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86 Min.
Wie gelingt der Weg in den Ruhestand, Sonja Schiff? Wo lauern Fallen, wo warten Chancen? Wie entsteht ein „gnadenlos positiver“ Blick aufs Alter?
Eine gewaltige Zäsur: der Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand hat es in sich. Zumal danach mit etwas Glück weit mehr als eine kurzes Finale wartet - wir sprechen über eine Lebensphase von 25 bis 30 Jahren in hoffentlich meist guter Gesundheit.
Mit
Lebensgestaltung

Kapitelmarken
00:00 Begrüßung & Intro: Sonja Schiff - Expertin fürs Älterwerden
02:34 Definition: Älterwerden als lebenslanger Prozess - von Geburt an
08:27 Ziele mit 95: Warum es nie zu spät für Klavierstunden oder ein Saxophon ist
19:29 Die neue Dimension: 30 Jahre Ruhestand im Vergleich zu früheren Generationen
22:08 Wer schafft den Übergang? Die 20-Prozent-Quote und psychologische Hürden
27:15 Die 5-Jahre-Übung: Den „stinknormalen" Tag im Ruhestand visualisieren
37:55 Die Phasen des Ruhestands: Von der Honeymoon-Phase bis zur Reorientierung
46:04 Partnerschaft & soziale Kontakte: Warum wir rechtzeitig reden müssen
1:03:06 Mut zum Neustart: Wie Sonja Schiff zur ,Vintage Venus" am DJ-Pult wurde
1:10:51 Premieren und Entweder-Oder:
Transkript zur Folge
Sonja Schiff 0:00
Ja, meinen Blick auf Älterwerden haben eben in der Altenpflege wirklich hochbetagte Menschen geprägt, das heißt 85-, 90- oder sogar 100-Jährige und Menschen, die pflegebedürftig waren. Und das ist mir deswegen so wichtig, weil wir ja genau diese Phase des Lebens oder diese Situation des Älterwerdens als die schwierige, ja, das ist ja diese Lebensphase, die uns eigentlich Angst macht, ja, wo wir sagen, boah, das wollen wir nicht erleben. Und genau da habe ich eben Menschen erlebt, wo ich einfach so mitgenommen habe: Du kannst auch als pflegebedürftiger Mensch selbstbestimmt sein. Und ich finde, die Pension ist eigentlich die einzige Zeit im Leben, wo ich nur einmal schauen kann: Wer bin ich noch? Außer die Person, die ich bis jetzt war. Ich werde oft gefragt: Was ist das Allerwichtigste für einen guten Ein Einstieg in die Pension, kann ich nur sagen, ein sehr guter Ausstieg aus der Pension.
Brigitte Huber 1:01
Sie nennt sich Expertin fürs Älterwerden und das mit Fug und Recht. Sonja Schiff hat angefangen in der Altenpflege, dann hat sie Gerontologie, also Alterswissenschaft, studiert und nun bereitet sie seit 25 Jahren Menschen auf den Ruhestand vor und unterstützt sie als Coach. Ihren gnadenlos positiven Blick aufs Alter, wie sie selbst sagt, hat sie sich bewahrt. Wir freuen uns auf Sonja Schiff. Stephan, was hast du aus dem Gespräch mitgenommen?
Stephan Seiler 1:32
Jede Menge. Zum Beispiel, was ich schon mit Mitte 40 tun kann, damit ich später nicht in ein Loch falle. Wie ich den Ruhestand gewissermaßen üben oder proben kann vorab. Das habe ich auch gelernt. Und dass es wichtig ist, bis zur Rente eine Frage zu beantworten: vor der viele auch davonrennen. Wer oder was bin ich noch? Wer bin ich abseits der Arbeit, abseits der Familie? Wichtige Fragen, die habe ich mir heute ins Notizbuch geschrieben. Und was hast du mitgenommen?
Brigitte Huber 2:01
Ich habe auf jeden Fall mal mitgenommen, wie man den Eintritt in den Ruhestand planen sollte und welche Fallen man tunlichst meiden sollte. Ich habe gelernt, warum sie diesen gnadenlos positiven Blick aufs Alter und aufs Älterwerden hat. Und warum Enkelkinder keine Lösung sind, zumindest nicht die One-and-only-Lösung. Ich bin Brigitte Huber.
Stephan Seiler 2:21
Ich bin Stephan Seiler. Und das ist die Sache mit dem Älterwerden.
Brigitte Huber 2:34
Wann beginnt denn Älterwerden?
Sonja Schiff 2:38
Sehr gute Frage. Wann beginnt Älterwerden? Also wenn man sich das Wort Alter anschaut, gibt es sozusagen einen Wortstamm. Es kommt aus dem Indogermanischen ursprünglich und bedeutet dort reifen und wachsen. Und wenn man diesen Wortstamm hernimmt, dann beginnt Älterwerden eigentlich mit der Geburt. Weil Älterwerden ist ein Prozess, ein psychischer, ein physischer und ein sozialer Prozess. Und wenn man diese Reifung und dieses Wachstum als sozusagen den Inhalt des Älterwerdens nimmt, dann fängt es eigentlich mit der Geburt an. Und so bei den Vorbereitungsgedanken haben wir doch eigentlich mit der Zeugung oder mit der Zeugung.
Brigitte Huber 3:18
Spannend.
Sonja Schiff 3:19
Ja, wenn man das im Wortstamm hernimmt. Ja, wenn man jetzt das Älterwerden, so wie es wir heute diskutieren, meinen, ich glaube, man kann das nicht wirklich an einem Alter fix machen. Ja, also so für sich selbst. Wann fühle ich mein Älterwerden? Das ist sehr, sehr unterschiedlich. Ich habe einfach in meiner Arbeit immer so das Gefühl, bei den Frauen ist es dann sehr stark die Wechseljahre, wo sie merken, ah, jetzt kommt sozusagen eine neue Phase und ich habe schon viel Zeit, viel Lebenszeit hinter mich gebracht. Und bei den Männern finde ich, ist es eben sehr oft das Thema Ruhestand, wo sie das erste Mal merken, okay, jetzt bin ich schon in einem fortgeschritteneren Alter.
Stephan Seiler 4:01
Du sprichst von Wechseljahren, du sprichst von anderen Wegmarken, aber kippt dieses Älterwerden vom Positiven ins Negative nicht schon zu ganz anderen Zeitpunkten im Leben? Ab wann steht Älterwerden nicht mehr zwingend für was Positives, für mehr Freiheit, für mehr Weiterkommen, für Wachstum? Wann kippt es ins Negative? Ist das nicht schon früher, für manche schon mit 20 oder Mitte 30 oder schon vor der eigentlichen Midlife Crisis, die man ja so nennt?
Sonja Schiff 4:26
Ja, die Frage ist jetzt, stellst du mir eine gesellschaftliche Frage? Also wann kippt es in der Gesellschaft? Oder wann gibt es individuell bei den, bei den Menschen?
Stephan Seiler 4:36
Sowohl als auch.
Sonja Schiff 4:37
Ja, aber eigentlich müssen wir sozusagen über das Thema reden: Was ist überhaupt Alter? Ja, also Alter kann ich natürlich festmachen an einem Geburtsdatum und ich kann sagen, wenn ich '64 geboren bin, 20 Jahre später '84, jetzt habe ich meinen 20. Geburtstag. Ja, ist überhaupt keine Frage. Aber Alter, also wir Alterswissenschaftler sagen, Alter ist ein Konstrukt, weil es immer mit dem Kontext zu tun hat. Also in der Arbeitswelt bin ich heute mit 40 schon alt, kommt aber auch wieder darauf an, in welcher Arbeitswelt. Wenn ich jetzt im IT-Bereich im Thema KI drinnen bin, bin ich vielleicht mit 40 schon sehr alt. Arbeite ich jetzt aber irgendwo, wo Erfahrung gebraucht wird, bin ich erst mit 70, 80 alt. Also ob wer alt ist oder nicht, hat viel mit dem Kontext zu tun und es hat auch immer mit dem individuellen Gefühl zu tun. Wenn ich ein Mensch bin, ich habe negative Vorbilder zu Alter und ich habe Angst vor Alter, dann kann es sein, dass ich als Mädchen mit 32 mir schon denke: Oh Gott, ich bekomme die ersten Falten, jetzt bin ich alt. Und wenn ich ein Mann bin zum Beispiel und vielleicht ganz anders geprägt bin, da heißt es ja, Männer mit grauen Schläfen sind attraktiv, dann fühle ich mich vielleicht mit 80 noch gar nicht alt. Also die Wegmarken, die für alle gültig sind, die gibt es nicht.
Stephan Seiler 6:01
In der Politik gilt man ja mit Mitte 40 quasi noch als politischer Nachwuchs. Finde ich auch mal interessant, wie völlig verquer da die Wahrnehmung ist. Da beginnt ja quasi die Pubertät erst so mit Anfang 50, habe ich das Gefühl.
Sonja Schiff 6:13
Genau, mit 45 wäre man als Bundespräsident zu jung.
Stephan Seiler 6:17
In Österreich darf man ab 45 Bundespräsident werden.
Sonja Schiff 6:20
Nein, nein, das habe ich jetzt keine Ahnung. Nein, das ist sicher nicht. Bei der letzten Wahl hat ein sehr junger Mann, der Komiker und Sänger ist, kandidiert und der war glaube ich kurz nach 30. Aber da wäre man nie auf die Idee gekommen zu sagen, der ist wirklich reif für dieses Amt. Ja, da hat es immer geheißen, was macht der? Der ist ja viel zu jung und der hat ja keine Erfahrung.
Brigitte Huber 6:41
Oder der Papst. Kann man sich vorstellen, dass ein Papst 30 oder 35 ist? Ich glaube, Stephan, du hättest kaum Chancen bei der Papstwahl, oder?
Stephan Seiler 6:50
Ja, aus diversen Gründen hätte ich da—
Brigitte Huber 6:51
Obwohl das dein heimlicher, ganz großer Wunsch ist, oder?
Sonja Schiff 6:56
Was auch spannend ist, dieser Blick auf Alter verändert sich auch, je älter man wird. Also ich bin jetzt Ich bin zum Beispiel 61 und ich komme jetzt immer öfters in Situationen, wo mir Menschen gegenüberstehen, die eine spezielle Expertise haben. Und die treten dann auf und ich sehe die und ich denke mir: Oh Gott, ein Kind. Ja, weil der Mensch für mich total jung ist. Ich habe vor kurzem, hatte ich so eine Situation mit einem Arzt. Da ist es bei mir wirklich um was gegangen. Und dann kommt der Arzt und der war, ich glaube, er war 32 und der hat dann nur so ganz jung ausgeschaut. Und das Erste, was mir durch den Kopf gegangen ist, war: Kann der das?
Stephan Seiler 7:37
Interessant, ja.
Sonja Schiff 7:37
Ja, und dann habe ich mich aber daran erinnert, was ich schon alles konnte mit 32, dass ich da schon 750 Mitarbeiter hatte und eine Pflegeorganisation gegründet und gerade erst gegangen war in die Selbstständigkeit. Aber das musste ich wirklich mit meinem Hirn bewusst hervorkramen, weil die erste Reaktion war: Oh Gott, kann der das?
Brigitte Huber 7:59
Noch schlimmer ist es, wenn man ja Menschen schon aus deren Kindheit kennt. Ich habe mal mit einer Freundin zusammengelebt. Wir waren beide alleinerziehende Mütter und der Sohn von ihr war 4 Jahre jünger als meiner. Und später dann bei irgend so einer Festivität habe ich den dann wiedergesehen, nach etwas längerer Zeit. Und er ist mit meiner Freundin mit dem Auto gekommen und ich sage dann zu ihm: Mensch, Matze, du hast auch schon den Führerschein?
Sonja Schiff 8:26
Sagt er.
Brigitte Huber 8:27
Ja, ich bin auch schon 30 inzwischen. Und er war auch inzwischen schon Oberarzt oder nahezu. Und dann habe ich mir gedacht, ja, aber für mich war es halt der kleine Matze, der immer noch 4 Jahre jünger war als mein Sohn. Und die Vorstellung, dass ich wahrscheinlich mich von ihm behandeln lassen würde, da hätte ich genau noch dieses Gefühl, viel zu jung. Du hast ja viele Jahre in der Altenpflege gearbeitet. Also war auch dein Einstieg. Und hast, und ich finde das so schön, wie du das sagst, trotzdem einen gnadenlos positiven Blick aufs Älterwerden. Was ist so toll am Älterwerden?
Sonja Schiff 9:03
Ich muss vielleicht einmal sagen, wer hat denn diesen Blick geprägt? Ja, meinen Blick auf Älterwerden haben eben in der Altenpflege wirklich hochbetagte Menschen geprägt. Das heißt 85-, 90- oder sogar 100-Jährige und Menschen, die pflegebedürftig werden. Und das ist mir deswegen so wichtig, weil wir ja genau diese Phase des Lebens oder diese Situation des Älterwerdens als die schwierige. Das ist ja diese Lebensphase, die uns eigentlich Angst macht, wo wir sagen, das wollen wir nicht erleben. Und genau da habe ich eben Menschen erlebt, wo ich einfach so mitgenommen habe: Du kannst auch als pflegebedürftiger Mensch selbstbestimmt sein. Ja, du bist halt dann nicht der Angepasste, die angepasste Ältere. Du bist dann die schwierige Frau von Zimmer 7, sage ich mal. Ja, aber du kannst, du kannst deine— Ich sage immer, wenn ich alt bin, ich werde sicher ganz böse Frau. Da werden sie immer sagen, ich bin eine böse Frau, weil ich genau weiß, dass diese selbstbestimmten Frauen dann oft diese Etikette bekommen. Aber was mich so fasziniert hat, war eben dieses Selbstbestimmtbleiben oder zum Beispiel noch Ziele haben. Also kurze Geschichte vielleicht. Ich habe eine Kollegin in einem Seniorenheim besucht, habe überlegt, dort zu arbeiten. Und als ich da reingegangen bin zu diesem Termin, sah ich im Vorbereich dieses Seniorenheims, so eine Art Wohnzimmer, war ein Klavier und dort hat eine alte Dame Klavier gespielt. Und die Dame war sehr, sehr alt. Und ich habe mitbekommen, dass sie übt. Also die hat Tonleitern geübt und es war wirklich nicht flüssig. Also man hat einfach gemerkt, die lernt das. Das hat mich schon beim Reingehen so fasziniert. Und dann hatte ich meinen Termin und eine Stunde später ging ich wieder raus und da hat diese Dame immer noch gespielt. Und dann habe ich mich hingesetzt und irgendwann hat sie den Klavierdeckel zugeklappt und hat gesagt: Ich liebe Molltonleitern. Und dann bin ich mit ihr ins Gespräch gekommen und die hatte so ein dickes Klavierlernbuch vor ihrem Tischchen liegen. Und ich habe sie dann gefragt und sie hat gesagt: Ja, sie hat erst vor kurzem angefangen, Klavier zu spielen. Das war ihr großer Traum. Und dann klappt sie dieses Heft auf die letzte Seite und sagt zu mir: Und bevor ich sterbe, kann ich das noch spielen. Wow, das ist schön. Genau. Und ich war so, ich habe mir damals gedacht: Wow, zwei Dinge. Erstens, du kannst auch mit 95, du kannst auch mit 95 noch Ziele haben. Und das Zweite war: Es ist nie zu spät, irgendwas neu anzufangen. Ja. Weil die war sicher eine Ausnahmesituation, aber wahnsinnig geprägt. Und ich war gerade in einer Phase, da war ich gerade 40 und ich habe gerade überlegt, ob ich Saxophon lernen soll. Und 2 Tage später habe ich mir ein Saxophon gekauft.
Brigitte Huber 11:53
Klasse.
Stephan Seiler 11:55
Wunderbar.
Brigitte Huber 11:55
Macht mir total Mut. Ja, absolut. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mit 40 versucht habe, Klavier zu lernen und dann gedacht habe, nach einem halben, dreiviertel Jahr ist es wahrscheinlich zu spät. Dann muss ich sagen, ich habe ja echt noch richtig Zeit.
Sonja Schiff 12:08
Zu spät vielleicht für große Karriere, oder? Ja, ja, schon. Aber ich glaube, das hat sie nicht vor.
Stephan Seiler 12:14
Vielleicht war es einfach das falsche Instrument. Vielleicht musst du noch das Instrument finden, das zu dir passt, Brigitte.
Brigitte Huber 12:19
Cello.
Sonja Schiff 12:20
Oder den Druck rausnehmen.
Stephan Seiler 12:22
Ja, ich kenne viele Menschen, die bereits in jüngeren Jahren mit ihrem Alter hadern. Und das beginnt wirklich auch schon bei Menschen, die ich kenne, mit einer 2 vorne oder mit einer 3 vorne. In meinem Alter, ich bin jetzt Mitte 40, ist es auch so, dass man sehr häufig oder dass ich sehr häufig den Satz höre: Ach, das muss ich jetzt auch nicht mehr machen, dafür bin ich doch schon zu alt und etc. Diese Geschichten, die du jetzt eben erzählt hast, die sind total inspirierend. Aber ich habe trotzdem den Eindruck, dass die vielleicht manchmal eher noch so einen extra Druck ausüben auf manche. Was entgegnest du denn denjenigen, die mit ihrem Alter bereits in jüngeren Jahren hadern? Oder anders gefragt: Wie können wir lernen, das Älterwerden zu lieben?
Sonja Schiff 13:05
Also da erinnere ich mich ganz spontan daran, dass ich mit 40 eine große Alterskrise hatte und mir gedacht habe, ich will meinen 40. Geburtstag nicht feiern. Und dann eine 60-Jährige zu mir gesagt hat: Das wird wieder besser. Mit 50 ist dir das egal und mit 60 freust du dich, dass du noch lebst. Das heißt, auch diese Krisen haben einfach ihre Phasen. Vielleicht ist es einfach ganz normal, dass man, dass man, wenn man sich etwas überhaupt nicht vorstellen kann, ja, man nimmt mal wahr, sage ich mal so, mit 30, 40 nimmt man wahr, das Leben geht viel schneller voran, als man sich gedacht hat mit 10. Weil wenn man 10 ist, da glaubt man ja, man hat endlos lang Zeit, unendlich, und es geht weiter und weiter. Und mit 5, sagen wir mal mit 30 oder mit 35, vielleicht auch schon früher, merkt man, das geht jetzt schneller. Als ich mir gedacht habe. Und wenn das Angst macht, ich finde, es hat durchaus seine Berechtigung, dann zu hadern. Und hadern heißt ja, darüber nachzudenken. Ja, das heißt, hadern heißt ja, das Thema ist präsent. Man beschäftigt sich auch ein Stückchen damit. Und da kann ich nur wieder sagen: Älter werden ist ein Prozess, auch ein psychischer. Ja, also dieses Ringen und dieses Damit-Umgehen-Versuchen-Lernen, das gehört alles für mich dazu, ist Teil dieses Prozesses.
Stephan Seiler 14:26
Also das findest du gar nicht schlecht. Und es ist jetzt auch kein Problem, wenn ich das Älterwerden nicht liebe. Entlastest du mich da von der Schuld?
Sonja Schiff 14:34
Falls du diese Frage 5-mal— Ja, da entlaste ich jeden. Ich finde, diese Angst vorm Älterwerden und diese Angst zu bewältigen, ist Teil dieses Prozesses. Und du kommst eben irgendwann, die einen vielleicht mit 60, vielleicht die anderen erst mit 80, an diesen Punkt, wo du merkst, Hoppala, eigentlich ist jeder Tag ein Geschenk. Eigentlich könnte es schon lange vorbei sein.
Stephan Seiler 14:59
Aber das heißt auch, dieser Moment wird kommen. Also kann ich mich darauf verlassen, dass ich irgendwann diesen Moment erreiche, in dem ich sage: Es ist alles gut so, wie es ist. Ich bin dankbar für jeden Tag, den ich gelebt habe. Tschakka, auf in den Sonnenuntergang.
Sonja Schiff 15:12
Also ich kann das nicht garantieren, weil das hat ja mit dir als Persönlichkeit zu tun. Ich habe schon Menschen kennengelernt, die sogar beim Sterben nur mit ihrem Leben gehadert haben. Die gibt es natürlich. Es gibt Also wie wir älter werden, generell wie wir das Leben sehen, hat ja einfach viel mit unserem Blick an und für sich zu tun, mit unserer Haltung, mit unseren Positionen. Und es gibt Menschen, die meisten Menschen, würde ich sagen, kommen irgendwann an den Punkt und sagen: Es ist gut. Ja, ich habe ja oft mit Menschen geredet am Ende des Lebens, wo ich einfach gemerkt habe, da gibt es ganz viele Menschen, die sind so zufrieden. Und wenn sie dir dann dein Leben erzählen, dann fragst du dich sofort: Wie kann das sein? Wie kann es nach diesem Leben, das sie anheuert, es wäre es fast nicht zum Ertragen gewesen, wie kann dann jemand trotzdem so zufrieden sein und sagen: Es war ein gutes Leben, und wenn ich jetzt gehen muss, dann ist es okay so. Aber ich habe natürlich auch wirklich einzelne Menschen kennengelernt, die das gar nicht geschafft haben und die auch im Sterben noch gekämpft haben. Die gibt es natürlich auch. Keine Frage.
Brigitte Huber 16:20
Aber ich finde es schon—
Sonja Schiff 16:21
Aber zu wissen, dass es mit einem selber zu tun hat, oder?
Brigitte Huber 16:25
Und ich finde es schon ganz wichtig, auch was du sagst, dass Älterwerden ist ein Prozess. Auch dieses Zwischendrin damit Hadern ist ein Prozess. Immer wieder zu realisieren: Oh, ich habe mit Mitte 20 schon gehadert. Dabei war doch da eigentlich alles ganz positiv, vermeintlich oder tatsächlich. Und zu denken: Wenn ich jetzt aber in 20 Jahren zurückschaue auf meinen jetzigen Zeitpunkt, fände ich den vielleicht sogar beneidenswert. Ich finde, das sind ja auch immer so Gedankenspiele, die man sich selber einräumt und die einem dann auch helfen, sich zu entwickeln. Genauso wie die Krisen natürlich letztlich dazugehören, damit wir uns nach vorne entwickeln und uns einen Frieden machen an der einen oder anderen Stelle, oder?
Sonja Schiff 17:06
Genau. Also mir wird zum Beispiel immer wieder die Frage gestellt, Ich mache ja sehr viel mit Frauen, ich arbeite sehr viel mit Frauen und gerade bei meinen Vorträgen kommt dann immer irgendwann die Frage, wie ich denn das finde, dass Frauen zum Beispiel ihr Gesicht behandeln lassen. Ob ich das nicht würdelos finden würde. Und ich sage dann immer, nein, die Frauen sind im Prozess. Und dann erzähle ich immer meine Geschichte und sage, dass ich mit 40 riesige Probleme hatte, als ich gesehen habe, ich bekomme jetzt die Marionettenfalten meiner Mutter. Ja, die habe ich ganz deutlich geerbt. Und dann habe ich mir gedacht, darf ich als Alterswissenschaftlerin da jetzt kämpfen? Müsste ich nicht sagen: Juhu, ich begrüße meine Marionettenfalten?
Brigitte Huber 17:48
Was sind denn Marionettenfalten?
Sonja Schiff 17:50
Ja, hier.
Brigitte Huber 17:52
Ich habe schon gedacht.
Stephan Seiler 17:54
Also quasi an den Lippen rechts und links.
Sonja Schiff 17:57
Genau, die auch. Ja, genau. Und die habe ich von meiner Mutter. Die sind bei meiner Mutter sehr ausgeprägt und die machen mein Gesicht, die geben einem so ein bisschen einen depressiven Touch. Also aus meinem Blick. Die anderen sehen das eher Das war nicht so. Und ich habe mir immer gedacht, wie komme ich eigentlich zu diesen, zu diesen Falten, die da ausschauen, als hätte ich Depressionen? Ich bin doch so ein lustiger Mensch. Und wenn ich das den Leuten bei den Vorträgen erzähle, dann lachen sie immer. Und wenn ich dann sage, und stellen Sie sich vor, ich bin auch einmal vor einem Kosmetikstudio gestanden und bin reingegangen und habe gefragt, kann man da noch was machen? Und wie würde das ausschauen? Und der einzige Grund, warum ich das nicht machen habe lassen, war, dass das erstens wahnsinnig teuer war. Und ich habe dann gefragt: Wie lange hält es? Und die hat gesagt: 2 Jahre. Und dann habe ich gewusst: Oh Gott, in 2 Jahren habe ich das Problem wieder. Und dann habe ich mir einfach gefragt oder habe mir gedacht: Ich muss mich mit dieser Falte ja Frieden schließen. Ja, die wird ein Teil meines Gesichtes sein. Und wenn ich das nicht jetzt mache, dann muss ich es in 2 Jahren wieder machen oder in 4 Jahren oder in 6 Jahren. Also mache ich es lieber jetzt gleich. Ja, aber der Prozess war genauso da wie bei vielen Frauen. Und darum verurteile ich auch niemanden, der jetzt in seinem Gesicht irgendwas machen lässt oder spritzen lässt oder so was. Ich sage dann immer, die Frau ist im Prozess und das ist ihr Weg, mit dem Prozess umzugehen. Irgendwann steht sie auch vor der 80-Jährigen und muss irgendwann akzeptieren, dass sie alt geworden ist. Das müssen wir alle. Da kommen wir nicht rum.
Brigitte Huber 19:29
Wir sprechen gerade über Prozesse. Dann gibt es aber in unserem Leben auch einen Moment, der ist eigentlich eine Zäsur. Ruhe. Und das ist der Ruhestand. Zumindest kommt es vielen so vor, als wäre es ein bestimmter Tag im Leben und es gibt einen davor und danach. Du bist Ruhestandscoach. Es ist wirklich eins deiner absoluten Hauptthemen. Vielleicht als Erstes: Wie unterscheidet sich denn der Ruhestand 2026 von dem früherer Generationen?
Sonja Schiff 20:02
Ja, es ist, du bist so am Punkt mit deiner Frage, weil die meisten, also wenn ich mich irgendwo vorstelle mit diesem Ruhestandsthema, dann sagen eben die meisten: Mein Opa und mein Vater sind auch gut in Pension gegangen, wozu brauchst du plötzlich dich? Ja, der große Unterschied ist, dass in den 70er Jahren, wenn jemand in Pension gegangen ist, hat diese Person, ich habe es jetzt nicht genau, aber zwischen 7 und 9 Jahren weitere Lebenszeit im Durchschnitt. Ja, das heißt, es hat natürlich immer schon Menschen gegeben, die wurden da auch da 90, aber die Chance war viel, viel geringer. Es waren 7 bis 9 Jahre und heute sind es 23 bis 25 Jahre und manche von uns, bei manchen von uns vielleicht sogar 30, wenn wir sehr, sehr alt werden, oder Frauen und Männer Unterschiede. Das heißt, der große Unterschied ist die Dauer und dass wir so viel weitere Lebenszeit haben, hat mit unserer Gesundheitssituation zu tun. Wir gehen gesünder, körperlich jünger in die Pension als jede Generation vor uns. Und deswegen träumen wir auch davon, dann eine Weltreise zu machen, während es unsere Großväter nicht getan haben. Die sind tatsächlich auf der Hausbank gesessen und haben Hühner gefüttert, weil sie gar nicht mehr die Energie hatten für irgendwelche großen Traumerfüllungen. Das ist der große Unterschied.
Brigitte Huber 21:28
Genau. Und in dem Moment, wo wir in den Ruhestand kommen, sind wir, fühlen wir uns dann ja auch noch nicht alt. Ich finde das ja auch so ein Punkt, dadurch dass wir so fit sind und haben auch noch das Gefühl, tatsächlich sehr viel machen zu können. Absolut.
Sonja Schiff 21:42
Na ja, das ist ja überhaupt, ich finde das noch was anderes als so spannend. Wir fühlen uns ja grundsätzlich sowieso 10 bis 15 Jahre jünger, als wir sind. Ja, und dann sind wir auch noch um so vieles jünger als vorige Generationen. Das heißt, bei uns ist dieses Lebensgefühl, wenn wir in dieses Pensionsantrittsalter kommen, ein völlig anderes, als das vorher bei Generationen war.
Stephan Seiler 22:08
Wie viele Menschen unterschätzen denn diesen Schritt in die Untätigkeit? Wer besonders und wodurch zeichnet sich das aus?
Sonja Schiff 22:17
Ja, also ich kann es eher andersrum erklären, nämlich wer schafft, also wie viele schaffen den Übergang in den Ruhestand und wie viele schaffen den nicht oder nicht so gut? Grundsätzlich sagt man, 80% schaffen den Übergang in den Ruhestand innerhalb von 2 Jahren gut bis sehr gut. 20% schaffen ihn sehr schlecht oder gar nicht. Von diesen 80% schafft es aber die Hälfte tatsächlich von Beginn an sofort sehr gut bis gut. Und die Hälfte braucht eben bis zu 2 Jahre und stolpert und hadert und muss, muss sie einfach lernen zu adaptieren. Und diese 40% ist, kann man natürlich immer passieren, dass sie dann auch zu den 20% werden, die es nicht schaffen.
Brigitte Huber 23:07
Kann man das zum Beispiel geschlechtermäßig differenzieren? Tun sich Männer schwerer oder leichter mit dem Ruhestand? Oder ist es abhängig davon, was ich gearbeitet habe, wie viel ich gearbeitet habe? Oder ist das einfach quer durch alle Alters- und Berufsklassen?
Sonja Schiff 23:23
Also bei den Geschlechtern kann man mal sagen, nicht Frau und Mann macht den Unterschied, sondern habe ich einen weiblichen oder einen männlichen Berufsverlauf? Damit ist gemeint, Frauen, die Unterbrechungen haben, weil sie Kinder bekommen, tun sich in der Regel leichter. Die sind nicht so fokussiert. Auf die Arbeit als einziger Lebensinhalt. Und Männer und Frauen mit einem männlichen Berufsverlauf, sprich durchgearbeitet, 40 und noch mehr Jahre ohne Pause, bei denen ist es im Prinzip genau gleich. Und es gibt einige Faktoren, die den Übergang, also ob er gut gelingt oder nicht so gut gelingt, die den beeinflussen. Ein Einfluss ist zum Beispiel einmal grundsätzlich: Gehe ich freiwillig in Pension oder werde ich geschickt? Also bekomme ich Druck, werde gemobbt oder kann ich selbst entscheiden, ich möchte nur 1, 2 Jahre länger arbeiten? Das ist einmal ganz oben. Auch wenn mich eine Erkrankung dazu zwingt, in Pension zu gehen. Auch das ist einfach sehr, sehr schlecht. Aber dann gibt es auch noch so Faktoren wie: Wie viel Spaß macht mir denn gerade die Arbeit? Also wie toll finde ich sie gerade? Wie wichtig ist die Arbeit überhaupt für mich in meinem Leben? Welche Rolle spielt es? Was gibt es für Leben außerhalb der Arbeit? Dann oft so Dinge, was steht Neues an? Steht was Neues an? Also viele sagen zum Beispiel: Nein, jetzt kriegen wir schon wieder ein neues Computerprogramm. Bin ich froh, dass ich jetzt aufhören kann. Oder ich habe einmal einen Arzt erlebt und seine Assistentin, die sind gleichzeitig gegangen. Die Assistentin hat gesagt: Die tun mir keinen neuen Schäf an. Ja, solche Dinge. Also solche Faktoren und auch zum Beispiel: Wie stark identifiziere ich mich mit dem Unternehmen, bei dem ich arbeite? Wie sehr ist diese Zugehörigkeit ein Teil meines Lebens? Und ein großer Aspekt spielen auch die sozialen Kontakte. Wie viele soziale Kontakte habe ich auch außerhalb der Arbeit oder habe ich sie ausschließlich in der Arbeit? Das sind alles so Faktoren.
Stephan Seiler 25:21
Kurze Anschlussfrage dazu: Wie schaut's bei Freiberuflern aus oder bei anderen Menschen, die jetzt nicht angestellt sind, sondern die vielleicht in einem anderen Kontext arbeiten leben.
Sonja Schiff 25:34
Die haben den großen Vorteil, dass sie es selbst bestimmen können. Ja, sie können bestimmen. Ja, ja, absolut klar. Also sagen zu können, wann gehe ich in Pension, sagen zu können, wie gehe ich in Pension, zum Beispiel kann ich langsam rausgleiten und nicht so von 100 auf null. Es gibt so viele Menschen, denen die Unternehmen das nicht anbieten, dass sie vorher einfach mal reduzieren auf 80% und mal auf 50%. Dass Sie zum Beispiel, also ich sage immer bei meinen Teilnehmern, sage immer, wann immer es Ihnen möglich ist, tun Sie Pension üben. Das würde heißen, wenn Sie Überstunden haben oder Urlaub bestehen haben, nehmen Sie sich die nicht am Stück 4 Wochen, sondern machen Sie über einen längeren Zeitraum zum Beispiel den Montag und den Freitag frei. Dann haben Sie schon mal 4 Tage, wo Sie lernen, mit 4 freien Tagen immer wieder Woche für Woche. Über einen längeren Zeitraum umzugehen. Aber das bieten viele Unternehmen nicht. Meine Seminarteilnehmer sagen oft: Aber das kann ich nicht. Ich darf das nicht.
Brigitte Huber 26:38
Deswegen, das habe ich dann, habe ich dann jetzt auch gemerkt, als ich jetzt dann so Ende 50 war. Und dann habe ich meine Freundinnen gesehen, die freiberuflich sind, egal was, ob die jetzt Anwältin sind oder was auch immer. Die können dann die Dosis eben bestimmen und sagen: Ich gehe jetzt einfach runter und mache nur mehr eben 3 Tage oder nur mehr am Vormittag und an einem Nachmittag. Und das alleine ist schon extrem beneidenswert. Oder es hilft einem einfach, so einen fließenden Übergang zu finden.
Sonja Schiff 27:07
Oder, oder sie entscheiden weiterzuarbeiten.
Brigitte Huber 27:09
Oder genau, ganz genau. Wir kommen auf das Thema eh nochmal.
Sonja Schiff 27:12
Freiberufliche tun das.
Brigitte Huber 27:15
Wir gehen jetzt mal in einen von deinen Workshops, die du in Firmen im Normalfall gibst. Und die dauern 2 Tage, soweit ich mich erinnern kann. Und du machst mit den Menschen unter anderem eine Übung, die ich sehr, sehr spannend finde, wo du sie quasi auf 5 Jahre nach Eintritt in den Ruhestand vorbereitest. Magst du mal erzählen, was das für eine Übung ist und was da passiert?
Sonja Schiff 27:40
Ja, also in der Übung geht es um das Thema Zeit. Das ist noch unter dem, unter der Überschrift Zeit und Umgang mit viel Zeit. Und die Aufgabenstellung lautet: Denken Sie sich einmal in die Zukunft, Sie sind jetzt 5 Jahre nach dem Pensionsantritt und schauen Sie einmal, wie dieser Tag, den Sie jetzt erleben, ausschaut. Und es ist aber wichtig: Es soll kein Tag sein, wo Sie auf Weltreise sind. Es ist kein Tag, wo Sie einen Wanderausflug machen, kein großes Rad, kein großer Radausflug oder dergleichen, sondern es ist ein richtig stinknormaler Tag als Pensionistin oder Pensionist und versuchen Sie, diesen Tag mal darzustellen. Wann stehen Sie auf? Wie geht es dann weiter? Was tun Sie an diesem Tag? Wann essen Sie? Wann gehen Sie schlafen? Und so weiter. Und das lassen Sie sich auf so einer, auf so Uhrendarstellungen zeichnen. Ja, und das ist eine sehr spannende Übung. In der Regel erstens mal sitzen die Menschen sehr lange vor dem weißen Blatt Papier und in meinem Seminar habe ich oft das Gefühl, Jetzt begreifen sie das erste Mal diese Zeitdimension. Also sie bekommen eine Ahnung davon, weil ich sage ihnen auch: Und dieser Tag steht für viele Tage. Ja, das ist nicht nur einer. Und sie sitzen wirklich bis zu 10 Minuten vor dem leeren Blatt Papier und wissen nicht, wo sie anfangen sollen. Und dann zeichnen viele Frauen tatsächlich noch das Mittagessen kochen ein, Frühstück. Und Mittagessen kochen. Und die Männer, ja, es ist unglaublich. Und die Männer interessanterweise, die in Deutschland die 20-Uhr-Nachrichten, in Österreich die 19:30-Hauptnachrichten.
Brigitte Huber 29:29
Da müssen die Österreicher nicht so lang durchhalten. Ab 19:30 beginnt die Struktur.
Sonja Schiff 29:35
Und es ist aber wirklich so, genau, das ist so eine fixe Struktur, die sie sichtlich haben. Und da merke ich im Seminar oft richtig so ein Aufatmen. Ich habe was, jetzt steht was da.
Stephan Seiler 29:44
Ja, und da ist das nicht traurig, wenn man so denkt, es muss dann mehr geben im Leben als nur das, was ich schreibe.
Sonja Schiff 29:54
Das entwickelt sich dann ja eh. Ja, aber ich finde es eben immer so spannend, diese Phase, wo sie vor dem leeren Blatt sitzen, wo ich wirklich merke, jetzt haben sie gerade eine Ahnung davon, wie viel Zeit das ist. Ja. Und da braucht man wirklich eine Zeit, um das zu verarbeiten. Und dann eben diese Struktur. Das finde ich schon mal super, wenn wer schon mal eine Marke hat. Was ich besonders traurig finde, ist, dass manche, das wirklich vor allem Männer, dann zum Beispiel nach dem Frühstück beim Vormittag reinschreiben: Beschäftigungstherapie.
Brigitte Huber 30:27
Oh Gott, was?
Sonja Schiff 30:28
Und am Nachmittag auch. Genau, da gehe ich hin und dann sage ich: Was ist das genau? Was machen Sie da jetzt? Und dann ist da wirklich nichts. Also bei vielen ist da nichts. Bei anderen ist natürlich schon sehr viel. Zu mir kommen ja durchaus Menschen, muss ich sagen, immer mehr, die sich wirklich mit dem Thema schon beschäftigt haben, die sich dann irgendwie so nur ein paar Anregungen holen. Aber es gibt auch viele, die ja, die sagen, das wird dann schon, das passiert dann schon, das findet dann schon.
Brigitte Huber 30:56
Und wie arbeitet ihr dann an dieser Ratlosigkeit? Weil ich glaube, spätestens in dem Moment wird dir ja klar, dass du ein Thema hast, oder?
Sonja Schiff 31:05
Ja, ja, genau. Also ich mache mit den Leuten ja zuerst am ersten Tag wirklich so überhaupt einmal dieses Bild von Pension und dann mache ich mit denen einen großen Berufs-Lebensrückblick, um einfach so nur mehr gestärkt in die nächste Phase zu gehen. Und die ersten Minuten— Es war nicht alles schlecht? Nein, nein, nein, nein. Also nein, das ist total wichtig. Also da muss ich auch sagen, ich werde oft gefragt, was ist das Allerwichtigste für einen guten Einstieg in die Pension, kann ich nur sagen, ein sehr guter Ausstieg aus der Pension. Also ins Coaching. Aus der Arbeitswelt. Also diese 20%, wo ich gesagt habe, die große Probleme haben mit dem Übergang in den Ruhestand, die kommen ja dann oft auch bei mir ins Coaching. Und das sind oft Menschen, die haben in der letzten Phase der Arbeit, des Erwerbslebens, haben die zum Beispiel Erkränkungen erlebt, sie haben irgendeine Vorrückung nicht bekommen, irgendeinen Posten nicht, irgendein Projekt hat man ihnen nicht mehr zugetraut. Oder man hat gesagt, Sie müssen Ihr Büro räumen, Sie bekommen ein kleineres Büro mit wem anderen usw. Da gibt es Kränkungen und diese Kränkungen, die bleiben oft und die sind oft der Grund, warum Sie nicht nach vorne schauen können, weil Sie immer nach hinten schauen. Ja, also darum mache ich diesen Berufslebensrückblick mit Ihnen, wo ich Sie sozusagen in der Übung dazu bringe, dass Sie nicht die letzten 4 Jahre anschauen, sondern Ihr gesamtes Berufsleben, was Sie alles geschafft haben, Ihre Meilensteine. Ihre Niederlagen und sie gehen wirklich mit stolz geschwellter Brust aus dieser Übung raus und sehr gestärkt. Die ich heute für ganz wesentlich halte. Aber wenn es dann um die Veränderungen geht, dann ist eben das erste Thema, das ich nehme, die Zeitübung.
Brigitte Huber 32:47
Ja, wie wichtig es ist, eben nicht dann mit diesem negativen Blick nach hinten sich zu verabschieden, sondern einfach einmal: Kann ich das allein? Kann mir das allein gelingen? Mir das wirklich so vor Augen zu führen. Ich bin nun mal 40 Jahre erwerbstätig gewesen und es waren vielleicht die letzten 3 Jahre schwierig. Du hast gesagt, es gibt Leute, denen wird gesagt, man muss nicht mal eine Übergabe machen. Also in dem Moment hast du dann wirklich das Gefühl, du bist einfach dermaßen unwichtig und überflüssig in diesem letzten Lebensabschnitt. Und dass das kränkend ist, glaube ich, ist vollkommen klar. Schaffe ich das für mich alleine? Mir das vor Augen zu führen?
Sonja Schiff 33:27
Also ich finde schon, dass man das alleine schaffen kann, wenn man sich dessen bewusst ist und sagt, ich mache jetzt diese Übung wirklich für mich und schaue mir das gesamte Leben an und meine Zufriedenheit mit der gesamten Erwerbsarbeitszeit. Aber wenn jemand das Gefühl hat, das schaffe ich nicht alleine, dann kann ich nur sagen, dann leisten Sie sich ein Coaching, leisten Sie sich eine Stunde bei einer Psychologin, bei wem auch immer. Bewältigen Sie diese Trauer, trauern Sie, machen Sie Ja, machen Sie das für sich. Seien Sie hier auch egoistisch und schauen Sie dann in die Zukunft.
Brigitte Huber 34:03
Ich finde es auch ganz gut, Stephan, ich weiß nicht, ob du das auch kennst, wenn man frühere Kolleginnen oder Kollegen trifft und sagt: Mensch, was hatten wir es auch gut und was hatten wir für spannende Zeiten. Also natürlich gibt es dann auch oft eine letzte Phase, die schwierig war, aber dass man sagt, okay, die haben wir jetzt zunehmend bearbeitet, lasst uns noch mal zurückgucken und das und das waren einfach auch schöne Momente, also dass man sich auch quasi da Unterstützung aus der Vergangenheit dazu holt.
Stephan Seiler 34:31
Ja, ich erlebe es aber auch, dass das dann übertrieben wird, dass man dann zu sehr in der Vergangenheit sich aufhält und Dinge von damals, Geschichten vom Krieg, nein, Geschichten von damals, von vor 20 Jahren, gerade auch in unserer Welt, als in unserer Journalismuswelt, Medienwelt. Das kann aber ja auch quasi, war mein Eindruck, zumindest auch wieder viel Freude rausnehmen aus dem Jetzt, aus dem Hier und Jetzt, aus der Betrachtung meines heutigen Lebens. Und da frage ich mich immer, wie stark darf die Dosis rückwärtsgewandte Betrachtung, Glorifizierung der Vergangenheit sein? Was meinst du?
Sonja Schiff 35:10
Also ich habe ja jetzt, ich habe es ja einfach gebracht, dass ich diese Übung mache und die dient einem Zweck, nämlich einen positiven Rückblick auf das eigene Berufsleben zu haben. Um dann gut nach vorne schauen zu können. Das ist mein Ansatz. Also wenn jemand permanent in der Vergangenheit schwelgt, dann sage ich oft, wenn mich wer fragen würde, woran erkennt man, dass jemand wirklich alt ist im negativen Sinn, dann ist es der permanente nostalgische Rückblick in die gute alte Zeit oder die böse Jugend nach vorne. Die böse Jugend. Ja, also das bin ich sicher nicht. Aber diese Übung ist wichtig im Seminar. Und ich komme zurück auf das mit der Uhr, das ich vorher gebraucht habe. Das war deswegen wichtig, weil eben ich mache eben auch diesen Rückblick und dann mache ich mit den Menschen aber den Vorblick, was wird sich alles verändern? Und da ist ja das Thema Zeit und Umgang mit viel Zeit, das ist dieser große Faktor. Und weil du ja gesagt hast, was nachher kommt, wie ich nachher mit den Menschen umgehe, wenn ich sehe, dass die dann so lange vor dem leeren Blatt Papier sitzen. Das Bewusstsein, das durch diese Übungen entsteht, öffnet ganz viel. Dann genauer hinzuschauen auf das Leben. Was habe ich? Ich mache noch so Themen mit den Teilnehmern, wie zum Beispiel Partnerschaft. Ja, ich mache ganz stark überhaupt das Thema: Wer bin ich? Woher komme ich? Welche Träume hatte ich zum Beispiel? Welche Träume hatte ich im Laufe meines Lebens? Und die habe ich zur Seite gestellt, weil jetzt gerade nicht die richtige Zeit war, weil ich gerade Kinder bekommen habe, weil ich gerade einen Kredit abzahlen musste und so weiter. Und auch so zu graben in den Talenten und in dem, was sie noch interessiert. Und für mich ist so, ich sage den Leuten immer, die Pension, also die Rente, diese Zahlung, die ich bekomme, Monat für Monat, macht enorm viel Energie frei. Für die muss ich nichts mehr leisten, für diese Zahlung. Und ich finde, die Pension ist eigentlich die einzige Zeit im Leben, wo ich nur einmal schauen kann: Wer bin ich noch? Außer die Person, die ich bis jetzt war. Ja, wen habe ich? Wen? Wer steckt da noch in mir? Den oder die ich gerne leben würde. Und das versuche ich im Seminar im Kleinen. Niemand muss sich komplett neu erfinden. Aber welche Anteile gibt es, die da eigentlich noch wären? Und dort versuche ich, sie ganz gut hinzuführen. Und das schaffe ich mit der Übung vorher. Mit dieser Betroffenheit schon sehr gut.
Stephan Seiler 37:38
Es gibt ja so eine Koryphäe in Sachen Alternforschung oder Altersforschung. Was ist eigentlich der richtige Begriff? Was ist der Unterschied zwischen Altersforschung und Alternforschung?
Sonja Schiff 37:46
Gibt es da einen Unterschied? Also die Alternsforschung beschäftigt sich mit dem Älterwerden und die Altersforschung mit dem Alter.
Stephan Seiler 37:55
Okay, ja, vielen Dank für die Klarheit. Ich werde es wahrscheinlich noch so 3 bis 4 Mal heute durcheinanderbringen. Bitte um Nachsicht. Der die Koryphäe auf diesem Gebiet, Robert Aitchley, ich hoffe, ich spreche den Namen richtig aus, sagt, dass der Ruhestand in verschiedenen Phasen verläuft. Kannst du uns mal kurz mit einem kleinen Proseminar hier reinholen? Welche Phasen sind das?
Sonja Schiff 38:22
Ich habe von Honeymoon gehört, das klingt ja noch richtig reizvoll. Ja, die stelle ich euch gerne vor. Ihr könnt gleichzeitig und auch alle Zuhörer und Zuhörerinnen gleich mal schauen, in welcher Phase Die ist noch weit, weit, 10 und 20 Jahre hin zur Pension. Das heißt, das sind eigentlich alle eher jüngeren Menschen, die dann sehen, wie andere in Pension gehen. Und das ist die Zeit, wo man einfach eine ganz romantische Vorstellung hat. Ah, das muss super sein, in Pension zu gehen, tolle Freiheit. Und dann kommt die sogenannte Nähephase. Die fängt so circa 5, 7, 5 Jahre vor dem Pensionsantritt an. Da fängt man an, sich einfach mal damit zu beschäftigen. Also so, wann könnte ich denn gehen? Wie viel Pensionszahlung pro Monat werde ich denn so bekommen? Also so, und je nachdem, wie da schon mal die potenzielle Pensionshöhe sein wird, entwickelt man Fantasien. Die, die merken, das geht sich gut aus, die haben dann eher romantische Fantasien. Und jemand, der merkt, ich kriege vielleicht Kriege einfach ganz wenig. Ich schlittere in Altersarmut, entwickle da jetzt eher Ängste und keine positiven Fantasien. Und dann geht es voran. Dann kommt die sogenannte Honeymoon-Phase, die Flitterwochen-Phase. Das ist so die Zeit, so circa ein Jahr bis ungefähr eineinhalb bis zwei Jahre nach der Pension. Also so genau dieser Übergang kann aber auch je enden. Es kann schon am dritten, am zweiten Tag oder nach einer Woche vorbei sein. Erkläre ich gleich. Ja, typisch für diese Honeymoon-Phase ist einfach dieses Gefühl: Endlich raus aus dem Hamsterrad, endlich die große Freiheit, selbstbestimmt, kein Terminkalender mehr, der mich bestimmt, einfach nur Juhu, Weltreise und keine Ahnung, was die Leute so fantasieren. Und dann, das ist eben das Spannende, kommt die sogenannte Ernüchterungsphase. Das ist eben bei manchen vielleicht schon am dritten Tag, weil sie einfach merken, weil sie wie erschlagen sind von der vielen Zeit, Die Frau geht vielleicht noch arbeiten, wenn ich jetzt ein Mannesbeispiel nehme, und dann sitzen die zu Hause und was jetzt? Ja, wie geht es jetzt weiter? Das ist dann sehr klassisch, sind es dann oft zum Beispiel deren Ehefrauen, die bei mir anrufen um ein Coaching. Und wenn ich frage: Was brauchen Sie? Was ist Ihr Anliegen? Dann sagen die: Hilfe, mein Mann ist in Pension und der sitzt um 14:00 noch im Pyjama vor dem Fernseher. Ja, also wo die Frauen das dann oft sehr stark wahrnehmen. Also das kann wirklich passieren. Und bei manchen kann es aber auch 2 Jahre später sein. Da kann ich auch ein Beispiel bringen. Das sind Menschen, die starten noch super mit einem Projekt, zum Beispiel mit einer großen Reise. Ich kann mich erinnern an eine Kollegin, die ging sehr früh in Pension, mit 55, Schwerarbeiterregelung in Österreich. Und die war vorher wahnsinnig engagiert. Die war in einer Leitungsfunktion. Und wie die zu mir gesagt hat, sie geht in Pension, habe ich mir gedacht, das geht nicht gut. Und habe ihr dann erzählt von meiner wissenschaftlichen Arbeit, dass ich mich damit beschäftige. Und sie hat gesagt: Also da habe ich kein Problem. Ich mache jetzt eine große Reise und ich habe so viel zu lesen und ich werde so viel tun. Und nach 2 Jahren hat sie mich angerufen und hat gesagt: Sonja, stell dir vor, irgendwann wird Reisen langweilig und irgendwann hast du wirklich alles gelesen, was du lesen wolltest. Und jetzt ist mir einfach nur unfassbar fad, langweilig. Und ich stelle jetzt fest, früher habe ich für etwas gebrannt und jetzt ist da nichts mehr. Wofür ich brenne. Ja, da war die große Leere und ich konnte in mir sagen: Willkommen Ernüchterungsphase. Weil die Ernüchterungsphase ist diese Phase, wo die Menschen merken, sie können jetzt nicht A Weltreise nach der anderen stecken, sondern der Urlaub war auch deswegen besonders, weil vorher und nachher Arbeiten war. Der Feiertag war so cool, weil vorher und nachher Arbeiten war. Und wenn jetzt alles nur noch frei ist in so einer Wurst, Dann ist es gar nicht so spannend und es geht dann darum, eine neue Zeitstruktur zu finden und neue Inhalte zu finden und auch neue Rollen zu definieren. Und das passiert eben durch diese Ernüchterungsphase. Und wer das gut schafft, landet dann in der sogenannten Reorientierungsphase, wo er das alles neu definiert und definiert hat und sozusagen einen neuen Alltag für sich gefunden hat.
Brigitte Huber 42:48
Wann würdest du denn mit der Planung anfangen, mit dem Ruhestand? Also, oder sagen wir mal anders, für all die, die uns zuhören und sagen, ich gehe dieses Jahr noch in Ruhestand, was sollten die jetzt schleunigst unternehmen?
Sonja Schiff 43:06
Ja, die sind eh schon knapp dran.
Brigitte Huber 43:08
Ja, ja.
Sonja Schiff 43:09
Also ich würde einfach, sobald man mal anfängt, über diese Pension nachzudenken, sollte man ein bisschen spielerisch Einfach einmal Gedanken machen, mal schauen, wie das andere machen. Was ist gut gelungen? Was möchte ich auf keinen Fall? Einfach ein bisschen die Türen aufmachen nach einem Leben außerhalb der Arbeit. Ein bisschen schauen, wie schaut eigentlich mein Freundeskreis aus? Habe ich soziale Kontakte außerhalb der Arbeit? Das ist gerade für Männer und Frauen wieder im männlichen Berufsfeld extrem wichtig, weil die verlieren bis zu zwei Drittel ihrer sozialen Kontakte.
Stephan Seiler 43:43
Ja, so wie beim Thema Einsamkeit.
Sonja Schiff 43:45
Das ist krass. Ja, und vor allen Dingen, was ich so wichtig finde, der Pensionseintritt und wie ich den bewältige und wie ich diese ganzen Veränderungen schaffe. Das hat alles massive Auswirkungen für mein Leben im hohen Alter. Ja, weil wenn ich mit einem kleinen Freundeskreis nach der Pension starte und vielleicht auch noch alle in meinem Altersfeld, dann bin ich mit 80 einsam, weil die sterben alle der Reihe nach weg. Ja, da kommt niemand junger Kontakt. Wir nehmen das alles mit, was wir da nicht vorbereiten beim Pensionsantritt, nehmen wir mit ins hohe Alter. Darum sage ich so, ich würde sagen 5 bis 3 Jahre vorher anfangen und spätestens ein Jahr vorher sich einmal anfangen Gedanken zu machen, was wird sich verändern und wie gehe ich damit um?
Stephan Seiler 44:32
Reicht es denn so, ich sag mal jetzt spät anzufangen, kurz vor Renteneintritt, kurz vor der Pension? Könnte ich jetzt mit Mitte 40 nicht auch schon was tun, um dem Ganzen vorzubeugen? Vielleicht aber auch mit Anfang 50, vielleicht auch schon noch früher, noch später. Stichwort Einsamkeit vorbeugen im Alter, ein gutes soziales Netz aufbauen. Hast du da vielleicht so 2, 3 Handlungsempfehlungen für Männer in meinem Alter, Mitte 40 und vielleicht ein bisschen älter, auch für Frauen? Was können wir tun? Wie können wir dem Ganzen vorbeugen? Dass wir nicht eines Tages Zeitung lesen, vorm Fernseher gucken, Biathlon schauen und sonst keine Lebensfreude mehr empfinden?
Sonja Schiff 45:14
Ja, also ich glaube, dass man im mittleren Erwachsenenalter den Beruf viel zu sehr in den Mittelpunkt stellt. Ja, also dieses ausschließlich sozusagen für die Arbeit zu leben, da würde ich sagen, das sollte der 40-, 50-Jährige schon drüber nachdenken, ob er nicht einfach schaut, was, wer bin ich noch, was gibt es noch im Leben und andere Hobbys, Interessen, Leidenschaften entwickelt. Und beim Thema Freundeskreis ist es das Gleiche. Weil natürlich, wenn ich jetzt mit 65 in Pension gehe und ich fange ein Jahr vorher an, werde ich mir nicht einen größeren Freundeskreis in dieser kurzen Zeit sozusagen schaffen. Überhaupt die Kommunikationsfähigkeit, diesen Blick nach außen und zwar zu allen Generationen, den halte ich für sehr wichtig.
Brigitte Huber 46:04
Ja, wenn ich heute in einer Partnerschaft bin, denken sich manche, kann mir ja nicht so viel passieren, wenn ich in Ruhestand gehe. Wir wissen jetzt aber gleichzeitig, dass die Trennungs- und Scheidungszahlen gerade rund um den Ruhestand hochgehen. Magst du uns mal erklären, welche Erfahrungen du da im Workshop auch machst? Ich denke da auch an eine sehr schöne Übung, die du machst. Magst du uns die erzählen?
Sonja Schiff 46:27
An eine meiner Lieblingsübungen?
Brigitte Huber 46:29
Ja.
Sonja Schiff 46:30
Ja, also in so einem Seminar macht man ja verschiedene Schritte, um sich langsam diesem Thema anzunähern. Und ich fange eben immer wieder an mit diesem, ich lasse die Menschen ein Bild malen. Meine Seminarteilnehmer, ich sage immer, als eine der ersten Übungen, sage ich: Stellen Sie sich vor, Sie sind in circa 5 Jahren in Pension. Malen Sie so einen richtig tollen Pensionstag in Ihrem Leben. Wie schaut der aus? Und da bekomme ich klassischerweise bestimmte Bilder. Ich kriege immer diese Reisebilder, da ist ein Kreuz. Verchiffe oben Palmen und so weiter. Dann kriege ich immer wieder so Bilder von Großelterndasein. Ja, also da kriegst du nur Großeltern-Bilder und dann gibt es natürlich diese Genuss-Bilder. Rotwein, irgendwo sitzen und in die Ferne schauen. Hängematte am Berg. Ja, ja, so das ist. Und dann mache ich eben das Seminar. Das Seminar dauert eben 2 Tage und am Ende des Seminars lasse ich dann die Teilnehmer ihre Bilder von der Pinnwand runternehmen. Und sage ihnen dann, dass sie jetzt was, also sie dürfen es neu zeichnen oder sie dürfen irgendwas hinzufügen, verändern dieses Blatt. Und 80% meiner männlichen Seminarteilnehmer malen an dieser Stelle ihre Partnerin aufs Bild.
Brigitte Huber 47:49
Weil sie es vorher nicht im Kalkül hatten.
Sonja Schiff 47:51
Ja, ja, genau. Und es ist auch, ich mache dann, machst du so Abschlussrunden in so einem Seminar und fragst eben, was sind denn so zum Beispiel die 3 wichtigsten Themen oder Dinge, die Sie jetzt aus diesem Seminar mitnehmen oder die Sie jetzt dann angehen wollen, da sagen auch 70% sagen ja, ich werde mit meiner Frau reden. Ja, also dieses vorher darüber Reden, das findet oft überhaupt nicht statt. So, man geht irgendwie davon aus, dass die Partnerin eh weiß, wie man will und dass die eh mit einem und dass die auch gleiche Vorstellungen hat. Aber das ist oft überhaupt nicht so. Ja, ich habe immer wieder Seminarteilnehmer, Die dann zum Beispiel erzählen: Ja, meine Frau, die will ja ganz viel reisen, aber ich mag ja gar nicht reisen. Ja, also es gibt doch ganz unterschiedliche Vorstellungen und man darf nicht vergessen, auch vom Partner oder von der Partnerin ist das die letzte Lebensphase im Leben, die letzte große. Und die hat auch das Gefühl, die Zeit vergeht und will sich auch leben.
Stephan Seiler 48:51
Müssten nicht eigentlich dann beide zusammen reinkommen? Und macht es vielleicht auch noch mal einen Unterschied zwischen hetero- und gleichgeschlechtlichen Beziehungen, was die Wahrnehmung der Partnerschaft angeht? Würdest du sagen, das ist genau identisch? Also Männer sind einfach dann ignorant und vergessen ihren Partner oder ihre Partnerin mit rettendem Einstieg so oder so.
Sonja Schiff 49:10
Also ich konnte jetzt keinen Unterschied erkennen. Ich habe jetzt aber auch nicht irgendwie viele homosexuelle Paare irgendwie im Seminar gehabt. Da könnte ich jetzt überhaupt keinen Unterschied sagen. Ja, also natürlich wäre es toll, wenn Ehepaare solche Seminare gemeinsam besuchen würden. Ja, unbedingt. Und im offenen Bildungsbereich, wenn diese Seminare zustande kommen, dann passiert das auch. Sie kommen aber sehr selten zustande, weil die Leute sie— also am besten gehen— verkaufe ich die Seminare wirklich über Firmen und auch nur dann, wenn die Seminarteilnehmer keinen Beitrag dafür leisten müssen.
Stephan Seiler 49:47
Okay, wenn die Firmen das selbst bezahlen, dann kommen sie.
Sonja Schiff 49:50
Dann kommen sie. Und da habe ich dann auch Leute drinnen sitzen, die kommen jetzt einfach nur, weil es vielleicht ein paar coole Seminartage sind. Die haben überhaupt keine Vorstellungen, was bei mir passieren wird. Weil am Anfang fragst du ja als Trainerin: Was erwarten Sie sich? Und so weiter. Da kommt nichts. Da weiß ich genau, die machen sich jetzt einfach zwei schöne Tage. Aber ich kriege sie alle. Sag ich. Wenn sie mal da sind, ich kriege sie alle.
Brigitte Huber 50:16
Angezündet und alarmiert.
Sonja Schiff 50:18
Und warte mal, am Ende sagst du dann immer: Dass man so viel über die Rente und über die Pension, dass man da so viel nachdenken kann, dass es so viel zu bedenken gibt, das war mir nicht klar. Und eben auch, dass ich mit meiner Frau darüber reden sollte, ob das überhaupt noch eine gute Idee wäre.
Stephan Seiler 50:33
Haben denn da im Vergleich dazu dann Singles einen Vorteil oder Nachteil? Wie können sich Singles am besten auf den Renteneintritt, auf den Ruhestand vorbereiten?
Sonja Schiff 50:43
Ja, also Singles sind tatsächlich oft schon gut vorbereitet.
Stephan Seiler 50:48
Ja, warum?
Sonja Schiff 50:48
Die haben ja, da gibt es so dieses, ich glaube schon, dass oft so das gibt, wenn es dann so weit ist, dann ist da, ist eh meine Frau auch und dann werden wir das schon miteinander machen. Ja, oder, oder meine Frau, die wird dann schon auch Ideen haben. Ich höre ja ganz oft, meine Frau ist mein bester Freund, das kriegen wir schon hin. Ja, und wenn ich keine Partnerin oder keinen Partner habe, dann bin ich ja so und so gewöhnt, mein Leben führe ich ja alleine zu bestimmen und auch alleine die Entscheidungen zu treffen, was ich jetzt mache. Ja, da muss ich ja oft mit leeren Zeiten auch umgehen. Wenn ich am Sonntag aufstehe, ist da niemand, der sagt, komm, da mal frühstücken, sondern ich weiß, ich muss meinen Tag strukturieren. Die haben da eindeutig von Vorteil.
Stephan Seiler 51:33
Was ist denn eigentlich, wenn man gar nicht genau weiß, wann man in den Ruhestand geht? Also das betrifft jetzt noch mal das Beispiel viele Freiberufler, aber auch andere Menschen. Stichwort Rentendebatte in Deutschland. Ist ja auch so, manche können sich ja noch mal das Renteneintrittsalter verschieben. Thomas Gottschalk hat immer wieder seinen Einstieg in die Rente verschoben. Jetzt hat er ihn ja vor kurzem vollzogen, auch vielleicht auch noch aus gesundheitlichen Gründen. Ich habe gestern gerade erst auf einer Veranstaltung mit einer Schauspielerin gesprochen, die 61 ist. Die sagte, vor ein paar Jahren hätte sie schon damit geplant, dass sie bald in Rente gehen muss, weil sie kaum mehr Jobs bekommt. Und jetzt wäre es aber so, dass sie unfassbar viele Aufträge gerade erhält und so gut gebucht sei wie selten zuvor in ihrer Karriere. Und dadurch das dann quasi wieder aufgeschoben hat. Also was mache ich denn, wenn ich gar nicht genau weiß, wann das Ende ist? Weil vielleicht noch hier 5, 4, 3 Projekte starten könnten, vielleicht aber auch die wieder zerplatzen könnten. Wie gehe ich damit um?
Sonja Schiff 52:26
Also erstens ist es gut, weil ich kann absolut selbst bestimmen, wie ich möchte. Ich glaube, es ist wichtig, sich in dem Fall einfach vorher überlegen, Wann möchte ich gehen? Ich finde es immer sehr traurig, wenn Menschen, die es sich eigentlich aussuchen können, dann wieder eher unfreiwillig gehen, weil sie es zum Beispiel übersehen haben. Wie sehr bin ich gefragt? Ja, also wenn da eine Schauspielerin geht, weil sie keine Rollen mehr kriegt und dann 2, 3 Jahre dahin leidet, weil sie nicht mehr gesehen wird, dann hat sie einfach vielleicht den Absprung nicht wirklich geschafft. Ich bin eine Verfechterin, am Höhepunkt zu gehen. Und einfach mit einem coolen Abschluss, ja, selbstbestimmt, aber am Höhepunkt. Und da muss man einfach selbst, glaube ich, gut hinschauen und versuchen, die Situation realistisch einzuschätzen. Vielleicht dann in, unter Einbindung mit anderen Menschen auch zu reden, wie die einen sehen, weil man hat ja immer Stückchen blinde Flecken, ja. Aber grundsätzlich ist dieses selbstbestimmt in Pension gehen sehr gut. Und wer nicht in Pension gehen muss, weil er weiter gefragt wird, und wenn er nicht in Pension gehen will, dann muss er das auch nicht. Ja, also es gibt ja keinen Zwang, in Pension gehen zu müssen. Ich kenne Menschen, die sind 80 und arbeiten noch und haben großen Spaß. Und wenn man mit denen darüber redet, sagen sie: Ich weiß nicht, warum ich aufhören soll. Es ist doch das, was ich liebe. Warum soll ich aufhören, das zu tun? Ja, das bin ich.
Brigitte Huber 53:51
Und wenn man sich die Studienlage anschaut, was ich ja jetzt auch intensiv für das Buch gemacht habe, Es spricht ja sehr viel dafür, länger zu arbeiten. Es wirkt sich positiv auf unsere Lebenserwartung aus, auf unsere körperliche und geistige Fitness. Es passiert ja dann einfach hier oben dann auch mehr, wenn wir auch immer wieder uns irgendwelchen Herausforderungen stellen. Und insofern glaube ich, ist das einfach ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Und ich erinnere mich auch noch, als du erzählt hast, Sonja, dass früher in deinen Workshops die Leute, die gesagt haben, sie arbeiten länger, eher bemitleidend angeschaut wurden und die Ausnahmen waren. Und inzwischen hätte sich das eher gedreht, also dass Leute sehr gerne auch länger arbeiten. Vollkommen klar, wenn es in Berufen ist, wo sie sich wohlfühlen, in einem Firmenumfeld, wo sie sich wohlfühlen, aber wo sie einfach dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit und so weiter haben und mit all den Kontakten, oder?
Sonja Schiff 54:49
Ja, also Ich meine, mittlerweile ist es wirklich halbe-halbe. Aber was ich immer wieder spannend finde, diese zwei stehen sich wie zwei Fronten gegenüber. Die einen, die so dieses Bild haben: Juhu, große Freiheit, jetzt habe ich es dann fein. Genuss des Lebens. Und die, die arbeiten wollen. Und die einen, die eben den Genuss haben, die blicken so rüber und sagen so ein bisschen, wie du gesagt hast, mitleidig, so: Die Armen können nicht loslassen. Höre ich ganz oft. Aber die anderen, die arbeiten, blicken schon auch negativ oft drüber. So auf die Art, na, ich sag es jetzt übertrieben, die faulen Säcke, die nichts mehr tun wollen. Und ich muss dann immer ein bisschen schlichten und muss immer sagen, es darf heute zum Glück jeder in Pension gehen, so wie er oder sie das möchte. Ja, wer jetzt das Leben genießen will, darf das Leben genießen. Und wer weiterarbeiten will, darf weiterarbeiten und nichts davon ist in irgendeiner Art falsch. Ja, man kann es sich selbst aussuchen.
Brigitte Huber 55:53
Und also wir haben nahezu alle Optionen. Allerdings, es gibt ja einen Punkt, wenn ich mir die Sachen leisten kann. Wir haben jetzt auch ja viel über Weltreisen und so weiter gesprochen. Oder wenn man jetzt einfach sagt, okay, die Rente ist sehr überschaubar, dann kann das ja manchmal auch eine nicht ganz so freiwillige Geschichte sein. Und nichtsdestotrotz gibt es dann vielleicht eine Übergangsphase, in der ich dann doch noch ein bisschen länger arbeite. Und dann vielleicht meinen Horizont auf die Art und Weise dann noch mal erweitere. Erlebst du denn häufig, dass Menschen noch mal einen Neustart hinlegen im Ruhestand?
Sonja Schiff 56:29
Ja, ja. Also vielleicht darf ich noch was zur Arbeit sagen. Natürlich. Wir haben oft so dieses Gefühl, oder das ist in unserer Gesellschaft so verbreitet, irgendwie Arbeiten ist nur, damit wir Geld verdienen zur Existenzsicherung. Und das ist ja nicht. Also Arbeit ist viel, viel mehr. Arbeit ist Weiterentwicklung. Arbeit ist Sinnstiftung. Arbeit formt uns, gibt uns Inhalt, aber eben auch entwickelt uns weiter. Nicht nur beschäftigt unser Gehirn, sondern auf allen Ebenen entwickelt es uns weiter. Und diese Bedürfnisse nach Weiterentwicklung, die haben wir ja auch, wenn wir nicht mehr arbeiten. Nur wenn ich dann nichts finde, wenn ich keinen anderen Weg finde, wie ich mich weiterentwickle, dann bleibe ich eben stehen. Und dort erlebe ich immer wieder Menschen, die damit überhaupt nicht zurechtkommen. Die gehören dann auch oft zu diesen 20%, die auch früher vergreisen, ja, kognitiv zum Beispiel. Aber es gibt dann auch Menschen, die zum Beispiel in dieser schon genannten Ernüchterungsphase dann nur mehr sagen: Ja, aber ich könnte ja arbeiten gehen. Und die dann wieder anfangen, wozu arbeiten, das vielleicht fern ist von dem, was sie vorher gemacht haben, ganz was anderes. Weil sie einfach merken, es geht ja gar nicht mehr nur um Geld verdienen und es geht dann immer um Ruhm und es geht nicht mehr darum, etwas zu erreichen. Es geht darum, unter Menschen zu sein, gefordert zu sein, Spaß zu haben. Ja, und ich kenne sehr viele, die das nach 2, 3 Jahren noch einmal anfangen. Und manche, und viele natürlich auch, weil sie müssen, aber viele einfach nur, weil sie wollen.
Stephan Seiler 58:03
Was machen wir denn, wenn wir diesen Faden der Träume, von dem schon die Rede war, finden können? Bzw. was machen wir, wenn wir in der Ernüchterungsphase feststecken? Ich nenne es manchmal auch so ein schwarzes Loch.
Sonja Schiff 58:17
Dann würde ich sagen, bitte zu einem Therapeuten gehen. Da kann ich nur sagen, dann würde ich mir Hilfe holen. Ja, wenn ich aus diesem dunklen Loch raus möchte und da drinnen stecke und alleine nicht rausfinde, dann würde ich mir wirklich eine Hilfe holen.
Stephan Seiler 58:32
Ja, nur wenn man die quasi jetzt auch aus meiner Perspektive als als Sohn, als Verwandter oder als— Was kann man da vielleicht auch tun? Wie kann ich vielleicht genau diesen Menschen in meiner Umgebung, die ich mag, die ich liebe, wo es auch eine gewachsene Beziehung gibt, wie kann ich die denn quasi anstupsen, ohne dass die das dann auch als Angriff sehen? Das wird dann ja oftmals sehr schnell persönlich. Wie kann man Menschen aktivieren, die bereits im Ruhestand sind und von außen betrachtet so ein bisschen lethargisch wirken, da rausholen?
Sonja Schiff 59:01
Also ich kann vielleicht gleich einmal sagen, als Kind solltest du das nicht mit den Eltern tun. Ja, weil das nichts bringt. Da kommt immer sofort dieses Kind-Eltern-Dings. Ja, das funktioniert einfach nicht. Vielleicht einfach schauen, ob wer anderer mit ihnen redet oder Beispiele bringen von jemandem, der es ganz gut geschafft hat, oder Kontakte vermitteln. Aber Eltern haben ihre eigenen Prozesse. Das ist nicht nur beim Thema Ruhestand, das ist auch beim Thema Pflegebedürftigkeit. Und als Kind da reinzugehen, das kann man ganz vorsichtig machen und Portion für Portion. Aber die Prozesse durchlaufen müssen immer die Eltern. Und wenn du siehst, dass das zum Beispiel, also wenn ich merke, dass immer wieder, wenn Kinder sehen, dass ihre Eltern nicht gut in der Beziehung gelandet sind, das ist eine Geschichte. Wenn man die Eltern fragen würde, kann es sein, dass die sagen, es ist alles hervorragend. Also das kann ein ganz anderer Blick sein.
Stephan Seiler 59:59
Ja, verstehe. Nur ich stelle mir dann immer wieder die Frage, also ich denke an konkrete Beispiele in meiner Umgebung. Ehemaliger riesiger Sportfan, war früher überall. Nach der Rente verzog er sich eben immer mehr auf die Couch, schaute Sportveranstaltungen im Fernsehen, fuhr ab und zu mal noch auf diesen oder jenen Sportplatz. Was habe ich dann gedacht zum 75. Geburtstag dieser Person, schenke ich dieser Person doch eine Reise zur Olympia nach Paris. Großes Spektakel, nicht weit weg, kommt man ja gut hin aus Deutschland mit dem Zug. Alles gar kein Problem. Mein Verwandter, wie gesagt, ehemals der allergrößte Sportfan, den ich überhaupt nur kenne, hat dann mein Geschenk abgelehnt mit Verweis auf sein Alter. Ich habe immer wieder neue Versuche gestartet, ihn zu überzeugen. Es war erfolglos. Was hätte ich anders tun können? Wie hätte ich ihn überzeugen können? Oder muss ich es am Ende akzeptieren? Hat man als Ruheständler vielleicht auch das Recht zu sagen, ich nehme den Ruhestand wörtlich, ich bin jetzt im Ruhestand und will mich nicht mehr groß aus meiner Couch rausbewegen?
Sonja Schiff 61:01
So ist es. Also ich finde, du kannst Versuche starten, du kannst so Dinge machen wie dieses Geschenk. Also das finde ich toll. Aber wie jemand sein Leben gestaltet, egal in welchem Alter, ist immer die Geschichte dieses Menschen. Und manche Menschen stagnieren eben. Also wenn ich das Bild habe, Pension sein heißt auf der Couch liegen und es fein haben und es geht mir gut und ich trinke mein Glas Bier oder Wein und ich schaue mir die und die und die und die und die Sendung an, dann ist es so. Dann kann man eher sagen, das wundert mich total. Du wärst ja wer anderer. Aber ich kann den Menschen nicht ändern. Die Änderung muss ja dieser Mensch selber vorführen und durchführen. Und ich kann sie versuchen anzustoßen, aber mehr ist es nicht.
Stephan Seiler 61:51
Fühlt sich schmerzhaft an, aber du hast vielleicht recht, das ist dann mein Problem. Das ist ja nicht sein Problem. Wenn er sich damit wohlfühlt, dann kann ich natürlich auch nicht erwarten, dass er sich meinem Wunsch beugt.
Sonja Schiff 62:02
Also ich habe dieses Thema gar auf vielen Ebenen. Ich habe dieses Thema zum Beispiel noch einmal beim Thema Umgang mit Eltern. Die langsam pflegebedürftig werden. Da gibt es auch Kinder, die die Eltern dazu bringen wollen, dass sie über das nachdenken und die da wirklich oft verzweifeln an den Eltern, die keinen Millimeter gehen, die vielleicht dann nur sagen: Was redest du mit uns über das? Das ist überhaupt kein Thema und das geht dich nichts an. Ja, oder vor kurzem hat mir eine Dame erzählt, dass der Vater gesagt hat: Ja, da möchtest du gleich, dass ich schon unter der Erde bin. Ja, das wird doch gleich total emotional. Und diesen Kindern sage ich dann immer, sie versuchen einen Prozess voranzutreiben, der nicht ihr Prozess ist. Klar, es ist der Prozess der Eltern. Und wenn die entscheiden, ich will mich nicht damit beschäftigen, es ist mir egal, ich habe Angst vielleicht auch vor dem Thema, ich will da gar nicht drüber nachdenken, die das verdrängen, dann tun die das. Und dann hat man als Außenstehender, als Kind überhaupt keine Chance.
Brigitte Huber 63:06
Über diese Diskussion ist mir jetzt auch wieder die Frage eingefallen, die wir vorher schon hatten. Und zwar: Wir sind unterschiedlich und manche Menschen träumen von einem Neustart, wenn sie in Pension oder in den Ruhestand gehen. Sonja, deine Erfahrung, gelingt das manchmal? Was erlebst du da?
Sonja Schiff 63:25
Ah, das habe ich vorher falsch verstanden. Ich habe mir gedacht Neustart beruflich. Du meinst generell also dieses Neuerfinden eigentlich.
Brigitte Huber 63:32
Wie auch immer. Kann ein Projekt sein. Kann sein. Also wir haben in unserem Buch einen Polizeibeamten, der mit 67 dann der älteste Lehrling Deutschlands war, eine Metzgerlehre gemacht hat. Also gibt es ja von bis. Und wie sind deine Neustarterfahrungen mit, ich sage jetzt mal Pensionärinnen und Ruheständlern?
Sonja Schiff 63:54
Also da erlebe ich sehr viele, dass sie im Seminar diese Idee dieses sich neu Erfindens aufnehmen. Die dann wieder anfangen zu graben. Ja, worüber habe ich denn wirklich geträumt? Und was habe ich denn zur Seite geschoben? Und was wollte ich mir eigentlich immer erfüllen? Oder was wollte ich immer schon machen? Diese Dinge kommen dann. Und es gibt sehr, sehr, sehr viele Menschen, die einfach genau dieses Element des Neuerfindens für sich dann zur Realität machen und dann neue Dinge aufgreifen. Also ich habe zum Beispiel mal eine Psychologin gekannt, die hat 2 Jahre vor ihrem Pensionsantritt hat sie uns verkündet, sie reduziert jetzt ihre Arbeitszeit Weil sie macht jetzt eine Fliesenlegerlehre. Ja, und die hat dann— und die war eine Dame mit langen blonden Haaren, ganz langen Fingernägeln immer. Und wir waren alle völlig von den Socken. Und die hat dann wirklich diese Fliesenlegerlehre gemacht und die macht bis heute wunderbare, großflächige Mosaike. Und das ist ihre große Leidenschaft. Also die hat jetzt keine Fliesenlegerlehre gemacht, um normale Badezimmer zu fliesen. Sondern die macht riesige Mosaike, die ist eine totale Künstlerin. Also da gibt es viele.
Brigitte Huber 65:03
Und lohnt sich das, solche Ideen, die man irgendwo aufschnappt, schon mal auf so eine Liste zu setzen? Weil ich würde jetzt sagen, so aus dem Stand hat man ja oft überhaupt gar keine Idee. Also manche Leute begnadet wissen, ich wollte immer in meinem Leben vielleicht noch mal Fliesenlegerin werden. Wenn ich jetzt aber so gar nicht genau weiß, wie sich das hinentwickeln kann, was kann ich tun?
Sonja Schiff 65:23
Also ich kann euch erzählen, wie ich das jetzt gemacht habe. Ich bin ja jetzt mit 1.11.2025 offiziell in Pension gegangen, gehöre zu denen, die ein Stückchen weiterarbeiten.
Stephan Seiler 65:33
Herzlichen Glückwunsch!
Sonja Schiff 65:34
Oder herzlichen Glückwunsch, oder was auch immer. Also als Selbstständige, die ja immer schauen hat müssen, dass sie ihre Umsätze schafft, damit alles gedeckt ist, ist es tatsächlich eine großartige Erfahrung zu wissen, meine Existenz ist jetzt gesichert. Und ich arbeite gerne weiter und jetzt muss ich aber nicht mehr. Ich kann nur noch das, was mir wirklich Spaß macht. Und was ich angefangen habe, war, ich habe wirklich so circa 2 Jahre vorher habe ich angefangen, alles, was mir begegnet ist, was so den Gedanken ausgelöst hat, das könnte ich machen, habe ich aufgelistet, am Handy, habe ich sofort auf die Liste geschrieben. Und dann hatte ich irgendwann so 15 Dinge auf dieser Liste stehen. Und dann habe ich mich einmal hingesetzt, so ein Jahr vor der Pensionsantritt, und habe mir einmal diese Liste angeschaut. Das Erste, was mir aufgefallen ist, war, ich habe ja ein großes Standbein in meiner Selbstständigkeit, war im Bereich Altenpflege. Ich habe Seminare und Trainings gemacht, Altenpflege, das ist ein Gebiet, wo ich seit über 40 Jahren sozusagen beruflich zu Hause bin. Und das Erste, was mir aufgefallen ist, fast alles, was da steht, hat wieder mit Altenpflege zu tun. Ja, da war zum Beispiel, ich mache eine Clown-Ausbildung. Und dann gehe ich damit ins Seniorenheim. Oder ich mache eine Handpuppenspiel-Ausbildung, damit gehe ich wieder ins Seniorenheim. Ständig. Oder da hat es so ein ganz tolles amerikanisches Konzept gegeben im Umgang mit Menschen mit Demenz. Das hätte mir wahnsinnig gut gefallen, die Ausbildung zu machen. Da gehe ich wieder ins Seniorenheim. Und dann habe ich mich hingesetzt und habe mir gedacht: Möchte das? Warum? Warum komme ich da immer wieder hin? Und möchte das. Und warum komme ich immer wieder hin? Ist natürlich, da bin ich zu Hause. Da kennt man in Österreich, kennen mich da sehr viele. Da weiß ich alles. Da bin ich so kompetent wie jetzt zum Bereich Altenpflege, war ich überhaupt noch nie in meinem Leben wie jetzt am Ende meiner Berufslaufbahn. Und will ich das, war dann die Frage. Und dann habe ich aber eben für mich entschieden, ich will das nicht. Ich will wirklich was Neues machen. Ich will was machen, was mich fordert. Ich will was machen, wo ich mich vielleicht sogar fürchte davor, wo ich wirklich meine Komfortzone so was von verlassen muss. Und dann habe ich alles gelöscht, was irgendwie mit Altenpflege zu tun hatte. Ganz oben stand jetzt DJ. DJ. Ich werde DJ. Du wirst DJ. Und 2 Tage später habe ich mich bei einer Wiener, sehr bekannten Wiener DJ zur DJ-Ausbildung angemeldet und habe das jetzt wirklich von der Pike auf mit Vinyl, mit allem gelernt. Und ich sage es euch, in der dritten Stunde habe ich nur geweint in dieser Ausbildung, weil da musste ich lernen, dieses Beatmatchen, da muss man den Rhythmus anpassen. Und sie hat dann mit so einem Metronom gearbeitet und ich musste meine Platte ans Metronom anpassen. Ich habe es nicht gehört, ob es gleich ist oder nicht. Ich war so fertig. Also das hat mich so gefordert und da habe ich mir so oft gedacht: Was tust du da? Aber jetzt bin ich mega stolz. Mega stolz. Und ich habe wirklich entschieden, mit, also das war dann nicht nur eine Entscheidung auf das, wie mache ich weiter, sondern grundsätzlich. Ich habe dann entschieden, dass ich nichts mehr mit Altenpflege mache. Also alles zum Thema Altenpflege stelle ich ein. Ich mache keine Seminare und Trainings, keine Altenpflege-Projekte mehr. Da bin ich jetzt gerade sehr konsequent.
Brigitte Huber 69:00
Und beim Älterwerden-Coaching kann ich aber schon noch zu dir kommen?
Sonja Schiff 69:03
Genau, also ich mache meine Ruhestandsseminare, ich mache Seminare rund ums Thema Älterwerden, ich mache meine Vorträge. Ich habe als DJ auch einen Schwerpunkt gesetzt, der lautet Songs deines Lebens, und meine Zielgruppe ist 60+. Und ich kombiniere jetzt zum Beispiel, das habe ich schon zweimal gemacht in zwei Gemeinden in Österreich, ich kombiniere Vortrag und Über-60-Disco. Ja, also ich habe zum Beispiel einen Vortrag, der heißt Älterwerden, Geschenk oder Zumutung. Und dann hat jetzt eine Gemeinde gebucht, da war der Vortrag und 45 Minuten später habe ich mich sogar umgezogen, kommt die DJ, Raumwechsel und dann war eben so Songs deines Lebens und es war einfach so g***.
Brigitte Huber 69:48
Und warst du nervös davor? Also ist es dann auch so, dass man sagt, ich habe schon lange nicht mehr so viel Adrenalin gehabt?
Sonja Schiff 69:54
Ja, Wahnsinn. Also es war jede Stunde bei diesem DJ, wo ich gelernt habe, war Adrenalinkick, weil es wirklich so eine fremde Welt war. Und dann habe ich natürlich im Freundeskreis bei 60er-Geburtstagen und so habe ich schon so ein bisschen schon gespielt, habe ich mich schon ein bisschen hingewagt. Aber jetzt der erste wirklich bezahlte Auftritt, ja, da habe ich schon ordentlich gezittert. Aber als dann Paare getanzt haben, die immer gesagt haben Die haben schon seit 15 Jahren nicht mehr getanzt und als dann wirklich zu Nummern die Leute applaudiert und gegrölt haben, als hätte ich gesungen. Und nämlich zu Liedern, die sie vielleicht in ihrer Jugend gar nicht so gemocht haben, aber die sind in den Charts auf und ab gelaufen und sind emotional so besetzt. Also YMCA, ich kann euch sagen, die Menschen grölen und rufen bei diesem Lied mit und singen mit. Das ist schon fantastisch.
Brigitte Huber 70:51
Ich würde sagen, wir sind mitten schon in unserer ersten Rubrik gelandet, oder Stephan? Und zwar geht es bei uns ja auch immer um Premieren, über Dinge, die wir zum ersten Mal machen.
Stephan Seiler 71:02
Meine Premiere?
Brigitte Huber 71:03
Deine Premiere. Und was würdest du sagen, was war deine letzte Premiere? War es das?
Sonja Schiff 71:09
Also meine, ja doch, gibt es zwei. Also ich finde, es war die letzte Premiere, war für mich auch Ich habe ein letztes großes Projekt im Bereich Altenpflege. Das hat jetzt zweieinhalb Jahre gedauert und eine letzte Premiere war wirklich, hier die Ergebnisse zu präsentieren und dann zu sagen, das war, ist das letzte Mal. Ich werde hier nichts mehr machen. Und jetzt zum Beispiel kontinuierlich, wenn ich Anfragen aus dem Bereich Altenpflege bekomme, dass ich wirklich sage: Nein, ich bin jetzt in Pension. Mit dem Thema Altenpflege bin ich in Pension. Und da gibt es viele, die sagen, das geht nicht, das kannst du nicht machen und wir brauchen die und was weiß ich nicht. Also das war Premiere und die erste Premiere war dann tatsächlich diese Gemeinde und die nächste kommt in 2 Monaten. Da habe ich das erste Mal als reines DJ einen Auftritt vor 250 Frauen. Wow!
Brigitte Huber 72:05
Ohne Anbindung ans Älterwerden oder so? Also jetzt einfach nur als Partyqueen?
Sonja Schiff 72:10
Die arbeiten die Lieder auf. Das Hauptpublikum dieses Festes ist um die 60 und ich spiele die Songs meines Lebens, also ihres Lebens oder meines Lebens.
Stephan Seiler 72:20
Wie viele Songs hast du denn jetzt in deiner Playlist oder in deinem Portfolio?
Sonja Schiff 72:24
Mittlerweile 4500.
Stephan Seiler 72:28
Irre, in so kurzer Zeit aufgebaut?
Sonja Schiff 72:30
Also ja, ich arbeite ja dran.
Stephan Seiler 72:32
Und dann legst du Vinylplatten auf, richtig? Oder CDs oder Streams?
Sonja Schiff 72:39
Na, also streamen tue ich nicht, sondern ich habe mir eine Musikbibliothek angeschafft. Ich habe, da gibt es so Tools, wo du Musik auch konvertieren kannst, auf ganz hoher Qualität. Aber ich habe es wirklich gelernt mit Vinyl. Also ich könnte auch mit Vinyl auflegen, aber ich nutze jetzt schon die Technik. Also ich habe, wie gesagt, eine große Musikbibliothek und nach jedem und was ich mache, was ja normal DJs gar nicht mehr machen, Man darf sich bei mir auch Musik wünschen. Ich kann nicht immer alles erfüllen, aber für mich ist jeder Musikwunsch, der genannt wird und den ich nicht habe, heißt für mich, dass ich den sozusagen für die Bibliothek dann anschaffe. Und das war bis jetzt immer sehr hilfreich. Und es ist ja so, die Leute grölen am meisten mit zu der Musik, die sie sich gewünscht haben. Also warum nicht Menschen glücklich machen? Also ich nenne mich ja auch, ich nenne mich ja nicht DJ Sonja oder so, sondern Vintage Venus.
Stephan Seiler 73:34
Wow.
Brigitte Huber 73:36
Vintage Venus. Ja, super.
Sonja Schiff 73:39
Das ist so eine Spielerei mit dem Älterwerden. Also dass wir uns so schwer tun, in unserem Geschäft zu sagen, ich bin eine ältere Frau zum Beispiel. Drum habe ich mir gedacht, ich muss das ein bisschen korrigieren. Und ich merke immer bei der Ankündigung, dann sind die Leute richtig schwer zu sagen, und jetzt kommt DJ Vintage Venus. Ja, dann schrei ich immer raus: Vintage Venus!
Brigitte Huber 74:02
Hattest du da Vorbilder für diese Entscheidung, das zu machen?
Sonja Schiff 74:07
Ja, also die Idee ist jetzt nicht von mir gekommen, sondern ich habe so vor 2 Jahren, bin ich im Internet über zufälligerweise über 2 Kurzfilme gestolpert. Eine war die DJ Wika aus Polen, die ist über 80 und legt auf. Und die DJ Gloria aus Schweden, das haben wir so im Internet unterkommen. Und da war eben so kurz, wo ich mir gedacht habe, so genial, das könnte ich machen. Und die waren beide über 80 und die haben beide erzählt, sie haben mit 60 angefangen, als ihre Männer gestorben sind und sie in der Trauer versunken sind, haben sie das angefangen. Und dann habe ich mir gedacht, die macht das gleich.
Brigitte Huber 74:46
Wie wichtig sind Vorbilder für uns? Vor allem jetzt, wo wir einfach in einer Lebensphase noch einen langen Ruhestand vor uns haben, wie es früher einfach nie der Fall war.
Sonja Schiff 74:58
Ja, ich glaube, dass Vorbilder sehr, sehr wichtig sind. Ich glaube, dass Vorbilder uns inspirieren, dass sie uns eine Richtung vorgeben, dass sie uns Energie geben, dass sie uns zeigen, was möglich ist. Also wie ich diese DJ Gloria gesehen habe, die mittlerweile mit 2000 Menschen auf die Clubbings kommt. Und da habe ich mir natürlich auch gedacht, boah, was die geschafft hat, das schaffe ich nie. Und so diese typische weibliche Dings. Aber dann habe ich mir gedacht, step by step, wenn die das geschafft hat und jetzt mit 80, dann schaffe ich das auch, oder? Und ich halte Vorbilder wirklich für sehr, sehr wichtig. Ich mag nur ein Vorbild erzählen, das habe ich schon seit, das habe ich sicher vor 30 Jahren erlebt. Ich glaube, dass wir ganz viele Vorbilder in unserer Gesellschaft haben und dass jeder in seinem Umfeld eigentlich Vorbilder hat. Aber wir die Menschen oft nicht wahrnehmen und nicht sehen. Sprich auch wieder Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit des Alters. Weil, dass Menschen nicht gesehen werden, hat ja auch damit zu tun, dass wir sie nicht sehen. Auch wir, die wir hier sitzen. Ich glaube, da gibt es ganz viele. Und ich war vor 30 Jahren, war ja mal auf einer kleinen Vernissage zum Beispiel, das ist für mich unvergessen. Und wie das halt auf Vernissagen ist, es gehen alle zu den Bildern und stehen rum. Irgendwann gibt es Brötchen und Orangensaft und Irgendwann ist die Luft dann draußen, oder? Und man weiß, es steht nur rum. Und dann war da so eine Salsa-Band. Und dann standen alle Leute an den Wänden in der Nähe der Bilder. Und dann trat eine alte Frau vor, die hatte so einen akkurat geschnittenen Basenschnitt, schneeweiß, war schwarz gekleidet und hatte einen gelben Poncho dabei. Und die trat in die Mitte dieses Raumes und hat zum Tanzen angefangen. Und die war rückblickend, würde ich sagen, die war um die 80. Und ich habe mir nur gedacht, so möchte ich mal sein, wenn ich 80 bin.
Brigitte Huber 76:56
Ja, also Augen auf auf der Suche nach Vorbildern.
Sonja Schiff 76:59
Absolut.
Brigitte Huber 77:00
Wir haben noch eine ganz kleine Rubrik zum Abschluss. Entweder-oder. Stephan, möchtest du einführen?
Stephan Seiler 77:07
Gerne. Entweder-oder. Fast selbsterklärend. Wir werden jetzt immer Begriffspaare vorstellen und wir bitten dich dann dich zu entscheiden für das eine oder fürs andere. Musst du auch gar nicht groß begründen. Wir legen einfach los, würde ich sagen.
Brigitte Huber 77:21
Entweder oder. Fangen wir mit den Zitaten an.
Sonja Schiff 77:26
Richtig.
Stephan Seiler 77:27
Entschuldige, das ist mein erster Ruhestand. Ich übe noch.
Brigitte Huber 77:32
Loriot, weißt du vielleicht? Oder: Alter ist irrelevant, es sei denn, du bist eine Flasche Wein. Joan Collins. Was spricht es mir an?
Sonja Schiff 77:43
Lorieux.
Brigitte Huber 77:44
Wir üben, wir üben noch. Weiter geht's.
Stephan Seiler 77:49
Jetzt kommen wir zu den Begriffspaaren. Sonntag oder Montag ist das erste Begriffspaar.
Sonja Schiff 77:54
Montag.
Brigitte Huber 77:55
Planung oder Intuition?
Sonja Schiff 77:59
Intuition.
Stephan Seiler 78:00
Hängematte oder Ehrenamt?
Sonja Schiff 78:03
Ehrenamt.
Brigitte Huber 78:04
Sprechen oder Schweigen?
Sonja Schiff 78:06
Sprechen.
Stephan Seiler 78:08
Gruppenreise oder Meditation?
Sonja Schiff 78:12
Gruppenreise.
Brigitte Huber 78:14
Schrebergarten oder Weltreise?
Sonja Schiff 78:16
Schrebergarten.
Stephan Seiler 78:20
Botox oder Falten?
Brigitte Huber 78:22
Falten. Das hast du erzählt. In dem Fall Marionettenfalten.
Sonja Schiff 78:27
Ja, genau.
Stephan Seiler 78:28
Die werde ich mir gleich noch mal googeln, werde ich mir genau angucken, wie genau die aussehen. Sehen. Vielen Dank für die ganzen Einblicke. Ich habe eben noch eine kleine Anschlussfrage, wenn ich mir die noch wünschen darf. Und zwar, du hattest ja gesagt, man soll ja den Ruhestand auch ein bisschen üben vorab. Könnte ich denn jetzt einfach sagen, okay, ich mache mal ein Sabbatical jetzt mit Mitte 40, ein halbes Jahr, und das ist dann quasi schon mal wie ein Ruhestand. Guck mal, wie sich das anfühlt. Oder ist das zu naiv gedacht von mir?
Sonja Schiff 78:53
Na, das wäre ein guter Weg, mal einfach zu schauen, wer bin ich denn noch? Und auch etwas aufzubauen, inhaltlich außerhalb der Arbeit. Doch, finde ich sehr gut.
Stephan Seiler 79:07
Okay, das ist, glaube ich, ein sehr nützlicher Tipp, denn ich glaube, darüber denken ja sowieso viele Menschen nach, mal im Laufe ihrer Karriere, ihres Lebens, ihres beruflichen Lebens mal eine kleine Pause einzulegen und dann schon mal den Ruhestand zu testen. Mit Mitte 40, herrlich.
Sonja Schiff 79:21
Ja, also ich würde es jetzt wahrscheinlich nicht nennen, dass ich Ruhestand teste, ist ein bisschen früh, aber einfach mal so innezuhalten und mal zu schauen, wer bin ich noch? Was fasziniert mich noch im Leben? Was möchte ich noch machen? Und zum Beispiel soziale Kontakte in der Zeit auszubauen außerhalb der Arbeit.
Brigitte Huber 79:38
Ich habe auch noch eine kurze Nachfrage. Müssen wir gucken, ob wir die danach noch einbauen. Und zwar, es ging darum, dass am Anfang von deinem Workshop Menschen Bilder malen, auf denen unter anderem Enkelkinder auftauchen. Sind Enkelkinder denn eine Wunderwaffe gegen irgendwie dunkle Löcher im Ruhestand?
Sonja Schiff 79:57
Enkelkinder werden erwachsen und irgendwann kommen sie nicht mehr zu Oma und Opa und gehen ihren eigenen Weg. Und dann stehen wir im Prinzip wieder vor der Frage. Also wer Enkelkinder hat, soll sie genießen, ist überhaupt keine Frage. Aber zu sagen, die Enkelkinder sind jetzt da der einzige Lebensinhalt nach der Arbeit, kann nach hinten losgehen. Und außerdem vielleicht wünschen das die Eltern dieser Kinder gar nicht so und vielleicht wollen das auch diese Enkelkinder gar nicht so. Also man muss, finde ich, auch mit den Familien schon das auch gut abstimmen. Aber ausschließlich Oma und Opa sein statt arbeiten, finde ich nicht.
Brigitte Huber 80:35
Umgekehrt kenne ich auch durchaus Fälle, wo die Kinder, also die Eltern der Enkelkinder, die Großeltern dann schon quasi einplanen. Kennst du das auch? Und dann musst du dich eher ein bisschen abgrenzen, weil dann heißt: Oh, ihr seid jetzt bald im Ruhestand und dann könnt ihr auch passen. Also in Wahrheit ist es ein Feld, über das gesprochen werden muss dann.
Sonja Schiff 80:57
Also ist überhaupt diese Familien-Care-Arbeit, über die muss man, finde ich, reden, weil da gibt es ja nicht nur die Erwartung oft von Kindern, jetzt kommen die Großeltern in Pension, jetzt können sie dann die Kinder aufpassen, übernehmen. Zweite Ebene ist ja dann immer das Thema Pflege von oder Betreuung von pflegebedürftigen Eltern. Also im Seminar habe ich ja immer wieder Menschen, die sagen, Ja, ich würde ja jetzt dann gerne vieles tun, aber ich kann gar nicht, weil von mir wird jetzt erwartet, dass ich mich um meine Schwiegereltern zum Beispiel kümmere. Ja, also auch das muss man ansprechen lernen. Wie viel kann ich da wirklich erbringen? Wie viel will ich erleben und wie viel eigenes Leben abseits dieser Aufgabenstellung möchte ich haben?
Stephan Seiler 81:40
Erlebst du es denn da in diesem Kontext auch häufig, dass die Menschen sich dann auch quasi in diese Aufgaben reinflüchten, um sich selbst vor dieser Antwort zu bewahren, die sie sich sonst geben müssten, was sie denn wirklich mit ihrem Leben anfangen wollen. Im Sinne von: Ich muss ja X oder Y, meine Mutter, meinen Vater, pflegen. Oder auch: Ich muss mich ja um meine Enkelkinder kümmern. Ich habe ja gar keine Zeit, jetzt mich mit dem zu beschäftigen, was ich wirklich machen will in meinem Leben. Und was rätst du denn dann? Also wie kriegt man die Leute dann wieder in dieses Bewusstwerden des eigenen Lebens?
Sonja Schiff 82:13
Na ja, ich kann es im Coaching und im Seminar ich kann es nur sichtbar machen. Ich kann einfach nur sagen, was ich wahrnehme und ob das so ist, ob ich das so sehe. Aber da kann ich auch wieder nur sagen, die Verantwortung, wie ich es dann umsetze, liegt bei den Menschen. Aber natürlich gibt es Menschen, wo sozusagen einfach das eine große Entlastung ist. Ah, ich habe jetzt eine andere Aufgabe, nämlich mich um die Enkelkinder kümmern. Und ich kenne auch genug Menschen um 30, Die sagen, meine Kinder wollen gar nicht so oft zu meiner Mutter oder zur Oma. Also da gibt es schon oft auch Konflikte in den Familien, dass so ein Stück halt unausgesprochen ist. Also ich kann es immer nur versuchen anzusprechen, sichtbar machen. Ich kann nachfragen, ich kann sagen, haben Sie darüber schon einmal nachgedacht? Mir ist das aufgefallen. Wie sehen Sie das?
Brigitte Huber 83:07
Aber mehr kann ich als Coach da nicht wirklich Ja, ich glaube, da gibt es noch vieles, worüber man da sprechen könnte und müsste. Ich würde sagen, wir haben schon wahnsinnig viel mitgenommen, liebe Sonja. Also einen gnadenlos positiven Blick in diese Ecke geworfen und dabei auch die, die Tiefen und Täler nicht ausgelassen. Ich möchte mich ganz, ganz herzlich bei dir bedanken, bei unserem Besuch. Stephan, wolltest du noch was dazu sagen?
Stephan Seiler 83:35
Ja, vielen Dank. Ich habe viel gelernt und werde versuchen, das dann zu beherzigen, wenn es soweit ist. Bei mir hat es dann noch ein bisschen Zeit mit dem Ruhestand. Wobei ich auch bei mir wirklich glaube, ich werde nie wirklich in den Ruhestand gehen. Es wird bei mir immer so eine Top-Thomas Gottschalk-artiges: Ja, ja, ich höre dann mal auf und fange dann doch wieder an, Gezeter sein. Da wird meine Umgebung noch sehr viel Spaß haben mit mir, glaube ich.
Sonja Schiff 83:57
Du wirst einfach im Prozess sein. Ja, ich danke euch für die Einladung.
Brigitte Huber 84:04
Sehr, sehr gerne. Vielen Dank, Sonja.
Stephan Seiler 84:11
Das war Die Sache mit dem Älterwerden, der Podcast mit Brigitte Huber und Stephan Seiler.
Brigitte Huber 84:15
Vielen Dank an Leo Ebert-Glang für die Titelmelodie, das Sounddesign und den Schnitt und an Alina Zawalesch für die Covergestaltung. Die Sache mit dem Älterwerden erscheint mittwochs auf allen gängigen Podcast-Plattformen.
Stephan Seiler 84:29
Folgt uns, abonniert uns, dann verpasst ihr keine Folge und empfiehlt uns bitte weiter.
Brigitte Huber 84:35
Das würde uns sehr freuen.
Stephan Seiler 84:38
Wenn ihr uns Feedback schicken möchtet, egal ob positiv oder negativ, oder wenn ihr Themenvorschläge für uns habt, schreibt uns eine E-Mail, eine Textnachricht oder Sprachnachricht auf unserem Instagram- oder Facebook-Kanal.
Brigitte Huber 84:51
Alle Infos findet ihr auch in der Schrift schriftlichen Zusammenfassung zu dieser Folge in eurem Podcastplayer.
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Folge
29
·
63 Min.
Mit
Tina Müller
Gut älter werden im Job – wie geht das? Warum sollten wir unsere Stärken stärken, statt Schwächen zu jagen?
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