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51
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53 Min.
Wieso aktualisieren wir unser Smartphone öfter als das Bild von unseren Mitmenschen? Warum reduziert uns die eigene Familie so gerne auf die Version von früher? Und können wir wirklich auch im Zug trainieren?
Warum akzeptieren wir völlig selbstverständlich, dass sich Städte, Berufe und Körper verändern, erwarten aber bei Menschen ständige Beständigkeit?
Psyche

In dieser Folge hinterfragen Brigitte Huber und Stephan Seiler das Phänomen falscher Zuschreibungen und alter Schubladen. Inspiriert von George Bernard Shaws berühmtem Zitat über seinen Schneider* geht es um die Kunst, verstaubte Etiketten abzureißen und den Mut aufzubringen, sich selbst sowie das eigene Umfeld immer wieder neu zu vermessen. Stephan spricht über sein spätzündendes ADHS-Outing und die Befreiung von alten Glaubenssätzen, während Brigitte erzählt, wie sie ihr Harmoniebedürfnis im Alltag neu ausbalanciert hat. Zudem blicken die beiden auf die besten Alltags-Hacks von Sportwissenschaftler Ingo Froböse (Folgen 49 & 50) zurück – von Kniebeugen im ICE bis hin zur Liegestütz-Motivation – und geben einen bewegenden Ausblick auf das Thema Trauma und Resilienz mit Verena König (in den Folgen 51 & 52).
Kapitelmarken
00:00 Der Schneider, der jedes Mal neu Maß nimmt
01:32 Warum andere oft nur unsere alte Version sehen
04:08 „So bin ich halt“ - wenn das eigene Bild nicht mehr stimmt
09:53 Sind wir selbst die schlechtesten Schneider unseres Lebens?
12:39 Muss ein Streit wirklich vor dem Schlafengehen geklärt sein?
18:10 Was bedeutet gutes Älterwerden eigentlich?
23:03 Was kann mein Körper heute? Der Froböse-Rückblick
27:00 Der 15-Sekunden-Test: Fitness oder Selbstständigkeit?
32:36 Acht Stunden sitzen - wie Bewegung trotzdem in den Alltag passt
38:42 Über 90 und zurück in die Selbstständigkeit
44:50 Was bleibt nach einem erschütternden Erlebnis?
51:31 Bedeutet Heilung wirklich, wieder der Alte zu werden?
Transkript zur Folge
Brigitte Huber 0:02
Stephan, spitz die Ohren.
Stephan Seiler 0:04
Sie sind gespitzt.
Brigitte Huber 0:05
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft. Während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen und denken, sie passten auch heute noch.
Stephan Seiler 0:23
Story of my life.
Brigitte Huber 0:24
Story of your life. Okay, wir verraten vielleicht gleich mal, es ist von George Bernard Shaw. Einem irischen Dramatiker, Satiriker, dem einzigen Mann bis 2016, der— spitz die Ohren noch mal— sowohl den Literatur-Nobelpreis als auch einen Oscar erhalten hat. Weißt du, wer ab 2016 dann der zweite Mensch war?
Stephan Seiler 0:49
Bob Dylan?
Brigitte Huber 0:51
Genau. Super. Aber jetzt stellen wir uns vielleicht erst mal vor, oder?
Stephan Seiler 0:55
Das hier ist Die Sache mit dem Älterwerden. Wir werden hier gemeinsam älter, jede Woche aufs Neue.
Brigitte Huber 0:59
Mein Name ist Brigitte Huber.
Stephan Seiler 1:01
Ich bin Stephan Seiler und das ist Die Sache mit dem Älterwerden.
Brigitte Huber 1:10
Wunderbar. Also Stephan, jetzt abgesehen davon, dass wir heute keinen Schneider mehr haben oder die wenigsten von uns. Also ich habe schon einen Schneider, aber keinen, der mir irgendwelche Maßanfertigungen macht, sondern irgendwelche Jeans Flecken irgendwo draufklebt, klebt nicht, näht oder etwas kürzt. Was löst dieses Zitat bei dir aus?
Stephan Seiler 1:33
Ich habe mich da gesehen, wie man ja heute so sagt. Denn kaum etwas ging mir in den vergangenen 30 Jahren meines Erwachsenenlebens so sehr auf den Keks wie falsche Zuschreibungen von außen, die darauf basieren, wie eine Person mich früher mal wahrgenommen hat, die nicht festgestellt hat, dass ich mich womöglich auch weiterentwickelt habe, vielleicht ganz andere Interessen habe, vielleicht nicht mehr mit Playmobil spiele und Benjamin Blümchen höre, was früher, oder mich mit dieser oder jener Freizeitbeschäftigung auseinandersetze, sondern die mich quasi immer noch darauf reduzieren, was ich vielleicht in den Augen anderer mal war.
Brigitte Huber 2:12
Auch was Persönlichkeitsstrukturen oder Charaktereigenschaften angeht oder Verhaltensweisen. Also dass man irgendwann aus dem Benjamin-Blümchen-Alter rauswächst.
Stephan Seiler 2:22
Ja, ganz besonders charakterliche Eigenschaften. Und das finde ich immer wieder, nervt mich immer wieder und vor allem bei Leuten, die mich eigentlich besonders gut kennen. Gerade in der Familie, gerade auch bei guten Bekannten. Die besten Freunde sind es eher nicht, sondern es sind eher Leute, denen man ab und zu mal begegnet. Auch alte Schulfreunde von früher. Und ich glaube, niemand kennt einen so lange wie die eigene Familie und die Freunde von früher. Und vielleicht sehen die einen genau deshalb so alt, in der alten Version, wie die Vertrauten von früher.
Brigitte Huber 2:56
Ja, also in Wahrheit ist es ja so, was ja wirklich irre spannend ist, und es ist eigentlich eine Fähigkeit der Menschen, dass wir uns erst mal von einem Menschen innerhalb von wenigen Nanosekunden schon ein Urteil machen. Da gibt es auch Studien dazu und das ist mit Sicherheit auch manchmal sinnvoll, weil wir da unser Bauchgefühl einschalten und so weiter und so fort und ein Gefühl entwickeln. Aber jetzt, wenn wir jetzt mal wirklich auf die Menschen in unserem Umfeld gehen, dann wird das, wenn man jetzt jemand neu kennenlernt, wahrscheinlich je nachdem, wie häufig man den sieht, sagen Sagen wir einen neuen Partner. Wann hat man ein Bild von einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin? Vielleicht nach ein paar Monaten, nach einem Jahr, vielleicht nach 2 Jahren. Aber dann ist das, ich weiß es nicht, zu 90, 95% festgezurrt. Und dann muss schon ziemlich was passieren, damit dieses Bild wieder erschüttert wird oder bewegt wird im positiven Sinn. Also ich denke zum Beispiel an meinen jüngeren Sohn, der immer wahnsinnig unpünktlich war, chronisch unpünktlich. Und es ist so, wenn der heute sagt: Okay, ich bring dir, keine Ahnung. Sehr sympathisch. Ja, sehr sympathisch. Macht einen auch überhaupt nicht irgendwie kirre als Mutter.
Stephan Seiler 4:06
Meine Liebe hat er. Ich würde dir was verzeihen. Ja, auf jeden Fall.
Brigitte Huber 4:10
Wenn der heute sagt, ich bring dir bis halb 10 dies oder jenes vorbei, dann ist es so, ich erwische mich dann selber, dass ich um 5 vor halb 10 anrufe und sage: Wo bleibt das Ding? Und er sagt: Mama, ich stehe quasi schon vor der Tür. Und dann sagt er: Du hast immer noch das alte Bild von mir. Und das stimmt. Und umgekehrt, wenn er wieder einmal zu spät kommt, was immer noch passiert, dann sagt mein ganzes Innere: Wusst ich's doch. Das heißt, ich glaube, wenn sich irgendein Bild einmal verfestigt hat, dann ist es auch schwer, da wieder rauszukommen. Und ich glaube, das ist ja nicht nur spannend bei unseren Partnern, Freundinnen, Verwandten, Bekannten, Arbeitskolleginnen und so weiter, da immer wieder mal die Tür aufzumachen. Was ich ganz spannend finde, ist, man hat ja auch ein Bild von sich selbst. Selber. Und das finde ich dann auch immer, hört man dann auch manchmal sich selber reden. Ja, so bin ich halt. Also ich sag dann zum Beispiel immer, ja, digital war ich ja noch nie so eine Leuchte. Und dann erzähle ich mit Sicherheit die Geschichte, als ich 25 war und mein älterer Sohn mir gesagt hat, mein Computer wird nie funktionieren, wenn ich ihn nicht anstecke vorher. Also und das ist dann in meiner Biografie eingezimmert und ich sehe immer die Sachen, die auf dieses Urteil über mich einzahlen, viel größer als die, die es durchbrechen. Weißt du, was ich meine?
Stephan Seiler 5:36
Ja, ja, ja, ja. Ich kenne es ja auch aus eigenem Erleben. Ich bin ja wahrscheinlich auch nicht besser. Aber wir aktualisieren glaube ich echt unsere Handys, unsere Smartphones häufiger als unser Bild von anderen Menschen. Habe ich so den Eindruck. Und vielleicht ist das auch das Seltsame.
Brigitte Huber 5:50
Ja, und die Frage ist ja, wie lässt sich das aktualisieren? Also ich finde jetzt gerade, was du sagst, von jetzt sehr langjährigen Freundinnen und Freunden habe ich es eher gar nicht so sehr, weil wenn ich die dann treffe, frage fragt man ja wieder neu: Wo stehst du? Wo gehst du? Was hat sich bei dir verändert?
Stephan Seiler 6:07
Also das meine ich so mit Ex-Freunden. Ich meine eher so Leute, die einen schon vielleicht nach 10 Jahren nicht mehr gesehen haben, 5 Jahre nicht mehr gesehen haben. Alte Kolleginnen und Kollegen zum Beispiel. Also das habe ich auch erlebt bei unserem früheren gemeinsamen Arbeitgeber, einem großen Verlag in Hamburg. Wenn ich da noch einigen Kolleginnen und Kollegen von früher begegne, die haben eben auch das Bild von mir von damals mit meinen Stärken und Schwächen, wahrscheinlich auch eher mit meinen zappeligen Schwächen und können dann womöglich auch nicht sehen, was sich in meinem Leben getan hat, dass ich mich auch seitdem noch mal neu kennengelernt habe, auch noch mal neu ausgerichtet habe. Das ist dann für manche wirklich schwierig nachzuvollziehen. Und ich finde es so seltsam, dass wir völlig selbstverständlich akzeptieren, dass sich Städte verändern, Körper verändern, Jobs, Beziehungen verändern. Nur bei Menschen erwarten wir Beständigkeit. Wir speichern voneinander quasi Versionen ab, habe ich das Gefühl, und die müssen dann wieder stimmen.
Brigitte Huber 7:01
Ja, also so ist es ehrlicherweise gar nicht. Also die Studien belegen schon auch, wir nehmen wahr, wenn sich was verändert. Es muss sich nur tatsächlich schon einiges verändern und es muss beispielsweise auch etwas Neues über eine Person aussagen, damit ich das richtig an die Oberfläche hole. Und das ist ja auch irgendwo logisch. Weil wenn wir jetzt ständig wie eine Synchronisierung von irgend so einem kleinen Handy permanent bei jedem sagen: Oh, was fällt mir denn da auf? Oder so, da glaube ich, wird unser Prozessor im Gehirn oder in der Seele auch nicht mehr nachkommen. Also dann haben wir halt ein etwas schräges oder falsches Bild von jemandem. Aber wenn etwas wirklich passiert, jetzt sage ich mal, jemand hat sich immer sehr in unseren Augen nicht so sozial verhalten und wir sehen den jetzt auf einmal, wenn er in einem Ehrenamt ist. Dann macht es Klatsch bei uns und dann sage ich: Wow, da hat sich was verändert. Und umgekehrt auch. Also wenn wir jemand sehr positiv abgespeichert haben und ihn dann, keine Ahnung, bei irgendeiner Unkorrektnis erwischen, dann vielleicht auch. Aber ansonsten diese kleineren Dinge, die gehen natürlich schon schnell den Bach runter. Die Frage ist das bei Bekannten und Arbeitskolleginnen wirklich so schlimm? Ehemaligen? Ist es nicht eher wichtig, dass wir versuchen, in unserer nächsten Umgebung da die Türen immer wieder aufzumachen. Also ich ärgere mich schon auch, wenn ich das Gefühl habe, dass Menschen in meinem engsten Umfeld sagen: Ja, typisch Brigitte. Ja, das habe ich mir gedacht. Hast du nicht gemerkt, dass ich in den letzten zwei— Aber letztes Mal hast du noch das, sage ich: Ja, stimmt. Aber die meiste Zeit habe ich es doch super anders gemacht oder so. Also das, da merke ich dann so, ich möchte, wenn ich mich verändert habe, auch die Anerkennung dafür. Weißt du, was ich meine?
Stephan Seiler 8:52
Total richtig. Und da wundere ich mich auch immer wieder über die lieben Verwandten. Und das ist jetzt wirklich kein Fingerpointing zu irgendjemandem, aber da erlebt man es ganz besonders. Ich habe den Eindruck, Familie und auch die erweiterte Familie, die kennen unsere Biografie ziemlich genau, manchmal sogar besser als wir selbst. Aber sie kennen sie auch besser als unsere Gegenwart. Und das, was dann früher war, hat offenbar viel mehr Gewicht. Also wie man sich früher bei Familienfesten verhalten hat oder vielleicht auch im Umgang miteinander. Und dass man seitdem ja auch Erfahrung gesammelt hat, vielleicht auch In Sachen Kommunikation. Früher am Küchentisch hat man sich dann vielleicht ein bisschen ruppiger unterhalten, womöglich, als man es dann heute tut. Und wenn man dann vielleicht dann doch mal kurz wieder einen Seufzer loslässt, dann kriegt man vielleicht gespiegelt: Ach ja, so wie früher, jetzt bist du wieder so und so. Und das ist man gar nicht mehr so und so.
Brigitte Huber 9:43
Okay, aber wir wollen ja nicht nur jammern, sondern was glaubst du denn, wie wir es ändern könnten? Also in uns selber? Und also wir sind ja wahrscheinlich manchmal auch nicht anders.
Stephan Seiler 9:54
Ja, total. Und also vielleicht beginne ich auch erst mal damit, mit der Selbstreflexion. Ich glaube, du hast recht, auch wir selbst benutzen alte Maße, um auch in dieser Schneider-Metapher zu bleiben. Vielleicht bin ich manchmal selbst der schlechteste Schneider meines eigenen Lebens, weil ich mich nach Dingen beurteile, die ich vor 10 oder 20 Jahren über mich entschieden habe. Zum Beispiel fiktives Beispiel: Ich bin unsportlich, ich bin chaotisch. Das erste war fiktiv, das zweite ist weniger fiktiv.
Brigitte Huber 10:19
Ich wollte gerade sagen.
Stephan Seiler 10:20
Ich bin chaotisch. Ich bin chaotisch. Das war ja durchaus auch Zuschreibung, die ich bekommen habe, auch von außen so, aber quasi auch mich während meiner Schulzeit begleitet hat. Warum? Ich habe ADHS, wurde dann später mit Anfang 40 erst diagnostiziert. Vorher wirkte ich auf einige einfach chaotisch, rastlos, wie auch immer. Mittlerweile habe ich ja daran gearbeitet, nehme Medikamente und bin, glaube ich, wesentlich weniger chaotisch als früher. Oder dass ich auch mal gedacht habe vor 20 Jahren, ich kann keine Beziehung. Oder vielleicht dachte der eine oder andere auch mal, ich bin schüchtern oder ich bin immer lustig oder ich bin immer der Vernünftige. Aber irgendwann merkt man vielleicht, dass der Satz längst nicht mehr stimmt. Und da glaube ich, ist ein wichtiger erster Schritt, auch sich selbst zugestehen, dass man die alten Glaubenssätze in die Tonne werfen kann und die übermalen kann. Und ich glaube, das ist schon mal das Allererste, womit es losgeht, finde ich. Findest du nicht auch, bevor man auf die anderen guckt?
Brigitte Huber 11:13
Ja, absolut. Und es kann um Glaubenssätze gehen, aber es kann einfach auch um Verhaltensweisen gehen, die man vielleicht dann verändert. Verändern möchte an sich und wo man sagt: Wer sagt denn, dass ich immer noch die chaotische oder die unsportliche oder die digitale Loserin oder wer auch immer sein? Vielleicht steckt noch was anderes in mir und dann hole ich das auch raus und überrasche mich selber und freue mich auch darüber. Also ich merke das schon. Zum Beispiel, es gibt so ein paar Punkte, die waren gar nicht leicht für mich, aber ich war immer wahnsinnig im privaten Umfeld wahnsinnig harmoniebedürftig. Und dass man irgendwann sagt: Harmonie ist ja ganz gut und schön, aber Es muss auch irgendwie Grenzen haben.
Stephan Seiler 11:54
Jetzt will ich mich mal ordentlich streiten.
Brigitte Huber 11:56
Nein, nein, aber da muss ich es vielleicht auch mal ertragen, dass ein, zwei Tage die Stimmung jetzt nicht ganz so ist, wie ich es gern hätte und einfach davon ausgehen, das wird schon wieder gut. Und andere Leute können das von Haus aus und man guckt sich dann was an oder ab davon. Also das finde ich schon. Also da würde ich sagen, habe ich mich verändert und ich sage selber nicht mehr so vernichtende Sätze zu mir wie: Ja, du mit deiner Harmoniesucht. Sondern eher so: Na, jetzt gucken wir mal. Ja, jetzt lassen wir das mal stehen und dann schlafen wir eine Nacht drüber und dann gucken wir weiter. Und so weiter und so fort. Da würde ich sagen, hätte ich eine Entwicklung gemacht und mich nicht mehr in die gleiche Schublade gesteckt, in die ich mich selber noch vor 10 Jahren vielleicht gesteckt hätte.
Stephan Seiler 12:40
Da habe ich auch gleich eine Nachfrage. Also du hängst also nicht dieser These an, dass man quasi jeden Streit, gerade mit den engsten, mit den Liebsten, auch mit dem Partner, der Partnerin am gleichen Tag noch lösen sollte, bevor man quasi sich ins Bett legt, damit man quasi mit einem erleichterten Herzen einschläfst, sondern würdest du empfehlen, dass man erst mal eine Nacht drüber schläft, vielleicht auch 2, 3 Tage diese Spannung aushält und dann danach erst geht?
Brigitte Huber 13:05
Die Frage ist ja, um welchen Preis verträgt man sich an diesem Abend und wie sieht das die Person, die auch noch in diesem Streit drin ist? Wenn diese Person aber sagt: Lass einfach mal jetzt das ruhen, ich muss das auch erst verdauen oder keine Ahnung, dann kannst du die nicht zwingen. Ich weiß genau, das war auch eher so ein Satz, Ich würde sagen, gefühlt auch von meiner Oma. Jeder Streit muss am Abend bereinigt sein. Aber in Wahrheit fühlt es sich ja dann häufig auch gar nicht so an. Und das sind schon so Punkte bei mir. Das finde ich trotzdem nicht schön, aber es passiert Gott sei Dank auch nicht so oft. Aber ich kann das besser. Ich konnte das zum Beispiel früher auch ganz, ganz schlecht im beruflichen Umfeld. Also wenn da, aber das ist natürlich, wenn du ja auch irgendwo als Chefredakteurin arbeitest, unausweichlich, dass manchmal Dinge passieren, die nicht allen gleichermaßen Spaß machen. Und das hat mich am Anfang wirklich zu Tränen gebracht, muss man ganz ehrlich sagen. Und schlaflose Nächte. Und das dann auch auszuhalten, das habe ich da relativ früh gelernt und im Privaten aber sehr viel später. Aber das ist so der Punkt. Und ansonsten finde ich, heißt ist das beste Gegenmittel, dass uns das bei anderen passiert, Fragen stellen. Ganz gemeinte Fragen stellen. Wo stehst du gerade?
Stephan Seiler 14:29
Oder wenn uns auffällt, dass die andere Person sich verändert haben könnte, oder wenn uns auffällt, dass sie sich nicht verändert hat.
Brigitte Huber 14:35
Es ist ja eigentlich schon so, wenn man sich wirklich in Ruhe hinsetzt und miteinander spricht und mit ehrlichem, ernsthaftem Interesse auf den anderen zugeht, dann merkt man, glaube ich, größere Veränderungen ohnehin. Auch weil der andere oder die andere ja häufig das auch formuliert. Weißt du, was ich meine? Also wenn jetzt jemand von heute auf morgen, ich mache mal ein ganz profanes Beispiel, von der Couch-Potato zur Sportskanone wird, dann wird die das auch irgendwie äußern. Und wenn du dann sagst, ja, du bist ja ohnehin bloß mit Netflix verheiratet nach 2, dann hast du irgendwas nicht kapiert. Aber es gibt ja sehr viele kleinere Veränderungen, wenn jemand irgendwas verändern möchte im Leben, wenn vielleicht eine Trennung von dem Job, von dem Menschen oder was auch immer im Raum steht, dann ist es ja auch schon häufig so, dass Menschen darüber sprechen und vielleicht merkt man dann auch, dass sie anders mit einer Situation umgehen als sonst.
Stephan Seiler 15:34
Ja, aber da muss man auch umgeben sein von Menschen, die wirklich Fragen stellen. Also guter Appell. Ich hoffe, das hören sich alle, alle an da draußen. Bitte die ganze Nation. Ja, denn ich habe immer wieder den Eindruck, dass gerade in diesen Punkten in meinem Leben erstaunlich wenige Fragen gestellt worden sind. Als ich quasi erst mit Mitte 20 angefangen habe, die Welt zu entdecken und Fernreisen zu machen und dann nach Hause kam aus Australien oder aus den USA, dann war die Frage: Und wie geht's dir? Wie war's? Und dann könnte ich sagen: Schön oder mittelschön. Und das war's. Aber es gab gar nicht mehr viele Fragen gestellt. Ähnlich bei Jobgeschichten, neuer Job. Ich habe den Eindruck, dass dann auch manchmal das Umfeld auch sehr schnell abhakt. So: Ach ja, wie ist der neue Job? Gut, alles klar. Weil da nächstes Thema, aber gar kein großes Interesse da gezeigt wird. Ich glaube, da können wir alle andere Frageformen finden.
Brigitte Huber 16:27
Absolut. Und auch wirklich schon immer wagen, die Schublade aufzumachen. Und ich finde das gerade ganz spannend, dass bei George Bernard Shaw, der war ja, der hat das 1903 gesagt. Ja, also er war ungefähr in deinem Alter, als er zu dieser Weisheit kam. Das scheint also auch vor 100 oder 130 Jahren genauso ein Thema gewesen zu sein wie heute. Etiketten, Schubladen und so weiter und so fort. Und aber trotzdem ganz interessant. Der ist 94 alt geworden. Also richtig alt. Richtig alt. Ja, der ist richtig alt geworden und war 1950 erst gestorben oder so.
Stephan Seiler 17:04
Also richtig alt geworden.
Brigitte Huber 17:06
Ja, ja, der ist richtig alt geworden.
Stephan Seiler 17:06
Ich kann das Zitat noch mal kurz wiederholen: Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. So geht es los.
Brigitte Huber 17:12
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen und denken, sie passen auch heute noch. Also das ist für mich dann nur einfach so ein Punkt, dass ich sage, ich gehe da mit so einem Satz mal raus und guck, ob irgendwas passiert mit mir in meinem Umgang mit meiner Umwelt.
Stephan Seiler 17:35
Also mit welchem Satz gehst du raus? Mit einer Frage an die anderen? Oder meinst du mit diesem Zart im Hinterkopf?
Brigitte Huber 17:41
Mit dieser Erkenntnis, die ich aber nicht auf sich beruhen lassen möchte. Wo ich mir denke: Oh Mensch, ja, Alter, du bist wahrscheinlich auch so. Und ich bin aber auch wirklich jemand, der sich immer wahnsinnig ärgert, wenn ich in eine Schublade gesteckt werde. Und dann werden die Schubladen ja noch mal anders. Dann auf einmal heißt es ja, du bist ja jetzt irgendwie schon älter oder sonst irgendwas. Das mag ich auch gar nicht. Und insofern, dass man sagt, okay, lassen wir uns die Menschen mal möglichst ohne Etikette anschauen und geben wir ihnen die Chance, aus der Schublade auch wieder mal rauszukrabbeln.
Stephan Seiler 18:12
Ja, ja, genau. Das fällt einem nur so schwer, wenn man der Person jeden Tag begegnet. Dann muss man jeden Tag das Etikett wieder runterziehen und dann wieder, wieder, wieder. Aber ich finde das total sympathisch. Vielleicht besteht ja auch gutes Älterwerden, darum geht es ja hier in diesem Format, in unserem schönen Podcast rund ums Älterwerden. Vielleicht besteht ja gutes Älterwerden nicht darin, möglichst lange in die alten Maße zu passen, sondern den Mut zu haben, sich immer wieder neu vermessen zu lassen. Und auch den Mut zu haben, andere immer wieder neu zu vermessen, nicht die alten Maßstäbe anzusetzen.
Brigitte Huber 18:45
Und den Mut zu haben, sich immer wieder selber zu vermessen. Passt das Bild, das ich von mir habe und das ich schon mit 30 von mir hatte, mit 40 von mir hatte, passt das heute noch? Und manchmal ist es ja sehr interessant, wenn man Menschen von früher trifft, die sagen: Ja Mensch, du warst ja immer schon so und so. Also bei mir mit Sicherheit irgendwas wie: Du hattest ja immer schon eine große Klappe oder so was. Und In dem Fall würde ich sagen, ist vielleicht was dran. Aber es kann natürlich auch Dinge geben, wo man sagt: Nee, das habe ich heute so gar nicht mehr. Und das finde ich, macht dann ja auch Spaß. Insofern ist das Feedback auch auf ein früheres Ich ja ganz interessant, um selber zu sehen, was hat sich bei mir schon getan.
Stephan Seiler 19:26
Könntest du jetzt auch so aus dem Handgelenk schütteln, was ganz anders ist als früher an dir?
Brigitte Huber 19:30
Also ich glaube, vom Grundcharakter bin ich, wie ich bin. Es ist mir in den letzten Jahren noch mal klarer geworden und das war meiner Umgebung glaube ich nicht so klar, dass ich neben einer extrovertierten Seite auch eine durchaus sehr introvertierte Seite habe. Viele Menschen würden mich von Haus aus als nur extrovertiert oder vor allem extrovertiert einschätzen. Und dann ist es sehr interessant, wenn du Leute neu kennenlernst, wie es mir in den letzten Jahren auch mal gegangen ist, und die sehen dann auch tatsächlich so deine eher introvertierte Seite. Und dann freut man sich auch. Dann weiß ich nicht, vielleicht liebe ich die jetzt heute mehr. Ich kann es mir jetzt auch mehr leisten, sie zu leben. Also wenn du, weißt du selber, 10 Stunden irgendwo draußen mit Menschen zu tun hast, dann kannst du dir so viel Introvertiertheit dann gar nicht erlauben. Aber das ist schon so ein Punkt. Und bei dir?
Stephan Seiler 20:23
Ich bin eigentlich immer genauso wie früher. Ja, sehr klar. Ich glaube, das sind schon so Aspekte, die die Sekundärtugenden betreffen, die typisch deutschen Sekundärtugenden, so was wie Pünktlichkeit, Also du bist jetzt pünktlicher als früher? Ich glaube, ich bin jetzt pünktlicher als früher und quasi etwas zuverlässiger, was das Zeitmanagement angeht, als früher. Ich bin vermutlich immer noch in den Augen vieler eher rastlos und neugierig. Aber zum Beispiel, eine Sache fällt mir ein, und zwar das Partyverhalten. Für einige in meiner Umgebung gelte ich immer noch als ein Partyanimal, das jedes Wochenende um die Häuser zieht und bekomme auch manchmal solche Fragen: Wann warst du das letzte Mal, keine Ahnung, im Berghain oder woanders? Vor 5 Jahren.
Brigitte Huber 21:17
Ach nee, ja okay.
Stephan Seiler 21:18
Und das kriegen manche dann nicht so richtig zusammen. Oder auch so meine frühere Handballmannschaft, frühere Schulfreunde, die dann auch solche Dinge fragen wie: Und, Bist du noch so der Boulevardreporter von früher, der jeden Tag eine neue Geschichte raushaut? Nee, heute schreibe ich eben längere Reportagen, Porträts, mache einen Podcast, mache eine ganz andere Art von Journalismus noch als vor 22 Jahren. Da merke ich das immer wieder, dass man Labels abreißen muss und neu beschriften muss. Aber du hast recht, es geht um Informationsaustausch. Wir haben ja in den letzten 2 Folgen Ingo Froböse zu Gast gehabt, bzw. du hast ihn interviewt, der hat uns ja so viele Tipps gegeben. Und da haben wir genau das körperlich gemacht, was heute auch in diesem Zitat drin steckte von Bernard Shaw: Kann ich doch aufstehen? Wie lange kann ich auf einem Bein stehen? Was kann mein Körper heute? Nicht, was konnte er mit 25, sondern was kann er heute und was kann ich ihm heute auch noch beibringen? Da haben wir doch quasi genau das schon bewiesen, was auch in diesem Zitat drin steckt. Man kann Labels abreißen und sich neu bekleben.
Brigitte Huber 22:25
Vielleicht erklären wir noch mal, Professor Dr. Ingo Froböse ist Sportwissenschaftler, sehr renommierter, war jahrzehntelang an der Sporthochschule Köln. Viele kennen ihn ja aus dem Fernsehen, hat einen Podcast. Ja, und er ist, erlaube mir diese etwas abgegriffene Formel, mit Ende 60 so fit wie ein Turnschuh. Und so ist er auch in unsere Sendung gekommen. Ja, und wir haben einiges mitgenommen. Man soll die Körperlichkeit ja nie unterschätzen.
Stephan Seiler 22:53
Und eine Frage: Sein Grundprogramm lautet 2- bis 3-mal pro Woche 20- bis 30-Minuten-Krafttraining ergänzt um 3-mal etwa 45 Minuten Ausdauer. Beim Krafttraining soll die Belastung so gewählt werden, dass die Muskulatur ungefähr bei der 10. bis 12. Wiederholung deutlich ermüdet. Das heißt, dass es richtig wehtut, also zumindest so, dass das so prickelt und brennt im Muskel. Habe ich prickelt richtig wiedergegeben?
Brigitte Huber 23:17
Ja, total. Also ich merke das schon wieder. Er hat ja dann einmal gesagt: Wollen Sie mit mir wieder verhandeln, Frau Huber? Oder so, weil er dann schon gemerkt hat, gemerkt hat, dass ich immer so ungern aus meiner körperlichen Komfortzone rausgehe. Ich habe ja dieses alte Bild, das habe ich dir bestimmt schon mal erzählt, dass ich am liebsten meinen Körper im Fitnessstudio abgeben würde. Also da, wo man— wir hatten früher im Fitnessstudio so eine Kinderbetreuung und dann habe ich immer gedacht, Mensch, ich würde so wie die Eltern ihre Kinder da abgeben, würde ich gerne meinen Körper abgeben, ihn nach einer Stunde wieder abholen und sagen: Na, hast du schön geschwitzt? Bist du bei jedem Liegestütz ganz am Boden gekommen?
Stephan Seiler 23:55
Und so weiter.
Brigitte Huber 23:55
Während ich ich mein entspanntes Ich irgendwie eine Latte Macchiato trinken könnte. Aber selbstverständlich war mir damals schon klar, das ist noch nicht erfunden und das wird auch nicht. Und er hat mir einiges beigebracht, wovon ich jetzt noch was habe.
Stephan Seiler 24:11
Zum Beispiel gerade auch diese Grundeinstellung. Er meinte ja so: Fitnesstraining sei wie Zähneputzen. Machen wir auch jeden Tag, egal ob es uns Spaß macht oder nicht, aber man macht es halt. Entschuldigung, wollte ich noch kurz rein klugscheißern.
Brigitte Huber 24:22
Ach so, während ich über Zähneputzen wirklich nicht nachdenke, denke ich vor jedem Fitness, denke ich natürlich drüber nach. Ich habe meine Blöcke da voll drin und ich halte mich auch ganz gut dran und ich bin da recht stolz eigentlich auch auf mich. Aber das war dann auch wieder ganz interessant, dass man jahrelang denkt, man macht was gut und richtig. Ich habe es mir jetzt angewöhnt, zum Beispiel immer mit nüchternem Magen Sport zu machen. Und beim Laufen ist das auch in Ordnung. Aber ich bin auch jetzt, wo ich auch manchmal am Morgen ins Fitnessstudio gehen kann, um diese Muskelübungen zu machen, bin ich Ohne vorher gefrühstückt haben, dahin zu gehen. Dann sagt er, hat er gesagt, ja, dann könnte ich es eigentlich auch lassen. Also das war für mich so echt der Punkt. Ja genau, weil wenn man nichts isst, wenn man keine Kohlenhydrate, kein Eiweiß hat, dann haben die Muskeln auch nichts zum Aufbauen. Und das ist dann schon wieder so ein Punkt.
Stephan Seiler 25:13
Okay. Ja, es gab ja einige Übungen. Wollen wir mal so ein paar Übungen durchgehen?
Brigitte Huber 25:16
Ja, mach doch mal ein paar Übungen.
Stephan Seiler 25:19
Hier können wir live hier machen. Also Froböse nennt die Kniebeuge ausdrücklich als die Die wichtigste Übung des Alltags.
Brigitte Huber 25:26
Leider ja.
Stephan Seiler 25:27
Als Test nennt er fünfmaliges Aufstehen und Hinsetzen innerhalb von 15 Sekunden ohne Zuhilfenahme der Hände. Das können wir doch gleich mal hier machen, oder?
Brigitte Huber 25:34
Ohne einen Stuhl. Ja, also ich kann es ja zeigen. Ja, mach genau. Zeig mal. Schau auf die Uhr. Muss ja auch jemand tun.
Stephan Seiler 25:43
4, 5. Wie lange habe ich gebraucht?
Brigitte Huber 25:46
Ja, also ich würde mal sagen, du bist unter 10 Sekunden geblieben.
Stephan Seiler 25:49
Ich habe zu spät auf die Uhr geguckt, aber du bist im guten Bereich. Dann habe ich noch eine Zukunft. Und man sollte dieses Training immer wiederholen und bei zunehmender Leistungsfähigkeit dann zusätzliches Gewicht verwenden, hat er auch gesagt.
Brigitte Huber 26:02
Wir müssen aber schon ganz klarstellen, das hier ist noch nicht die richtige Übung. Das ist nur der Test, ob du fit genug bist. Wenn du das nämlich nicht kannst, und jetzt wird es richtig arg, dann musst du damit rechnen, dass du die nächsten 2 Jahre pflegebedürftig wirst. Das ist richtig krass.
Stephan Seiler 26:19
Nicht so schön. Also ist das gar kein Fitnesstest, sondern ist ja quasi ein Selbstständigkeitstest. Kann man irgendwann noch aus eigener Kraft von einem Stuhl aufstehen? Fitness klingt so ein bisschen nach Sixpack, aber in Wahrheit reden wir ja da über Autonomie.
Brigitte Huber 26:29
Ja, und auch ganz wichtig dieser Flamingo-Test, wo man eben auf einem Bein steht und je nach Lebensalter das einfach so und so viele Sekunden aushalten sollte.
Stephan Seiler 26:39
Mit offenen Augen?
Brigitte Huber 26:41
In dem Fall mit offenen Augen. Es gibt ja auch den mit geschlossenen Augen, aber da glaube ich, schaffe ich immer noch keine 10 Sekunden. Aber lass uns bitte über dieses Thema ein an dieser Stelle nicht sprechen.
Stephan Seiler 26:51
Nee, bin ich auch. Gut, dass du die Frage gestellt hast mit den geschlossenen Augen. Und machst du das jeden Tag? Weil ich habe es eben vor der Aufzeichnung noch gemacht, den Flamingo-Test, eine Minute lang stand ich hier auf einem Bein.
Brigitte Huber 27:01
Ach so, nee, das sind jetzt zwei Paar Stiefel. Der Flamingo-Test, den kannst du mit geöffneten Augen machen und den musst du auch nicht jeden Tag machen. Da geht es jetzt einfach nur darum, dass du mal ein Gefühl dafür kriegst, wie gut bist du in Balance? Und diese Balance ist natürlich auch wahnsinnig wichtig. Und das andere mit den 30 Sekunden Man möge uns korrigieren, aber das ist ja auch was, was wir von Sportwissenschaftler*innen gehört haben mit den 30 Sekunden. Das ist ein hehres, tolles Ziel und ist natürlich noch tatsächlich auch als Übung jeden Tag möglichst zu machen.
Stephan Seiler 27:35
Also 30 Sekunden was machen? Auf einem Bein stehen?
Brigitte Huber 27:38
30 Sekunden auf einem Bein mit geschlossenen Augen.
Stephan Seiler 27:42
Okay, das sollte man also trotzdem machen. Mit geschlossenen Augen auf einem Bein stehen als Fitnessübung.
Brigitte Huber 27:48
Wenn du das schaffst. Ja, oder das ist zumindest auch ein gutes Ziel. Und der Flamingo ist ein Test letztlich, wie gut. Aber das ist bestimmt auch gut, wenn man den jeden Tag einfach mal eine Minute macht. Also ehrlicherweise läuft es bei mir auf den Flamingo raus, weil in dieser einen Minute, die ich versuche, dann letztlich die Augen zu schließen, habe ich wahrscheinlich zu 50 Sekunden die Augen auf. Ja, insofern. Ja, aber ich glaube an unsere Zuhörenden. Es ist an dieser Stelle auch gut und richtig, wenn ihr euch die Folge anhört bevor ihr unseren halb ausgegorenen Ratschlägen folgt.
Stephan Seiler 28:24
Wir werden auch noch mal auf dem Instagram-Kanal, Facebook natürlich auch, dann einige der Übungen auch noch mal erklären und visualisieren. Schaut gerne rein.
Brigitte Huber 28:33
Willst du die zeigen? Du als Role Model?
Stephan Seiler 28:37
Ich weiß nicht, ob ich das— vielleicht, Brigitte, du bist doch so sportlich, vielleicht kannst du ein paar Videos aufnehmen. Wir finden eine Lösung, aber das Das kann man dann noch mal sich angucken. Auch die Liegestütze, ich meine, die muss man kaum erklären, die sind ja offenbar sehr, sehr wichtig. Für Anfänger gegen die Wand, Mittel mit den Händen auf die Tischkante und dann klassischer Liegestütz am Boden. Und du kannst auch die Beine nehmen, hast du ja auch gesagt, dass das auch völlig okay ist. Ja, ja, absolut.
Brigitte Huber 29:04
Also man kann auf die Knie gehen, das meinst du?
Stephan Seiler 29:06
Genau, auf die Knie gehen und dann Liegestütze machen. Und ich habe mich auch gefragt danach, was ist eigentlich erwachsen? Wachsen hat, 10 schlechte Liegestütze zu machen, weil man sich beweisen will, dass man noch 25 ist, oder 5 vernünftige auf den Knien? Was meinst du?
Brigitte Huber 29:19
Also ich würde jetzt sagen, als Nicht-Sportwissenschaftlerin und so ein bisschen, was ich oft im Fitnessstudio mitkrieg, da sagen die Trainerinnen und Trainer, man soll wenigstens mal einen in der freien Luft versuchen. Das heißt, sich ranrobben an das große Ziel und Das ist bei mir ehrlicherweise aber nicht wirklich drin. Also ich komme da nicht richtig gut runter. Das heißt, ich würde ein paar hyperkorrekte vielleicht versuchen, weil du bist ja sportlich und dann vielleicht noch ein paar andere. Aber auch das, fragt Leute, die sich damit auskennen.
Stephan Seiler 29:52
Ich hatte auch mal so eine Challenge in meinen 30ern, dass ich jeden Tag 100 Liegestütze gemacht habe, zusammen mit einem Freund. Nicht an einem Stück, sondern quasi verteilt über den Tag, immer mal wieder zwischendurch. Habe ich mir übrigens auch abgeguckt bei einem Fotoshooting von Leon Goretzka. Leon Goretzka. Wir hatten mal mit Leon Goretzka ein Fotoshooting, mit dem Fußballer, damals für DB mobil, das Magazin der Deutschen Bahn, deren Chefredakteur ich sein durfte. Und damals hat er zwischendurch zwischen den Aufnahmen Liegestütze gemacht. Vielleicht hat er die auch gemacht, um noch muskulöser auf den Bildern auszusehen. Aber das hat mir auch gezeigt, man kann es überall machen. Froböse meinte ja auch, Ingo Froböse, dass im Zug das auch möglich sei. Habe ich in den letzten Tagen auch ausprobiert.
Brigitte Huber 30:31
Ja, genau, das war ja auch ein wichtiger Punkt, weil er hat ja gesagt, wenn man 8 Stunden sitzt, wie wie wir das ja häufig machen und ich habe gestern oder vorgestern gehört, wir sitzen im Schnitt 10 Stunden oder so, egal, dann wäre das Höchststrafe für den Körper und da müsste man sich danach mindestens eine Stunde bewegen oder so. Und dann habe ich ihn ja eben dann auch gefragt, was ich machen soll, weil ich ja dann immer wieder mal auch im Zug Richtung München oder sonst was hinfahre. Und dann bist du dann 6 Stunden, 7 Stunden, 8 Stunden im Zug. Und?
Stephan Seiler 30:59
Hast du es schon ausprobiert? Wie war es im Zug?
Brigitte Huber 31:01
Also du hast es doch bis jetzt schon ausprobiert. Ja, erzähl mal, Stephan, weil ich fahr ehrlicherweise erst übermorgen wieder im Zug und werde mich da blamieren. Oder blamiert man sich da nicht ein bisschen von dem, was er erzählt hat?
Stephan Seiler 31:14
Also ich habe Verschiedenes im Zug gemacht. Erst mal stand ich da am Zugfenster und habe alle Gelenke bewegt. Handgelenk, Kopf kreisen lassen, die Schultern bewegt, nach vorne, nach hinten. Das sah schon wahrscheinlich für den einen oder anderen befremdlich aus, aber damit habe ich mich noch wohlgefühlt.
Brigitte Huber 31:31
Befremdlich für Einsteiger und Fortgeschrittene. Genau.
Stephan Seiler 31:34
Dann auch aus dem Sitzen aufstehen. Das, was wir ja auch schon besprochen haben, immer wieder aufstehen, hinsetzen, aufstehen, hinsetzen. Da kam dann zufälligerweise gerade der Schaffner vorbei, hat mich auch ein bisschen amüsiert angeguckt, aber ich glaube, der hat auch schon Schlimmeres gesehen an Bord der Züge der Deutschen Bahn. Kniebeugen habe ich im Abteil gemacht.
Brigitte Huber 31:52
Hast du jemand neben dir gehabt?
Stephan Seiler 31:54
Nee, da war niemand da, da war niemand direkt neben mir. Es haben sich dann aber doch ein paar Leute umgedreht. Kniebeugen habe ich mich nur im Abteil getraut, als dann wirklich niemand drin war und auf dem Behindertenklo. Das kann ich sehr empfehlen, wenn das Behindertenklo frei ist. Es ist ein super Fitnessraum. Da würde ich nur nicht unbedingt die Liegestütze machen auf dem Boden. Die Liegestütze sind mir tatsächlich schwergefallen, weil ich nicht genau wusste, wohin mit meinen Armen. Ich wollte die nicht gegen die Tür machen, also quasi Liegestütze gegen die Tür gepresst, weil ich dachte, dann drücke ich die Tür noch auf mit meiner unfassbaren Kraft, Rolls Royce Power, die ich nicht habe, und fliege aus bei Tempo 300 aus dem Zug. Und habe dann auch diese Eisenstangen, die waren immer so montiert, ja, manchmal, nicht Eisen, aber diese Griffe, die an der Seite montiert sind, wo man es eigentlich machen könnte, da hat es dann oftmals nicht gepasst. Also liebe Deutsche Bahn, könntet ihr vielleicht noch mal nachrüsten? Für Liegestütze hätte ich gerne noch mal mehr Fläche an Bord der Züge. Und du?
Brigitte Huber 32:48
Da steht bestimmt an eins. Also ich werde das auf jeden Fall ausprobieren, aber ich warte auch auf leere Abteile oder werde auf die Bahntoilette gehen. Ja, ich habe tatsächlich schon mal so so kleine Übungen gemacht und da bin ich mit meinem Sohn unterwegs gewesen, mit meinem Jüngeren und der hat dann nur mal gesagt: Mama, kannst du dich einfach bitte hinsetzen? Das war ihm unsäglich peinlich. Was ich aber wirklich immer gerne mache.
Stephan Seiler 33:13
Und was hast du da gemacht?
Brigitte Huber 33:14
Ich habe mich wieder hingesetzt.
Stephan Seiler 33:16
Da hat dein Sohn dich daran gehindert.
Brigitte Huber 33:19
Was ich immer gerne mache, ja, da war er aber noch jünger und Teenager-mäßiger und dann fand er das halt cringe. Und was ich aber immer gerne mache, ist, dass ich bei den einzelnen Bahnhöfen rausgehe, also bei den Haltestellen, wenn da 2, 3 Minuten sind und mich da ein bisschen bewege. Die Leute glauben dann alle immer—
Stephan Seiler 33:38
Krass, das traust du dich?
Brigitte Huber 33:39
Ja, ja, ich habe da letztes Mal auch jemanden gefragt, dann habe ich so einen Bahnbeamten, der auch draußen stand, habe ich gesagt: Steigen Sie auch wieder ein, ich möchte nur nichts verpassen. Dann sagt er: Ja, wieso? Wir pfeifen ja noch mal oder so, bevor es losgeht.
Stephan Seiler 33:53
Ja, aber zuletzt gab es so viel Meldung. Es gab so viele Meldungen von Vätern und Müttern, die quasi draußen am Rauchen waren und dann schloss sich die Zugtür und dann ist ihr Säugling und ihr kleines Kind dann einfach weitergefahren. Als ich das gelesen habe, es gab in diesem Sommer, glaube ich, 2, 3 Fälle, die durch die Presse gegangen sind. Das traue ich mir nicht. Wenn ich im Zug bin, dann bin ich im Zug.
Brigitte Huber 34:12
Genau. Und die haben sich dann auf so was verlassen. Ich habe mich jetzt auch drauf verlassen, aber ich bin dann schon in unmittelbarer Nähe und dann denke ich mir, ich komme dann schon noch mal rein, aber das mache ich gerne. Und genau, die Leute, glaube ich, glauben auch immer, ich gehe zum Rauchen raus. Aber ich habe ja Das ist gar nicht mein Plaisir, aber so ein bisschen frische Luft.
Stephan Seiler 34:29
Du musst dich bewegen, die Muskeln. Was ich auch manchmal mache, ich laufe im Zug einfach vom Anfang bis zum Ende, immer hin und her. Also nicht laufen, sondern gehe manchmal ein bisschen schneller, um mich zu bewegen. Weil das hat ja auch Ingo Froböse sehr gut beschrieben. Eigentlich will mein Körper das. Der Körper will sich bewegen und wenn ich zu lange sitze, dann werde ich zappelig, werde ich unruhig. Dann lohnt es sich wirklich, diesem Drang nachzugeben. Wenn der Körper Bewegung braucht, dann soll er sie haben.
Brigitte Huber 34:57
Wir haben ja auch darüber gesprochen, über die Stimme des Körpers, ob wir die hören. Und im Zug gebe ich dir recht, da sagt mein Körper mir auch: Beweg dich. Aber, und das fand ich auch relativ spannend, im Büro ist es häufig so, dass ich ja mich dann zwischendrin mal bewege. Aber wenn ich mir zum Beispiel früher vorgenommen habe, dass ich abends noch ins Fitnessstudio gehe, manchmal sogar schon meine Sporttasche im Auto hatte und trotzdem mich dabei ertappt habe, nach Hause zu fahren. Und nicht ins Fitnessstudio. Und da frage ich mich: Was bitte? Was bitte verstehe ich falsch an der Stimme meines Körpers? Weil in Wahrheit müsste er ja sagen: Komm, beweg dich, mach was draus. Aber der sagte dann eher: Jetzt echt nur kein Stress. Komm, setz dich erst mal hin und lies irgendwas und dann schauen wir weiter. Jeder weiß, dass es besser ist. Und wenn du dich überwunden hast, dann geht es dir danach ja auch wirklich gut. Aber vorher Ja, also das war dann häufig auch noch, wenn du irgendwie was Positives vorher noch erfahren hast, dann konnte ich mich dann teilweise auch noch aufraffen. Wenn dann aber irgendwie auch noch so eine mittelprächtig schlechte Nachricht kam, dann war irgendwie die Stimme meines Körpers vollkommen stumm.
Stephan Seiler 36:09
Bei mir ist es eher umgekehrt. Ah ja, okay. Wenn ich quasi positiv gestimmt bin, dann wird mein Körper mit Dopamin geflutet und ich habe das Gefühl, ich Ich habe ja schon irgendwie mich selbst beschenkt und belohnt. Und wenn ich aber vielleicht eine nicht so schöne Begegnung hatte oder einfach ein bisschen Ärger hatte auf der Arbeit oder was auch immer oder in der Beziehung, dann ist es echt gut, einmal rauszugehen, laufen zu gehen, den Kopf durchblasen zu lassen vom Wind der Großstadt.
Brigitte Huber 36:37
Ja, so sind wir dann alle unterschiedlich. Aber so ist das nun mal. So viel zu unserem Körper, der ja sehr stark auch mit unserer Psyche zusammenhängt, wie wir wissen. Aber das war schon spannend. Eins noch, und das finde ich so irre toll. Die Studie, die er erzählt hat, die hat mich so fasziniert, dass über 90-Jährige ein paar Monate lang Muskeltraining gemacht haben und danach wieder in der Lage waren, sich selber zu versorgen. Das heißt, du kannst dich aus einem Status, der eigentlich schon Pflegebedürftigkeit bedeutet, mit Muskelkraft, mit der Zeit, er hat gesagt, es geht nicht von heute auf morgen, aber innerhalb weniger Monate, in dem Fall wieder in die Autonomie Autonomie zurückbewegen. Das fand ich, das ist für mich eine irre Motivationsspritze.
Stephan Seiler 37:26
Ja, wichtige Botschaft. Also man sollte nicht zu lange sich schonen. Es gibt auch immer eine Möglichkeit, wieder weiterzumachen. Meine liebste Übung ist übrigens die Sixpack-Rückwärtsübung. Erinnerst du dich daran? Man sitzt auf dem Stuhl oder Boden, Körperkörper lang.
Brigitte Huber 37:40
Ist das das, was du jetzt gerade machst?
Stephan Seiler 37:42
Ach so, okay. Bis die Bauchmuskulatur so deutlich arbeitet und dann Und dann kurz halten und wieder nach vorne. Das kann man ja auch im Stuhl machen, kann man auch an Bord der Züge machen, zumindest wenn man so quer sitzt, sich nach hinten lehnen, nach vorne gehen.
Brigitte Huber 37:56
Hast du keine Lehne hinten?
Stephan Seiler 37:58
Nee, jetzt gerade nicht. Ich sitze nur auf lehnlosen Stühlen. Eigentlich wollte ich ja auch alle Podcast-Aufzeichnungen mit dir im Stehen aufnehmen. Siehst du mal, habe ich ja heute schon mal nicht eingehalten.
Brigitte Huber 38:09
Ja, gute Vorsätze. Muss ich mir noch auf die Liste schreiben fürs nächste Mal.
Stephan Seiler 38:13
Ja, aber eine Frage noch zu einer Übung, eine Frage zum Zehenstand: Muss ich beim Zehenstand wirklich wie eine Ballerina auf die Spitze meiner Zehen? Weil das meine, ich glaube, ich brech mir meine Zehen.
Brigitte Huber 38:24
Habe ich schon so verstanden.
Stephan Seiler 38:26
Aber das geht gar nicht. Ich glaube, ich brech dann auf die Zehen.
Brigitte Huber 38:28
Also nicht auf die Spitze, nein, nein, also nicht auf die Spitze. Du hast ja keine Ballettschuhe.
Stephan Seiler 38:34
Genau, okay, das wollte ich eigentlich sagen. Sondern quasi so auf die Ballen der Zehen.
Brigitte Huber 38:38
Ja, ja. Ja, so würde ich das sehen. Alles andere glaube ich, da sind wir bei, weiß ich nicht, 0 Komma irgendwas Prozent, die das können.
Stephan Seiler 38:48
Ja, das kann ich aber doch eigentlich auch an der Warteschlange im Supermarkt machen.
Brigitte Huber 38:51
Natürlich, natürlich. Und was mir leider gar nicht mehr aus dem Kopf geht, ist dieser Satz: Make your day harder. Vor allem wenn man irgendwie nicht so sehr zum Sport kommt, dass man dann keine Rolltreppe auf gar keinen Fall benutzen darf. Ich merke das dann auch. Also ich noch mal Stichwort Zugfahrerei, Dass man eben sagt: Oh, wie schön, genau jetzt gehe ich mit meinem kleinen Koffer die Treppe hoch, während sich 90% auf der Rolltreppe da wiedersehen. Und da denke ich mir auch immer: Ja, und dann, wenn es so ein paar Stockwerke sind, dann komme ich dann auch schon richtig aus der Puste. Aber nun gut.
Stephan Seiler 39:28
Es kann ja auch passieren, wir ziehen ja gerade um und die neue Wohnung befindet sich jetzt im 4. Stock. Vorher war sie im 3. Im 3. bin ich immer hochgelaufen über die Treppen. Beim 4. denke ich jetzt manchmal, soll ich nicht doch den Aufzug benutzen? Ich zwinge mich aber, ich zwinge mich hochzugelaufen jedes Mal. Aber ich denke mir, warum habe ich nicht eine Wohnung weiter unten? Warum?
Brigitte Huber 39:47
Ja gut, aber du hast wenigstens einen Aufzug. Ich war mal in einer Wohnung im dritten Stock, die hatte keinen Aufzug. Da überlegst du dir jedes Getränk, das du kaufst.
Stephan Seiler 39:54
Wäre vielleicht auch ein super Muskeltraining. Beste Altersvorsorge, würde vielleicht Froböse sagen. Was war denn so für dich das größte Froböse-Learning überhaupt für dich persönlich? Was war so der Satz, den du am meisten zitiert hast in den letzten Tagen?
Brigitte Huber 40:10
Also den einen Satz, den gibt es nicht so ein bisschen. Den einen habe ich schon gesagt: Make your day harder. Absolut. Und dann das Learning: Geh nie ungefüttert quasi aus dem Haus, wenn du Muskeltraining machst. Das waren so eher meine Weisheiten. Und eben, nee, aber die zwei Sachen eigentlich. Und du?
Stephan Seiler 40:27
Ja, meine Interpretation von Sport war ja bisher, wenn ich zweimal die Woche Handball spiele, habe ich zweimal die Woche Sport gemacht. Aber frohböses Interpretation lautet offenbar: Wenn du zweimal die Woche Handball spielen willst, musst du erst mal Sport machen, damit du Handball spielen darfst. Das war für mich echt eine neue Erkenntnis. Vielen Dank. Mit 46 Jahren und mit fast 46 Jahren durfte ich das lernen. Werde ich versuchen umzusetzen.
Brigitte Huber 40:55
Ja, bei Darum können wir noch abschließend sagen, ging es auch um Lieblingssport und wann man damit aufhören soll, wenn es weh tut und wie tief der Schmerz sitzen darf. Und das war alles auch recht erhellend.
Stephan Seiler 41:08
Erhellend wird es vermutlich auch in der kommenden Woche, um zu dem Thema überzuleiten, denn wir wollen einen Ausblick geben und da geht es ja um das Thema, wie man mit Veränderungen umgeht, die man sich vielleicht selbst gar nicht ausgesucht hat. Mit Erfahrungen, nach denen vielleicht auch andere Menschen neu Maß nehmen müssen und müssten. Wo man vielleicht merkt, irgendwas in mir reagiert anders als vorher.
Brigitte Huber 41:37
Ja, und dann—
Stephan Seiler 41:38
wir sind beim Thema Trauma.
Brigitte Huber 41:40
Ja, da muss man ganz klar sagen, es geht jetzt um ein ganz, ganz ernstes Thema, nicht um leichte psychologische Veränderungen, sondern tiefgreifende. Und ich bin auf dieses Thema gestoßen, weil eine Freundin von mir, mit der ich schon seit Jahrzehnten befreundet bin, also meine langjährigste Freundin, muss ich sagen, die hat mir diesen Podcast empfohlen. Die heißt auch Brigitte. Brigitte, also die Freundin.
Stephan Seiler 42:05
Hallo Brigitte.
Brigitte Huber 42:06
Hallo. Und ich weiß, sie beschäftigt sich viel mit psychologischen Themen. Und dann war ich schon sehr gespannt und habe da reingehört. Wir reden von der Traumaexpertin Verena König. Und dann habe ich auch gesehen, die hat auch schon ganz tolle Bestsellerbücher geschrieben und hat einen sehr, sehr spannenden Podcast. Ja, und die haben wir uns dann eingeladen und ich finde, das war ein sehr, sehr lohnenswertes Gespräch.
Stephan Seiler 42:29
In den nächsten 2 Wochen könnt ihr das Interview an dieser Stelle hören. Für mich ist es auch ein besonders aktuelles Thema, denn ich hatte diesen Sommer ein nicht ganz so schönes Erlebnis, das ein Stück weit in die Richtung geht.
Brigitte Huber 42:44
Ja, erzähl mal.
Stephan Seiler 42:45
Am 25. Juli war ich beim Christopher Street Day in Berlin. Ein Tag, der eigentlich für mich und auch für Hunderttausende andere mit Freiheit, Sichtbarkeit, mit Feiern zu tun hat. Und ich wurde dort Zeuge eines Anschlags. Die meisten von euch werden es mitbekommen haben. Bei dem Christopher Street Day fand ein Anschlag statt. Ein mutmaßlich islamistisch motivierter Täter aus Berlin ist mit einem Auto gegen 22 Uhr durch den Tiergarten gerast und hat dabei mehrere Menschen verletzt. Rund 30 Leute verletzt, eine Frau wurde getötet. Ich möchte heute gar nicht die Tat an sich rekonstruieren. Darüber ist ja viel berichtet worden. Mich beschäftigt etwas anderes. Was macht so ein Erlebnis anschließend mit einem selbst und auch mit mir und meinen Liebsten? Ich war da auch mit Freunden und mit meinem Partner und ich kenne einige, die das noch näher gesehen haben. Ich war ungefähr so 100, 140 Meter entfernt, eine Baumreihe entfernt, habe zu viel mitbekommen, aber die allerschlimmsten Bilder sind mir erspart geblieben und das ist alles Es ist keine schöne Erinnerung. Ich muss sagen, seither schrecke ich auf, wenn ich Martinshorn höre oder ein Polizeihubschrauber über die Stadt fliegt. Dann denke ich so: Ah, geht's schon wieder los? Oder auch wenn ich gewisse Menschengruppen sehe mit einem gewissen Phänotyp, muss ich zugeben, dann fühle ich mich manchmal ein bisschen bedroht und mein Kopf versucht dann auch: Veto, veto! zu rufen und zu sagen: Ja, ist doch nicht so schlimm, ist doch alles in Ordnung, wir haben nichts damit zu tun. Aber das sind natürlich die ersten kleinen Impulse. Ich möchte jetzt auch die Folge heute gar nicht nutzen, um mich selbst zu diagnostizieren. Ich glaube jetzt nicht, dass ich der traumatisierteste Mensch unter der Sonne bin. Und gerade weil wir auch noch mit Verena König eine Fachfrau zu Gast haben werden. Aber ich habe so ein paar Beobachtungen und so ein paar Fragen. Brigitte, du willst was sagen?
Brigitte Huber 44:40
Das ist auf jeden Fall auch ein Punkt, den wir in dem Interview klären wollen. Nicht nur, wie gehe ich mit vergangenen traumatischen Erfahrungen um, sondern auch, Auch wenn ich gerade erlebe, dass jemand in meinem Umfeld eine potenziell traumatische Erfahrung hat, wie du jetzt in dem Fall, oder wenn ich das selber bei mir feststelle, wie ich damit umgehen kann. Und so viel ich von ihr weiß, gibt es da durchaus einfach Wege, ein Trauma zu verhindern, weil das fand ich bei ihr als Botschaft schon wahnsinnig wichtig. Es wird ja nahezu inflationär sehr von traumatischen Erlebnissen gesprochen. Wenn man sich manche Bubbles anschaut oder so, oder auch durchaus seriöse Absender, dann heißt es, jeder Mensch ist irgendwie traumatisiert und so weiter und so fort. Und das sieht sie gar nicht so. Sie sagt, jetzt abgesehen von dem Thema transgenerationale Traumata, da können wir gleich noch mal kurz drüber sprechen, abgesehen davon sind wir Menschen, und das finde ich eine ganz, ganz tolle höchst resiliente Wesen. Und wie wir ein schwieriges Erlebnis verarbeiten und ob das dann vielleicht nach 2 Jahren, nach 5 Jahren, nach 30 Jahren wieder aufpoppt oder nicht, hat einfach ganz viel damit zu tun, wer wir sind als Persönlichkeit und welche Ressourcen wir zur Verfügung haben und wie wir das verarbeiten können. Und darüber zu sprechen, wie kommen wir auch den Traumata vielleicht unserer Kindheit auf auf die Spur. Woran merkt man die zum Beispiel? Ich habe immer schwierige Beziehungsmuster und so weiter und so fort. Das finde ich sehr, sehr spannend, weil da hat sie sehr, sehr viel zu sagen.
Stephan Seiler 46:21
Ich freue mich auf die beiden Folgen, logischerweise auch aus persönlicher Betroffenheit. Und ich frage mich halt immer wieder, wann ist eine schlimme Erinnerung einfach eine schlimme Erinnerung und wann wird daraus ein Trauma? Warum steckt ein Mensch Ein Ereignis scheinbar weg, während der andere lange drunter leidet? Und entscheidet die objektive Schwere eines Ereignisses darüber oder das, was unser Nervensystem daraus macht? Also das, was du ja eben auch angesprochen hast. Kann mein Kopf einfach sagen, es ist vorbei, wenn mein Körper dann immer noch glaubt, es passiert gerade was? Wenn zum Beispiel ein Polizeihubschrauber über mir kreist, wie geht man damit um? Wie wächst sich das aus? Wie wird man das wieder los?
Brigitte Huber 47:03
Wie wird man das wieder los? Genau. Und ich glaube, die gute Nachricht ist, wenn man sich auf den Weg wegbegibt, also so habe ich sie bis jetzt immer verstanden, dann hat man wirklich ganz, ganz gute Chancen, das in den Griff zu kriegen. Aber der Weg ist mit Sicherheit nicht leicht. Insofern, also ich freue mich wirklich darauf, auch wenn das Thema natürlich alles andere als leicht ist. Aber dafür sind wir auch da, weil älter werden ist ja auch manchmal gar nicht so leicht. Und was wirklich auch der Punkt ist: Sehr viele Traumata machen sich in der zweiten Lebenshälfte bemerkbar. Wenn wir jung sind, dann können wir die häufig noch mehr wegschieben. Schieben und entweder brauchen sie einfach sehr lang, bis sie sich an die Oberfläche wiederholen, oder wir sind einfach so in diesem, wie soll ich sagen, reißenden Strom des Lebens, dass wir sie immer wegschieben. Und dann kommen sie auch. Und ich bin sehr gespannt. Also ich will auch von— wir wollen auch von Ihnen hören.
Stephan Seiler 47:57
Verdrängungskünstler sind wir.
Brigitte Huber 47:58
Verdrängungskünstler. Und das finde ich auch ebenso. Es ist nie zu spät, sich seinen Dämonen zu stellen. Also das ist ja durchaus auch etwas, hat was, was man, wenn man ihre Bücher liest und wenn man sie so hört, was man mitnehmen kann. Und insofern, ja, wird eine spannende Geschichte.
Stephan Seiler 48:14
Ja, genau. Und auch dieses transgenerationale Trauma, das du eben angesprochen hast, ist ja quasi auch momentan in aller Munde. Es gibt ja überall bei der Süddeutschen, bei Spiegel, bei der Zeit und woanders diese Ahnenforschungsgeschichten, wo man quasi eingeben kann, was musste Oma, was musste Uropa im Blick auf die Nazizeit oder auch auf die Zeit in der Stasi etc. Da gibt es einige von meinen Bekannten, die da auch Ahnenforschung betreiben. Und auch dadurch weiß man ja mittlerweile, wir tragen da noch das eine oder andere in uns, das vererbt wurde. Dieses vererbte Trauma. Auch darüber wollen wir ja reden mit Verena König. Ich weiß nicht, was da noch alles aus den Kriegserlebnissen meines Opas in Russland in mir steckt.
Brigitte Huber 48:56
Ja, und ich meine, das wird jeden Tag zu Tausenden, Abertausenden neuer Traumastoff erzeugt. Zeigt, wenn du dir allein anschaust, die ganzen Kriegsgebiete, wo steckst du das weg? Diese großen Umweltkatastrophen, die Menschen, die das überleben, die haben dann trotzdem selber noch lange was damit zu tun und die Generationen danach. Also das ist tatsächlich auch noch mal ein anderes Thema, aber da wollen wir auch auf jeden Fall kurz zu sprechen kommen.
Stephan Seiler 49:26
Vielleicht gilt ja auch das Zitat, das du eben zitiert hast, von Bernie Shaw: Sogar für Menschen nach einschneidenden Erfahrungen, wir erwarten manchmal, jetzt ist es doch vorbei. Jetzt musst du doch wieder der Alte sein. Aber vielleicht ist genau das die falsche Erwartung. Vielleicht besteht Heilung überhaupt nicht darin, wieder der Alte zu werden. Vielleicht besteht Heilung darin, herauszufinden, wer man danach ist.
Brigitte Huber 49:46
Ja, das ist doch ein schöner Schluss.
Stephan Seiler 49:49
Nächste Woche mehr davon mit Verena König. An dieser Stelle kriegen wir noch einen Stimmungsaufheller hin? Hast du noch einen besonders leichten Witz am Ende, damit die Laune wieder nach oben geht?
Brigitte Huber 50:01
Nein, da denke ich immer: an meinen Yogalehrer. Also das ist nicht meiner, sondern der aus unserem Fitnessstudio. Und der sagt dann immer: Habt ihr Lust auf den schlechten Witz der Woche? Und wir müssen dann in irgendeiner schwierigen Stellung verharren, während er den erzählt. Und der ist auch meistens richtig schön schlecht, der Witz. Aber so was habe ich leider nicht zu bieten. Insofern muss ich dich vollkommen witzbefreit aus den Tiefen der Seele heraus wieder nach oben katapultieren. Katapultieren und sagen: Ja, komm!
Stephan Seiler 50:31
Aber das können wir uns vielleicht vornehmen für die Zukunft. Wir können uns mal vielleicht so einen Fundus an Witzen, an schlechten Witzen zurechtlegen, um am Ende einer Folge, wo es dann vielleicht so einen kleinen Downer gab und ein Stimmungstief gab, dann noch mal die Kurve zu bekommen.
Brigitte Huber 50:45
Ja, oder wir bitten unsere Zuhörenden.
Stephan Seiler 50:47
Sag uns ein schlechtes Witze, bitte!
Brigitte Huber 50:49
Also ich habe auf jeden Fall leider keinen Witz zu bieten. Wir müssen völlig witzlos aus dieser Folge rausgehen.
Stephan Seiler 50:57
Aber Kopf hoch. Kopf hoch. Das machen wir.
Brigitte Huber 51:00
Und auf den Zehenstand. Zurück auf den Zehenstand und dann wird das schon.
Stephan Seiler 51:06
Ganz genau, wie der Berliner sagt. Und am Ende bleibt uns noch was zu sagen, liebe Brigitte?
Brigitte Huber 51:11
Na ja, auf jeden Fall, dass man überall Kontakt mit uns aufnehmen kann. War es nicht so? Auf Spotify und Facebook und Apple. YouTube, Instagram.
Stephan Seiler 51:24
Instagram, ganz genau, da könnt ihr uns folgen. Schreibt uns Kommentare, auch unter den Spotify-Folgen. Auch bei Apple Podcasts geht das mittlerweile. Schreibt uns Kommentare, wir lesen das, wir antworten auch meistens. Also zumindest glaube ich bisher fast immer. Melde dich, die Person, bei der wir noch nicht geantwortet haben. Wir danken euch fürs Zuhören ganz herzlich in dieser Folge, genauso auch wie in den vergangenen rund 50 Folgen. Es ist wirklich eine große Freude, dass ihr so treu bei uns bleibt und dass ihr immer mehr werdet. Das ist wirklich wunderschön und genau deshalb machen wir das hier auch. Wir werden hier gemeinsam jede Woche ein Stück älter. Das war die Sache mit dem Älterwerden.
Brigitte Huber 52:04
Dankeschön an Leo Erbert Klang für Sound und Schnitt, an Bennet Polenz, der für unsere Social-Media- und mehr Aktivitäten zuständig ist, und an Luisa Abraham.
Stephan Seiler 52:15
Richtig, sie kümmert sich um die Vermarktung. Wenn ihr also bei uns werben möchtet, was uns sehr, sehr freuen würde, weil wir ein unabhängiger Podcast sind, dann wendet euch bitte an Luise Abraham und ihr wunderbares Vermarktungsteam von Zebralution. Die Kontakte findet ihr bei uns in den Folgenbeschreibungen, auch Shownotes genannt. Brigitte und ihr Lieben da draußen, wir hören uns wieder nächste Woche Mittwoch. Bis dahin, Bis dahin, macht's gut.
Brigitte Huber 52:41
Bis dahin, alles Gute. Alles Liebe und fröhliches Älterwerden.
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Folge
52
·
55 Min.
Mit
Verena König
Sind wir alle ein bisschen traumatisiert? Warum suchen wir uns unbewusst Partner, die unerreichbar sind? (1/2)
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