, aber sagen wir mal, es gibt mit Sicherheit Dinge, wo ich mir dann nicht auf die Zunge beiße, obwohl das vielleicht manche besser fänden. Ich will andere schon auch an meiner Weisheit teilhaben lassen.
Stephan Seiler 21:09
Ja, das geht mir auch so, das mache ich aber auch nicht nur gegenüber meinen Patenkindern oder so, sondern auch gegenüber meinen Eltern. Und das gab dann natürlich auch immer mal wieder Konflikte. Kenne ich auch aus meinem Freundeskreis. Viele versuchen dann, ihre Eltern quasi mitzuerziehen, weil ja man selbst in der Mitte des Lebens steht, macht viele berufliche Erfahrungen, vielleicht reflektieren wir auch noch ein bisschen mehr, als es unsere Eltern getan haben. Und dann fallen uns vielleicht Dinge auf, die wir in liebgemeinte Ratschläge, Hilfsangebote verpacken. Und das wollen ja viele Eltern dann gar nicht hören. Und dann rutscht man mal ganz schnell auch wieder in so eine komische Situation rein, dass man sich so, ach ja, ja, stimmt ja, die Eltern, die haben ja immer recht und dann wird es ganz verquer.
Brigitte Huber 21:50
Aber ist bei dir dieser Moment eingetreten, dass du du nicht nur über deine Eltern urteilst, sondern verstehst aus deren Geschichte raus, warum sie so sind, wie sie sind? Ist das ein Thema, mit dem du dich oder auch mit deinen Freunden beschäftigst? Weil das finde ich, macht ja vieles leichter.
Stephan Seiler 22:10
Ja, das macht vieles, vieles leichter. Und da sammelt man ja auch im Laufe— ich spreche die ganze Zeit vom Mann— da sammeln wir, sammeln meine Freunde und ich quasi auch Informationen ein. Also vieles erfahren wir auch nicht gerade aus dieser Generation der sogenannten Boomer-Generation, 40er, der 50er-Jahre geboren, in einer anderen Zeit aufgewachsen, auch mit anderen Werten teilweise aufgewachsen. Und da mussten wir und musste ich auch manchmal richtig bohren, um herauszufinden, warum ist das denn so? Warum ist dir dieses so wichtig und warum lehnst du was anderes ab? Warum führte das früher vielleicht zu einem Verbot oder auch zu einer Warnung im Sinne von, das musst du so und so machen, sonst passiert was ganz Schlimmes? Bis hin zu, warum ist mein Vater so grusch, wenn es darum geht, sein Auto zu benutzen, was er ganz, ganz ungern hergibt, weil er bis heute Angst hat, dass sein Sohn ihm da eine Beule reinfährt. Ja, was auch nicht ausgeschlossen ist bei mir, aber ich würde es ja bezahlen danach.
Brigitte Huber 23:06
Ja, das hat er wahrscheinlich noch nicht begriffen.
Stephan Seiler 23:10
Nee, aber ich glaube, dahinter steckt so die Frage: Wie schaffen wir es, dass aus dem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern irgendwann eine Beziehung zwischen Erwachsenen wird? Dass wir einander nicht nur ertragen, sondern dass wir die gemeinsame Zeit wirklich genießen. Und das klingt jetzt schlimmer, als ich es meine, aber darüber würde ich gerne wirklich mit dir sprechen, liebe Brigitte, denn wir werden ja alle älter. Unsere Eltern auch und die Zeit ist endlich und ich möchte gerne mit meinen Freunden, die es auch betrifft, in eine Situation kommen, dass wir quasi uns auf eine Begegnung mit unseren Eltern quasi fast bedingungslos freuen. Was ist dafür notwendig, damit wir keine Angst davor haben müssen, wieder Parktipps zu bekommen oder hier zieh eine Jacke an und dass wir versuchen, unsere Eltern dann zu erziehen im Sinne von mein Gott, das könnt ihr doch auch so und so sehen und es dann gleich nach 2 Stunden eskaliert.
Brigitte Huber 23:58
Ich, also ich kann dir dazu, das eine glaube ich, ist schon mal relativ gut und wichtig, irgendwann mal zu dem Punkt zu kommen: Wir können Menschen nur bedingt verändern. Vielleicht kann man das bedingt auch rausnehmen. Wir können Menschen nicht verändern, außer sie wollen das selber. Und wenn ich es mit Eltern, sind ja eben Menschen, mit denen wir zwangsläufig zu tun haben. Ja. Also jetzt kein Freund oder keine Freundin, die ich mir gesucht habe und an denen ich manches liebe und manches finde ich schwierig. So ist, glaube ich, bei vielen die Gemengelage. Und allein was du sagst, auch mit dem Blick auf die Endlichkeit, mit dem, was wir ihnen zu verdanken haben, fällt es mir zum Beispiel gar nicht leicht, die positiven Dinge vor allem zu sehen und dann auch ein bisschen Humor zu haben jetzt an deiner Stelle. Würde ich jetzt. Dann sagst du: Ja, jetzt kommen Papas Parktipps. Hat ja irgendwie auch was Süßes. Es war total rührend, weil meine Mutter war jetzt ein paar Tage da und heute früh, bevor ich sie zur Bahn gefahren bin, ist mir eingefallen: Oh, ich wollte ihr ja noch was geben, was sie für mich flickt. Ja, eine Jacke. Das hat sie all die Jahre immer gemacht. Sie kommt und dann nimmt sie auch, hat sie so einen Lumpen dabei und macht meine Fenster sauber. Und ich liebe das. Ich weiß gar nicht, wie das geht. Man hat mir das nicht beigebracht. Nein, Quatsch. Und heute war es zum ersten Mal, dass ich mir gedacht habe, oh Gott, das habe ich jetzt zu spät gesagt. Aber das sind dann schon so Muster und die haben ja auch viel Schönes. Das ist ja dann auch eine positive Tradition. Weißt du, was ich meine?
Stephan Seiler 25:34
Ja, ja, total. Traditionen sind wunderbar. Ich freue mich auf die Weihnachtsplätzchen meiner Mutter jedes Jahr.
Brigitte Huber 25:39
Ja, ganz genau. Ganz genau.
Stephan Seiler 25:41
Da denke ich ganz oft dran. Ich verrate jetzt was.
Brigitte Huber 25:43
Es gibt einen Menschen in meinem Umfeld, der liebt die Weihnachtsplätzchen meiner Mutter so sehr, dass er sie sich auch im Hochsommer manchmal wünscht und sie macht das.
Stephan Seiler 25:52
Ja, ach, der ist großartig. Ja, das ist ja Wahnsinn. Wie hat er das geschafft? Keine Ahnung, mit seinen Zauberformeln.
Brigitte Huber 25:58
Gute Beziehungen quasi. Nein, aber was wirklich ein schönes Beispiel jetzt bei uns ist, und das kann ich jetzt gut sagen, das war nicht immer so. Wir hatten Streit am Familientisch, also mit verschiedenen Generationen und all das hatten wir auch mal, der natürlich dann nicht von meiner Mutter ausging, weil die ist ja nicht jemand, der streitet, aber andere. Aber wir hatten es diesmal, dass wir dass wir 3 Generationen an einem Tisch waren und alle erwachsen genug waren, sich eher füreinander zu interessieren. Wie seht ihr denn das eigentlich? Wie macht ihr das? Aha, interessant, würde ich ganz anders sehen. Also da wäre ich vor ein paar Jahren noch, glaube ich, mit Alarmstufe Gelb am Tisch gesessen und hätte immer Angst gehabt, dass vielleicht irgendwie die Diskussion zu schwierig wird. Aber es war in dem Fall gar nicht. Also es war in dem Fall ein guter Moment und ich habe mir nachher auch überlegt, woran das lag. Und ich glaube, es lag daran, dass man die anderen schon wertschätzt, sich dafür interessiert und auch sagt: Ja, okay, wir sind anders.
Stephan Seiler 26:56
Okay, darum muss ich nachdenken.
Brigitte Huber 26:57
Generationen untereinander finde ich ja ganz spannend.
Stephan Seiler 26:59
Das ist mega spannend und ich würde da gerne gleich auch noch mal drauf zurückkommen, weil ich hätte echt gerne eine Anleitung, wie das gelingt. Darf ich mal hier an dieser Stelle, vielleicht passt das ganz gut hier an dieser Stelle, die Geschichte erzählen, die ich erlebt habe in dem Männerretreat bei Grow Beyond. Treue Hörerinnen und Hörer werden sich erinnern, ich habe vor 2 Wochen schon davon erzählt. Ich war in einem Männerretreat am Bodensee mit 12 anderen Männern zusammen, so zwischen 30 und Mitte 70, und jeder hatte ein Thema. Wir haben uns sehr schnell emotional geöffnet, wir haben miteinander gerungen, geboxt und andere wunderschöne Sachen gemacht. Und es gab eben auch so eine Situation, da standen wir im Kreis und nacheinander wurden quasi die einzelnen Männer in die Mitte gezitiert. Und dann mit etwas konfrontiert, sodass sie an den Kern ihres Schmerzes gelangen. Über meinen Schmerz habe ich ja bereits vor 2 Wochen gesprochen. Jetzt möchte ich gerne über eine Szene sprechen, die mich sehr berührt hat und die was mit unserem Elternthema zu tun hat, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Ein Mann, ich nenne ihn jetzt mal Thomas, erzählte von seinem schwierigen Verhältnis zu seinen Eltern. Er wollte ihnen immer nahe sein, aber alte Verletzungen standen einfach zwischen ihnen. Und unter Anleitung der Kursleiter machten wir eine intensive Gruppenübung. Thomas wählte zwei Männer aus, die für die positiven Seiten seiner Eltern stehen sollten, und zwei andere verkörperten die negativen Seiten. Der Rest von uns bildete quasi so eine Art Mauer, die zwischen ihm und den negativen Seiten sich befand, hinter ihm dann die positiven Seiten. Also die beiden positiven Seiten personifiziert durch zwei Männer aus der Gründe. Und Thomas sollte versuchen, die negativen Anteile seiner Eltern aus dem Raum zu schieben. Während er sich gegen uns stemmte, hörte er dann Sätze, die ihn seit seiner Kindheit begleitet haben. So was wie, dass aus ihm nichts werden würde, dass er versagt habe, dass er selbst schuld sei an seiner Situation und noch anderes. Und das schienen diese gespielten Eltern, negativen Elternteile, sehr überzeugend gemacht zu haben. Denn Thomas schrie, er weinte, stemmte sich echt mit aller Kraft Kraft gegen diese Stimmen. Und irgendwann schaffte es auch die beiden Männer, die die negativen Anteile verkörperten, so durch die Tür rauszudrücken, zu schieben. Und dann brach er in den Armen der beiden Männer zusammen, die die liebevollen Seiten seiner Eltern darstellten. Sie hielten ihn fest, sie haben gesagt, so, dass er gut sei, dass er geliebt wird, dass er okay ist, genauso wie er ist. Am Ende weinten wir alle, wir lagen alle auf dem Boden, und alle hatten eine emotionale Reaktion, auch wenn das dann nicht unsere Geschichte war. Ich auch. Und da habe ich mich gefragt, warum hat mich das so berührt und warum hat es die anderen so berührt? Vielleicht weil wir in dem Moment begriffen haben, dass viele von uns was scheinbar Unmögliches versuchen. Wir wollen die Verletzungen loswerden, die unsere Eltern uns zugefügt haben, egal ob die klein waren oder größer, aber wir wollten nicht unbedingt unsere Eltern loswerden. Wir möchten ja ein gutes Verhältnis haben zu unseren Eltern, tappen aber immer wieder in die Falle, wenn wir sie besuchen, dann in so eine Rolle zu schlüpfen und dann wirklich wieder auch so alte Muster zurückzufallen und dann teilweise auch alte Konflikte wieder aufzuwärmen. Und ich habe mich dann gefragt, so, wie ist da eine gute Übersetzung ins reale Leben, wenn wir das Schmerzhafte hinter uns lassen wollen, aber das Liebevolle behalten möchten? Jetzt, ist das überhaupt möglich? Wie kann ich mich innerlich von bestimmten Seiten meiner Eltern verabschieden und gleichzeitig aber mit den Eltern verbunden bleiben? Wie geht das ganz konkret im wirklichen Leben jetzt ohne 12 Männer, die eine Mauer bilden? Wie funktioniert das? Geht das zum Beispiel, weiß ich nicht, indem man vor so einem Treffen— du hast jetzt ja dieses Mehrgenerationentreffen erzählt— habt ihr davor quasi Regeln aufgestellt im Sinne von, wenn wir uns jetzt treffen, Mutter und Sohn, dann treffen wir uns so, dass wir nicht über die problematischen Dinge sprechen oder dass wir nur darüber reden und nicht über die Politik und nicht über Sport? Ich weiß es nicht. Wie habt ihr es gemacht?
Brigitte Huber 31:04
Also in dem Fall war das nicht nötig. Aber ich weiß aus früheren Jahren, dass häufig kam da aber die Schwierigkeit durch eine Patchwork-Situation, dass dann da irgendwie Reibereien sind und du fühlst dich dann als Mutter zwischendrin. Das hatte jetzt nichts mit meinen Eltern zu tun und so, aber in dem Fall war das nicht nötig. Das glaube ich, war gar nicht so der Punkt. Es geht, glaube ich, bis zu einem gewissen ist ein Punkt um eine Reife, die vielleicht dann schon eingetreten ist. Aber das soll nicht heißen, dass du an der Stelle nicht reif bist. Aber ich glaube, dass man irgendwann mal versuchen sollte, seinen Frieden mit der Kindheit zu machen, so wie sie war, damit man auch gut älter wird. Und dazu gehört, dass man das sieht mit den Anteilen. Das finde ich auch ganz schön. Die lassen sich nicht so einfach aus dem Raum schieben. Sie werden vielleicht immer Teil von uns sein. Da bin ich jetzt auch wieder bei dem berühmten Familientherapeuten Jesper Juul. Was sind perfekte Eltern? Ein Albtraum. Abgesehen davon gibt es nicht. Und dann kommt ja noch was dazu. Die Erziehung, die vielleicht für dich genau richtig war, war vielleicht für deinen Bruder oder deine Schwester gar nicht so gut. Weil das kriegt man ja auch immer wieder mit, dass die dieselben Eltern für unterschiedliche Kinder besser oder schlechter zu sein scheinen. Also das sagt mein jüngerer Sohn manchmal schon so halb als Scherz: Ihr hättet uns ein bisschen mehr rannehmen müssen oder so, ja, und meint dann durch klarere Regeln und so weiter und so fort. Und dann sage ich: Ja, wahrscheinlich, wahrscheinlich wäre das vielleicht an der einen oder anderen Stelle auch besser gewesen. Bei einem anderen, dann sprichst du aber mit einem anderen Kind und das ist mindestens so erzogen worden und die kam damit bestens klar und war maximal selbstständig. Also solche Dinge spielen ja auch rein. Ich glaube schon, dass man davon ausgehen kann, also das, was du von deinen Eltern erzählst oder ich von meinen Eltern mitkrieg. Und das ist bei vielen Eltern so, sie wollen eigentlich nur das Beste für die Kinder oder sie wollen es so gut machen, wie sie können.
Stephan Seiler 33:08
Kennst du noch diesen Satz: Die Eltern wollen nur das Beste für die Kinder, aber das bekommen sie nicht. Das war so ein Spontispruch, der mich früher durch meine Jugend getragen hat.
Brigitte Huber 33:17
Hat.
Stephan Seiler 33:17
Sorry.
Brigitte Huber 33:18
Ja, nein, aber ich glaube, in Wahrheit ist es für einen selber schon mal, glaube ich, ganz gut und richtig. Und nicht nur für die Treffen mit den Eltern. Es ist wichtig zu gucken, was ist gelaufen in meiner Kindheit? Was waren da für Glaubenssätze? Von welchen will ich mich jetzt vielleicht wirklich mal befreien? Du mit deiner perfekten Küche, du wirst dich nicht mehr befreien. Das ist vielleicht für dich genau richtig. Oder Perfektionismus, das hat man ja auch häufig. Also ich glaube schon, dass ich von Natur aus eine Perfektionistin optimistische Person bin, war, bin, weil tatsächlich ich mir nicht erlebt habe bei meinen Eltern, dass die irgendwann gesagt haben, oh, ich habe jetzt keinen B*** mehr, ich setze mich jetzt hin. Weißt du, ich habe schon immer das Gefühl, sie machen und machen und machen, bis es Abend ist und dann gibt es jetzt auch nicht irgendwie so Leisure Time dazwischen. Und genau dieses Muster habe ich auch übernommen, bis ich irgendwann mal gemerkt habe, oh, hier ist es ja mörderanstrengend und will ich wirklich so mein ganzes Leben verbringen? Und dann sind wir doch selber herausgefordert zu sagen, Was wollen wir aus der Erfahrung machen?
Stephan Seiler 34:24
Oder? Total richtig. Das störrische Kind in mir möchte jetzt aber sagen: Aber Brigitte, guck doch mal hier. Also da steckt so viel drin, was ich mich anschließen möchte. Und gleichzeitig denke ich da an so ein paar Erzählungen von Freunden von mir, um noch mal ein Beispiel zu bringen. Ein Freund von mir hat herausgefunden, gerade zuletzt, als er sich eben auch stärker auseinandergesetzt hat mit der Geschichte seiner Mutter, dass seine Mutter quasi die jahrelang auch viel Unbill zu verantworten hatte, gerade in der Verwandtschaft, und dafür gesorgt hat, dass so Teile der Familie getrennt wurden, einfach nur aus verletztem Ego. Und für den Freund von mir war das eine richtige Demütigung im Sinne von: Wow, Mama, du hast uns ja richtig emotional erpresst und quasi auch ein bisschen manipuliert. Hat zu einem Riesenklage geführt und seitdem ist da auch einigermaßen Funkstille. Und er fragt sich jetzt auch: Wie geht er denn jetzt damit um? Also besucht er sie jetzt noch mal? Ignoriert er dieses Thema? Das, was du eben sagtest, die Kindheit Kindheit sein lassen, ist ja so einfach gesagt. Aber der Schmerz kann ja noch sehr akut sein oder aber vielleicht auch umso akuter sein, weil wir Informationen jetzt erst erhalten, die uns vorher gar nicht vorlagen. Ja, wie würdest du mit so einer Situation umgehen?
Brigitte Huber 35:35
Also da muss ich sagen, rede ich natürlich aus einer privilegierten Situation, weil in unserer Familie jetzt nichts war, also in unserer Ursprungsfamilie, was schwierig war, also was wirklich jetzt problematisch gewesen wäre. Das war jetzt in der Generation meiner Eltern schon noch mal ein ganz Stück anders. Damit hatten die zu tun. Aber ich habe es natürlich ganz viel auch im Bekannten- und Freundeskreis, dass da auch Wunden einem zugefügt wurden, die einem eigentlich auch von der Tiefe jetzt erst so richtig klar werden. Und dann ist natürlich schon auch der Punkt: Macht es noch mal Sinn, die Eltern damit zu konfrontieren? Auch um zu merken, ist da ein Bewusstsein Weil es kann natürlich auch durchaus sein, dass man auf die Art und Weise noch mal eine Möglichkeit der Auseinandersetzung findet und dann das Gegenüber einfach auch sagt: Ja, stimmt, da ist was dran, da hast du recht. Also das habe ich durchaus auch im Freundeskreis erlebt. Ich habe aber auch das Umgekehrte erlebt, dass die sagen, das macht überhaupt keinen Sinn, ich brauche die nicht konfrontieren, das werden die abstreiten oder eher abstreiten. Oder ich weiß auch, woher woher es kommt. Und dann glaube ich, ist es einfach wahnsinnig schwer, einen Menschen, dann ich sage jetzt mal, da reden wir von Menschen im 70 plus, 80 plus, oder? In aller Regel.
Stephan Seiler 36:58
Ja, ja, genau. Das ist bei meinem Freund so. Ja, sie sind schon so um die 70.
Brigitte Huber 37:02
Ja, ja, ich meine, das kommt darauf an. Möchte dein Freund die noch mal konfrontieren, noch mal darüber sprechen? Oder sagt er, es ist sinnlos? Also ich glaube, ich würde es schon versuchen, noch mal drüber zu sprechen.
Stephan Seiler 37:15
Ja, er hätte gerne schon eine Auseinandersetzung damit, weil das aus seiner Sicht, könnte das im besten Fall was auflösen. Auch die Kraft der Entschuldigung ist ja auch nicht zu unterschätzen. Könnte dann womöglich auch künftige Beziehungen noch mal verbessern. Aber das ist natürlich bei manchen, also auch gerade dann, so hat es mir mein Kumpel erzählt, seine Mutter meint auch: Ich bin doch die Mutter, du kannst doch nicht deine Mutter kritisieren, egal was ich getan habe, ich bin immer noch deine Mutter. Mutter und dann ist das Gespräch zu Ende. Dann ist wieder diese alte Rolle hergestellt. Klar, auch Hierarchie ist da mit drin. Und dann hat man ja als, oder hat dieser Sohn ja einen inneren Konflikt, denn er kriegt das nicht gelöst für sich. Es sei denn, er findet irgendwie ganz viel Abstand und das Problem löst sich in Luft auf. Aber dann müssen vielleicht noch mal 20 Jahre vergehen.
Brigitte Huber 38:01
Und ich glaube, wir bewegen uns da jetzt schon in einen nahezu therapeutischen Bereich. Also den wir jetzt hier zu zweit über Bande schwer lösen können.
Stephan Seiler 38:10
Hobbypsychologe, sei le mann.
Brigitte Huber 38:12
Ja, na, der Punkt ist ja tatsächlich, ich glaube schon, ich krieg das, kriege ich schon auch manchmal mit, dass Menschen sagen, Mensch, ich hätte meine Eltern gern oder mein Vater, Mutter noch mal gern damit konfrontiert oder darüber gesprochen. Aber sie sind jetzt tot und es geht nicht mehr. Und es tut mir leid. Also das kriegt man, das höre ich schon auch immer wieder. Und ich kenne so ein paar Fälle, wo es einfach noch mal gelungen ist, darüber zu sprechen. Das gibt dann kein Happy-Happy-End, aber es gibt zumindest ein okay, man bewegt sich noch mal aufeinander zu und man kann Dinge begreifen. Und es gibt aber auch das, dass sich die Menschen nur mit ihren inneren Anteilen, was das gemacht hat, beschäftigen und vielleicht einmal sprechen, dann mit der Mutter oder mit dem Vater, aber dass sie für sich überlegen, wie du es Du sagst okay, ich habe dieses Mucksche von meiner Mutter, will ich das behalten oder will ich das verändern? Und dann würde ich mal sagen, das liegt dann wiederum in unserer Hand. Das heißt nicht, dass es Knips macht, aber es ist einfach eine Entwicklungsaufgabe und ich würde mir da jetzt nicht gleich 5 Sachen auf einmal vornehmen. Aber vielleicht gibt es eine Sache, die dir besonders wichtig ist, so wie es bei mir diese eine Sache ist. Das ist auch nie so, ist es nicht so, wenn ich in die Situation komme, dass es dann easy easy ist. Aber es ist auf einmal machbar.
Stephan Seiler 39:36
Du meinst mit einer Sache einen inneren Konflikt, ein Thema, das du ansprechen möchtest?
Brigitte Huber 39:41
Also bei mir mit dieser großen Harmoniesucht, kann man schon fast sagen. Also ich möchte, dass wir jetzt wieder uns vertragen und ich möchte nicht, dass das bis übermorgen dauert, sondern heute, am liebsten jetzt und gleichzeitig aber vorher auch gut mit in den Konflikt gehen. Und dass man das dann aushält, das ist für mich, dass es jetzt keine gute Stimmung mehr ist oder dass man vielleicht auch mal ein, zwei Tage nicht mehr miteinander spricht. Also das ist in meinem Fall möglich, weil ich ja dann in Wahrheit dann alleine lebe. Dass man das aushält, das ist dann für mich eine Entwicklungsaufgabe. Und auf einmal merkt man ja, das geht. Und der andere kommt vielleicht auch besser damit klar, als wenn man ihm eine Versöhnung aufoktroyiert.
Stephan Seiler 40:22
Ja, für einige Leute ist es glaube ich auch sehr gut möglich, allein wegen dieser räumlichen Distanz. Für andere, die vielleicht im Nachbarhaus wohnen der Eltern, ist es herausfordernder, sich mal aus dem Weg zu gehen.
Brigitte Huber 40:34
Ja, genau, jetzt bei den Eltern. Es geht mir jetzt nicht um die Eltern. Es geht um das, was ich von der Elterngeneration übernommen habe und was mir in meinem Alltag Schwierigkeiten bereitet. Das, wo du sagst, du bist vielleicht der Geschirrspülmaschinenfreak oder du bist wegen allem eingeschnappt oder sonst irgendwas. Da muss man sich das anschauen, dann kann man sagen okay, Okay, danke, liebe Eltern, habe ich anscheinend von euch gekriegt. Dann kann man auch noch überlegen, woher haben die das? Aha, verstehe. Okay, ich habe es jetzt leider übernommen. Ja, wie so ein genetischer Defekt. Was mache ich damit? Lebe ich damit und hoffe, meine Umwelt lebt auch damit? Oder quält es mich so sehr, dass ich es verändern möchte? Und es ist ja immer so, wenn wir uns verändern wollen, dann brauchen wir in aller Regel einen Leidensdruck. Leidensdruck. Oder der Leidensdruck kommt über Bande, dass wir andere Leute so sehr nerven mit unserer Macke, dass dann was passieren muss. Insofern würde ich sagen, können wir das nur für uns selber klären. Und wenn ich dann irgendwann so aussehe—
Stephan Seiler 41:33
Oder ich adaptiere mich. Das passiert mir auch manchmal. Wenn ich jemanden sehe, der einfach gut damit zurechtkommt, wie er es tut, dann adaptiere ich das und versuche das zu übernehmen. Das passiert ja auch ein Stück weit. Ich meine, vielleicht auch ein Motor für diesen Podcast, denn hier begegne ich ja ständig Vorbildern, die etwas irgendwie besser geregelt bekommen als Ich es schaffe.
Brigitte Huber 41:50
Ja, und dann ist vielleicht irgendwann das auch nicht mehr nur der Vorwurf, den du deinen Eltern machst, sondern du kannst das, also das habt ihr mir jetzt übergeben, sondern man kann da vielleicht noch mal anders drüber reden. Also ich kann das dann mit meiner Mutter schon, die weiß, dass ich weiß, dass wir dieses Harmonie-Ding haben. Ich weiß, woher es bei ihr kommt und das ist jetzt dann nicht mehr, wo man nicht drüber reden kann und wo man da nicht wie so eine Dreijährige mit dem Fuß aufstapft und sagt: V*******, jetzt habe ich dieses Verharmonie-Ding und jetzt muss ich damit klarkommen. Also ich glaube, so ist der Punkt. Und noch eine Sache: Häufig haben ja die Sachen, die wir übernehmen, nicht nur eine Seite. Nicht immer. Es gibt einfach Dinge wie Gewalt oder Respektlosigkeit und all das. Das hat nur eine Seite, da gibt es nichts Positives. Aber ich weiß, ich bin zum Beispiel auch eine Person, die relativ gut funktioniert. Ja, weil ich irgendwie schon als Kind gedacht habe, nee, komm, mach ich selber und so weiter und so fort. Meine Eltern waren auch sehr viel—
Stephan Seiler 42:54
Deine Aufgaben erfüllen, aufs Tolle leben lassen.
Brigitte Huber 42:57
Ja, und sie hatten wahnsinnig viel um die Ohren und so weiter. Auf jeden Fall führt es dazu, dass ich sehr gut funktioniere. Das ist manchmal wahnsinnig anstrengend für mich selber. Aber ich habe eine Freundin, bei der ist es ganz ähnlich. Und dann sagt sie, das ist doch auch eine irre Qualität. Uns kann man auf die Welt loslassen. Und da muss man sagen: Ja, es stimmt, es ist manchmal auch anstrengend für einen selber, dass man so ist. Aber es hat nicht nur eine Seite der Medaille, es hat auch eine andere. Und du hast eine saubere Kirche beispielsweise.
Stephan Seiler 43:27
Und ich beschwere mich darüber auch nicht.
Brigitte Huber 43:29
Nee, und du hast eine empfindsame Seite, oder die du dadurch auch sehr zeigst.
Stephan Seiler 43:36
Ja, das habe ich womöglich auch meinen Eltern zu verdanken.
Brigitte Huber 43:39
Genau, das gehört halt dazu. Also es ist halt ein Gesamtpaket.
Stephan Seiler 43:44
Gleichzeitig frage ich mich, und da kommen wir auch wieder zurück zum Anfang der Folge, wie sehr kann ich ich selbst sein? Also auch wenn ich jetzt nicht in die Rolle des Sohnes schlüpfe, gibt es ja offenbar Dinge in meinem Leben und auch in den Leben meiner Freunde, die den Eltern nicht gefallen und dann bewertet werden. Und durch dieses Bewertetwerden, also eine Minute nach dem Ankommen das Parken, das Parkverhalten, oder auch später, wie die Hose aussieht oder ob man gerade einen guten Job hat hat, mit dem man sich präsentieren kann oder nicht. Ob man gerade vielleicht, ist man gerade, sag mal, ich habe einen Job gekündigt, machst du was ganz anderes, und die Eltern sagen, oh mein Gott, was machst du denn da, das ist doch alles gar nicht, also gar keine Substanz und so weiter und so fort. Dann ist man sofort wieder in so einer Situation drin, in der man sich rechtfertigen muss, in der wir, ich mich rechtfertigen muss, oder meine Freunde sich rechtfertigen müssen. Und ich glaube auch, ein Teil dieser Erschöpfung, die wir spüren, wenn wir von unseren Urfamilien zurückkehren in unsere jetzigen Familien, unsere Selbstgewähltes Zuhause. Hängt glaube ich auch damit zusammen, dass wir vor Ort bestimmte Dinge nicht erzählen können bei unseren Eltern. Dass wir manche Bemerkungen uns verkneifen. Dass wir uns da anpassen. Dass wir vielleicht versucht haben, eine Erwartung zu erfüllen, die eigentlich längst hinter uns liegt. Dass wir am Ende einfach nicht wir selbst waren. Dass ich nicht ganz ich selbst bin. Weil ich weiß, so wie ich bin, würde es nicht akzeptiert werden. Und da frage ich mich, wie ich quasi da ein Modus operandi finde. Und alle, die es auch betrifft, genauso, wie wir damit umgehen können. Ich habe auch gleich einen Lösungsansatz parat, den ein Freund mir verraten hat, der aus einer ganz gravierenden Familie kommt, wo die Eltern super religiös waren, und er lebt jetzt ein ganz liberales, progressives Leben in Berlin. Und das hat mich inspiriert. Ich würde gerne mit dir besprechen, was du Was du als Coaching oder als Expertin sagst.
Brigitte Huber 45:33
Ich habe ja schon sehr viel zu der Sache jetzt gesagt.
Stephan Seiler 45:37
Er meinte, es hätte total— also da gab es auch Funkstille eine Zeit lang, und dann hätte er irgendwann gesagt, den Kontakt gesucht zu den Eltern und hätte ihnen quasi so eine Wahl offeriert. Und es ging gar nicht darum, ein Ultimatum zu stellen, sondern zu sagen: Liebe Eltern, wir haben grundverschiedene Leben, Wir haben auch andere Werte. Dennoch bin ich hier und ihr seid auch da, weil wir Gefühle füreinander haben. Wir lieben einander, wir möchten einander auch nicht missen. Gleichzeitig gibt es einfach Teilbereiche unseres Lebens, die für die jeweils andere Seite schwer, manchmal schwer erträglich sind. Und wir können jetzt so weitermachen wie bisher, dass wir uns das quasi aufs Brot schmieren und dass daraus Konflikte resultieren, oder aber wir wechseln in den Modus der Akzeptanz. Tanz, dass wir einander so akzeptieren, wie wir sind und das nicht mehr hinterfragen und dann auch eine Grenze setzen, wenn es mal wieder passieren sollte. Im Sinne von: Nein, Mama. Nein, Herr Papa. Oder nein, Sohnemann. So nicht. Darüber reden wir jetzt nicht. Das ist mein Leben und du hast mir jetzt nichts zu erzählen, ob ich ein Tattoo mir s****** lasse oder nicht. Wenn es nach deiner christlichen Vorstellung eine Sünde ist, dann mag es so sein. Aber ich werde jetzt auch mir nicht mehr verschweigen, dass ich schon 5 Tattoos habe. Habe in diesem Falle. Und damit meint er, hätte er wieder zumindest Kontakt zu seiner Mutter hergestellt, die jetzt auch sich manchmal erkundigt nach seinem Liebesleben, auch wenn sie danach sagt, das ist nicht gut, wenn er mit so vielen Frauen schlafe.
Brigitte Huber 47:01
Ja, die Frage ist auch, muss man mit seiner Mutter über sein Liebesleben sprechen? Das ist jeder wie er. Genau, das ist für alle, wie sie es wollen. Also too much information gibt es auch an der einen oder anderen Stelle. Also das Nee, also, aber ich meine, das ist so ein bisschen, was ich am Anfang gemeint habe mit diesem Drei-Generationen-Essen, wo es mal gelungen ist, dass man jede Person in ihrer Generation so nimmt mit ihren Einstellungen und Überzeugungen, wie sie ist, und das eher als interessant fand. Wie denkt ihr eigentlich darüber und über dieses und über jenes? Und Das aber auch nicht so missionarisch. Jetzt möchte ich aber unbedingt, dass alle auch die Art von Filmen gucken zur Zerstreuung oder Podcast hören, obwohl sie das doof finden oder sonst irgendwas, sondern den anderen lassen. Und das, was du ja gesagt hast, ist, wenn tatsächlich das Verhältnis schon so belastet ist, dass man gar keinen B*** mehr hat, dahin zu gehen und dass es auch regelmäßig vielleicht dann zu Konflikten oder so was kommt. Ja, dann muss man einfach sagen, wenn wir in Zukunft wollen, dass das noch läuft, brauchen wir vielleicht andere Spielregeln. Und das noch mal zum Parkverhalten, zu deinem Parkverhalten, dass man entweder es schafft, mit Mitte, Ende 40 lächelnd darüber zu stehen und zu sagen: Oh ja, ich bin schon gespannt, wie ich besser hätte parken können. Das kann ja auch lustig sein. Oder dass du mit deinem Vater mal sprichst und sagst: Ich schätze dich so sehr, aber was mich einfach fachrichtig nervt ist das. In ausgeschlafener, ausgeruhter, buddha-hafter, weiß ich nicht, Attitüde.
Stephan Seiler 48:47
Ja.
Brigitte Huber 48:48
Und sich auch interessieren für die Eltern. Warum ist das eigentlich bei dir? Wieso ist dir das so wichtig, ohne dass es gleich ein Angriff ist?
Stephan Seiler 48:56
Ich glaube, das ist genau ein Aspekt, der bei mir unterentwickelt ist, oder ein Talent, das sich so nicht richtig entfalten ließ. Denn ich glaube, ich habe wahrscheinlich auch zu selten so richtig offen gefragt: Papa, erzähl doch mal, wie ging es dir denn damals? Wie war das denn, als du meine Mutter kennengelernt hast? Was hat dich damals beschäftigt? Was waren vielleicht auch so— wie war das, als ihr geheiratet habt? Da gab es ja auch gesellschaftliche Erwartungen damals. Habt ihr das eigentlich gerne gemacht? Oder wie war es später, als du dann das erste Mal Fußballtrainer warst? Also egal, ob ob emotional überladen oder niedrigschwellig. Das ist ja diese offenen Fragen, glaube ich, die vergisst man, die vergesse ich, die vergessen glaube ich viele auch in meiner Generation zu stellen, weil wir vielleicht auch Angst haben, dann zu verhungern und keine Antwort zu erhalten. Ich weiß es nicht.
Brigitte Huber 49:53
Ja, und du hast doch noch die Chance, das zu tun. Also es gibt viele Fragen, die ich meinem Vater gern gestellt hätte. Wie gesagt, er ist mit 55 vollkommen überrascht überraschend verstorben. Und ich weiß nicht, wie er das empfunden hat, als Teenager im Bayerischen Wald und dann so schnell so viel Vater zu werden und überhaupt nicht vor irgendwelche Wahl gestellt zu werden, welche beruflichen Werdegang er macht und so weiter und so fort, sondern automatisch die Werkstatt seines Vaters zu übernehmen und so weiter. Das alles habe ich ihn nicht gefragt. Und selbstverständlich hat das mit ihm, seinem Werdegang und letztlich auch mit mir mit uns dann, also mit der Generation danach zu tun und diese Fragen noch stellen zu können und dann vielleicht manche Dinge zu verstehen. Und verstehen heißt ja nicht einverstanden sein. Verstehen heißt nur, manche Dinge besser begreifen zu können. Und das, glaube ich, kann schon mal ein ganz schön großer Schritt nach vorne sein.
Stephan Seiler 50:50
Ja, es ist eine schöne Formel. Verstehen heißt nicht, alles verstehen zu müssen oder nicht verstanden zu sein.
Brigitte Huber 50:57
Und auch nicht einverstanden sein zu müssen.
Stephan Seiler 50:59
Nicht einverstanden zu sein. Ja, das finde ich eine schöne Formel, die ich gerne berücksichtigen möchte. Die werde ich auch mit meinen Freunden teilen, die es betrifft. Denn du hast ja auch einen richtigen Punkt angesprochen. Irgendwann wird uns allen wohl bewusst, dass die gemeinsame Zeit endlich ist. Früher waren unsere Eltern einfach da. Sie gehörten zu unserer Welt wie die Jahreszeiten. Und heute wissen wir, irgendwann werden sie nicht mehr da sein. Und das ist echt immer noch schwer auszuhalten.
Brigitte Huber 51:25
Und du erlebst es ja auch. Ja, mit deinen Neffen und Nichten.
Stephan Seiler 51:30
Ja, richtig.
Brigitte Huber 51:31
Und ich mit meinen Kindern, wie oft man nicht sicher ist, was jetzt richtig ist. Es ist ja nicht, dass man so einen eingeborenen Erziehungsroboter hat, der einem immer genau sagt, was jetzt zu tun ist. Bringe ich dem Kind jetzt noch die Schultasche hinterher, obwohl das vergessen hat? Weck ich ihn zum dritten Mal oder sage ich: Du kommst einfach zu spät? Zwinge ich ihn zum Gitarre Kurs zu gehen, obwohl er sagt, ich habe keinen B*** drauf und so weiter und so fort. Wie gehe ich mit ihm um, wenn ich merke, er hat geflunkert? Sage ich Flunke in Zukunft? Das sage ich natürlich nicht. Bisschen geschickter.
Stephan Seiler 52:05
Oder wie sagst du es dann? Also was für eine Formel?
Brigitte Huber 52:08
Das ist so lang her.
Stephan Seiler 52:09
Erzähl mir doch keinen Kappes, sag mal.
Brigitte Huber 52:11
Nein, das ist ja lustig. Ich bin, ich sage jetzt wirklich leider, ich bin schon eine sehr ehrliche Person. Das heißt, das kann auch sein, dass ich Sachen sage, die Menschen dann auch manchmal verletzen, weil ich ehrlich bin. Also das kann auch sein. Aber ich bin eine sehr ehrliche Person und das geht auch Es geht darum, dass man eben nicht flunkern oder lügen soll. Und es gab tatsächlich, also da bin ich ein Vorbild gewesen anscheinend, und zwar so sehr, dass ich mal zu meinem Sohn dann gesagt habe: Oh Gott, das hättest du denen doch jetzt nicht auf die Nase binden müssen, was weiß ich, dass du ja schon zweimal zu spät kamst in den Unterricht und eigentlich jetzt zum dritten Mal. Und zwar, das war ein anderes, eine andere Situation, aber so in etwa war Und er hat dann gesagt: Ja, aber Mama, das habe ich von dir gelernt. Und dann denkst du dir: Ja, okay, vielleicht hätte ich ihm da geschickteren Umgang manchmal noch mitgeben können. Und genauso, das ist ja jetzt noch, das klingt jetzt, das ist ja jetzt noch eine positive Geschichte. Aber es ist jetzt nicht so, dass wir nur positive Sachen vermitteln. Wir vermitteln auch negative Sachen, ganz klar. Und wie gesagt, bei dem einen Kind ist es vielleicht dann noch ganz positiv, beim anderen nicht. Oder das ist Es ist ein Ehrgeiz, der aus uns lebt oder zu viel Verständnis und so weiter und so fort. Also ich sag jetzt mal auch im heutigen Umfeld von bedürfnisorientierter Erziehung, dann auch wieder Helikoptereltern, dann auch wieder müssen wir vielleicht doch ein bisschen mehr gucken, wie wir die Kinder richtig erziehen, ist ja auch, es gibt ja nicht die goldenen Regeln. Und auch wir haben unsere Geschichte dabei und die macht vor der Kinderzimmertür nicht halt, sondern die geht da mit rein.
Stephan Seiler 53:56
Also bist du der Meinung, dass wir auch fähig sind, aus dieser Mutter-Vater-Sohn-Tochter-Rolle rauszuwachsen? Im besten Sinne? Und können wir das autonom schaffen, selbst wenn die Mutter immer Mutter bleiben will?
Brigitte Huber 54:11
Ja, also zum einen, du lebst ja jetzt, soweit ich informiert bin, nicht mehr mit deiner Mutter zusammen.
Stephan Seiler 54:17
Richtig, seit 26 Jahren schon nicht mehr.
Brigitte Huber 54:20
Also Ödipussi ist Geschichte oder ist bei dir nicht der Fall. Zum einen. Und zum anderen, wie gesagt, ich fand das wahnsinnig lustig, weil ein junger Mann in meinem Umkreis hat letztes Mal dann auch gesagt: Ja, ich bin ja so erzogen worden, ich kann ja nichts dafür, dass ich da nicht so einen A**** hochkriege oder so. Und dann hat seine Freundin, die jünger ist, gesagt: Ja, wieso? Du bist doch jetzt erwachsen. Du kannst doch machen, wie du es für richtig findest. Da muss ich sagen: Sorry, da muss ich nicht mehr hinterher nicken oder sagen: Ja, ja, genau. Sondern der Satz, der sitzt. In einem gewissen Alter, wenn wir zu uns selber sagen wollen, dass wir erwachsen sind, dann heißt es ja nicht, dass diese ganzen Themen verschwinden. Aber es heißt, dass wir vielleicht gucken sollten, wie wir uns erwachsen damit auseinandersetzen und selber sagen: Will ich denn so sein? Oder will ich noch mal anders sein? Egal wo es herkommt. Ich kann ja auch nicht. Also wenn ich in Hamburg geboren bin, dann bin ich halt anders aufgewachsen, wie wenn ich in Bayern geboren bin und erst recht, wie wenn ich irgendwo am Kap der Guten Hoffnung geboren bin. Es gibt eben auch Umstände, die kann ich überhaupt nicht beeinflussen. Aber ich kann das Beste draus machen.
Stephan Seiler 55:30
Ja, und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, finde ich einen der schlimmsten Sprüche überhaupt. Ja, manchmal rollt er aber dann doch relativ weit weg und kann sich irgendwie was ganz anderes verwandeln. Man ist nicht quasi Opfer der eigenen Biografie der Eltern. Man kann sich da, also ich kann, wir alle können uns da glaube ich rausentwickeln.
Brigitte Huber 55:49
Also da fällt dann wieder dieses Zitat von diesem James Baldwin. Also wir hören zwar nicht so gern auf die Älteren, aber wir haben nie versäumt, sie nachzuahmen. Also so ein bisschen Apfel und Stamm wird letztlich immer sein. Und es ist doch auch gut, wenn wir das erkennen und sagen: Oh v*******, ich rede jetzt wie meine Mutter, aber ich möchte das nicht. Mich, dann kann ich sagen, ja, aber vielleicht finde ich es jetzt angemessen. Oder ich kann sagen, dann lasse ich es halt besser bleiben. Und dann wirklich noch zum Abschluss, das finde ich auch so dieses noch mal zu diesem Thema perfekte Eltern. Wenn wir in unseren ersten 20 Jahren auch aus der Richtung, glaube ich, gar nichts mitkriegen, woran wir auch ein bisschen wachsen und uns reiben können. Und so weiter und so fort. Ist das auch nicht richtig, wenn man so Donald Winnicott denkt, du weißt schon, der dieses Good enough Mother und Good enough Parents erforscht hat, der einfach sagt, Eltern, die gut genug sind, sind besser als Eltern, die perfekt sind. Und so werden wir zu einer ganz uniken und eigenständigen Persönlichkeit, die halt Ecken und Kanten hat.
Stephan Seiler 56:58
Also es ist gut, wenn wir erkennen, dass unsere Eltern nicht ganz so perfekt sind, wie wir es vielleicht als Kind, als kleines Kind mal dachten, dass sie sind. Das hat eine gute Auswirkung auf uns.
Brigitte Huber 57:07
Ja, genau. Und vielleicht auch mal für einen Augenblick nicht da waren oder sonst irgendwas. Ja, aber sag noch mal, was nimmst du denn mit? Gibt es ein altes Muster, von dem du dich jetzt trennen möchtest?
Stephan Seiler 57:19
Ja, bei meiner nächsten Begegnung mit meinen Eltern, vielleicht wird es an Weihnachten sein, vielleicht auch davor im Advent, möchte ich gerne vorher besprechen, wie wir einander begegnen wollen. Und dann möglichst, also ich würde mich sehr freuen, wenn ich mir Wenn ich mich so zeigen kann, wie ich bin, minus dem Teil, der andere Leute bewertet. Das, was ich als Journalist ständig mache. Und ich glaube, dann ist es durchaus möglich, daraus eine schöne Begegnung zu machen, der dann wieder viele weitere freudvolle Folgen. Mein Ziel ist es wirklich, nach dem Zug ein gutes Gefühl zu haben, so wie viele meiner Freunde ja auch das anstreben und immer dran scheitern. Aber diesmal nicht. Jetzt wissen wir mehr.
Brigitte Huber 58:03
Nein. Und wie gesagt, es ist ein riesengroßes Thema, weil es uns alle betrifft. Und es betrifft uns noch viel mehr, wenn wir keine Eltern haben. Also das habe ich ja letztes Mal auch wieder so was Tolles von jemandem, der ohne Eltern aufwachsen musste, was das für ein Leben ist. Also da fangen wir jetzt mal gar nicht mehr an. Die würden sich wahrscheinlich wünschen, das ein oder andere.
Stephan Seiler 58:30
Ja, ich würde mir wünschen, wenn der Vater mal die Parkskills, das Parktalent des Sohnes oder der Tochter kritisch infrage stellen würde. Ja, das muss man auch.
Brigitte Huber 58:39
Könnte sein, dass das die Person dann so ein wehmütiges Ziehen in der Herzgegend kriegt und sagt: So was hatte ich leider nicht. Aber wie gesagt, wir wollen auch Eltern überhaupt nicht glorifizieren. Man sucht sich das auch mehr oder weniger aus, Eltern zu werden. Und in Wahrheit sollte man das auch als sehr, sehr verantwortungsvollen Job nehmen. Aber ja, es ist auf jeden Fall eine lebenslange Challenge, damit so umzugehen, wie es für einen selber richtig ist. Und es wird ja nicht einfacher, wenn Eltern dann irgendwann auch hinfällig werden oder so. Das wäre dann schon ganz gut, wenn man seinen Frieden auch damit gemacht hätte.
Stephan Seiler 59:17
Dem möchte ich gar nichts mehr hinzufügen. Brigitte, vielen Dank für deine Einschätzung und auch fürs Teilen der Geschichten mit deiner Mama, deinem Vater und deiner Familie. Liebe Grüße an meine Familie da draußen. Ich hoffe, ich darf wieder nach Hause kommen. Auch nach dieser Folge.
Brigitte Huber 59:32
Sie wissen ja jetzt, wie du gern behandelt werden möchtest.
Stephan Seiler 59:36
Ja, genau. Ich freue mich drauf. Und auf die Anisplätzchen, Mama. Anisplätzchen und Kokosmakronen. Bitte, bitte. Brigitte, jetzt möchten wir noch mal über die Challenge sprechen, über die kleine Herausforderung, die wir uns gestellt haben vor einer Woche. Volker Busch, der Schlafexperte, der Schlafforscher, hat sie uns mitgegeben. Wir sollten aufschreiben, jeden Abend vorm Zubettgehen, was am jeweiligen Tag besser gelaufen ist als erwartet. Denn das sorgt wofür? Für einen guten Schlaf. Für mehr Zuversicht.
Brigitte Huber 60:07
Für mehr Zuversicht. Und das hilft schon mal beim Schlafen und es hilft uns auch tagsüber. Und tatsächlich sagt er auch, dass es statistisch bewiesen ist, dass die meisten Dinge besser laufen, als wir vorher denken.
Stephan Seiler 60:20
Wesentlich mehr, irgendwie 80, 90% oder was war das?
Brigitte Huber 60:23
Nee, das weiß ich gar nicht. Übersichtszahlenmäßig kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß, anscheinend war ich dann schon paralysiert an diesem Tag von dem Gedanken, weil genau an dem Tag, als wir auch das Interview aufgenommen haben, mein Router seinen Geist aufgegeben hat. Das war noch nicht so ganz klar.
Stephan Seiler 60:40
Dein WLAN-Internetgerät.
Brigitte Huber 60:42
Genau, mein WLAN-Internetgerät. Genau. Und es ungefähr bis abends 19, 20 Uhr nicht ganz klar war, ob überhaupt die ganze Aufnahme zu retten ist. Und ich den Nachmittag damit verbracht habe, mit der Telekom zu telefonieren, wie es jetzt weitergeht. Zuerst mit viel KI und dann tatsächlich irgendwann mal mit menschlichen Mitarbeitern. Und es lief an diesem Tag so gar nicht leichter als gedacht, sondern überall tauchten irgendwelche Stolpersteine auf. Auf, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Und tja, insofern habe ich da ein großes Fragezeichen auch hinter diese Challenge gesetzt. Und bei mir ist, ich sage jetzt mal, es ist gemischt, die Auswahl.
Stephan Seiler 61:22
Gemischt? Ach wirklich?
Brigitte Huber 61:23
Ja.
Stephan Seiler 61:24
Findest du es schwer, jeden Abend 3 Dinge auszumachen, die besser gelaufen sind als erwartet?
Brigitte Huber 61:28
Ja, ich, inzwischen bin ich geschult, weil ich jetzt zum Beispiel, ich fahre in die Stadt und ich suche einen Parkplatz und ich denke mir, oh, das wird bestimmt schwer und ich habe gleich einen. Das hätte ich früher einfach billig in Kauf genommen. Weißt du, was ich meine? Meinen. Und jetzt sage ich: Ah ja, schau, deswegen hast du jetzt sogar 3 Minuten gewonnen, weil du früher dran bist oder so. Aber es passieren schon noch immer relativ viele Dinge, die ich ja nicht so einfach fand. Also ich hätte es mir fast noch leichter vorgestellt. Also ich sag mal, mein persönliches Beispiel der letzten Woche ist: Ich brauchte relativ zügig einen neuen Lattenrost, weil der andere, wie sich rausgestellt hat, ja zu viel durchgekrachte Seiten hatte. Hatte. Und dann habe ich den bestellt und habe mir gedacht, na ja, so ein Lattenrost, der kommt in Originalgröße und dann legt man den da rein und fertig ist. Der kam natürlich nicht in Originalgröße. Ich weiß nicht, ob das natürlich ist für mich, sondern er musste zusammengebastelt werden. Und das war dann insofern beides. Zuerst habe ich mir gedacht, oh nein, das ist ja schon wieder viel nerviger und anstrengender, als ich dachte. Als es uns dann aber zu zweit Herr Roisch, ganz herzlichen Dank noch mal an der Stelle an meinen Partner, gelungen ist, am Samstagvormittag oder was, Sonntagvormittag, ist ja egal, dieses Ding zusammenzubauen und ich mir gedacht habe, ich müsste doch eigentlich noch mehr handwerkliche Anteile aus dem Erbgut meines Vaters haben. Aber so ganz ausgeprägt war das dann auch nicht. Aber als der dann fertig war und dann auch noch relativ schnell der Alte entsorgt werden konnte, wenn er auch bei bis jetzt nur in die Tiefgarage. Dann hatte ich das Gefühl, ich kann es fast aufschreiben als eine Sache, die relativ gut geglückt ist. Und bei dir?
Stephan Seiler 63:14
Das ist doch schön. Ich habe eine Geschichte. Ich habe einmal ein sehr anspruchsvolles Beratungsgespräch gehabt mit einer Führungskraft in den deutschen Medien, die ich beraten habe bei einer kommunikativen Aufgabe. Und so hatte ich echt Respekt davor. Und es lief nicht nur die Beratung viel besser als erwartet, sondern auch der Ertrag am Ende. Was dann die Person damit gemacht hat, da kann ich jetzt nicht viel mehr Details nennen, aber das lief wesentlich besser, als ich gerechnet hätte. Auch mal eine Joggingrunde abends am Kanal, weil ich dachte, ich schalte keine 10 Minuten aus, war dann besser und erfolgreicher und habe länger, hatte mehr, doch noch mehr Energie in mir. Und dann haben wir abends an der Abendkasse beim Filmfest hier in Hamburg auch noch die letzten beiden Tickets erhalten, mein Partner und ich. Das war auch total schön. Wir waren spontan, Besuch gemacht am Samstagmittag, wo wir eigentlich nicht wissen, was soll wir mit dem Samstag anfangen sollten, spontan Besuch auf einem wunderbaren Markt in Friedrichshain in Berlin, unfassbar leckeres persisches Essen zu uns genommen, verköstigt und einen exzellenten O-S*** und solche kleinen Dinge an einem Tag, an dem man eigentlich nicht viel erwartet, weil es draußen irgendwie nicht das beste Wetter war am Morgen und dann wurde es aber mittags genau zu der Zeit, als wir draußen waren am Markt, schön, die Sonne kam raus und es ist so, diese kleinen Momente, ich versuche die kleinen Momente gerade so einzusammeln, die besser gelaufen als gedacht. Das ist toll. Und noch eine Sache, die ich wirklich auch vielleicht diesen Podcast und auf dem Männerretreat und den ganzen anderen Dingen, die ich den letzten Wochen und Monaten gemacht habe, zu verdanken habe, das ist erfolgreich Grenzen zu setzen. Das gelang mir in den vergangenen Tagen besser. Und ich habe auch manchmal daran gedacht, also ich hätte manchmal wirklich Schiss davor und dachte, das kann ich doch nicht machen, ich kann den euch absagen. Und ich habe einen Terminkonflikt, Podcast-Aufzeichnung und einen Kundentermin, was mache ich jetzt? Und dann habe ich den Kunden gebeten, einen anderen Termin für uns zu finden, weil ich ja mit dir und unserem Gast eine Podcast-Aufzeichnung habe. Und es hat geklappt. Es gab am Ende gar nicht diesen Ärger, sondern es lief besser als gedacht. Und das ist wirklich schön, sich das abends aufzuschreiben. Ich kann jetzt aber auch nicht sagen, dass ich so ein Gefühl habe wie bei diesem Dankbarkeitstagebuch. Da finde ich das Gefühl stärker, wenn ich sage, heute bin ich wirklich dankbar dafür, dass das und das heute geklappt hat. Das löst bei mir noch ein intensiveres Gefühl aus, als nur zu sagen: Ah, es war nicht ganz so schlecht wie gedacht.
Brigitte Huber 65:32
Ja, aber ich verstehe es. Also ich habe noch eine Sache, die ist mir gestern aufgefallen. Es war so lustig. Wir haben ein Treffen von, ich glaube, 8 ehemaligen Kolleginnen immer so, das ist vielleicht zweimal im Jahr. Und normalerweise haben wir einen Vorlauf von Wochen bis Monaten, um auf einen gemeinsamen Termin zu kommen. Und das ist sehr, sehr schwer. Und jetzt hat gestern, wirklich gestern, die eine Kollegin geschrieben, weil eine weitere bald nach Berlin zieht, ob wir es nicht noch mal ganz schnell versuchen nächste Woche und hat 4 Termine in den Raum gestellt. Und dann habe ich mir noch gedacht, ich konnte sogar an 3, hätte gekonnt abends und habe mir gedacht, das ist ein ganz süßer Versuch, aber das wird nie Das wird niemals klappen, liebe Billie, habe ich mir gedacht. Und du glaubst es nicht, eine Person, die wirklich gesagt hat, ist total schade, kann nicht. Und alle anderen haben es möglich gemacht, sich auf einen Termin zu einigen. Und da habe ich mir echt gedacht, ja, und ich habe es wirklich noch fast, na ja, ich habe gedacht, das ist fast naiv, dass man glaubt, dass man 8 Menschen mit so anspruchsvollen Terminkalendern hinkriegt. Aber nein, es hat geklappt. Und das führt dann die Aussicht, so was mal wieder vielleicht spontan zu versuchen. Sollen wir vielleicht noch Lust machen auf unsere nächste Gesprächspartnerin, nicht wahr?
Stephan Seiler 66:52
Definitiv, definitiv. Denn die ist ganz besonders, eine ganz besondere Frau, ganz besondere Medizinerin, unfassbar populär in Deutschland. Und Klammer auf: Ich kannte sie aber bis vor ein paar Monaten gar nicht.
Brigitte Huber 67:03
Also ich kannte sie sehr gut. Dr. Anne Fleck.
Stephan Seiler 67:05
Erzähl mal.
Brigitte Huber 67:06
Genau, weil wir haben sogar auch bei Gruner Jahr zusammengearbeitet und es gab da schon ein Podcast. Podcast mit ihr und sie ist einfach eine ganz, ganz tolle Ärztin, Ernährungsmedizinerin, aber auch links, rechts methodeninteressiert. Wie gesagt, der große Hebel ist auch immer die Ernährung, aber nicht nur. Also ich glaube, ihr könnt euch freuen, wenn es darum geht, möglichst lange gesund zu bleiben, ist sie schon eine sehr, sehr gute Quelle.
Stephan Seiler 67:35
Großartig. Also passt ja perfekt zu unserer Mission hier gemeinsam älter zu werden. Anne Fleck, das Interview haben wir noch nicht geführt, steht uns noch bevor. Ich bin wirklich gespannt, was sie uns mitgeben wird. Und vielleicht wird sie auch mit der ein oder anderen Behauptung früherer Interviewgäste aufräumen und sie widerlegen.
Brigitte Huber 67:53
Wir werden sehen.
Stephan Seiler 67:54
Hältst du auch das für möglich? Ich bin wirklich gespannt, was sie uns mitgeben wird.
Brigitte Huber 67:58
Ja, wir warten es ab, würde ich sagen.
Stephan Seiler 68:01
Da würde ich sagen, machen wir dann den Deckel drauf, oder?
Brigitte Huber 68:02
Okay, danke an dieser Stelle.
Stephan Seiler 68:03
Sack zu, Deckel drauf. Herzlichen Dank, Christian. Ich fahre dann mal los zu meiner Ja, genau.
Brigitte Huber 68:09
Und ich schicke einen Gruß an meine Mutter.
Stephan Seiler 68:12
Ja, bitte. So machen wir es.
Brigitte Huber 68:13
Alles wird gut. Ja, okay.
Stephan Seiler 68:16
Vielen Dank fürs Zuhören, euch da draußen.
Brigitte Huber 68:18
Genau. Und ihr wisst ja, wo ihr uns folgen könnt.
Stephan Seiler 68:21
Ganz genau. Ihr könnt uns Nachrichten schreiben, Kommentare schreiben. Ihr abonniert uns bitte bei Spotify, abonniert uns bei Apple Podcasts. Bei YouTube könnt ihr uns auch abonnieren. Drückt die Glocke und andere Dinge, die dazu führen, dass ihr wie ihr uns abonnieren könnt. Schreibt uns Nachrichten, schreibt uns Kommentare, das geht auch auf den eben erwähnten Plattformen. Könntet auch eine E-Mail schicken an post@huberseiler.de, Huber-Seiler zusammengeschrieben. Immer gerne mit Anregungen, Lob natürlich, aber auch Kritik lesen wir uns alles gerne durch. Ihr findet uns auch auf Instagram und auf Facebook, und auch da könnt ihr uns kontaktieren.
Brigitte Huber 69:00
Ja, und ganz herzlichen Dank an all unsere wichtigen Mitstreiter und Mitstreiterinnen, an Bennet Polenz, der sich bei uns um Social Media und viele andere wichtige Dinge kümmert.
Stephan Seiler 69:13
Vielen Dank an Leo Uebert-Klang für Sound und Schnitt und die Titelmelodie und an Luisa Abraham, an die ihr euch auch wenden könnt, wenn ihr Werbung schalten wollt. Ihr findet sie bei Zebra Lucian und unten in den Ja, vielen, vielen Dank, aber auch euch allen da draußen. Uns gibt es jetzt ja auch schon eine ganze Weile, seit mehr als einem Jahr. Danke, dass wir hier gemeinsam älter werden können und möchten. Macht uns eine große Freude jede Woche. Wir hören uns wieder nächste Woche Mittwoch. Bis dahin, alles Gute und Liebe und weiterhin fröhliches Älterwerden.
Brigitte Huber 69:52
Ciao!
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Folge
9
·
70 Min.
Mit
Stefanie Stahl
Wie kommen wir in Kontakt – mit anderen und mit uns selbst?
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