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66 Min.

Warum sind wir alle Zeitoptimisten, Marc Wittmann? Wieso vergeht unsere Lebenszeit ständig anders schnell? Weshalb warten wir so ungern, selbst wenn wir genügend Zeit haben?

Ausgerechnet bei der Folge mit der Zeit funktioniert die Technik nicht.

Lebensgestaltung

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Mikroausfall der mittelschweren Sorte.

Unser heutiger Gast, Zeitforscher, Psychologe und Zeitforscher Dr. Marc Wittmann, wartet gelassen.

Vielleicht, weil er weiß, dass unsere innere Uhr selten mit der äußeren übereinstimmt?

Schließlich klappt die Aufnahme doch noch.

Und Brigitte und Stephan wollen von Wittmann wissen, warum sich manche Jahre wie Wochen anfühlen und manche Minuten wie Ewigkeiten.

Wieso gutes Zeitmanagement im Job wichtiger sein soll als Kompetenz (wie Wittmann behauptet).

Ob eher Routinen oder Premieren die Zeit verdichten? Und was sie dehnt.

Außerdem sprechen sie über Handys, Wartezeiten im Supermarkt und den Versuch, den eigenen Zeitkompass neu zu kalibrieren.

Das alles in gut 60 Minuten.

Kapitelmarken

  • 00:00 Intro

  • 02:43 Zeit versus Erfolg

  • 05:07 Zwischen Menschen und Momenten

  • 09:09 Der Körper als Uhr

  • 10:37 Wenn Pläne ins Stolpern kommen

  • 15:07 Zeitoptimismus

  • 18:29 Im Sog des Scrollens

  • 21:04 Drei Minuten Stille

  • 34:55 Neues statt Routine

  • 38:21 Nähe und Zeitgefühl

  • 43:00 Wiederholungsschleifen

  • 55:14 Zwischen Gestern und Morgen

  • 57:31 Neue Augen, neuer Takt

Transkript zur Folge

Marc Wittmann 0:00
Nur wenn wir gegenwärtig erleben, können wir auch Zeit als langsam vergehend, als emotional reichhaltig erleben. Also derjenige, der nur zukunftsorientiert ist, der verpasst sozusagen sich selbst und seine Eigenzeit. Die digitalen Medien nehmen uns die Lebenszeit, die gefühlte weg. Es ist ein kleiner Effekt, aber es ist tatsächlich so. Je mehr die Menschen sich mit den digitalen Medien beschäftigen, also im Internet oder auf dem Handy rumsurfen, YouTube Videos anschauen etc. Und sie durchaus auch positiv gestimmt dabei, also gar nicht negativ, desto schneller vergeht für sie die Lebenszeit. Das ist das, was die meisten Leute tatsächlich total wütend macht. Deswegen hupen die Leute im Stau und werden rasend wild oder beschweren sich in den Schlangen vor dem Supermarkt. Im Durchschnitt wartet man, ich weiß, dreieinhalb bis vier Minuten von der Supermarktschlange, weil es doch relativ flott heutzutage geht. Und das ist eigentlich nichts. 3 bis 4 Minuten und trotzdem ist es zu viel für die Leute.

Brigitte Huber 1:02
Heute zu Gast bei “Die Sache mit dem Älterwerden” ist Dr. Marc Wittmann. Er ist Psychologe und Zeitforscher. Schon als Student begann er sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Seitdem, also in den letzten Jahrzehnten, hat er Bücher dazu geschrieben. Er hat ganz, ganz viele spannende Studien gemacht mit Ergebnissen, die uns tatsächlich auch weiterhelfen, ein richtig schönes Erfüllen Leben zu führen. Dr. Marc Wittmann wird uns jetzt auch erklären, wie unsere biologische Uhr tickt und wie wir das am besten für uns nutzen können. Ich habe ganz, ganz viele tolle Sachen aus diesem Interview mitgenommen. Ich habe gelernt, dass der Umgang mit der Zeit wichtiger ist für unseren Erfolg als unser IQ. Ich habe gelernt, dass ich wie so viele von uns eine Zeit Zeitoptimistin bin. Und das klingt zwar recht positiv, aber das ist der Grund, warum ich immer wieder zeitlich in die Bredouille komme. Ich weiß jetzt, warum wir Erwachsene uns so wahnsinnig schwer tun, im Hier und Jetzt zu bleiben. Aber ich habe auch einiges erfahren, wie ich das ändern kann. Und Stephan, was hast du denn mitgenommen?

Stephan Seiler 2:16
Ich habe gelernt, welche Zeitfresser die schlimmsten sind, wie wir soziale Medien nutzen können und uns gleichzeitig dagegen wehren können, dass sie uns unfassbar viel Zeit klauen. Und am Ende habe ich auch gelernt, wie all das helfen kann, das Älterwerden ein Stückchen besser zu machen. Denn wir haben ja nicht ewig Zeit, nicht wahr?

Brigitte Huber 2:39
In diesem Sinne legen wir los.

Stephan Seiler 2:41
Ich bin Stephan Seiler.

Brigitte Huber 2:43
Ich bin Brigitte Huber. Und das ist die Sache mit dem Älterwerden. Unser Umgang mit der Zeit ist für den Erfolg im Leben wichtiger als der intelligenzquotient. Das sagt Dr. Marc Wittmann, der ist Zeitforscher und muss es wissen. Herr Wittmann, wie ist das denn zu verstehen?

Marc Wittmann 3:12
Wir, als bewusste Wesen, die in die Zukunft planen, die Erinnerungen haben und aber auch gegenwärtig leben. Wir sind quasi definiert als zeitliche Wesen. Wir sind einerseits soziale Wesen, das ist ganz wichtig. Wir sind soziale Tiere, wie die Biologen sagen würden. Wir sind aber auch Zeitwesen, weil wir quasi in der Zeit operieren und zukünftige Ereignisse antizipieren, vergangene Ereignisse reflektieren und trotzdem gegenwärtig auch handeln müssen. Also die Zeit ist sozusagen, wenn wir von menschlichen Erleben und Verhalten reden, das ist ja übrigens die Definition von Psychologie, das menschliche Leben und Verhalten, dann geht das nur über die Dimension der Zeit. Also alle Dinge, die wir tun, sind an die Zeit gebunden und damit ist sozusagen die Zeit eines der grundlegenden Dimensionen, mit denen wir, denen ich als Forscher umgehen muss, aber die wir als Menschen sozusagen unser Leben führen.

Brigitte Huber 4:09
Das impliziert dann aber auch, dass es einen guten und nicht so guten Umgang mit der Zeit gibt, oder?

Marc Wittmann 4:14
Ja, also wenn wir gerade schon bei den 3 Zeitdimensionen sind, könnte man sagen, wir müssen eine Flexibilität in diesen Zeitdimensionen haben. Also es gibt Leute, die nur nostalgisch zurückschwelgen in die Vergangenheit und da feststecken, eine verpasste Chance und das über Ruminationen immer wieder hervorrufen, dieses vergangene Erlebnis oder diese vergangene Zeit und die stecken da fest. Oder andere Leute sind nur in der Zukunft fest, weil sie quasi immer zukünftig Dinge antizipieren und immer Dinge abarbeiten für die Zukunft und überhaupt kein emotionales, hedonistisches Selbsterleben haben, oder? Aber Leute sind gegenwartsorientiert nur in der Gegenwart und beachten nicht, dass es in der Zukunft wichtige Dinge sind, auf die sie sich vorbereiten müssen.

Brigitte Huber 5:07
Woran liegt das denn, dass wir im Großen und Ganzen immer das Gefühl haben, zu wenig Zeit zu haben?

Marc Wittmann 5:13
Das ist wahrscheinlich wieder, das ist der zu starke Zugriff auf unsere Zukunftsorientierung, dass wir immer nur in der Zukunft sind und damit unser Zeitgefühl im Jetzt, in der Gegenwart verlieren. Also wir haben jetzt irgendwelche Deadlines Wir müssen Dinge vorbereiten. Wir sind immer wir arbeiten sozusagen unsere Arbeitsaufgaben ab und verlieren unsere Gegenwärtigkeit. Nur wenn wir gegenwärtig erleben, können wir auch Zeit als langsam vergehend, als emotional reichhaltig erleben. Also derjenige, der nur zukunftsorientiert ist, der verpasst sozusagen sich selbst und seine Eigenzeit.

Brigitte Huber 5:53
Also das finde ich jetzt ganz interessant, weil ich merke das bei mir immer, dass es mir wahnsinnig schwer fällt, im Hier und Jetzt zu sein. Also ich nehme mir das zwar dann immer vor, aber dann galoppieren meine Gedanken doch wieder nach vorne. Ich setze mich zum Beispiel mit einem Kaffee in die Sonne und drei Minuten bin ich dann tatsächlich im Hier und Jetzt, aber dann zack, bin ich beim nächsten Projekt, bei der nächsten To do Liste und so weiter. Das heißt dann das ist ganz normal. Das wäre aber traurig, wenn auch normal.

Marc Wittmann 6:23
Also grundsätzlich sind wir immer zukunftsorientiert. Kleinen Also wir sind unsere Zeitperspektive geht immer vorwärts, selten rückwärts. Also im Sinne von auch Kurzzeitigkeit in die Zukunft. Das ist ja ganz funktional, weil wir müssen ja schauen, was um die nächste Ecke passiert. Wir müssen schauen nicht, dass wir vom Auto überfahren werden etc. Das heißt, wir haben eine unmittelbare Zukunftsausrichtung in unserem Bewusstsein. Also prospektiv sind wir immer orientiert. Und das kann sich natürlich noch mehr steigern, dass wir eben im Alltag oder im Berufsalltag das so über, wenn man so will, trainiert haben, dass wir da gar nicht mehr rauskommen. Also was wir immer so als Hamsterrad bezeichnen. Wir kommen gar nicht mehr raus. Wir können gar nicht mehr in diese Gegenwärtigkeit zurück, weil sofort wieder das Gehirn ausschlägt und was gibt es Neues? Was muss ich jetzt tun? Also ich bin immer wieder zukunftsorientiert. Das kennt man auch, dass man zum Beispiel am Wochenende, da lege ich mich aber zurück, da lasse ich mal sozusagen tue ich mich entspannen. Dann am Samstagmorgen geht es vielleicht gerade noch so, aber dann plötzlich geht es schon wieder los, dass man oh, was kann ich tun? Dann verliert man das schon wieder. Das zeigt, wir sind so sehr eingebunden in diese Zukunftsvorstellungen, diese Zukunftsanbindung, dass wir gar nicht mehr gegenwärtig so leicht leben können.

Brigitte Huber 7:44
Sie sagen, das entsteht so im Laufe der Zeit. Können das Kinder also besser im Jetzt und Hier sein?

Marc Wittmann 7:49
Ja, genau das würde ich sagen. Also den Kindern wird eher so die, man könnte argumentieren, es ist entwicklungspsychologisch grundsätzlich so, es muss so sein, aber ein großer, starker Teil ist auch anerzogen durch die Kultur, dass die Kinder durch die Schule, die Stundenpläne, die Hausaufgaben langsam an die Gesellschaft herangeführt werden und diese Zukunftsorientierung lernen und somit auch ihre Präsenzorientierung, die sie ganz natürlich haben, sozusagen unterdrücken oder die unterdrückt wird. Also dieses klassische, die Mutter oder der Vater schreit runter, Mittagessen und dann die Kinder, ja, aber die Kinder kommen dann nicht, weil sie sofort wieder so gegenwartsorientiert im Spiel zum Beispiel sind. Das heißt, sie haben noch nicht diese Zukunftsorientierungsmöglichkeit aufgebaut und die vergessen schon gleich wieder, dass sie jetzt eigentlich was machen sollen in die Zukunft, also hoch zum Essen kommen und sie versinken wieder in der Gegenwärtigkeit, wenn man so will. Das ist ja das, was wir als Erwachsene immer wieder versuchen, mit verschiedenen Mitteln uns in eine Gegenwärtigkeit reinzubringen, Sei es durch ein entspannendes Abendbier oder dass wir irgendwie Videospielen oder Joggen oder ganz modern Yoga machen. Da haben wir so Methoden, um uns wieder gegenwärtig zu machen. Im Grunde das, was Kinder ganz natürlich schon haben.

Stephan Seiler 9:09
Wie kam es denn überhaupt dazu, dass wir Menschen so darauf konditioniert sind, so gewöhnt sind, in der Vergangenheit oder in der Zukunft zu leben, mit dem Kopf zumindest. Welchen Vorteil haben wir denn daraus als evolutionär, als Mensch, als Spezies?

Marc Wittmann 9:24
Der Mensch sozusagen ist ja, wenn man so will, so ein bisschen ein Tier, wie die Biologen sagen würden, das keine besonderen Kräfte oder Eigenschaften haben. Also die meisten, also viele Tiere sind schneller, stärker. Und was uns auszeichnet, ist so ein bisschen, wenn man so will, die Intelligenz und auch der soziale Zusammenhalt. Das ist ganz wichtig, der soziale Zusammenhalt, dass wir, also Menschen konnten dann einen Mammut erlegen, obwohl sie eigentlich so klein und schwach sind, und zwar durch einerseits soziale Techniken, dass sich zusammenrotten konnten, zusammenarbeiten konnten und durch ihre Intelligenz, dass sie vom Werkzeug Gebrauch machen können. Und das in Kombination ist aber auch immer gebunden an eine Zukunftsorientierung. Denn ich muss zum Beispiel schon rein saisonal weiß ich zum Beispiel, dass bestimmte Tierarten irgendwo vorbeikommen. Wir würden sagen in ein paar Monaten, aber einem bestimmten Zustand des Jahres, einer bestimmten Saison des Jahres. Und das heißt, da muss ich schon diese Vorausplanung haben. Ich muss dann vorausplanen, dass ich die Richtigen Werkzeuge mitnehme. Ich muss mich organisieren mit den anderen alles für ein Zukunftsereignis, das ich brauche für mein persönliches oder für das Gruppenüberleben.

Stephan Seiler 10:37
Wenn wir das jetzt als menschliche Spezies seit Jahrtausenden, seit so vielen Jahren ausprobiert haben, verbessert haben, warum sind wir immer so schlecht darin, die Zeit realistisch einzuplanen? Warum brauchen wir fast immer mehr Zeit, als wir vorher gedacht hatten?

Brigitte Huber 10:54
Du vor allem.

Stephan Seiler 10:55
Ja, ich rede da gewissermaßen auch über mich selbst. Wieso?

Marc Wittmann 11:00
Jetzt sind wir dann eher wieder bei der Persönlichkeitspsychologie. Wie unterscheiden sich Menschen? Weil es gibt ja Menschen, die können das sehr gut, können sehr gut einteilen, andere nicht so gut. Das unterscheidet dann die Menschen. Aber eine Sache ist bestimmt die, dass wir überfordert sind mit dieser Kleinteiligkeit der Zukunftsereignisse, die wir alle einplanen müssen. Es ist nicht mehr so, dass wir irgendwie sagen, okay, morgen bei Sonnenaufgang treffen wir uns und das ist sozusagen das hauptsächlich Tagesereignis morgen, sondern wir haben da so im Zehn Minuten Rhythmus oder Halbstunden Rhythmus haben wir alle möglichen Dinge, die wir tun müssen. Und das kann natürlich auch zu einer leichten Überforderung führen. Persönlichkeitspsychologisch kann man auch noch sagen, es gibt durchaus Leute, die tatsächlich so eher Zukunfts und Menschen, die eher so gegenwartsorientiert sind und zukunftsorientierte Menschen, die verpassen dann Termine eher nicht, aber die verpassen dann vielleicht so schöne Momente, weil sie weniger gegenwartsorientiert sind. Also sind sie vielleicht eher ein gegenwartsorientierter Mensch, der aber auch mehr vom Leben hat.

Stephan Seiler 12:03
Ja, wer weiß, ich habe ADHS und als solcher bin ich immer wieder mit der Situation konfrontiert, dass ich Zeitpläne nicht so erfülle, wie es die Umgebung gerne hätte. Können Sie ganz konkret mir was mitgeben? Wie kann ich mein Zeitplan so erstellen, dass er wirklich auch funktioniert, dass ich alles geschafft bekomme und zwar in time, bevor die Deadline fällig ist?

Marc Wittmann 12:26
Da ist es ja, also beim ADHS ist es ja so ein bisschen so, aber da müssen Sie mich jetzt korrigieren, weil sie es ja quasi viel besser kennen als ich. Nur sozusagen erlernt, angelesen oder erforscht ein bisschen, dass sozusagen die Aufmerksamkeit nicht so lange auf einer Sache bleiben kann und dass sie wieder wegspringt zu etwas anderem. Also Menschen mit ADHS haben schon die Tendenz, dass sie immer rumspringen zu den Dingen und nicht bei einer Sache bleiben können. Und das heißt, es ist dann wirklich so vielleicht so ein Training oder so verschiedener Art, dass man irgendwie schaut, dass man tatsächlich lernt, bei der Sache zu bleiben. Ich kenne, oder jeder Mensch kennt es ein bisschen ja auch. Und was man zum Beispiel machen könnte, ist ja, dass man so mache es ich für mich, ich habe jetzt kein ADHS, aber im Kleinen hat es jeder. Wenn ich merke, jetzt bin ich überfordert von einer Sache, ich kann meine Aufmerksamkeit nicht mehr darauf lenken und fokussiert bleiben, dann springe ich bewusst zu einer anderen Sache und das bringt mir eine geistige Erholung. Das kann so was sein. Jetzt lese ich jetzt irgendwie einen Text, den ich auch schon immer lesen will und den liegt so neben mir, lese ich eine Seite von dem Text und dann habe ich mich ein bisschen entspannt wieder und gehe wieder zurück zur anderen Aufgabe. Da muss jeder schauen, was ihm am besten passt. Es gibt durchaus auch so Entspannungstechniken, kann jetzt sein die Meditation sein, die aber wahrscheinlich gerade für jemanden mit ADHS sehr schwierig ist anzufangen. Aber es gibt so andere Dinge. Also ich forsche zum Beispiel mit Floatation, dieser Technik, wo man in so einer Wanne liegt, mit Salzwarmen, Salzwasser, man floatet, also schwebt auf diesem Wasser, es ist dunkel, man sieht nichts und kann sich gut entspannen. Und was da passiert ist auch am Anfang, dann gehen so Gedanken drehen so, aber weil es so angenehm und warm ist und man so richtig floatet, man wird total entspannt, tiefenentspannt, beruhigen sich auch die Gedanken wieder, dieses Gedankenschweifen. Wenn man rauskommt, sind die meisten Menschen eigentlich sehr, sehr entspannt und die Gedanken springen nicht mehr so umher. Das sind so verschiedene Techniken. Andere Leute machen es aber mit Rennen, also mit Joggen oder so, dass sie sich verausgaben durch Sport, danach sind sie viel wieder entspannter und können sich wieder besser konzentrieren.

Stephan Seiler 14:41
Ja, mache ich es auch Sportmeditation und anderes.

Brigitte Huber 14:45
Ansonsten glaube ich ja, dass dieser Einstieg heute, den wir in dem Podcast hatten, schon ein ziemlich gutes Beispiel ist dafür, dass sich Zeitpläne oft nicht einhalten können. Also ich glaube, wir können unseren Hörerinnen und Hörern verraten, dass wir die ersten 17 Minuten allein mit technischen Problemen zu tun hatten. Das zum Thema lückenlose To do Abläufe.

Marc Wittmann 15:07
Da gibt es einen Ausdruck dafür, das ist der Zeitoptimismus. Also wir sagen, wir sind alle Zeitoptimisten. Also da gibt es tatsächlich Forschung dazu. Da hat man Leute irgendwie dazu verdonnert, im Labor irgendeinen Ikea Schrank aufzubauen, das Graue. Und dann sollte ich sagen, wie lange glauben Sie, brauchen Sie dafür? Und alle Leute grundsätzlich unterschätzen das immer. Und das hat man in verschiedene Lebensbereiche übertragen. In der Ölkrise mal sind die Leute angestanden in den Tankstellen und da hat man die Leute auch, die hinten an der Schlange war, so lange, wie lange dauert es, bis sie dran kommen? Komplett wurde das unterschätzt. Und das heißt, wir sind tatsächlich alle Zeit. Da kann man fragen, woran liegt es? Es ist einfach so, dass wir tatsächlich die Details der Handlungsabläufe gar nicht richtig überblicken und repräsentiert haben und deswegen die auslassen, diese Details. Und dann denken wir, dass alles viel schneller läuft, wie jetzt auch in unserem Mikrofonbeispiel. Da gibt es doch so viel technische Einzelheiten, die da kombiniert werden müssen, dass wir dann vergessen, das dauert doch wieder alles immer länger.

Brigitte Huber 16:11
Bisschen anderes Thema. Ein Kollege von mir hat mich immer so ein bisschen geärgert, indem er vor 20 Jahren schon immer gesagt Brigitte, wir haben doch alle gleich viel Zeit. Das habe ich damals gar nicht so empfunden mit einem Fulltime Job und zwei Kindern und hatte schon das Gefühl, dass manche einfach mehr Zeit haben. Jetzt bin ich aber doch dann auch wieder in Ihrem Buch über Seneca gestolpert, der schon im ersten Jahrhundert nach Christus gesagt hat, wir hätten alle genügend Zeit, wir würden sie nur falsch verwenden. An vielen Stellen heißt das. Also dieses Getriebensein, das wir häufig haben, das ist gar kein modernes Problem. Also das ist etwas, was es immer schon gab.

Marc Wittmann 16:52
Was Ihr Freund damals meinte, war natürlich simpel. Wir haben alle sozusagen dieselbe physikalische Zeit, also die Uhrzeit. Wir haben alle 24 Stunden in einem Tag und sieben Tage in der Woche etc. Aber das ist ja nicht lebensweltlich gedacht, sondern um was es uns ja geht, ist die soziale Zeit als Menschen. Und wie sind wir eingebunden in die Dinge, die wir erledigen müssen? Und da gibt es halt Menschen, die viel mehr soziale Zeit haben, weil sie nicht so eingebunden sind, während sie als Mutter oder so komplett eingebunden waren und damit überhaupt keine Zeit hatten. Das ist der Unterschied physikalische Zeit und Lebenszeit. Und was der Seneca meinte, ist natürlich auch ähnlich wie, dass wir aber natürlich viel Zeit durchaus auch verschwenden mit allen unnützen Dingen, die wir tun. Und der Seneca hat ja einen Aufruf quasi gemacht, Schaut euch an, was wirklich wichtig ist. Da hat er in seinem Büchlein, gibt ein Büchlein, wo er über die Zeit und die Lebenszeit philosophiert, redet er schon damals, also von den Jährigen, die immer noch so völlig im Leben drin sind und ja, ja, aber in 10 Jahren höre ich auf mit der Arbeit und dann genieße ich das Leben. Und da sagt Ja, mei, schaut her, in zehn Jahren seid ihr vielleicht tot. Wer sagt euch, dass ihr dann noch unter den Lebenden seid? Also eher dieses Carpe diem, nutze den Tag. Das war sein Motto, dass wir durchaus auch wieder selber wählen müssen, was wir eigentlich tun. Und wenn man das dann analysiert, haben wir viele sinnlose Tätigkeiten, die wir im Leben haben. Und da sollten wir gut filtern.

Stephan Seiler 18:29
An welche sinnlosen Tätigkeiten denken Sie denn da? Besonders wenn Sie die heutige Zeit, die Gegenwart anschauen?

Marc Wittmann 18:36
Ja, da sind wir alle gleich, glaube ich. Und zwar der Umgang mit den digitalen Medien. Da habe ich eine europäische Studie mit sechs Ländern, also Forschern von sechs Ländern haben wir jetzt unternommen. Und da ist es tatsächlich so, die digitalen Medien nehmen uns die Lebenszeit, die gefühlte weg. Es ist ein kleiner Effekt, aber es ist tatsächlich so, je mehr die Menschen sich mit den digitalen Medien beschäftigen, also im Internet oder auf dem Handy rumsurfen, YouTube Videos anschauen etc. Und sie durchaus auch positiv gestimmt dabei, also gar nicht negativ, desto schneller vergeht für sie die Lebenszeit. Zum Beispiel der letzte Tag, die letzten Tage vergehen viel schneller als für Leute, die eher wenig mit den digitalen Medien Umgang haben. Das ist ein ganz klarer Hinweis. Und dann gibt es da der klassische, was wir so ein bisschen so ein Paradox nennen. Ein Paradox ist, wir sind alle hingezogen zu dem Handy und hüpfen darin rum und nach einer Stunde merken Mensch, es ist eine Stunde vergangen. Ich weiß gar nicht mehr, was eigentlich da alles passiert ist, weil es immer so kleine Schnipsel von Informationen sind und Videos und ich weiß nicht was alles. Und dann nach einer Stunde, das können wir alles gar nicht merken. Nach einer Stunde ist es vorbei. Und die Stunde ist mein Lebenszeit ist vorbei von einer Stunde und dann kommt sozusagen die große negative Stimmung, der Blues, dass wir wirklich da merken, die Zeit ist Verluste gegangen und dann fühlen sich die Leute ganz schlecht. Das ist ähnlich wie auch mit Drogen. Man darf es nicht übertreiben, die Analogie. Es ist wie mit Drogen. Wir nehmen das eine Bier zu viel, am nächsten Tag haben wir Kopfweh, aber trotzdem am nächsten Tag machen wir es vielleicht wieder so. Das ist auch so. Wir wissen es zwar, aber wir sind so angezogen von diesen digitalen Medien und hinterher fühlen wir uns schlecht.

Brigitte Huber 20:27
Die hirnphysiologischen Abläufe, heißt es ja auch immer, sind bei einer Handysucht ganz ähnlich wie bei einer Drogensucht. Stimmt das?

Marc Wittmann 20:34
Ja, es ist immer ein schwieriges Thema, wenn man sich genau anschaut, da gibt es dann schon Überlappungen und so. Es ist natürlich schon Unterschied, ob man jetzt so Substanz hat, die man einnimmt, sei es jetzt Tabak oder Alkohol oder ob man eher so eine Verhaltensabhängigkeit hat. Das sind dann schon wieder Unterschiede. Aber so, wenn man auf der Erfahrungsebene bleibt, gibt es durchaus viele Parallelen, ohne dass wir die zu stark überbeanspruchen sollte, weil es noch viele Unterschiede gibt.

Stephan Seiler 21:04
Die Problembeschreibung finde ich ja sehr überzeugend. Aber wie lösen wir denn das Problem? Denn die Abhängigkeit von den digitalen Medien, auch die Notwendigkeit, sie zu nutzen in vielen Arbeitsumfeldern, aber auch das normale Leben zu managen, bietet uns ja auch viele Vorteile, tatsächlich Dinge schneller umzusetzen und auch wieder Zeit zu sparen am anderen Ende. Also was ist Ihr Rat? Wie sollten wir damit umgehen, sodass wir nicht in die Sucht verfallen, sondern mündige Nutzerinnen und Nutzer bleiben und noch Herr und Herren über unsere Zeit.

Marc Wittmann 21:36
Es ist ähnlich wie mit eben auch den Süchten häufig. Also wenn man Alkoholsucht nimmt, es ist ja auch so, dass man häufig ein bisschen eine Leere füllt mit dem Glas Wein oder so am Abend. Und so ist es auch mit unserem Handykonsum. Wann machen wir das? Wir haben jetzt irgendwie, wir warten auf den Zug oder so und der kommt nicht, ist wie immer. Hahaha, Deutsche Bahn verspätet. Und was machen wir Alle zucken dann natürlich aufs Handy und schauen drauf und lenken sich von sich unter Langeweile ab. Und das ist einfach so ein normaler Automatismus, den wir haben, sind wir jetzt aber ein anderes Beispiel, wenn wir jetzt zu Hause sind am Nachmittag oder so, warum müssen wir dann schon wieder das tun? Wir könnten ja was anders machen. Also auch beim, was ich meinte mit dieser Leere unterdrücken, ist, dass wir häufig sozusagen Langeweile überspielen wollen. Wir fühlen uns vielleicht einsam, wir sind soziale Wesen und sind vielleicht zu häufig alleine als Einzel irgendwie in der Wohnung alleine, weil man keinen Partner, keine Familie hat etc. Und das ist sozusagen diese Leere füllen. Das ist das Einzige, was irgendwie geht, dass ich plötzlich einen Sinn, eine Sinnhaftigkeit habe. Ich möchte was tun, sei es jetzt Puzzlespiel oder was auch immer oder Sport, dass ich mich jetzt auf irgendwie trainieren will. Ich muss irgendeine sinnerfüllte Tätigkeit haben, der ich nachgehe und dann brauche ich immer weniger, immer weniger sozusagen diese Ablenkung von mir selbst mit den digitalen Medien. Und so ist es bei vielen Süchten so. Also es gibt so ein berühmtes Beispiel, da hat man Ratten in irgendeiner fürchterlichen Umgebung gehabt, wo sie sich nicht ablenken konnten, aber man hatte dann so einen Wassertrog mit einem mit Kokain drin. Und die Ratten, die sozusagen in dieser ganz unnatürlichen, hässlichen Umgebung waren, sind dann richtig süchtig geworden und haben gar nicht mehr von dieser Droge Abstand nehmen wollen. Aber dann hat man dasselbe Experiment in einem anderen Käfig gehabt, wo man wunderbare Umfeld für Ratten gemäß hatte, wo die sich austauschen konnten, wo sie spielen konnten etc. Dann haben die quasi dieses Kokainwasser überhaupt nicht beachtet. Die haben das mal probiert, aber haben es einfach gelassen. Es schmeckt eh ein bisschen komisch. Und nur die, die keine sinnvolle Rattentätigkeit hatten, die sind dann sozusagen immer wieder zu der Droge gegangen. Die Ratten, die aber in einer wunderbaren rattengemässen Umgebung waren, die haben die Drogen überhaupt nicht gebraucht. Und so ähnlich können wir es jetzt, wenn wir es mal übertragen wollen, da gibt es natürlich auch immer Schwierigkeiten zum Menschen, aber wir sind ja auch nur Tiere, wenn wir eine sinnvolle Tätigkeit haben, mit der wir zufrieden sind und die, die eben sinnstiftend ist, dann brauchen wir sozusagen diese Ablenker oder Drogen nicht.

Brigitte Huber 24:23
Aber letztlich ist es doch auch immer auch eine Entscheidung, wie wir damit umgehen. Also ich habe das jetzt gemerkt. Ich habe es tatsächlich jetzt gewagt, mal einen Tag Digital Detox zu machen, weil ich eben auch so ein Typ bin, der reflexhaft immer wieder zum Handy greift und habe mir tatsächlich einen Tag vorgenommen, wo ich es komplett weggelassen habe. Also nur einmal am Tag geguckt habe, ob irgendwas ganz, ganz Schwerwiegendes passiert ist. Und ich habe einiges über mich gelernt, aber es hat mir wirklich auch gut getan. Und ich habe natürlich auch bemerkt, das wird jetzt niemanden verwundern, außer mir. Es ist nichts Besonderes passiert in diesen 24 Stunden, in denen ich mein Handy weggelegt hab.

Marc Wittmann 25:01
Genau, also sowas am Ausflug. Jetzt geht man wie sonntags auf den Ausflug und das mache ich auch immer öfters. Ich lasse dann einfach das Handy zu Hause. Man kriegt dann zwar, manche Leute kriegen dann so Panik, oh mein Gott, wenn ich dann finde ich den Weg vielleicht nicht oder die entscheidende E Mail kommt dann oder was auch immer oder ich muss dann schließlich das Restaurant reservieren am Abend. Mein Gott, vor 20 Jahren hat man das auch oder vor 15 Jahren hat man das auch nicht so gehabt. Wir haben auch alle überlebt und vielleicht sogar besser überlebt. Was Sie machen, ist nichts anderes als Ihre Selbstregulationsfähigkeit trainieren durch Abstinenz. Das ist ein guter Weg.

Stephan Seiler 25:39
Sie haben eben das Stichwort gesagt, sinnvolle Tätigkeit. Es gibt ja unter unseren Zuhörerinnen und Zuhörern einige, die eine Tätigkeit ausüben, aber einige sind ja auch schon im Rentenstatus oder in der Pension. Wie findet man denn da eine sinnvolle Tätigkeit, die die Zeit angenehm vergehen lässt aus Ihrer Sicht? Was würden Sie raten?

Marc Wittmann 26:00
Also ich glaube, ich kenne viele Menschen im Rentenalter und gerade die haben wenig Zeit, wo ich dann immer denke, die sollten doch jetzt eigentlich, die sagen, oh, ich habe keine Zeit, ich muss das und das machen. Also die meisten Menschen können es, glaube ich, ganz gut, diese Zeit auffüllen mit Tätigkeiten, die für sie Sinn erfüllt sind. Also einerseits fangen die Leute an, ihre Hobbys verstärkt durchaus zu führen, sei es jetzt Radl fahren, Sport oder irgendwas oder Museen oder Reisen etc. Aber auch im Alltag sind die Leute relativ gut beschäftigt. Was sie wahrscheinlich ein bisschen ansprechen, ist ja, es gibt ja die Leute, die so wie Workaholics da so bis 65, 67 arbeiten und sonst aber für sich nichts, sonst kein Hobby haben oder sonst wenig und die fallen dann vielleicht in ein richtiges Loch. Das kann ein Problem sein. Das heißt, man kann nur sagen, man sollte möglichst früh, wenn man es nicht eh schon tut, anfangen, sich außerhalb der Arbeit eine sinnvolle Tätigkeit zu widmen, die sinnerfüllend ist. Das hat oftmals mit anderen Menschen zu tun. Wie gesagt, wir sind soziale Wesen, wir fühlen uns am besten. Da gibt es viele Studien dazu, wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind. Und da kann man sich ja Freunde dann aussuchen, also einen Freundeskreis hat. Und da wird plötzlich, wenn wir im Freundeskreis sind, das kommen wir wieder zurück zum übermäßigen Handygebrauch und zur Drogenabhängigkeit, wenn ich gute Freundschaften habe, mit denen ich etwas unternehme, weil dann die anderen haben auch oftmals Ideen, vielleicht habe ich jetzt gar keine Idee, was ich machen soll, aber die anderen haben die Ideen und ziehen einen mit. Und dann eigentlich kommt man in so eine Art Flow des Lebens, wo man sich eigentlich gut unterhalten kann und viel.

Brigitte Huber 27:40
Machen kann durch die Arbeit. An meinem Buch habe ich auch wieder gemerkt, dass sich sehr viele Menschen vor allem in der zweiten Lebenshälfte mit dem Zeitfluss und auch mit der Endlichkeit auseinandersetzen. Bei Ihnen war das ja allein schon durchs Studium deutlich früher, oder?

Marc Wittmann 27:56
Aber persönlich hat es mich halt interessiert. Genau, Also diese.

Brigitte Huber 28:00
Ja, absolut. Und da sind wir schon bei einem ganz, ganz wichtigen Thema, das ist sogar Ihr Hauptthema, das ist die gefühlte Zeit. Viele von uns haben das Gefühl, je älter sie werden, umso schneller vergeht die Zeit. Ist es denn tatsächlich so, dass der Fluss der Zeit immer schneller wird?

Marc Wittmann 28:19
Genau, es gibt in der Psychologie ja die sogenannte Replikationskrise, dass man viele Befunde, die es gibt und dann hinausposaunt, das ist so und so, der Mensch ist so und so, dass man dann plötzlich andere Forschergruppen das nicht replizieren können, wiederholen können. Aber der Befund, den ich so 2005 mit österreichischen und bayerischen Menschen herausfand, mit 500 Menschen, dass tatsächlich vor allem die Frage der letzten 10 Jahre, also wie schnell die letzten 10 Jahre vergehen, dass das tatsächlich altersabhängig ist. Also je älter die Menschen werden, desto schneller vergeht die Zeit. Dieser Befund hat sich dann replizieren lassen mit Italienern, mit Niederländern, Neuseeländern und auch Japanern, also zumindest in den Industrienationen hat sich dieser Befund bestärkt. Und die Frage ist natürlich jetzt erst einmal, woran liegt es jetzt, dass das tatsächlich so ist? Weil eben physikalische Zeit ändert sich ja nicht, aber man könnte sagen, die psychologische Zeit ändert sich. Und was sind jetzt die psychologischen Faktoren dafür, dass wir das Gefühl haben, die Zeit, zumindest auf jeden Fall die letzten 10 Jahre meines Lebens vergehen immer schneller. Und es sind wahrscheinlich so zwei Faktoren, die eine Rolle spielen. Bisschen weniger stark ist vielleicht doch der Faktor der Routine, dass wir, je älter wir werden, dass wir halt immer mehr gleiche Dinge tun. Unser Neuartigkeitseffekt, den wir haben in der Jugend, im Kindheitsalter, alles ist zum ersten Mal, was wir erleben. Also irgendwann verlassen wir das Elternhaus, gehen in eine andere Stadt, Berufsausbildung, Studium, lernen neue Leute kennen, das ist ja alles so erstmalig einmalig. Ich bin zum ersten Mal auf mich alleine gestellt. Das sind Dinge, die so ganz stark im Gedächtnis behalten werden und die dehnen subjektiv die Zeit. Nur irgendwann einmal merken wir dann, okay, jetzt bin ich schon 30 Jahre am selben Ort, im selben Job und gehe immer zum selben Urlaubsort. Das sind ja dann, das heißt, ich muss diese Dinge ja gar nicht mehr so richtig besonders abspeichern, weil das ja immer das Gleiche ist. Und diese Routine ist somit dann ein Zeitkiller. Das kennen wir so im Kleinen, zum Beispiel am Wochenende, wenn ich so ein Wochenende zu Hause bin und nichts Besonderes mache, was ich Haushalt mache und so weiter, plötzlich ist das Wochenende rum. Aber wenn ich jetzt zum Beispiel an einen neuen Ort gehe, vielleicht mit Freunden zusammen so viel Emotionales und Abwechslungsreiches erlebe, dann plötzlich, wenn ich zurückblicke am Sonntagabend, dehnt sich die Zeit unglaublich. Aber es gibt noch einen zweiten Faktor, der wesentlich stärker ist. Früher habe ich immer nur gesagt, Routine ist der Zeitkiller. Also dann könnte man ja versuchen auszubrechen, sich neu positionieren, neuen Job haben, ein Musikinstrument lernen, neue Sprachen lernen, mit Leuten rumreisen etc. Das ist ja eine gute Lösung. Aber es gibt dann doch noch eine eher so ein bisschen melancholisch stimmenden Faktor und der bezieht sich tatsächlich auf so eine, dass wir kognitiv nicht mehr so schnell und aufnahmefähig sind, wie noch in der Jugend und im jungen Erwachsenenalter. Das nimmt halt einfach ab. Auch da kann man was tun. Tatsächlich, wenn man so will, Gehirnjogging betreiben, mit vielen Leuten Menschen zusammen sein und da kann man tatsächlich diese abnehmende Leistungsfähigkeit ein bisschen abfangen. Also da kann man dann auch was tun, aber letztendlich zeigt es einfach die Statistik über die Lebensalter. So mit dreiig noch hat man so einen Höhepunkt an kognitiver Funktionsfähigkeit, das heißt Gedächtnisfunktion, Aufmerksamkeitsfunktion, wie viel Dinge ich über einen Zeitraum behalten kann, bevor sie dann verloren gehen oder eingespeichert werden. Und das nimmt halt so ab 30 dann langsam ab und mit 50 wird es dann noch steiler runter. Und das haben wir jetzt zeigen können. Ich habe das mit meiner Kollegin aus Rom, Alice Tekel, jetzt zeigen können, dass tatsächlich dieses Gefühl des Zeitverlaufs über die letzten zehn Jahre, warum der immer schneller vergeht, hängt zusammen mit kognitiven Defiziten, die dann immer mehr werden im Laufe des Alters. Das sind Sachen, die wir vielleicht gar nicht so bemerken, aber die man dann doch messen kann. Also was wir zeigen konnten, das ist die gute Nachricht für Menschen höheren Alters, zu denen ich ja jetzt auch langsam gehöre, ist, dass besondere Momente, dass die eigentlich von den älteren Menschen besser behalten werden und auch mehr Bedeutung haben und vermehrt auch von älteren Menschen quasi abgerufen werden können. Es ist dann so, dass man mit der Familie etwas unternehmen hat, mit den Enkeln oder mit einem alten Freund nach 20 Jahren wieder getroffen. Hat an einem Wochenende. Da können ältere Menschen viel mehr von diesen berichten als junge Menschen. Junge Menschen, wenn man so will, sind sich gar nicht so sehr bewusst der Qualität ihres Gedächtnisses und die erleben so viel, dass dann die Dinge vielleicht gar nicht so raus stehen. Das heißt, die Qualität der Erinnerungen ist bei älteren Menschen eigentlich viel höher und das ist eigentlich ganz schön, die erinnern sich mir, Aber ich glaube, es geht um diese kleinen Dinge im Leben. Also wir können nicht mehr so schnell verarbeiten, nicht mehr so viel verarbeiten und das heißt, dann bleibt weniger, wenn man so will, über in unserer Wahrnehmung, wenn wir über ein gewisses Zeitintervall hinweg wieder die Gedächtnisinhalte rausziehen wollen. Es ist nicht mehr so viel da. Es gibt viel Schönes, aber nicht mehr so viel generell. Und das scheint zusammenzuhängen mit diesem Gefühl, dass die Zeit immer schneller fällt.

Brigitte Huber 33:49
Soweit ich mich erinnere, haben sie aber gesagt, dass ab etwa 60 dieses immer schneller fließen eine Stagnation erfährt, also dass dann der Fluss der Zeit nicht mehr schneller wird.

Marc Wittmann 34:02
Genau, also wo kann man sagen, das zeigen eigentlich die meisten Befunde, Wie erforscht man das überhaupt?

Brigitte Huber 34:07
Befragen Sie die Menschen?

Marc Wittmann 34:10
Wir befragen die Leute einfach genau, wie schnell vergeht für sie die Zeit, um das sozusagen standardisiert zu machen, dass alle Menschen genau die gleichen Fragen bekommen, darauf antworten können. Gibt es dann so psychologische Skalen, wo man dann antwortet von die letzten zehn Jahre sind extrem langsam langsam, weder langsam noch schnell schnell oder extrem schnell vergangen und da müssen die Leute das ankreuzeln. Das ist also relativ leicht. Aber das stimmt ja überein mit diesen anekdotischen Aussagen von Menschen, die wir alle haben, dass de facto die Zeit schneller vergeht, je älter wir werden. Also ich kennen nur wenige Leute, die von sich behaupten, dass es nicht so ist.

Brigitte Huber 34:55
Was können wir denn tun, damit uns die Zeit nicht so davon galoppiert?

Marc Wittmann 35:00
Das Gute ist, dass wir da zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können. Denn einerseits das, was mir ermöglicht, dass ich aus der Routine ausbreche, also viel unternehme, viele verschiedene Dinge unternehme, das ist für die Gedächtnisfunktion rückblickend wichtig, aber es ist auch wichtig für diese, das Abfangen dieser kognitiven Abnahme der kognitiven Fähigkeiten. Also das sagt man ja auch immer so als eine, wir reden jetzt nicht von Demenz, aber man sagt es auch schon selbst bei Demenz hilft es, um dem vorzusorgen, dass man mit vielen Leuten, Bekannten, also im Freundeskreis viel Soziales unternimmt, weil das beansprucht unser Gehirn, weil wir soziale Wesen sind. Das ist ganz wichtig. Und mit denen wir gehen wandern mit den Leuten, mit unseren Freunden, Da haben wir einerseits was Sportliches, wichtig ist körperliche Ertüchtigung, das andere ist, wir haben die soziale Komponente. Und das Dritte ist durch die Erzählungen und auch so ein bisschen das soziale Anecken und was da alles so passiert, dass man durchaus auch dann noch eine Stimulation bekommt, weil die Leute so ein bisschen anders gestrickt sind und man quasi so aus seinen Routinen rauskommt und die Leute auch ein bisschen aus den ganzen Weltanschauungen und politischen Meinungen ein bisschen rausholt, weil die immer ein bisschen anders sind. Und das heißt, da haben wir quasi alle Komponenten drin, die es ermöglichen, dass wir aus der Routine ausbrechen. Das ist wichtig, dass wir über mehr Gedächtnis Einträge verfügen und dass die Zeit deswegen langsamer vergeht. Plus das hält unser Gehirn fit. Wir sind nicht nur Gehirn, wir sind ja auch Körper Gehirn und Körper fit. Und damit auch kann es ein bisschen abfedern, diese Abnahme der kognitiven Fähigkeiten.

Brigitte Huber 36:58
Wir haben ja auch schon über Premieren gesprochen. Also erste Male, also am Anfang unseres Lebens passieren ganz viele Dinge zum ersten Mal. Der erste Schritt, der erste Schultag, der erste Kuss, der erste Urlaub ohne Eltern. Mit der Zeit werden das Wiederholungen. Und wir erinnern uns auch überhaupt nicht an den zweiten oder zehnten Schultag. Und das ist ja auch ganz gut so. Das gibt uns Sicherheit, gibt uns Routine. Die Premieren, die ersten Male werden dann in der Regel immer weniger, Manchmal sind sie auch nicht mehr so angenehm. Ist denn jetzt in der zweiten Lebenshälfte ein guter Moment, um solche ersten Male aktiv wieder ins Leben reinzuholen?

Marc Wittmann 37:38
Die Premieren heißt ja, ich habe wieder etwas ganz Neues, Neuartiges und erlebt und das wird viel stärker abgespeichert. Man sagt, Emotionen sind der Klebstoff des Gedächtnisses, weil ich viel Positives erlebt habe, emotional Reichhaltiges erlebt habe, kann ich das auch viel mehr, viel besser merken. Also wenn ich jetzt einfach eine Zahlenreihe auswendig lernen soll, dann kann ich das mit Anstrengung tun und am Abend weiß ich das auch noch, aber dann irgendwann ist es weg, weil Zahlenreihen sagt uns nichts Besonderes. Aber Dinge, die mich wirklich besonders angehen, mich fordern, die meine ganzen Lebenswirklichkeit betreffen, emotional reichhaltig sind, die bleiben im Gedächtnishaft.

Brigitte Huber 38:21
Also das sind dann einmal Erlebnisse mit Freunden, aber auch zum Beispiel das Lernen einer Sprache, eines Musikinstruments oder auch eine kleine Reise.

Marc Wittmann 38:29
Genau, auch wieder nicht nur ständig nur mit Freunden gehen, sondern auch mal alleine gehen, dann habe ich schon wieder was anderes. Und wenn ich alleine bin, bin ich noch mehr gefordert, weil ich plötzlich mit mir und meinem Alleinsein gefordert bin. Wenn ich eine Reise alleine mache, ist was ganz was anderes, als wenn ich eine Reise mit Partnerin oder Partner mache oder mit Freunden. Aber selbst da habe ich schon wieder eine Variation drin, die mir was bringt.

Stephan Seiler 38:53
Dann, damit ich die Zeit reichhaltiger, kostbarer fülle, so habe ich Ihrem Buch entnommen, helfen ja auch Routinen. Wenn ich Routinen auslebe, kann ich aber nichts Neues lernen in der Zeit. Wenn ich was Neues mache, ist das noch keine Routine. Ist das nicht ein Widerspruch in sich oder habe ich gerade einen Denkfehler? Können Sie meinen Knoten bitte auf, ähnlich.

Marc Wittmann 39:13
Wie mit den drei Zeitdimensionen. Also wir müssen flexibel sein, um zwischen Zukunft, Gegenwart und Vergangenheitsperspektive zu changieren, zwischen diesen Perspektiven. Das ist wichtig für ein erfolgreiches Leben und ein erfülltes Leben. Und da ist es genauso. Ich brauche die Routinen genauso, weil ich jetzt sozusagen also zum Beispiel, Sie wollen ja nicht zum Chirurgen gehen und sagt Ihnen dann ich mache diese Operation genau zum ersten Mal.

Stephan Seiler 39:41
Tolle Premiere.

Marc Wittmann 39:42
Ich dachte, Sie sind der Erste. Das wollen Sie nicht hören. Sie wollen, dass es vielleicht schon 200 mal gemacht hat und dass er der Experte auf diesem Gebiet ist. Das heißt, diese Routinen sind ja ganz überlebenswichtig für mich. Wenn ich jetzt mit Ihnen rede, habe ich zum Beispiel die Dinge, die wir jetzt besprechen, habe ich natürlich auch schon häufig erzählt. Ich mache das ja seit 30 Jahren. Ich habe schon häufig über die Jeden Tag rede ich über die Zeit. Das heißt, ich habe zwei Komponenten. Das eine ist die Routine, dass ich darüber rede, was meine Arbeit ist, die ich seit 30 Jahren mache. Da ist viel Routine dabei, aber dann sind wieder einzelne Fragen dabei, die Sie stellen, die dann doch wieder zum ersten Mal sind oder wo ich ein bisschen anders drüber nachdenken muss. Und das ist sozusagen das Neuartige. Wir haben irgendwie immer so beides, mit dem wir changieren können und wir brauchen die Routinen. Routinen sind gut für eine Sicherheit. Routine eines gewissen Ablaufes am Wochenende, der mir wichtig ist oder früher war es der Stammtisch, der ist ja immer jetzt so, wird immer so schlecht angesehen. Aber so ein Stammtisch, wenn man so will, ist ja auch so eine Routine. Mit den Freunden zusammenkommen, einfach mit dem Bier vor sich und einfach ratschen. Das gibt einem Sicherheit. Die Wiederholung des immer Gleichen ist also auch was sehr Wichtiges. Aber daneben muss ich Die Routinen dürfen aber nicht überhand nehmen, sondern ich muss dann auch dieses Neuartige haben. Ich brauche beides.

Stephan Seiler 41:03
Dazu habe ich gleich eine Anschlussfrage, denn ich habe vor ein paar Jahren begonnen mit Morgenroutinen und Abendroutinen. Konnte man ja auch in vielen Zeitschriften lesen, dass das eine gute Sache sei. Ich schreibe morgens und abends ein Dankbarkeitstagebuch. Wenn ich morgens aufstehe, trinke ich zuerst mal ein heißes Glas Wasser oder ein Glas heißes Wasser, ayurvedisches Wasser, so rede ich es mir ein, wenn ich noch einen Stein reinwerfe und so Hobo Esoteriker bin ich morgens dann quasi nach dem Aufstehen dazu noch Tee kochen, Gesichtskosmetik, meditieren, lesen. Und wenn ich das alles so zusammenrechne, komme ich morgens bestimmt auf eine Stunde an Routinen und abends auch noch mal auf eine halbe Stunde. Das ist ja auch ein Zeitinvestment. Ist das gut investierte Zeit oder ist das zu viel? Wann ist es zu viel? Welche Routine ist gut, welche ist schlecht? Wie kann ich das herausfinden?

Marc Wittmann 41:52
Sie müssen einfach mit, die Routinen sollen Ihnen ja etwas bringen, die müssen ja etwas Positives bewirken und Sie dürfen nicht überhandnehmen, dass man nicht mehr offen ist für Neuartigkeit, als wenn man es rauspflückt, was Sie erzählt haben. Dass man so eine Art Tagebuch schreibt, ist ja sehr, sehr wichtig, weil man dann plötzlich sich selber reflektiert über die Dinge und die dann sozusagen, die sind ja auch erinnerungsfördernd, weil ich die Dinge aufschreibe, kann ich sie später auch besser behalten. Es geht jetzt nicht nur darum, dass man sogar nachschauen kann. Meine Mutter macht das auch, die schreibt auch dieses 85 und schreibt so ein Tagebuch. Und da habe ich einfach mal aus Spaß gesagt, was war denn am 30. Mai 2024 und hat sie Blätter, Blätter, Blätter nachgeschaut und hat mir vorgelesen, was los war. Genau, es geht nicht nur darum, sondern dass man auch de facto dann die Dinge besser behält und auch im Gedächtnis dann hat, ohne dass man es nachschlagen muss. Das heißt, zur eigenen Verarbeitung des Tagesgeschehen, wie wir uns entwickeln als Person, ist das ganz, ganz wichtig. Damit ist es eine positive Routine im besten Sinne des Wortes.

Brigitte Huber 43:00
Bei der Recherche für mein Buch habe ich auch mit einem Achtsamkeitsforscher gesprochen und der brachte dann den Hinweis, dass wir auch bei der 100. Wiederholung irgendetwas Neues erleben können, weil die Dinge ja nicht hundertprozentig gleich sind. Das ist das, was Sie vorher auch meinten, dass kein Interview wie das andere ist, dass Sie auch in diesem Interview wieder auf irgendetwas stoßen, was noch nie war. Also tatsächlich auch eine Premiere da drin ist und so dehnt sich die Zeit dann auch wieder aus, oder?

Marc Wittmann 43:32
Und man kann ja gar nicht so viel, vergisst ja auch wieder so viel. Also ein anderes Beispiel bin, als ich dann in der medizinischen Fakultät war, bin ich Psychologie gelehrt, habe den Medizinstudenten, bin ich einmal im Jahr zu einer bestimmten Einrichtung gegangen und diese Einrichtung, hat dann der Mediziner über diese Einrichtung gesprochen, was sie da so tun und wie sie es so tun. Und ich bin da dann sicher zehn Jahre mitgelaufen. Aber trotzdem, jedes Mal habe ich doch wieder was mitnehmen können. Das war jetzt nicht so, dass es langweilig war für mich, obwohl es immer dieselbe Person war, die immer dasselbe gesagt hat, wahrscheinlich ungefähr dasselbe gesagt hat, habe ich wieder neue Sachen lernen können. Ist ja nicht so, dass wir ein fotografisches Gedächtnis haben oder ein Gedächtnis, wo wir alles, sozusagen alles was gesagt wird, komplett aufnehmen. Nein, wir vergessen das. Es verändert sich, verzerrt sich und jedes neue Mal ist auch wieder in einer gewissen Weise, hat eine gewisse Erstmaligkeit, die wir dann nutzen können.

Stephan Seiler 44:29
Wie viele Premieren passen eigentlich in so ein Jahr rein? Wie viele erste Male kann ich mir zutrauen, sollte ich mir zutrauen? Ich habe nämlich einen Freund, der jedes Jahr sich vornimmt, etwas Neues zu lernen. Mal Schach, mal neue Sprache, neue Sportart etc. Ich finde es total inspirierend und versuche es ihm nachzutun. Und wenn ich es dann aber nicht schaffe, fühle ich mich wie ein Lurch. Können Sie mir dieses Gefühl nehmen?

Marc Wittmann 44:55
Ja, ich würde es. Man soll solche Sachen eher gelassen sehen. Es hat ja auch was eben, man sollte jetzt nicht das Musikinstrument lernen, damit ich es dann getan habe, weil ich dann wieder auf meiner To Do Liste was abgehakt habe. Man soll ja eher das tun, was einem gemäß ist, was einem auch Freude bereitet, was man wirklich tun will. Da geht es ja wieder um das Emotionale. Es geht ja, man kann ja auch sagen, ja, aber der Samstag, wenn ich jetzt gibt ja Leute, die sagen, ja, jetzt habe ich aber am Samstag so viel getan, jetzt müsste doch sich die Zeit dehnen. Aber es ist doch wieder so schnell vergangen. Warum? Was haben die gemacht? Die sind erst mal einkaufen gegangen, dann haben sie die Kinder zu Fußball oder Klavier gefahren, dann sind sie irgendwie am Nachmittag, haben sie die Freundin im Kaffee getroffen, dann sind sie aber wieder nach Hause, um die Einkäufe zu erledigen und dann einzuräumen. Und dann sind Sie am Abend ins Theater gefahren und dann plötzlich ist der ganze Tag wieder durchgetaktet. Am nächsten Morgen Sonntag mit der Radeltour, mit den Spätzle. Das ist der gesamte Wochenende wieder durchgetaktet. Man kommt gar nicht zum Atmen und zum Reflektieren und zum Wahrnehmen. Das ist einfach wieder so eine To Do Liste, die einfach dann wieder vorbei rauscht. Dann rauscht das Wochenende an einem vorbei eher, dass man in einem ruhigen Rhythmus das, was einem wirklich Spaß macht, was einem gemäß ist, unternimmt und das einen auch wirklich dann erfüllt. Das sozusagen, das ist das, was wir brauchen für unsere Lebenszeit.

Brigitte Huber 46:13
Herr Wittmann, was ist denn Ihre nächste Premiere?

Marc Wittmann 46:18
Was ich mache, ist Yoga? Das ist tatsächlich so. Ich nenne es aber immer gerne Geronto Yoga. Ich habe angefangen, weil vor zehn Jahren habe ich gemerkt, dass ich so steif werde und meine Partnerin hat immer Yoga gemacht. Ich habe dann immer so zugeschaut, Mach das richtig, das ist nichts für mich. Und dann habe ich ein Erweckungserlebnis gehabt mit einem Kollegen, der zu Yoga ging, als ich ihn besuchte, Lehrveranstaltungen, Girland. Und es war eine Wohltat, wie ich mich körperlich fühlte danach. Ich war richtig high, Ich habe so ein Yoga Hai gehabt und das brauchst dann weiß was brauchst. Und dann habe ich das weitergemacht und seitdem mache ich das und ich habe richtig Wow, das hat mich jetzt körperlich und seelisch verändert.

Stephan Seiler 47:03
Eine andere Knautschzone der Zeit ist ja auch noch die Warteschlange. Wir leben in einem Zeitalter des Fachkräftemangels, wie es ja immer so heiß überall, wo wir Serviceleistungen erwarten und auch bezahlen müssen. Wir warten immer öfter, zumindest in der Post, im Kiosk, in Restaurants, immer mehr, immer länger. Wie sehen Sie das? Sehen Sie das als Müßiggang, als unfreiwilligen Müßiggang? Sehen Sie das als kostbare Zeit, in der man sich dann nicht mit dem Telefon beschäftigen sollte? Wie nutzen Sie diese Warteschlangen? Sehen Sie das nicht als große Konfliktzone der Gesellschaft und auch vielleicht als persönliches Scheusal?

Marc Wittmann 47:42
Ja, das ist wichtigste Konfliktzone, wenn Sie so wollen. Die Deutsche Gesellschaft für Konsumforschung hat also 2016 oder so war das, da habe ich es da mal rausgegriffen eine Umfrage gemacht, was die Menschen im Alltag am meisten stört. Und da ist Nummer 1 Warten. Also warten und dann Stau oder so diese zwei Dinge, das ist das, was die Menschen am meisten im Alltag stört. Und das nehme ich gerne auch so bei Vorlesungen mit, um dann den Studenten zu zeigen, weil wie Sie am Anfang auch sagten, manche denken, das ist doch ein bisschen ein Orchideenfach, die Zeit, sich in der Zeitwahrnehmung zu tummeln. Ja, was ist denn das? Das braucht doch keiner. Aber dann zeige ich Ihnen, das ist genau Wartezeit, dass die Leute nicht es aushalten, mit sich selbst in der Zeit zu leben. Und das ist das, was die meisten Leute tatsächlich total wütend macht. Deswegen hupen die Leute im Stau und werden rasend wild oder beschweren sich in den Schlangen vor dem Supermarkt. Und de facto, wenn man sich anschaut, diese selbe Gesellschaft für Konsumforschung macht dann auch Untersuchungen, stellt fest, im Durchschnitt wartet man, ich weiß, dreieinhalb bis vier Minuten von einer Supermarkt Schlange, weil es doch relativ flott heutzutage geht. Und das ist eigentlich nichts, drei bis vier Minuten. Und trotzdem ist es zu viel für die Leute. Das heißt, es zeigt ja schon, wie wir auch im Umgang mit uns selbst und der Zeit erlernen sollen. Es ist gar nicht so sehr jetzt die Zeit als Abstraktum, sondern eigentlich mit uns selbst, denn es sind wir, die wir uns selbst erleben in der leeren Zeit. Und diesen Umgang zu lernen, das ist ganz wichtig.

Brigitte Huber 49:19
Würden Sie dann eher ermuntern, dass man in der Warteschlange mal in sich ruht oder ist es durchaus okay, wenn man da zwei SMS schreibt?

Marc Wittmann 49:29
Man kann es ja ganz flexibel treiben, dass man sagt, okay, jetzt vielleicht wollte ich jetzt schon den ganzen Tag diese eine SMS schreiben, jetzt habe ich endlich Zeit dazu. Wunderbar, die meisten zücken sowieso das Handy dann oder viele, oder aber man kann auch sagen, okay, jetzt nehme ich mir mal die Zeit und ich schaue mal, was habe ich eigentlich heute erlebt. Das ist wie so eine kleine Meditationsinduktion. Da geht es jetzt nicht um Ruhe und Stille, sondern eher um das Meditieren im Sinne des Nachdenkens, dass man schaut, was ist heute eigentlich gewesen, wie war das eigentlich, Ich hatte vielleicht einen Konflikt mit dem Kollegen oder so und was mache ich nachher, wenn ich nach Hause gehe, was ist da und so, dass man dann diese drei, vier Minuten sind nur drei, vier Minut nutzt, in sich zu gehen und das dann zu nutzen.

Brigitte Huber 50:14
Dann sind Sie also der Mann, der während der Warteschlange sein Handy stecken lässt, oder?

Marc Wittmann 50:20
Ja, wahrscheinlich. Ich bin so wie alle Menschen auch genauso deppert. Aber das sind dann Sachen, die dann doch rüberfließen aus der Forschung ins Alltagsleben, dass wenn ich in der Warteschlange bin, denke ich natürlich sofort an meine eigene Forschung und dann muss ich mich ja zusammenreißen. Ich kann mich ja jetzt nicht gehen lassen, weil ich ja dieses ganze Wissen habe. Und dann bin ich dann schon wieder ein Stück gelassener.

Stephan Seiler 50:42
Sie schreiben, dass der Umgang mit der Zeit für den Erfolg im Leben wichtiger ist als unser IQ Intelligenzquotient. Wie genau meinen Sie das?

Marc Wittmann 50:54
Ja, wir haben es im Grunde, so wie Sie jetzt die Frage formuliert haben, haben wir es noch nicht besprochen, aber es bezieht sich im Grunde auf das, was wir vorher gesagt haben. Dieser Umgang mit der Zeit, auch in dem Sinne von der Selbstregulationsfähigkeit, ist das Wichtigste. Zum Beispiel, dass wir die verschiedenen Zeitperspektiven, dass wir die richtig nutzen und da nicht feststecken in der einen oder der anderen. Also warum ist das wichtiger als der IQ? Also mit einem mittleren IQ, wenn man sozusagen guten Zeitumgang hat und gute Selbstregulationsfähigkeit hat, dann kann man eigentlich mit einem mittleren IQ das meiste tun. Da gibt es überhaupt nichts. Durch Motivation, durch Fleiß etc. Kann man mit einem mittleren IQ eigentlich fast alles machen. Aber jemand, der sozusagen nur noch feststeckt in seiner Gegenwartsinsel und dann nicht rauskommt und die Zukunft nicht sieht, auch mit hohem IQ, wird der scheitern, weil er sozusagen nicht lernen kann, was wichtig ist in der Zukunft und dementsprechend handelt. Also es gibt ja diesen Marshmallow Test zum Beispiel, gibt es ja eine ganz berühmte, konnte man auch, das war ja alles eine homogene Kindergruppe von alles Akademiker, Kindern von einer Universität, einer Elite Uni, also alle relativ homogen. Und da konnte sich zeigen, dass die Kinder, die auf diesen zweiten Marshmallow warten konnten, der vor ihnen stand, die konnten, also manche haben ihn einfach sofort.

Stephan Seiler 52:22
Erklären Sie den kurz, noch mal kurz für unsere Hörerinnen und Hörer, den kennt glaube ich nicht jeder.

Marc Wittmann 52:26
Genau, die Kinder saßen da im Kindergarten und da kam dann die Psychologin und hat ihnen so ein Marshmallow hingestellt und gesagt, oh, den kannst du jetzt haben, wenn Du willst kein Problem, aber wenn du warten kannst, so 10 Minuten und dann komme ich wieder und bring dir einen zweiten Marshmallow und dann hast du beide, kannst du beide essen. Und dann haben sie einfach geschaut, wie lange dauert es, essen überhaupt den einen oder wie lange dauert es, bis sie den einen essen. Und das war auch so. Die Leute, die Kinder haben total, waren ganz unterschiedlich. Einen haben sofort den Marshmallow gegessen, sobald die Psychologin draußen war. Die anderen haben so ein bisschen gewartet, haben so gespielt im Sinne von Selbstregulationsfähigkeit, haben sich zum Beispiel dann abgelenkt, die haben ein Lied gesummt oder haben die Augen geschlossen oder sind aufgestanden, sind rumgelaufen. Das ist Selbstregulationsfähigkeit, dass man mit diesem Problem umgehen kann. Ich möchte den Marshmallow jetzt essen, aber warte lieber auf den zweiten. Und manche haben es noch geschafft zu warten. Und dann hat man tatsächlich 15 Jahre später wieder den, hat man die Leute wieder genommen, getestet und hat in den USA Mathe und Sprachtests machen lassen, die braucht man sowieso, um an der Uni und Uni zu studieren und hat geschaut, wie das zusammenhängt der Fähigkeit in diesem Test. Und die Leute, die Kinder, die besser warten konnten vor 15 Jahren, haben auch bessere Testergebnisse gehabt. Nicht, weil sie jetzt intelligenter waren, haben sie bessere Testergebnisse gehabt, sondern weil sie wahrscheinlich bessere Selbstregulationsfähigkeit haben, Weil sie zum Beispiel gelernt haben, ich muss Hausaufgaben machen, weil mir das in der Zukunft was bringt. Das heißt, die Kinder, die, das ist die Interpretation, die sofort den Marshmallow genommen haben und dann eher wenig Hausaufgaben gemacht haben, sondern lieber gespielt haben, die waren dann nicht so erfolgreich. Und witzig ist, man hat es noch weiter gemacht. 40 Jahre später hat man wieder eine Untersuchung gemacht, dieselben Kinder, 40 Jahre später wieder, als sie schon im Berufsleben und in der Familie waren, die waren so Mitte 40 dann. Und da zeigte sich dann auch, dass auch die, die auf den Marshmallow warten können, dass sie generell im Leben mehr Freunde hatten und auch erfolgreicher im Beruf waren.

Brigitte Huber 54:43
Und es war eben auch so, dass alle aus dem gleichen Milieu stammen.

Marc Wittmann 54:46
Genau, aber das war das Gute, dass es so eine homogene Gruppe war, die alle Akademikerkinder waren. Also das kann man nicht so milieuspezifisch argumentieren, sonst, wenn die jetzt aus verschiedenen Milieus kämen, würde man sagen ja, das liegt halt an der Sozialisation oder so irgendwie. Das sind natürlich wichtige Effekte, aber so haben die eine ähnliche Sozialisation gehabt. Und die Unterschiede konnte man dann gut erklären durch diese Selbstregulationsfähigkeit.

Stephan Seiler 55:14
Jetzt frage ich mich gegen Ende unseres Gesprächs, was fangen wir denn jetzt mit diesem ganzen Wissen an rund um die Zeit? Wie kann ich das konkret nutzen? Wie können zum Beispiel neue Erlebnisse mein Zeitgefühl ganz konkret verbessern oder beeinflussen? Was heißt das am Ende? Was kommt am Ende raus?

Marc Wittmann 55:34
Das ist ja wurscht, wie es passiert ist immer die Ist es im Gehirn oder psychologisch, wie es passiert, ist ja wurscht. Aber wir haben sozusagen diese die Effekte sind ja da, die wir untersuchen. Also wenn ich viel Neues erlebe, das dehnt für mich die subjektive Zeit. Und das ist ja etwas, das in dem existenziellen Sinne auch wichtig ist für uns, weil wir merken, wir haben ein erfülltes Leben gehabt. Midlife Crisis ist ja häufig dadurch hervorgerufen, dass die Leute Mensch, jetzt habe ich im Beruf habe ich Erfolg, ich habe Familie, aber ich habe die ganze Zeit nur gearbeitet, hingerödelt und jetzt ist meine halbe Lebenszeit vorbei. Und das kann da zu einer existenziellen Krise führen. Wenn ich aber sozusagen diese ganzen Komponenten der Selbstregulationsfähigkeit habe, ich mir selber viel mehr achtsamer und bewusst bin, wie ich bin und wie ich im Leben stehe und die Zeit langsamer vergeht, ist ein ganzer komplexer, dann bin ich ein zufriedener Mensch und habe dann weniger existenzielle Nöte.

Stephan Seiler 56:37
Also Zufriedenheit ist der Mehrwert am Ende, den ich rausziehen kann. Wenn ich mit meiner Zeit besser haushalte.

Marc Wittmann 56:43
War das eine emotionale Komponente? Die emotionale Komponente, die sicherlich ganz wichtig ist in der Bewertung unseres Lebens. Wenn ich zu einem Schluss komme, dass ich irgendwie viel in meinem Leben verpasst habe, dass die Zeit so schnell vergangen ist, jetzt werde ich schon alt, das ist natürlich, dann kann durchaus tragisch sein dann Und dann spüren wir sozusagen unsere Endlichkeit und das ist ganz negativ. Und das Glücksgefühl, das Zufriedenheitsgefühl kann durch ein erfülltes Leben durchaus erwachsen, auch im Sinne von so einer Weisheitsdimension, die da eine Rolle spielt, dass ich lerne, mich selber zu akzeptieren, und zu wissen, wer ich bin und auch jetzt für die Zukunft hin gute Entscheidungen zu treffen.

Brigitte Huber 57:31
Ich glaube, das ist jetzt ein guter Moment, um auf unsere Entweder Oder Rubrik zu kommen. Und Sie dürfen sich entscheiden, immer zwischen zwei Begriffen, in dem Fall zuerst mal zwischen zwei Zitaten. Ein Zitat ist heute sogar schon mal gefallen, und zwar KP Diem. Und zwar heißt das in seiner Langversion Nutze den Tag, vertraue so wenig wie möglich auf den Nächsten.

Stephan Seiler 57:56
Oder Stephan der andere Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern neue Augen zu haben.

Marc Wittmann 58:08
Dann wähle ich das Zweite, Nehmen Sie das Zweite.

Stephan Seiler 58:11
Ja, warum?

Marc Wittmann 58:12
Das heißt ja, dass ich wieder quasi lerne, dass ich nicht eine einzigartige Perspektive und die einzig richtige habe auf die Welt, sondern dass ich mit verschiedenen Perspektiven, mit neuen Augen neu interpretiert die Welt anschauen kann. Das heißt, ich bin flexibel und ich kann lernen und kann auch mich verändern. Es ist ja Ändere dein Leben, ändere dich, verbessere dich, ändere dich. Das ist das Essentielle, glaube ich, an diesem Satz.

Brigitte Huber 58:40
Nächstes Entweder oder Bauchgefühl oder ich sage Uhr.

Marc Wittmann 58:46
Wenn man sich entscheiden muss, dann würde ich Bauchgefühl sagen, aber das bringt jetzt nicht so viel, weil Bauchgefühl ist dann wichtig, wenn man wirklich ein Experte in der Sache ist. Wenn ich kein Experte in der Sache bin, dann kann das Bauchgefühl völlig falsch laufen und ich mache den völligen Quatsch. Aber wenn ich in der Sache mich gut auskenne, dann sagt mir das Bauchgefühl tatsächlich, wie der richtige Weg ist.

Brigitte Huber 59:10
Jetzt warten oder aufschieben?

Marc Wittmann 59:16
Warten, ja, es ist irgendwie so neutraler, weil warten kann ja auch positiv sein, aber aufschieben hat schon so eine leicht negative Komponente, weil es heißt, ich möchte mich mit der Sache nicht auseinandersetzen und lieber in der Zukunft mich damit beschäftigen, aber die Zukunft kommt garantiert und dann ist es doch wieder da. Dann hat mir das Aufschieben nichts genützt.

Stephan Seiler 59:34
Und um die Zeit zu nutzen, die Jetztzeit zu nutzen, lieber meditieren, oder? Sehr schön. OK, ich habe da noch eine Anschlussfrage. Wir sprechen immer über die Balance zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Viele Menschen, schon in meinem Alter, Mitte 40, aber auch wenn sie noch älter werden, da beobachte ich das jenseits der 60 oder 70, beschäftigen sich sehr viel mit der Vergangenheit. Was ist denn in welchem Alter eine gute Balance? Zu wie viel Prozent sollte ich mich mit 40 mit der Vergangenheit beschäftigen, der Gegenwart in der Zukunft? Und zu wie viel Prozent meine Eltern, die so um die 80 sind.

Marc Wittmann 60:14
Also aus der psychologischen Literatur weiß man eigentlich, dass sozusagen der Anteil, wie man sich mit der Zukunft oder Vergangenheit beschäftigt, gar nicht so wesentlich verändert mit dem Alter. Das hat man früher immer gedacht. Aber was sich ändert, ist sozusagen der Zeithorizont. Ist ja ganz klar. Wenn ich 20 bin, dann habe ich einen Zeithorizont von 20 30 Jahren. Wenn ich aber 90 bin, dann nicht mehr, dann habe ich vielleicht noch den Zeithorizont von einem Jahr, zwei Jahren. Also jetzt gar nicht über den de facto Zeithorizont des Lebens, sondern den subjektiven Zeithorizont. Das heißt, der wird im zunehmenden Lebensalter immer geringer. Aber die Anzahl der Dinge, die da drin vorhanden sind, auch der Jährige plant morgen einen Spaziergang zu machen, einzukaufen, die Enkel zu besuchen etc. Das bleibt ja trotzdem, auch wenn der Zeithorizont kleiner wird. Und das heißt, da passiert nicht so viel. Aber natürlich, der ältere Mensch hat natürlich dann ein viel längeres Leben, aus dem er schöpfen kann und Erinnerungen schöpfen kann. Die Jüngeren auch haben einen kürzeren Zeithorizont jetzt wieder. Das heißt, die können dann auch gar nicht so über so lang zurückliegende Dinge vielleicht reden. Und da ergibt sich das auch schon wieder, warum es uns so vorkommt, dass die älteren Leute vielleicht mehr von der Vergangenheit reden. Aber es ist jetzt zumindest, das sagen die Gerontologen, die Psychologen, die sich damit beschäftigen, also wenn wir jetzt von gesunden älteren Menschen sprechen, die haben durchaus auch genauso ihre Zukunftspläne. Die gehen dann mit ihrer Wandergruppe irgendwo hin und machen auch diese ganzen Pläne und packen ihren Rucksack für morgen etc. Die sind da auch sehr zukunftsorientiert.

Brigitte Huber 61:52
Wir haben auch von der inneren Uhr gesprochen. Hat die denn einen festen Platz im Körper oder im Gehirn?

Marc Wittmann 61:58
Ja, die innere Uhr. Es gibt ja den circadianen Rhythmus, das ist die Stunden Uhr, die wir in allen Zellen bei uns eingebaut haben und die für alle Funktionen zuständig sind und die über das Licht vermittelt wird, über sonnenlicht, also eine 24 stunden periodizität hat. Und das definiert zum beispiel den schlaf wach rhythmus, den wir haben. Deswegen sind wir mal müder, mal wacher. Deswegen schlafen wir deswegen ganz wach. Aber das verändert sich tatsächlich alles über den Tag, von der Physiologie über die Psychologie. Das ist die einzige echte innere Uhr, die wir haben. Rückblickend ist es das Gedächtnis und im Moment erlebend ist es tatsächlich, dass wir über unsere Körperwahrnehmung, die Interozeption heißt es dann, den Verlauf der Zeit im Moment erleben. Da gibt es Hirnregion der Insul, die Insula, die ist tatsächlich dafür, die Körpersignale aufzunehmen und diese Insula schafft unser Gefühl für den Verlauf der Zeit im Moment, zum Beispiel in der Wartezeit. Wenn ich jetzt auf den Bus warte, dann merke ich, wie die Zeit so langsam vergeht. Warum? Weil ich über meine Körperlichkeit das bemerke, wenn ich abgelenkt bin von mir, meiner Körperlichkeit, weil ich zum Beispiel mit jemandem ganz aufgeregt spreche, dann vergeht die Zeit ganz schnell, weil ich mich selber nicht so wahrgenommen habe, meine Körperlichkeit nicht so wahrgenommen habe.

Brigitte Huber 63:15
Okay, das heißt, wir achten in Zukunft auch alle mehr auf unsere Insula, auf.

Marc Wittmann 63:19
Unseren Körper und das kann dann über die Insula sozusagen vermittelt werden ins Bewusstsein.

Brigitte Huber 63:25
In diesem Sinn, vielen Dank, Herr Wittmann, herzlichen Dank, dass Sie uns, das muss jetzt kommen, Ihre Zeit geschenkt haben, dieses Gespräch. Das wird uns und unsere nächsten Wochen und unsere Zeit mit Sicherheit richtig inspirieren. Dankeschön.

Marc Wittmann 63:42
Und Sie haben jetzt die Zukunft des Schneidens.

Stephan Seiler 63:45
Ja, allerdings danke auch für die Tipps zum Zeitmanagement für ADHS Menschen. Ich glaube, einige andere werden das sehr zu schützen wissen. OK, machen Sie es gut, Herr Wittmeier, Wir wünschen Ihnen eine schöne Zeit. Das war die Sache mit dem Älterwerden, der Podcast mit Brigitte Huber und Stephan Seiler.

Brigitte Huber 64:08
Vielen Dank an Leo Ebert-Glang für die Titelmelodie, das Sounddesign und den Schnitt.

Stephan Seiler 64:13
Und an Alina Savalis für die Covergestaltung.

Brigitte Huber 64:17
Die Sache mit dem Älterwerden erscheint mittwochs auf allen gängigen Podcast Plattformen.

Stephan Seiler 64:21
Folgt uns, abonniert uns, dann verpasst ihr.

Brigitte Huber 64:24
Keine Folge und empfehlt uns bitte weiter. Das würde uns sehr freuen.

Stephan Seiler 64:30
Wenn ihr uns Feedback schicken möchtet, egal ob positiv oder negativ oder wenn ihr Themenvorschläge für uns habt, schreibt uns eine E Mail, eine Textnachricht oder Sprachnachricht auf unserem Instagram oder Facebook Kanal.

Brigitte Huber 64:43
Alle Infos findet ihr auch schriftlich zu dieser Folge in der Zusammenfassung in eurem Podcast Player.

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Folge

17

·

87 Min.

Mit

Helma Sick

Geld, Freiheit, Lebensfreude – wie geht’s zur finanziellen Unabhängigkeit?

Impulse aus dieser Folge

💡

Zum Ausprobieren

Wartezeit ist nutzbare Zeit: eine liegengebliebene Sache erledigen oder kurz nachdenken, was der Tag bisher gebracht hat. Beides bringt einen zu sich zurück.

💡

Zum Ausprobieren

Aus der Routine ausbrechen und viel Neues erleben: Das schafft mehr Gedächtnisspuren und dehnt die Zeit im Rückblick.

💡

Zum Ausprobieren

Nur wer gegenwärtig erlebt, spürt die Zeit als langsam und reich. Wer nur nach vorn schaut, verpasst sich selbst.

💡

Zum Ausprobieren

Wer etwas tut, das Sinn ergibt, braucht weniger digitale Ablenkung. Im Rat-Park-Experiment ignorierten Ratten in reizreicher, sozialer Umgebung die angebotenen Drogen.

💡

Zum Ausprobieren

Routinen geben Sicherheit, die man braucht. Sie dürfen aber nicht alles überwuchern.

💡

Zum Ausprobieren

Das Handy beim Ausflug bewusst weglassen. Abstinenz trainiert die Selbstregulation und macht einen wieder zum Herrn der eigenen Zeit.

💡

Zum Ausprobieren

Erste Male nicht als To-do abhaken. Man tut, was einem gemäß ist und Freude macht; ein durchgetaktetes Wochenende rauscht vorbei.

💡

Zum Ausprobieren

Wartezeit ist nutzbare Zeit: eine liegengebliebene Sache erledigen oder kurz nachdenken, was der Tag bisher gebracht hat. Beides bringt einen zu sich zurück.

💡

Zum Ausprobieren

Das Handy beim Ausflug bewusst weglassen. Abstinenz trainiert die Selbstregulation und macht einen wieder zum Herrn der eigenen Zeit.

💡

Zum Ausprobieren

Routinen geben Sicherheit, die man braucht. Sie dürfen aber nicht alles überwuchern.

💡

Zum Ausprobieren

Nur wer gegenwärtig erlebt, spürt die Zeit als langsam und reich. Wer nur nach vorn schaut, verpasst sich selbst.

💡

Zum Ausprobieren

Wer etwas tut, das Sinn ergibt, braucht weniger digitale Ablenkung. Im Rat-Park-Experiment ignorierten Ratten in reizreicher, sozialer Umgebung die angebotenen Drogen.

💡

Zum Ausprobieren

Aus der Routine ausbrechen und viel Neues erleben: Das schafft mehr Gedächtnisspuren und dehnt die Zeit im Rückblick.

💡

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Erste Male nicht als To-do abhaken. Man tut, was einem gemäß ist und Freude macht; ein durchgetaktetes Wochenende rauscht vorbei.

💡

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Wartezeit ist nutzbare Zeit: eine liegengebliebene Sache erledigen oder kurz nachdenken, was der Tag bisher gebracht hat. Beides bringt einen zu sich zurück.

💡

Zum Ausprobieren

Wer etwas tut, das Sinn ergibt, braucht weniger digitale Ablenkung. Im Rat-Park-Experiment ignorierten Ratten in reizreicher, sozialer Umgebung die angebotenen Drogen.

💡

Zum Ausprobieren

Das Handy beim Ausflug bewusst weglassen. Abstinenz trainiert die Selbstregulation und macht einen wieder zum Herrn der eigenen Zeit.

💡

Zum Ausprobieren

Aus der Routine ausbrechen und viel Neues erleben: Das schafft mehr Gedächtnisspuren und dehnt die Zeit im Rückblick.

💡

Zum Ausprobieren

Routinen geben Sicherheit, die man braucht. Sie dürfen aber nicht alles überwuchern.

💡

Zum Ausprobieren

Erste Male nicht als To-do abhaken. Man tut, was einem gemäß ist und Freude macht; ein durchgetaktetes Wochenende rauscht vorbei.

💡

Zum Ausprobieren

Nur wer gegenwärtig erlebt, spürt die Zeit als langsam und reich. Wer nur nach vorn schaut, verpasst sich selbst.

Empfohlen in dieser Folge

📕

buch

Seneca, De brevitate vitae

🔬

forschung

500 Menschen aus Österreich und Bayern: Die letzten zehn Jahre vergehen mit dem Alter gefühlt schneller – repliziert in Italien, den Niederlanden, Neuseeland und Japan

🔬

forschung

Studie zur Belohnungsaufschub

🔬

forschung

Warten und Stau stören im Alltag am meisten; an der Supermarktkasse wartet man im Schnitt 3,5 bis 4 Minuten

🔬

forschung

Mit Forschern aus sechs europäischen Ländern: Je mehr digitale Medien, desto schneller vergeht die gefühlte Lebenszeit

🔬

forschung

Entspannungstechnik im dunklen, warmen Salzwasserbecken, zu der Marc Wittmann forscht

📕

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Mit Forschern aus sechs europäischen Ländern: Je mehr digitale Medien, desto schneller vergeht die gefühlte Lebenszeit

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500 Menschen aus Österreich und Bayern: Die letzten zehn Jahre vergehen mit dem Alter gefühlt schneller – repliziert in Italien, den Niederlanden, Neuseeland und Japan

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Warten und Stau stören im Alltag am meisten; an der Supermarktkasse wartet man im Schnitt 3,5 bis 4 Minuten

🔬

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Entspannungstechnik im dunklen, warmen Salzwasserbecken, zu der Marc Wittmann forscht

Zitate aus dieser Folge

Nur wenn wir gegenwärtig erleben, können wir auch Zeit als langsam vergehend, als emotional reichhaltig erleben.

Marc Wittmann

Folge

7

·

Sie wollen ja nicht zum Chirurgen gehen und sagt Ihnen dann ich mache diese Operation genau zum ersten Mal.

Marc Wittmann

Folge

7

·

Die digitalen Medien nehmen uns die Lebenszeit, die gefühlte weg.

Marc Wittmann

Folge

7

·

Ich bin so wie alle Menschen auch genauso deppert.

Marc Wittmann

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7

·

Nur wenn wir gegenwärtig erleben, können wir auch Zeit als langsam vergehend, als emotional reichhaltig erleben.

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Huber & Seiler

Die Sache mit dem Älterwerden.

Klüger älter werden, ohne sich jünger machen zu müssen.

Ein unabhängiger Podcast von Brigitte Huber & Stephan Seiler.

Huber & Seiler

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