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87 Min.
Geld, Freiheit, Lebensfreude – wie geht’s zur finanziellen Unabhängigkeit, Helma Sick? Welche Stolperfallen lauern v.a. für Frauen? Und wie reisen wir im Alter mit leichtem Gepäck?
„Ein Mann ist keine Altersvorsorge.“ Dieses Credo von Helma Sick ist heute aktueller denn je. Brigitte beginnt das Interview mit der Grande Dame der Finanzberatung und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes mit einem schamhaften Geständnis.
Mit
Lebensgestaltung

Und schon sind wir mittendrin in Helmas Lebensthema: der finanziellen Unabhängigkeit von Frauen. Auch Stephan kennt viele Fälle, wo der Mann am Steuerrad der Finanzen sitzt. Schicksal? Nicht für Helma. Sie ermuntert Frauen jeden Alters, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen. Und zitiert Simone de Beauvoir: „Frauen, die nichts fordern, bekommen das, was sie fordern, nämlich nichts."
Raus aus der Opferrolle: Das war auch immer Helmas Haltung. Sie gibt uns tiefe Einblicke in ihre bewegende Lebensgeschichte, von einer traumatischen Kindheit über die Leitung eines Frauenhauses, der Gründung ihrer Beratungsfirma „Frau & Geld“ bis hin zu ihrem späten Glück in einer Seniorenresidenz. In dieser Episode erfahrt Ihr, warum es für einen Ehevertrag fast nie zu spät ist, weshalb Lebensfreude die beste Rendite ist und wie man es schafft, im Alter „mit leichtem Gepäck“ zu reisen.
Eine Folge, die Mut machen soll, die eigene Freiheit konsequent zu planen!
Kapitelmarken
00:00 Die Rückkehr der „Tradwives“ und die Sehnsucht der jungen Leute
15:35 Die Rentenfalle: Warum West-Frauen oft nur 830 € Rente bekommen und was wir von Ost-Biografien lernen können.
17:39 Geld und Liebe: Warum Frauen endlich fordern müssen und wie man Rentenlücken ausgleicht.
20:21 Ehegattensplitting – Wie es Frauen schadet
26:12 Scheidung mit Schmerz – aber ohne finanzielles Desaster
28:54 Ein Blick zurück: Einschneidene Erlebnisse in der Kindheit und im Frauenhaus
39:37 Mit der Perücke zur Bewerbung
43:16 Rettung durch Therapie
55:58 Gründung der Agentur „Frau & Geld“: gegen alle Widerstände zum Erfolg
1:10:56 Wie gutes Älterwerden gelingt
1:16:31 Eine starke Stimme, die liebevoll schimpft
1:21:37 Premiere Bundesverdienstkreuz, Schmetterlinge im Bauch und vom Privileg, nichts mehr beweisen zu müssen.
Transkript zur Folge
Helma Sick 0:00
Viele Frauen wissen einfach nicht, wie das deutsche Rentensystem funktioniert. Nicht weil sie dumm sind, sondern weil sie sich nie damit befasst haben. Und da sagte schon Simone de Beauvoir vor 50 Jahren: Frauen, die nichts fordern, bekommen das, was sie fordern, nämlich nichts. Ja, und das muss man ihnen deutlich genug sagen. Ja, ich bin nicht die krisengeschüttelte und kramgebeugte, obwohl meine Ehe ja auseinanderging oder ich mich habe scheiden lassen mit 60. Also ich bin immer wieder erstaunt, dass ich schon 84 bin, werde bei jedem Geburtstag daran erinnert natürlich. Aber ich, ich, ja, das bin ich eigentlich auch gar nicht. Und darum gibt es wirklich zwischen dem gefühlten und dem echten Alter oft große Unterschiede, weil ja manche Leute, die ich kenne, mit 65 nicht so aktiv sind wie ich.
Brigitte Huber 0:54
Ja. Heute begrüßen wir Helma Sick. Sie ist ein echtes Role Model für mich. Sie steht wie keine andere für die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen in Deutschland. Dabei war ihre Kindheit, muss man sagen, alles andere als easy. Sie hat sich da rausgekämpft. Sie ist vom Land in die Stadt gezogen, hat angefangen, Frauenhäuser zu leiten, hat eine Familie gegründet mit Adoptivkind und hat dann vor 38 Jahren die Agentur Frau und Geld gegründet. Eins der ersten unabhängigen Finanzberatungsagenturen für Frauen. Ihr Credo ist unter anderem: Sie kann zwar die Frauen im Falle einer Scheidung nicht vor dem Schmerz bewahren, aber vor dem finanziellen Desaster. Aus diesem und vielen anderen Gründen hat sie vor 3 Jahren das Bundesverdienstkreuz bekommen und sie sagt heute, und das finde ich sehr ermutigend, sie hat die beste Zeit ihres Lebens. Sie ist wirklich die Grande Dame der Finanzberatung und ich habe einiges aus diesem Podcast mitgenommen. Zum einen Erschreckendes. Viele Frauen wissen nach wie vor nicht, wie unser Rentensystem funktioniert, mit katastrophalen Folgen für sie selber. Ich habe gelernt, dass es für einen Ehevertrag fast nie zu spät ist. Kann sein, dass das ein Weckruf für die eine oder andere von euch ist. Ich habe gelernt, dass Lebensfreude auch eine Form der Rendite ist, auf die man durchaus schielen sollte. Und ich habe einiges mitgenommen zum Thema gut älter werden von ihr. Und das ist nicht nur Aquachogging. Stephan, was hast du denn mitgenommen?
Stephan Seiler 2:33
Ja, so einiges. Ich habe aus dem Gespräch zum Beispiel mitgenommen, dass Frauen in fast allen Lebenslagen etwas dafür tun können, um später nicht von ihren Partnern finanziell abhängig zu sein. Wie das gelingen kann mit 40 genauso wie mit 60, 70 oder Helma Sickmann sogar mit 80, das fand ich sehr spannend und das werde ich auch gerne weitererzählen. Ich habe da einige Freundinnen und Frauen in meiner Verwandtschaft im Sinn. Denn sich finanziell abhängig zu machen Frauen ist nach wie vor ein Riesenthema. Wir kennen es aus den sozialen Medien, da trommeln sogenannte Dreadwives, Hausfrauen, dafür vor einer riesigen Anhängerschaft, dass Frauen zurück an den Herd sollen, stets zu Diensten für ihre Männer. Darüber haben wir natürlich auch gesprochen. Helma Sick wurde richtig emotional und energisch. Was sie diesen Hausfrauen zurufen möchte, hört ihr gleich zu Beginn der Folge. Auch habe ich gelernt, wie es möglich ist, schlimme und schlimmste Kindheitserlebnisse in der eigenen Familie zu überwinden, wie es gelingen kann, die Opferrolle abzuschütteln, sich zu befreien, daraus, aus dem Schrecklichen der Vergangenheit sogar eine Stärke zu machen. Das hat mich sehr beeindruckt. Das Gespräch mit Helma Sick ist eines, das mir noch lange Zeit in Erinnerung bleiben wird. Ich bin Stephan Seiler.
Brigitte Huber 3:49
Ich bin Brigitte Huber und das ist Die Sache mit dem Älterwerden.
Brigitte Huber 4:49
Heute bei uns hier zu Gast, die Grande Dame der Finanzwelt. Herzlich willkommen, Helma Sick. Für mich Helma.
Helma Sick 4:59
Danke, liebe Brigitte. Ich freue mich, dass ich mit euch den Podcast machen darf.
Brigitte Huber 5:04
Liebe Helma, ich fange jetzt mit einem Geständnis an, das mir jetzt noch so ein bisschen die Schamröte ins Gesicht treibt. Als ich dich kennengelernt habe, war ich Ende 30. Das ist jetzt gut 20 Jahre her. Wir haben gemeinsam eine sogenannte Roadshow, eine Veranstaltungsreihe mit der Brigitte gemacht. Und da hast du eben deinen Vortrag auch gehalten. Ich saß im Publikum und du hast gesagt, dass es doch immer noch erstaunlich viele Frauen gäbe, die sich bei der Altersvorsorge so komplett auf den Mann verlassen würden und irgendwie denken würden, wenn es eng wird, wird der Ritter schon auf dem stolzen Pferd daherkommen. Und die Sache richten. Und ich saß da, war gerade frisch geschieden oder in der Scheidung, zwei Kinder von unterschiedlichen, aus unterschiedlichen Verbindungen und habe gedacht: Oh weia, die meint mich. Weil tatsächlich war es bis zu diesem Zeitpunkt so, dass ich das immer sehr gerne, ich sage jetzt mal, an mein Gegenüber delegiert habe und mir gedacht habe, ich muss mich nicht drum kümmern. Meine Frage wäre: Wie verbreitet war das damals vor 20 Jahren und wie siehst du das heute?
Helma Sick 6:13
Vor 20 Jahren war das die Regel. Ja, also ganz viele Frauen wollten mit Finanzen, mit Absicherung, Altersvorsorge eigentlich wenig zu tun haben, kannten sich auch nicht aus. Aber es war auch nicht in ihrem Kopf, dass das ganz besonders wichtig ist. Ja, das hat sich schon geändert. Also viele Frauen haben ja heute eine Ausbildung, haben ein Studium. Sind erwerbstätig, verdienen eigenes Geld und wollen das Geld auch gut anlegen zu ihrer eigenen Absicherung. Aber das ist nur ein Teil der Frauen. Ein anderer Teil bewegt sich leider wieder zurück in alte Fahrwasser. Und das finde ich ganz, ganz schlimm und erstaunt mich auch, wie man Freiheiten, die man sich erarbeitet hat oder andere Frauen erarbeitet haben, wieder aufgeben will. Das bedrückt mich regelrecht.
Brigitte Huber 7:04
Du sprichst jetzt von den Threadwives oder generell?
Helma Sick 7:08
Nicht nur, nicht nur. Threadwives sind die Extremform dieser Bewegung.
Brigitte Huber 7:13
Vielleicht zur Erklärung: Threadwives sind Frauen, die sich dem traditionellen Frauenbild, das über Jahrhunderte gegolten hat, sie bleiben eher zu Hause, machen Konfitüre ein und sorgen für das Wohl der Familie. Der Mann geht jagen oder arbeiten oder was auch immer. Ja, genau dieses alte Schema.
Helma Sick 7:32
Nein, es ist nur, man muss wirklich dazu sagen, das hat was Sektiererisches, was diese Dreadwives machen. Ja, da sagt dann eine, sie hat sich ein Spinnrad gekauft und will jetzt ihre Wolle selber spinnen und dann was weiß ich noch alles machen. Das Prinzip ist, alles selber zu machen, was ja diese Frauen, die über die sozialen Medien das vermitteln, gar nicht selber tun. Die haben ja meist eine ganze Menge Geld erwirtschaftet. Damit, ja, sind im Abendkleid am Herd und sagen, wo mir wirklich die Galle hochkommt: Ich möchte meinen Mann glücklich machen. Und wenn mein Mann glücklich ist, dann bin ich es auch. Wo man denkt: Ja, liebe Frauen, habt ihr in 100 Jahren nichts gelernt? Und das ist wirklich schwierig. Aber das ist diese Extremform. Aber es ist bekannt, dass ein großer Teil der Frauen doch wieder sich zurückbewegt. Ist ja doch nicht so schwierig. Na ja, zu Hause zu bleiben ist vielleicht auch ganz schön und es gibt ja eh nicht so tolle Kinderbetreuung, was natürlich auch teilweise stimmt. Aber das erstaunt mich sehr und bewegt mich und bedrückt mich. Und ich habe dann noch dazu gelesen in der aktuellen Shell-Jugendstudie, dass 52% der Jugendlichen, männlich wie weiblich, im Westen möchten, dass der Mann wieder der Alleinverdiener ist oder wenigstens 52%. 52% der jungen Männer oder jungen Frauen? Beides. Beides ist nicht aufgegliedert in der Studie.
Brigitte Huber 9:07
In welchem Alter sind die dann?
Helma Sick 9:09
Zwischen 15 und 25. Und ich frage mich, was haben die für ein Elternhaus? Was? Wer hat das in ihre Köpfe gebracht? Wieso ist das etwas, was sie erreichen möchten? Ich kann es einfach nicht begreifen und bin wirklich bedrückt.
Brigitte Huber 9:26
Der Punkt ist, ich kann mich da erinnern, in einem anderen Zusammenhang, da ging es darum, dass die jungen Frauen, die jungen Menschen generell nicht mehr ganz so viel arbeiten wollen wie wir. Also nicht 100, 150%ig. Und ich weiß, die Expertin hat damals gesagt, das ist auch bis zu einem gewissen Punkt vollkommen logisch. Weil unsere Generation, also in dem Fall jetzt meine, sage ich mal, ein abschreckendes Beispiel für die oft war, weil wir sind dann am Montag früh in diesen Tunnel reingesprungen und irgendwie komplett fertig am Freitagabend wiedergekommen. Und dann haben die gesagt, das kann nicht sein. Also das hat mir eingeleuchtet damals. Was kann denn an unserem Lebensentwurf der jetzigen Generation, wo es mehr finanzielle Unabhängigkeit vielleicht von Frauen gibt, abschreckend wirken?
Helma Sick 10:16
Ich kann es dir nicht sagen. Ich weiß es einfach nicht, weil die Leute, die in meine Vorträge kommen, nicht so jung sind, also etwas älter, 30, 40 oder so. Aber ich habe im letzten Jahr an einem großen Gymnasium in München auf Einladung des Lehrerkollegiums den Vortrag Ein Mann ist keine Altersvorsorge gehalten. Jungen wie Mädchen und hinterher mit denen diskutiert. Und das war schon sehr interessant, weil Einige genau das gesagt haben, was du, Brigitte, jetzt gerade erklärt hast. Ich habe daraus gelernt oder gesehen, dass die Eltern eine ganz große Vorbildfunktion haben. Wenn die Mutter erwerbstätig war und immer nur gestresst war, dann sagen manche jungen Leute: Das möchte ich auf gar keinen Fall, so ein Leben will ich nicht. Ja, wenn die Mutter gearbeitet hat und entspannter war, dann, und das zwar viel gearbeitet hat, aber trotzdem mit ihrem Mann zusammen das Ganze gemanagt hat. Einigermaßen in Ordnung gemanagt hat, dann sagen die: Nee, das hat mir gefallen. Sie hatte ihr eigenes Geld, war zufrieden und glücklich. Das möchte ich auch. Also es hängt—
Brigitte Huber 11:25
Aber das setzt uns Frauen ja unter einen noch stärkeren Druck. Ich weiß, wir haben rund um den 60. Geburtstag einer Freundin, saßen wir Frauen da zufällig und kamen auf das Thema: Waren wir als Mütter gut genug? Das waren lauter Frauen, die wirklich so die gut im Job waren und auch viel gemacht haben. Und wir haben alle gesagt, boah, bestimmt waren wir manchmal gestresst und dann kam man da nicht hinterher oder kam dann mal bei irgendeiner Kinderaufführung in der Schule nicht. Und wir haben uns dann zum Schluss getröstet, dass wir hoffentlich gut genug waren.
Helma Sick 11:58
Genau.
Brigitte Huber 11:59
Aber das klingt, wir hätten auch noch lässig und entspannt sein müssen. Und das ist, glaube ich, manchmal einfach viel verlangt.
Helma Sick 12:05
Nein, das waren jetzt Schülerinnen und Schüler. Ja. Du kannst es nicht für die Allgemeinheit nehmen, sollten wir auch nicht. Denn zu allen Zeiten, oder haben in der einfacheren Bevölkerung zum Beispiel immer Leute gearbeitet. Und deshalb sind die Kinder nicht gestörter gewesen als die vielleicht sehr verwöhnten Kinder anderer Menschen. Also das glaube ich nicht, dass das ist. Und ich denke dann immer an etwas, was einer der berühmtesten Kinderpsychologen sagte, Winnicott in den 60er Jahren. Der sagte mal, es reicht völlig aus, eine ausreichend gute Mutter zu sein oder ein ausreichend guter Vater. Perfekt ist niemand. Das gibt es einfach auch gar nicht. Und das, was mir einer der Schüler männlich gesagt hat, ein hübscher junger Mann, der sagte: Frau Sick, ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen, was Sie in Ihrem Vortrag erzählen. Also meine Mutter hat für mich ihren Job aufgegeben und Sie glauben nicht, wie schön das für mich ist. Wenn ich mittags nach Hause komme und ein von meiner Mutter für mich gekochtes Essen auf dem Tisch steht. Ich habe da nur gesagt: Herzlichen Glückwunsch an Ihre künftige Frau, die wird noch einiges mit Ihnen zu erleben haben. Also ich habe mir gedacht, gedacht habe ich aber, habe es nicht gesagt. Was für ein verzogener Bengel. Ja, das kann doch auch nicht das Ziel sein. Mutter gibt den Job auf und widmet ihr Leben ihrem Sohn. Um Himmels willen.
Brigitte Huber 13:34
Nein, und du hast natürlich recht. Ich glaube, wir sind schon Role Models oder viele in der für die nächste Generation immer. Und wahrscheinlich ist das, was bei einem 15-Jährigen hängengeblieben ist, noch was anderes, als sich vielleicht dann mit 25 oder 30 ausbildet. Ich kann mich nämlich erinnern, als wir die Studie, die Brigitte-Studie mit Jutta Allmendinger, der Soziologin, gemacht haben. Frauen auf dem Sprung. Die waren die ersten waren 2007, 2009, dann noch mal 2012. Und was da schon immer sehr ermutigend war, Finanzielle Unabhängigkeit war für Frauen das höchste Ziel. Von 7 Punkten, die man erreichen konnte, war das auf der Skala 6,4, war vor Familie, vor Partnerschaft und so weiter. Das heißt, irgendwie scheint es ein großer Antrieb zu sein, aber dann—
Helma Sick 14:22
Aber sie halten sich nicht dran.
Brigitte Huber 14:24
Dann genau das ist so die Kluft.
Helma Sick 14:26
Oder das sage ich zum Beispiel. Diese Studie habe ich, erwähne ich oft in den Vorträgen und sage, die jungen Frauen sind natürlich intelligent und wissen, wenn sie gefragt werden, was sie eigentlich antworten sollten oder was gut ankommt. Denn ein großer Teil hält sich nicht daran. Ja, also ein großer Teil, oder vielleicht ist es der Teil, der da geantwortet hat, der noch keine Kinder hatte. Es ist ja erwiesen, das war in dem ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung ganz klar: Ein Paar fühlt sich gleichberechtigt, emanzipiert, will es auch bleiben. Dann kommt das erste Kind und es wird nicht gefragt, wer bleibt zu Hause. Es ist klar, das ist sie. Mir sagen alle Frauen in den Vorträgen: Aber Fasik, mich hat niemand gefragt. Ich habe auch nicht gefragt. Es war vollkommen klar, dass ich, die Mutter, zu Hause bleibe. Und das, da bin ich dran. Das muss sich ändern. Ein Kind hat zwei Eltern. Die Mutter trägt es aus, das Kind aus, ganz klar. Aber trotzdem braucht es den Vater dazu. Dass es das Kind überhaupt gibt. Und deshalb muss Erziehung, Elternzeit geteilt werden. Es darf keiner zu lang wegen eines Kindes zu Hause bleiben müssen und dadurch finanzielle Nachteile haben. Und ich denke, dass die Frauen, die jungen Frauen, die auf eure Studie geantwortet haben, noch gar nicht in der Situation waren, ja, Kinder zu haben.
Brigitte Huber 15:52
Ja, das kann zum einen sein. Und zum anderen habe ich erst vor 2 Wochen eine wirklich auch sehr erschreckende Tabelle oder Aufzeichnung in der Süddeutschen gesehen. Und zwar ging es darum: Jahreseinkommen Frauen und Männer. Das ist ja schon unterschiedlich. Ja, also ist ein deutlicher Unterschied. Aber dann kommt das Entscheidende: Wenn Kinder ins Spiel kommen, verändert sich das Jahreseinkommen des Mannes kaum. Das der Frauen geht dramatisch nach unten. Und das war wirklich so was von klar. Und da sind wir noch gar nicht bei dem Thema Pflege. Zum Beispiel, wer macht das?
Helma Sick 16:26
Das ist aber interessant, denn ich sage in dem Vortrag auch immer die Rentenzahlen, weil da alle total erschrecken. Nämlich die Durchschnittsrente einer Frau im Westen, die ungefähr 830 beträgt, und die Durchschnittsrente einer Frau im Osten, die 1200 beträgt. Die liegt bei den Ostfrauen ganz nah an der Männerdurchschnittsrente. Das ist und da Da bleibt fast allen immer der Mund offen, weil daraus so deutlich wird, die Berufstätigkeit, die Erwerbstätigkeit, das eigene Geld, eigene Einkommen macht eben den Unterschied. Und da kommt etwas dazu, was ich eben wirklich nicht, einfach nicht akzeptieren kann. Viele Frauen wissen einfach nicht, wie das deutsche Rentensystem funktioniert. Nicht weil sie dumm sind, sondern weil sie sich nie damit befasst haben. Sie wissen einfach nicht. Dass die meiste Rente der oder die bekommt, die möglichst lang, möglichst viel einzahlt. Und wenn ich halt 15 oder 20 Jahre Teilzeit arbeite, dann kann keine große Rente draus entstehen. Und das versuche ich den Frauen über meine Vorträge zu vermitteln, in einem großen Rahmen natürlich, nicht nur darauf fokussiert.
Brigitte Huber 17:44
Aber kann das sein, dass die das nicht wissen?
Helma Sick 17:45
Man kriegt doch immer seinen Rentenbescheid und dann steht doch was Es gab in einer Untersuchung des Familienministeriums, Berliner Familienministeriums, dass Frauen die Renteninfo nicht lesen, angeblich weil es sie deprimiert, diese schlimmen Zahlen zu sehen. Aber sie sind einfach anders als viele Männer nachlässig in dem Punkt. Ja, und vertrauen dann doch wieder auf die Ehe oder auf den Mann, dass der sie schon absichern soll. Aber Und damit das passiert, müssten Frauen was fordern von den Männern. Und das tun sie nicht. Und da sagte schon Simone de Beauvoir vor 50 Jahren: Frauen, die nichts fordern, bekommen das, was sie fordern, nämlich nichts.
Brigitte Huber 18:30
Ja, ja.
Helma Sick 18:30
Und das muss man ihnen deutlich genug sagen. Und dann sagen wir Frauen manchmal: Na ja, aber wenn es um Geld geht, wenn ich da was fordere, dann kommt mir das so gierig vor irgendwie. Und dann sage ich, das hat mit Gier nichts zu tun. Wenn das eine sachlich begründete Forderung ist, dann ist es eigentlich sehr klug und verantwortungsbewusst, mit dem Partner darüber zu reden. Dazu muss man aber Zahlen haben. Und darum rate ich den Frauen, wenn sie vorhaben, in Übereinstimmung mit ihrem Partner länger zu Hause zu bleiben für die Familie, dann gehen Sie zur Deutschen Rentenversicherung und lassen sich ausrechnen, was das mit ihrer Rente macht und sprechen mit ihrem Partner, dass das aus dem Familieneinkommen ersetzt wird. Über einen schönen Aktiensparplan oder so was. Das geht jedenfalls nicht, dass durch ein Kind ein Teil eines Paares ganz gravierende existenzielle Nachteile hat. Das geht nicht. Und das muss in die Köpfe. Weil die— das ist ja nicht immer böser Wille, auch von Männern nicht, sondern es hat nie jemand verlangt von ihnen. Das zu tun, ja, oder darüber nachzudenken.
Stephan Seiler 19:39
Ich höre Ihnen total fasziniert zu, denn ich spüre eine ganz, ganz große Leidenschaft bei Ihnen für das Thema.
Helma Sick 19:44
Ja, das ist es, ist mein Lebensthema.
Stephan Seiler 19:47
Ja, würde mich gleich auch noch mal interessieren, wie Sie dazu kamen, wie das damals Ihr Thema wurde. Aber vielleicht noch mal nach dem, was Sie jetzt gesagt haben und nach den Eindrücken, die ich habe, die Zahlen, die ich gelesen habe. Sie hatten eben das Thema Elterngeld angesprochen und Elternzeit. Entschuldigen Sie.
Helma Sick 20:03
Elternzeit.
Stephan Seiler 20:03
Elternzeit. Ich habe eine Studie gefunden, nach der Frauen im Schnitt 14,6 Monate Elternzeit nehmen, Männer aber nur 3,6 Monate. Ja, wenn überhaupt. Das hat man sich auch anders gedacht. Jede zweite Frau, habe ich gelesen, kann mit ihrem Einkommen langfristig nicht für sich selbst sorgen. Sie kämpfen jetzt seit so vielen Jahren dafür und ich habe in meinem persönlichen Umfeld sehr, sehr viele Menschen, Frauen, die entscheiden, dieses Modell zu leben, das sie so kritisieren, nämlich sich tatsächlich abhängig zu machen, eher Hausfrau zu sein, vielleicht noch einen kleinen Job zu haben, vielleicht beim Arzt als Zahnarzthelferin, keine Ahnung, Minijob oder so zu arbeiten, bisschen zu unterstützen. Aber am Ende ist schon klar, am Steuerrad der Finanzen, vielleicht sogar des ganzen Lebens als Paar, da sitzt der Mann. Und ich frage mich, was macht das mit Ihnen emotional? Ist das für Sie nicht Nach so vielen Jahren der Arbeit, auch der aufopferungsvollen Arbeit mit ganz vielen Workshops und mit ganzen Kontakten, denken Sie manchmal so: Ach Mann, das hat nicht gereicht? Oder: Könnte das passieren?
Helma Sick 21:12
Ich denke das nicht, weil es auch nicht ganz so richtig ist. Entschuldigung. Ja, es hat sich natürlich was verändert. Viele mir sagen ja auch nach Vorträgen, es sei immer eine Diskussion. Viele junge Frauen. Wir leben das Modell Frau Sigg, das Sie vorschlagen. Mein Mann und ich teilen uns Elternzeit, Hausarbeit, Care-Arbeit. Also das werden immer mehr, aber das ist nicht die Mehrheit. Und jetzt kommt noch was dazu, was wirklich ein ganz gravierender Punkt ist. Der Staat muss, damit so was, was ich vorschlage, was nicht nur ich, das sagen alle, die fordern das, was ich sage, ja. Damit das funktioniert, muss der Staat die Rahmenbedingungen schaffen, und das hat er nicht getan. In dem Buch Ein Mann ist keine Altersvorsorge, das ich ja mit der Renate Schmidt geschrieben habe, sagt die Renate Schmidt mal an einer Stelle: Ein Staat muss eine Zielvorstellung haben, und die Zielvorstellung muss für uns alle sein: Jede und jeder muss in der Lage sein, seinen Lebensunterhalt oder ihren selbst zu verdienen. Das ist zum Beispiel schon die Forderung beim Unterhaltsrecht, das reformiert worden ist. Da gibt es keinen lebenslangen Unterhalt mehr, sondern weil der Staat in dem Fall sagt per Gesetz, jeder sollte seinen Lebensunterhalt selbst verdienen können. Aber das zieht sich dann nicht durch. Ja, dann wiederum auf der anderen Seite schafft, lässt der Staat immer noch Dinge gelten, die dafür verantwortlich sind, dass viele Frauen zu Hause zu bleiben. Ehegattensplitting beispielsweise. Ja, dann das sagen manche. Ich weiß es doch aus Tausenden von Beratungen, dass mir Akademikerinnen, zwei Kinder, und wenn ich sage, ja, haben Sie, sind Sie erwerbstätig? Nein, mein Mann hat ausgerechnet, dass sich das nicht lohnt. Ja, kurzfristig ist es richtig, wenn er einen Haufen Steuerersparnis hat. Und sie bloß ein Minijob. Aber langfristig geht es zu ihren Lasten. Und wenn ich dann gesehen habe, was ich natürlich gesehen habe, ganz, ganz oft, dass diese Ehe, die so beide praktiziert haben, scheitert, weil ganz klischeehaft Mitte 50 der Mann noch mal durchdreht und eine Jüngere oder was weiß ich, und sie steht dann da.
Stephan Seiler 23:32
Das sind aber auch Klischees.
Helma Sick 23:34
Leider, es sind Klischees, aber stimmen, die stimmen halt manchmal. Kennen Sie nicht solche Fälle? Ich kenne diese Fälle. Ich kenne die Opfer. Wissen Sie, und jetzt sage ich noch was, was Sie als Mann nicht kränken sollte, weil das halt nur bestimmte männliche Typen sind. Wenn ein Mann eine andere Frau kennengelernt hat und mit der ein neues Leben aufbauen will, dann weiß er das, bevor seine Frau das weiß. Und das hat leider die Folge, dass er oft, wenn sie sich nicht um die finanziellen Dinge kümmert, in der Familie gekümmert hat, Geld zur Seite räumt. Ja, ich habe x-mal erlebt, dass die Frau nach langen Jahren der Ehe und Erziehungsaufgaben und Haushalt und sonst noch was einen lächerlichen Betrag bei der Scheidung bekommen hat, weil sie nicht beweisen konnte, wie viel Geld überhaupt da ist. Drum sage ich immer, liebe Frauen, Geld in der Familie muss gemeinsam verwaltet werden, denn was im Mai auf dem Konto ist, Kann im September nicht verschwunden sein. Zumindest wäre es erklärungsbedürftig. Also ich appelliere an den Verstand und an das Selbstbewusstsein der Frauen und nicht an diese: Er wird schon machen. Das kenne ich auch alles. Er wird es machen. Er kennt sich viel besser aus als ich. Um das geht es nicht. Dann lernt sie halt, sich besser auszukennen. Zum Kuckuck.
Stephan Seiler 24:56
Was raten Sie denn Frauen wie meinen Bekannten? Ich denke wirklich an ganz konkrete Fälle. Frauen um die 30, Frauen um die Mitte 40. Aber ich habe auch Bekannte, die ein ähnliches Lebensmodell verfolgen, die schon jenseits der 60 sind oder 70. Was können die denn machen? Also gerade vielleicht in diesen verschiedenen Altersklassen?
Helma Sick 25:16
Also Sie meinen jetzt Frauen, die zu Hause sind, nicht erwerbstätig sind?
Stephan Seiler 25:19
Richtig. Oder nur ein ganz kleines Einkommen haben, vielleicht einen Minijob nebenher, aber die, sagen wir, finanziell abhängig sind von ihren Partnern. Was können die machen? Ehevertrag oder einen eigenen Aktienfonds oder? Was würden Sie sagen?
Helma Sick 25:31
Also man kann beides machen. Also man kann einen Ehevertrag zu jeder Zeit der Ehe noch mal machen. Dann sollte sie aber zu einer Anwältin gehen und sich beraten lassen, was da drin sein sollte. Also was auch in jedem Fall immer geht, dass sie mit dem Partner spricht und sagt: Du, ich bin jetzt so und so lang zu Hause. Schau mir meinen Rentenbescheid an, der ist lächerlich gegen deinen. Ich möchte gerne, dass du diese Rentenlücke für mich füllst aus deinem Einkommen. Zum Beispiel erkläre ich das oft oder fordere das auch, und das kennt, macht niemand. Das, wo ich, das macht niemand. Also sehr gut verdienende Männer können im Jahr bis zu 15.000 € Steuerentlastung durch das Ehegattensplitting haben. Dann wäre es doch, und er hat die ja nur, wenn sie nicht arbeitet, dann wäre es doch eigentlich nur vernünftig und einfach auch Toll, wenn er mindestens die Hälfte dieser Steuerersparnis für ihre Rente investiert. Ja, aber daran denkt er gar nicht, weil es noch nie einer verlangt hat. Das ist ja nicht einmal böser Wille. Ja, sondern warum soll er es machen, wenn keiner sagt, er will was? Dann muss sie mit ihm sprechen und sagen, du hör mal, du hast eine Menge Geld dadurch vom Staat, Steuerentlastung, dadurch, dass ich kein Geld verdiene, dass deshalb hast du meine Altersversorgung für meine Altersversorgung sorgen und überhaupt mir auch noch für meine Haus- und Sorgearbeit etwas bezahlen.
Brigitte Huber 27:03
Helma, und wie ist jetzt deine Erfahrung, wenn die Frauen das in dem Vortrag so bei dir hören? Gehen die dann manchmal nach Hause und suchen das Gespräch mit dem Mann?
Helma Sick 27:11
Manche tun das ja. Ich habe das schon erlebt. Ja, und es hat eine Frau, hat mir vor kurzem einmal geschrieben, eine E-Mail, und das hat mich sehr gerührt, muss ich sagen. Sie sagt, sie sei vor 20 Jahren bei mir gewesen und aber sie dachte, sie ist in einer sehr glücklichen Ehe und die wird ewig halten. Und die ist aber jetzt leider auseinandergegangen, weil ihr Mann eine andere Frau kennengelernt hat. Sie ist todtraurig, aber zu dem tiefen Schmerz, den sie hat, kommt wenigstens kein finanzielles Desaster, weil ich ihr rechtzeitig geraten habe. Vorzusorgen. Sie hat einen Ehevertrag, sie hat für die Auszeit, die sie beruflich genommen hat, eine Entschädigung von ihrem Mann verlangt. Das hat funktioniert. Und das will ich erreichen. Schmerz kann man nicht durch Finanzen lindern, aber für ein finanzielles Desaster, das eine Scheidung für viele Frauen ist, das kann man vermeiden. Und das möchte ich erreichen.
Stephan Seiler 28:10
Liebe Brigitte, wir begrüßen heute unseren ersten Werbepartner. Um wen handelt es sich?
Brigitte Huber 28:15
Der Werbepartner unserer heutigen Folge ist der Verein Natur und Medizin e.V. und die dazugehörige Carsten Stiftung.
Stephan Seiler 28:24
Ja, diese unterstützt naturheilkundliche Forschung und sie sorgt dafür, dass diese fundiert und alltagstauglich verständlich vermittelt wird.
Brigitte Huber 28:32
Für mich ist Naturheilkunde immer schon ständiger Begleiter. Ich setze auf Ingwertee und andere starke Pflanzen. Ich mache Yoga und gehe auch immer mal wieder zur Akupunktur. Das Ganze wirkt übrigens auch bei Tieren. Ich hatte mal einen sehr unruhigen Hund, dem wir auf Anraten der Tierärztin Johanniskraut verabreicht haben. Mit Erfolg.
Stephan Seiler 28:53
Ich komme aus einer Familie mit vielen Ärzten und Pflegerinnen. Bei uns zu Hause war immer wichtig, dass alles wissenschaftlich fundiert ist, alles erprobt und getestet. Daher freue ich mich, dass unser heutiger Werbepartner ein Ziel verfolgt. Mit den Mitgliedsbeiträgen soll die naturheilkundliche Forschung ermöglicht werden, damit man auch wirklich weiß, was wie wirkt.
Brigitte Huber 29:13
Außerdem unterstützt euch der Verein bei Gesundheitsfragen. Ihr profitiert von einem Netzwerk erfahrener Ärztinnen Ärztinnen und Ärzten sowie einem umfangreichen Online-Bereich mit praktischen Selbsthilfetipps.
Stephan Seiler 29:26
Eine Mitgliedschaft gibt es bereits ab 47 € im Jahr. Wer mehr erfahren oder die Arbeit von Natur und Medizin unterstützen möchte, findet alle Infos unter naturundmedizin.de. naturundmedizin.de in einem durchgeschrieben. Und jetzt weiter mit der aktuellen Folge.
Stephan Seiler 30:18
Frau Sick, ich habe gelesen, dass Sie nicht ohne Grund zu so einer leidenschaftlichen Vorkämpferin geworden sind. Können wir eine kleine Zeitreise machen? Sie haben in frühen Jahren miterlebt, wie sehr finanzielle Abhängigkeit das Leben einer Frau bestimmen kann. Was genau ist damals passiert?
Helma Sick 30:36
Also meine Eltern, ich bin in einem kleinen Ort im Bayerischen Wald aufgewachsen. Meine Eltern hatten ein kleines Schreibwarengeschäft, das überwiegend meine Mutter führte. Und ich saß als Kind oft hinterm Ladentisch und habe gehört, wenn Frauen meiner Mutter ihre Geschichte erzählt haben. In einem kleinen Ort kennt ja jeder jeden. Und ich habe da halt auch gehört, na ja, jetzt hat er mich schon wieder geschlagen und außerdem, mei, er redet nichts mit mir und Also alle Dramatik, die da eh vorkommen kann, habe ich da gehört. Und immer war das Fazit: Die Frauen können nichts machen und können nicht gehen, weil sie kein Geld haben. Außerdem war damals das in einem kleinen Ort eh fast unmöglich, sich scheiden zu lassen. Aber ganz gravierend habe ich das gesehen bei einer Tante, die ist also posthum jetzt zu großen Ehren gekommen, weil ich die immerhin anführe, wenn ich gefragt werde. Die Tante lebte, war Bäuerin, lebte mit einem Alkoholiker zusammen. Und wenn der mindestens einmal pro Woche sturzbedrunken heimkam, hat er sie grün und blau geschlagen, aus dem Haus geworfen, das Bettzeug hinterher. Und dann hat sie 3 Nächte im Stall, wirklich grauenvoll, hat sie 3 Nächte im Stall geschlafen. Wirklich neben den Kühen im Stroh.
Stephan Seiler 31:55
Wow, das ist unglaublich.
Helma Sick 31:56
Und ging dann wieder zu ihm zurück. Und irgendwann, nicht irgendwann, sondern ich war 16, habe ich mal zu ihr gesagt: Sag mal, also mich berührt es immer noch, also weil ich das so schrecklich fand, sage ich: Wieso gehst du immer zu diesem furchtbaren Menschen zurück? Und da weinte sie ganz bitterlich und sagte: Aber ich habe doch nichts. Ich habe nichts gelernt. Ich habe kein Geld. Ich weiß nicht, wo ich hingehen sollte. Ich muss bei ihm bleiben. Und ich habe dann gesehen, dass ihr ein besseres Leben anfing, als er gestorben war. Und da wusste ich schon mit 16 oder 17, dass das keine Perspektive für ein Frauenleben sein konnte. Und es hat mir einfach, dass ein Mensch erst zu leben anfängt, wenn der Partner gestorben ist und vorher das alles erdulden musste. Das ist vielen Frauen früher so gegangen. Gut, es war aber, ohne dass ich die Dimension damals begriffen habe, schon der erste Mosaikstein in meinem Kopf zu dieser Thematik.
Brigitte Huber 33:00
Wie hast du es bei deinen Eltern erlebt? Deine Mutter hatte ja einen Schreibwarenladen, hast du gesagt. Also da war das—
Helma Sick 33:06
Meine Eltern, aber mein Vater war sehr krank und meine Mutter hat den halt gemacht. Meine Mutter war eine sehr tatkräftige mir gegenüber sehr hartherzige und unbarmherzige Frau. Sie mochte mich einfach nicht. Aber als Vorbild, insofern, dass sie sehr tatkräftig war und unglaublich energiegeladen. Diese Energie habe ich teilweise von ihr geerbt. Da muss ich nicht dankbar sein, weil das war ja unfreiwillig, dass ich das geerbt habe. Aber die Frau hat unendlich viel gearbeitet. Haus und Garten dazu noch versorgt, den Mann noch gepflegt, als er sehr krank war. Also das war wirklich unbeschreiblich. Insofern wusste ich, dass es was bringt, wenn man viel arbeitet, wenn man sich einsetzt für etwas, was einem wichtig ist. Aber zu meiner Biografie noch, dann 25 Jahre später war ich kaufmännische Geschäftsführerin des ersten Frauenhauses in Bayern. München war das. Da habe ich mich einfach beworben drum, obwohl ich gar nicht wusste, was ich mitbringen könnte dafür. Ja, ich war Vorstandssekretärin, habe sehr gut verdient im größten Baukonzern damals der neuen Heimat. Und ich wusste aber, ich will eigentlich was machen, was mehr Sinn ergibt. Und dann habe ich gehört, dass es ein Frauenhaus gibt und bin da einfach im Sozialreferat, habe mir einen Termin geben lassen und habe gesagt, so ein großes Haus, wie Sie das planen, braucht eine Organisationsleitung, nicht nur eine psychologische Leitung, pädagogische Leitung. Ich hatte da einen Film über das Londoner Frauenhaus gesehen, wo es so etwas gab. Und die haben natürlich gefragt: Ja, was bringen Sie dafür denn mit? Dann habe ich gesagt: Nichts, außer dass ich Gewalterfahrung habe, nicht von einem Partner, aber in der Familie. Und ich, das ist, wie entsteht Gewalt? Das interessiert mich ganz einfach. Ich kann gut mit Geld umgehen und ich kann sehr gut organisieren. Und ich war wohl so überzeugend, dass ich den Job gekriegt habe. Und es war auch wieder so, dass ich gesehen habe im Frauenhaus, dass die Frauen— und es war bis dahin kein Thema— nicht nur schwer misshandelt waren, grauenvoll, teilweise entsetzlich, sondern dass alle auch kein Geld hatten und oft auch der Entzug von Geld oder die Verweigerung von Geld ein Teil der psychischen Misshandlung war. Denn ohne Geld ist jeder Mensch behindert in der Bewegungsfreiheit. Ganz klar. Ja, also das war dann auch noch ein großer Auslöser.
Brigitte Huber 35:41
Das Machtmittel der Männer war dann zum einen eben Geld und zum anderen Gewalt. Also ja.
Stephan Seiler 35:46
Ich habe mir jetzt gerade vorgestellt, was für ein Verhältnis zu Geld Sie entwickelt haben im Laufe Ihres Lebens und wie sich das vielleicht auch verändert hat. Also War das für Sie vielleicht am Anfang auch was, was Böses, was, was man kritisch sehen muss? Wie haben Sie ein gesundes Verhältnis zu Geld entwickelt?
Helma Sick 36:01
Ich habe ein gesundes Verhältnis zu Geld, denke ich. Und mir gefällt es, wie ich zu Geld stehe, nämlich dass Geld in erster Linie für mich ein Mittel ist, um unabhängig zu sein. Und nur eigenes Geld schafft Unabhängigkeit. Wenn mir Frauen erklären, sie sind unabhängig und emanzipiert, aber von ihrem Partner abhängig, dann ist es nicht. Wirklich emanzipiert, denn sie ist in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Also das war für mich immer wichtig, eigenes Geld zu verdienen, um auch über mein Leben selber bestimmen zu können. Und mir war es dann später wichtig, den Frauen zu sagen, sie sollten bei einem Partner bleiben können, aber nicht müssen. Und das ist der qualitative Unterschied zu früher. Heute können Frauen entscheiden, Ob sie bleiben oder nicht. Früher mussten sie bleiben. Und ich habe nie das Ziel gehabt, mit Geld oder Geldanlagen wahnsinnig reich zu werden oder so was. Das bedeutet mir nichts. Mir ein schönes Leben machen zu können, schon. Ja, und das habe ich jetzt.
Brigitte Huber 37:09
Das berührt mich total, was du da sagst. Ich habe als Teenager oder Vorteil, weiß ich gar nicht, so einen Spruch von so einem österreichischen Liedermacher am Bett gehabt und der hieß Freiheit heißt nur, dass du gehen kannst, wenn du willst.
Helma Sick 37:25
So in etwa. Genau das ist es.
Brigitte Huber 37:27
Und zum Glück, also meine Eltern hatten zum Glück, also es war ein harmonisches Zuhause. Also daher kam es nicht, aber irgendwie war es in mir schon drin, dass man einfach aufstehen und gehen möchte, wenn es einem nicht mehr gefällt und man nicht mehr sagt: Okay, aber jetzt habe ich bloß noch 3,50 € in der Tasche, das wird nichts. Und das war für dich dann wahrscheinlich auch immer der Antrieb.
Helma Sick 37:49
Ja, natürlich, weil ich das eben gehört habe in meiner Kindheit, dass viele Frauen todunglücklich waren, aber überhaupt nicht gehen konnten. Und wenn ich heute höre, mir sagen das wirklich manche Frauen nach den Vorträgen in der Diskussion, sagen ja, ich höre im Freundinnenkreis, dass manche Frau unglücklich ist und sagt, ich kann aber gar nicht gehen, ich habe ja nichts. Das stellen Sie sich doch mal vor. Das ist wie vor 50 Jahren. Das geht einfach nicht. Als hätte sich nichts bewegt, als hätten die Frauen keine Möglichkeiten. Das ist ein Teil der Frauen. Die anderen sind die, die arbeiten, Geld verdienen und für sich sorgen können. Auch in Beziehungen.
Stephan Seiler 38:30
Ich glaube übrigens auch, dass das auch ein Thema ist für Männer. Also verstehe natürlich total Ihren Punkt, aber ich erlebe es auch bei Männern wie bei Frauen, dass sie nicht dieses sogenannte, entschuldigen Sie das Wort, aber ich habe es mal so gehört, F*** you Money. Auf dem Konto haben, 2, 3, 4 Monatsgehälter quasi in Reserve zu halten, um sich immer so frei zu halten, dass man auch eine unangenehme Arbeitssituation verlassen kann. Ich kenne auch viele Menschen, egal ob männlich oder weiblich, die einfach unzufrieden sind mit ihren Jobs, aber daran festhalten, weil sie sagen, ich kann es mir eigentlich gar nicht erlauben, notfalls auch mal ein paar Monate ohne auszukommen. Wenn man dann noch selbst kündigt, dann fehlen einem ja auch noch das Arbeitslosengeld für, glaube ich, 1, 2, 3 Monate. Und für manche ist das schon ein Problem. Und würden Sie raten, grundsätzlich haltet euch immer ein paar Monatsgehälter zurück, damit ihr ein paar Monate überbrücken könnt, egal was passiert?
Helma Sick 39:22
Ja, das ist ja eine der ersten Regeln überhaupt bei einer Finanzplanung. Eine Notreserve mit 3, 4 Monatsgehältern.
Brigitte Huber 39:30
Genau. Finanzielle Unabhängigkeit wünscht sich jeder. Bei Männern hinterfragt man das gar nicht. Bei Frauen war es viele Jahrhunderte Eben nicht selbstverständlich. Und da sind wir halt einfach auf dem Zeitstrahl erst so dreieinhalb Nanosekunden nach vorne gekommen und erschrecken uns dann, wenn wir glauben, dass Dinge, die wir schon erreicht haben, auf einmal wieder zurückdriften und wir wirklich das Gefühl haben: Oh Gott, die Zeit, die läuft ein bisschen rückwärts. Mir geht es aber ehrlicherweise so wie dir, Helma, an vielen Stellen, wenn jüngere Kolleginnen zu mir sagen: Ich weiß gar nicht, wie du so optimistisch noch sein kannst. Dass ich sage, okay, mein Vorteil ist, dass ich jetzt beispielsweise schon 35 Jahre in diesem Beruf arbeite und sehe, dass sich doch sehr viel nach vorne verändert hat. Absolut. Genau. Also wenn man sich vorstellt, früher als junge Frau, die also in meinem Fall mit Kind da irgendwie angetreten ist, du warst eine absolute Exotin. Und wenn du gefragt hast, kann ich vielleicht Teilzeit arbeiten, das wären dann 30 Stunden gewesen, weil du hast ja ein Kindergartenkind. Dann hieß es: „Nee, ganz oder gar nicht." Und da muss man dann sagen, das sind dann schon große Schritte, die wir gemacht haben seitdem. Was mich noch mal ganz kurz, wenn wir einmal noch zurückgehen könnten in deine Kindheit. Du hast ja erzählt, wie das bei deiner Tante war. Du hast gesagt, deine Mutter, das finde ich schon krasse Feststellung für dich, die mochte dich nicht. Aber auch dein Verhältnis zu deinem Vater war nicht, nicht, das war ambivalent zumindest, oder?
Helma Sick 41:01
Ja, also meine Mutter liebte meinen Bruder, der auch der Ältere war. Sie hatte zwischen meinem Bruder und mir eine Totgeburt und eine ganz, ganz schwere Geburt. Und sie sollte kein Kind mehr kriegen. Und ich kam halt dann noch. Und sie mochte mich von Anfang an nicht und hat mich wirklich geschlagen. Sie hat mich aber, was fast noch schlimmer war als die Schläge, gedemütigt, indem sie dauernd gesagt hat: Aus dir wird nichts und du bist nichts. Und außerdem bist du potthässlich. Ich war überhaupt nicht hässlich. Wenn ich heute Bilder anschaue, ich war ein richtig hübsches Kind und ein hübsches junges Mädchen. Und das war unvorstellbar. Sie saß neben mir und schaute mich dauernd von der Seite an und schüttelte unentwegt den Kopf. Was machst du denn? Warum guckst du mich dauernd an? Weil du so hässlich bist. Was soll aus dir bloß werden? Und das hat ja— und was? Da jetzt psychologisch für mich im Nachhinein interessant ist, dass ich die Realität an mir nicht gesehen habe. Wenn ich in den Spiegel geguckt habe, habe ich ein hässliches Mädchen gesehen, weil sie als Mutter mir das gesagt hat. Und da sieht man, wie wichtig die Spiegelung durch die Eltern ist. Ich habe in den Spiegel geschaut und habe da einen Pickel und dort was. Und da war es. Und das Drastischste, und das muss ich erzählen, weil mir das erst vor kurzem wieder eingefallen ist. Als ich mich in München bei der Neuen Heimat beworben habe als Sekretärin, habe ich mir eine Perücke gekauft, eine Perücke aufgesetzt. Ich habe wunderschöne Naturlocken. Ich hatte dunkelbraune Naturlocken, die ich heute noch habe. Und ich habe das nicht gesehen. Ich habe mir eine Perücke gekauft und die aufgesetzt, um möglichst schön auszuschauen. Dann habe ich jetzt, weiß ich, das war eine Art Gehirnwäsche, was die Frau mit mir gemacht hat. Ja, die andere Seite war, mein Vater liebte mich über alles und er hat viel für mich getan. Und seine Liebe hat mir wahrscheinlich, meinten eine meiner Therapeutinnen, das Leben gerettet, weil ich einen Menschen wenigstens hatte, der mich liebte. Aber er war sexuell übergriffig. Er hat mir nie wehgetan, das muss ich sagen. Aber ich will da nicht näher drauf eingehen. Es war sexueller Übergriff. Und vielleicht war auch das noch eine Verstärkung der Abneigung meiner Mutter, dass sie das gewusst hat. Vermutlich alle Mütter wissen das, bin ich heute überzeugt. Sie wollen es nur nicht wahrhaben. Weil daraus wiederum eine Konsequenz erforderlich wäre. Wenn Sie das zugeben würden, dann müssten Sie gehen oder sich mit dem Mann härter auseinandersetzen. Und so hat sie sich halt an mir abgearbeitet.
Brigitte Huber 44:03
Ja, also ich finde, also dieser Podcast, in diesem Podcast geht es ja auch um das Thema Älterwerden. Und wir haben uns auch in dem Buch, das ich mit einer Kollegin zusammengeschrieben habe, da ganz stark auch damit auseinandergesetzt, mit dem Blick zurück auch. Wie schaffe ich es, mich mit meinen früheren Ichs zu versöhnen, aber auch mit dem, was damals passiert ist? Nicht im Hadern dann zu verweilen. Und ich finde, du bist da eben einfach ein ganz, ganz tolles Beispiel. Wie bist du da vorgegangen oder was hat dir geholfen? Also du hast jetzt gerade gesagt Therapeutin. Was hat dich auf diesem Weg begleitet?
Helma Sick 44:40
Ich hatte immer Albträume. Ich war sehr nervös. Unruhig und hatte starke Minderwertigkeitskomplexe. Aber ich konnte immer gut arbeiten, weil Arbeit für mich eine Möglichkeit war, dem zu entfliehen. Deshalb war ich da immer ganz gut. Also in München, als ich war, ich hatte sehr nette Kolleginnen. Ich komme mit Frauen einfach immer gut aus. Ich kann mich mit Frauen wortlos gut verständigen. Und eine meiner Kolleginnen sagte mal, mit der ich heute noch befreundet bin, Nach 50 Jahren. Er sagte mal: Du bist so nervös, du brauchst eine gute Ärztin. Ich habe da eine, geh doch mal zu der. Und die hatte eine Praxis am Max-2-Denkmal in der Maximilianstraße hier in München. Und diese Frau, die hat mir buchstäblich das Leben gerettet. Also die war Internistin und war gerade in Ausbildung zur Psychoanalytikerin. Und die hat sehr schnell gemerkt, dass mir keine Medikamente helfen. Ein anderer Arzt, noch im Bayerischen Wald, hatte mir mal Valium verschrieben mit 17, das ich überhaupt nicht vertragen habe. Ich habe am ganzen Körper einen Ausschlag gekriegt und also war visitiert. Also die hat es sehr schnell gemerkt und die sagte, Sie brauchen eine Therapie und ich verschaffe Ihnen einen Therapieplatz. Und das hat sie auch gemacht. Und da hat wirklich ein neues Leben für mich angefangen. Ich habe Güte erfahren, ich habe Verständnis erfahren, ich konnte weinen. Ich konnte toben, ich konnte meinen ganzen Schmerz rausschreien und bin immer verbal aufgefangen worden. Also immer mit Verständnis, Aufmunterung und habe gesehen, dass es in mir noch ganz andere Seiten gibt. Also da hat wirklich ein ganz neues Leben angefangen. In dieser ersten Therapie ging es überwiegend um den Hass meiner Mutter und das, was daraus bei mir verletzt worden ist, die Komplexe, die da entstanden. Es ging komischerweise nie um den Vater oder kaum. Er war bis dahin, war für mich, der Vater war gut, er liebte mich. Die Mutter war böse, sie liebte mich nicht. Und diese erste Therapie hat mir ein neues Leben ermöglicht, hat mir ermöglicht zu heiraten. Ich habe da meinen Mann kennengelernt, dann mit meinem Mann zusammen ein Kind zu adoptieren. Ich konnte keine Kinder bekommen, was auch sehr schmerzhaft war. Aber für mich war Blutsverwandtschaft nie entscheidend. Also ich habe selber erlebt, wie das ist, wenn man, wenn die blutsverwandte Mutter, wenn die leibliche Mutter einen hasst. Also Blutsverwandtschaft konnte für mich nicht entscheidend sein. Drum war Adoption für mich, aber auch für meinen Mann absolut eine Möglichkeit. Und das war unser Kind, 4 Jahre alt. Und da, das war mir durch die erste Therapie überhaupt erst möglich.
Brigitte Huber 47:31
Da warst du in den Dreißigern, bei den, in der ersten Therapie dann. Und was waren die Symptome? Weil deine Freundin hat gesagt, du wärst nervös. Was war das?
Helma Sick 47:40
Ich war sehr nervös. Ich hatte aber, was die dann nicht unbedingt wussten, Albträume. Ich hatte starke Minderwertigkeitskomplexe. Also das alles zusammen passte schon, also dass ich eine Therapie brauchte, ganz klar. Ich konnte dann gut leben. Also, aber es war etwas noch anscheinend noch nicht in Ordnung. Ich hatte immer sehr schwierige Männerbeziehungen. Auch meine Ehe war nicht ganz einwandfrei. Also da waren die ersten 10, ich war 30 Jahre immerhin verheiratet. Die ersten 10 Jahre waren gut, die zweiten 10 gingen so und die dritten waren überflüssig, muss ich heute sagen.
Stephan Seiler 48:22
Ein Drittel, ein Drittel, ein Drittel. Die Drittel-Theorie.
Helma Sick 48:25
Ja, aber Ich habe mir auch immer so Männer gesucht, die mich dann nicht besonders gut behandelt haben. Also da habe ich etwas fortgesetzt und sehr spät erst, also erst vor 10, 15 Jahren, 15 Jahren oder 20 Jahren, 20 Jahre war es her, glaube ich, bin ich mal bei einer der größten Buchhandlungen in München, bei Hugendubel, ferngesteuert auf ein Sachbuchregal zugegangen und da lag ein Buch: Peter als Täter. Das war der Fall Fritzl in Österreich, der seine Tochter und so weiter. Und mir wurde schlecht. Ich schwitzte, die Knie zitterten mir und mir wurde schwindelig. Ich musste mich hinsetzen und da war mir klar, da ist noch einiges, was nicht geklärt ist. Und wiederum, darum glaube ich oft nicht an Zufälle. Begegne ich in der Hohenzollernstraße einer Frau, die, mit der ich vor 40 Jahren befreundet war. Und wir haben uns dann aber aus den Augen verloren. Psychoanalytikerin, eine ganz tolle Frau. Und die freute sich, mich zu sehen. Wir waren damals in einem großen Freundeskreis. Und sie sagt: Wie geht's dir denn? Ach, lass uns doch einmal einen Kaffee trinken zusammen. Ich rufe dich mal an. Oder du rufst mich an. Und als ich zu Hause war, habe ich auf ihre Website geschaut und habe dann gedacht: Nein, ich will keinen Kaffee mit der Frau trinken. Ich habe zu ihr großes Vertrauen. Ich glaube, ich brauche noch mal ein therapeutisches Gespräch. Und da habe ich sie gefragt: Würdest du mich nehmen? Nein, selbstverständlich, wenn du das Bedürfnis hast. Und dann ging es um den Vater und überhaupt um meine Männerbeziehungen und dem Vater, der eben mich liebte und damit mich auch bewahrte vor noch schlimmeren Dingen vielleicht, die mit mir hätten passieren können. Weil die Therapeutin dann sagte, ich musste das aufrechterhalten, dass einer mich wenigstens geliebt hat, sonst wäre ich vielleicht untergegangen. Ja, wenn ich schon früher gewusst hätte, dass beide mich irgendwo benutzt haben. Auch der Vater hat mich ja irgendwo benutzt. Dann, das hätte ganz schlimm enden können. Und so musste ich das aufrechterhalten. Und dann aber nach dieser zweiten Therapie konnte ich all das akzeptieren, dass das passiert ist, dass das auch weitgehend mein Leben bestimmt hat. Aber ich trage keine Last mehr. Ich habe Ihnen aber, das muss ich dazu sagen, das sage ich auch ganz bewusst, weil ich da Dass das oft in eine falsche Bahn läuft. Ich habe ihnen nicht verziehen, weil ich das nicht richtig finde, dass Verzeihen jetzt immer so groß bewertet wird. Es gibt Dinge, die kann man nicht verzeihen. Ein Vater darf sein Kind nicht missbrauchen und eine Mutter darf ihr Kind nicht so behandeln, wie sie mich behandelt hat. Und ich sage immer dazu, Ich verzeihe immer, wenn auf der anderen Seite Einsicht und Reue gezeigt wird. Das war in beiden Fällen nicht der Fall. Wenn jemand mir was Böses getan hatte und kam nachher und sagte: Du, es tut mir so leid, das wollte ich eigentlich gar nicht. Und was ich dir da angetan habe, das finde ich ganz schlimm. Dann ist das in Ordnung. Dann kann ich jederzeit verzeihen. Aber nicht, wenn diese Einsicht fehlt.
Stephan Seiler 52:06
Haben Sie beide konfrontiert?
Helma Sick 52:09
Nein, das war gar nicht möglich. Mein Vater ist gestorben, als ich 17 war. Da war gar kein Gespräch mehr möglich. Und mit meiner Mutter auch nicht. Nein.
Brigitte Huber 52:18
Ich hätte da zwei Gedanken dazu. Zum einen, als du die zweite Therapie gemacht hast, warst du dann ungefähr 70?
Helma Sick 52:24
Ich glaube Anfang 60.
Brigitte Huber 52:26
Also vor 20 Jahren. Vor 20 Jahren. Ich finde, das ist eben auch noch mal sehr ermutigend. Und das zeigt auch wirklich, wenn man mit Therapeutinnen und Therapeuten spricht, sehr viele Menschen machen sich mit 60, 70 noch mal auf, in Therapie zu gehen, auch in Paartherapie, weil sie realisieren, oh, das kann noch 20, 30 Jahre gehen, vielleicht unternehmen wir noch mal was, aber eben auch noch mal für sich selber. Und dass es wirklich Sinn macht, sich dann noch mal auf den Weg zu machen und zurückzublicken. Und was mir echt so häufig auch aufgefallen ist mit dem Verzeihen, weil die Leute ganz oft sagen, muss ich denn verzeihen? Ich glaube, das Einzige, was wirklich wichtig ist, ist, dass man sich selber verzeihen kann. Ja, weil ich glaube, das sind so die Punkte, wenn man immer hadert, hätte ich dies, hätte ich jenes und da war ein Fehler und welchen Themen man dann tatsächlich noch auf den Grund geht mit Missbrauch und Co., das muss jeder selber für sich und jede selber für sich bestimmen und welche Deckel man da aufmacht. Aber ich finde es eben ein sehr, sehr ermutigendes Beispiel, weil es geht ja darum, ums Gut-Älterwerden in unserem Podcast. Und das glaube ich, ist auf jeden Fall ein Instrument, Tool, das uns hilft.
Helma Sick 53:36
Und da möchte ich was gleich dazu sagen, weil ich oft gefragt werde. Also nachdem ja dann, nachdem es über mein Leben ein Buch gibt, eine Autobiografie, und dann natürlich, das hat sehr viel ausgelöst, der Film Lebenslinien im Bayerischen Fernsehen. Die haben ja eine Folge mit mir gedreht über mein Leben und da bin ich sehr ehrlich gewesen und habe das alles gesagt. Und da habe ich aus ganz Deutschland überwiegend von Frauen Zuschriften gekriegt. Und da hörte ich immer wieder: Wie kann es das geben, dass jemand mit so einer Lebensgeschichte, mit so einer Kindheit so optimistisch und lebensfroh und dem Leben positiv gegenüberstehend sein kann? Und da sage ich eben: Ja, ich habe halt dazu was getan. Ich wollte kein Opfer sein. Also ich finde es schlimm, wenn jemand ein Leben lang Opfer ist. Und da gibt es ja in der Psychologie den Begriff Opferidentität, dass jemand daraus eine Identität entwickelt aus dem Opfersein. Das wollte ich nicht. Ich hatte das Gefühl, da ist noch was anderes in mir als diese ängstliche, minderwertigkeitskomplexbehaftete, aber gut arbeitende Elma. Das kann es nicht sein. Da muss noch was anderes sein. Und ich habe, ich kann heute sagen, ich habe keine Last auf meinen Schultern. Ich sage oft auch, ich reise mit leichtem Gepäck, weil ich das alles bearbeitet habe. Ja, ich bin im Reinen mit mir. Ja, ich kann auch mit den beiden da oben heute reden.
Stephan Seiler 55:10
Reden Sie manchmal?
Helma Sick 55:12
Ich rede manchmal mit denen.
Stephan Seiler 55:13
Was sagen Sie denen dann?
Helma Sick 55:15
Ich sage denen, ich habe euch nicht verziehen, aber wenn ihr vielleicht eine schützende Hand über mich haltet jetzt, jetzt könntet ihr ja tun. Dann macht es doch, dann helft ihr mir. Dann überlege ich es mir mit dem Verzeihen. Ich lach dann oft. Das klingt sehr schlau. Ja, ich bin nicht die Krisengeschüttelte und Kramgebeugte, obwohl meine Ehe ja auseinanderging oder ich mich habe scheiden lassen mit 60. Nein, man kann auch aus einer schlimmen Kindheit etwas Gutes machen. Aber dann muss man sich damit auseinandersetzen. Therapie ist ja kein Zuckerschlecken.
Brigitte Huber 55:52
Nee. Und du hast ja auch einen Riesenmotor in dir drin gehabt. Du hast uns erzählt, dass du dann ein Kind adoptiert hast mit deinem Mann und auch 4 Jahre, glaube ich, zu Hause geblieben bist, aber das BWL studiert.
Helma Sick 56:04
Genau, ein Abendstudium. Genau, genau.
Brigitte Huber 56:06
Da warst du dann um die 40 oder Ende 30 oder?
Helma Sick 56:10
Mitte 40, Anfang Mitte 40.
Stephan Seiler 56:12
Mitte 40 studiert. Das gibt mir Hoffnung.
Brigitte Huber 56:14
Also Stephan, das könntest du dann auch noch.
Helma Sick 56:17
Ja, es ist so, es gibt ein Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie, die ermöglicht Berufstätigen ein Abendstudium. Des drum war es abends, weil man da eigentlich berufstätig war. Und das konnte man ohne Abitur. Ja, es ist natürlich kein Universitätsstudium, ganz klar. Ja, aber es ist ein anerkanntes, fast fachhochschulähnliches Studium, universitär aufgemacht. Und das konnte ich abends machen. Mein Mann war ja dann zu Hause und es war 2-, 3-mal pro Woche. Abends. Das ging hervorragend und ich war überglücklich, dass ich diesen Abschluss geschafft hatte. Und ja, das war in dieser Kindererziehungszeit. Genau. Ja, ja.
Stephan Seiler 57:00
Und wie war damals Ihre finanzielle Situation? Hatten Sie in Ihrer ersten Ehe schon einen Ehevertrag? Also haben Sie quasi schon Dinge gemacht?
Helma Sick 57:08
Nein, natürlich nicht. Nein, das sage ich auch immer. Nein, das habe ich damals ja alles nicht gewusst. Ich habe ja mit 47 erst die Firma gegründet. Ja, und dann über Beratung.
Brigitte Huber 57:21
Nach dem Studium quasi dann.
Helma Sick 57:22
Ja, ja, das war ja dann auch die Vorbereitung. Ich habe dann überlegt, was mache ich denn? Ich wollte selbstständig sein, kam ja aus einem Geschäftshaushalt. Ich habe immer gesehen, wie das ist, war lange angestellt, aber ich wollte selbstständig sein und habe dann, das war auch wieder einer dieser Zufälle, dass ich in der Brigitte Liebe Brigitte, ach was, der Brigitte, habe ich einen Artikel gelesen, das war 1986, genau, über zwei Frauen aus Bremen, die sich mit der ersten Finanzberatung für Frauen selbstständig gemacht haben. Und ich habe das gelesen und wusste, das ist es, das will ich auch. Und habe dann mich schlau gemacht, was macht man da, was braucht man da, bin dann zu Seminaren nach Frankfurt gefahren, da war Gab es einen Anlegerschützer und Anlegerpapst, der ganz tolle Seminare machte. Da bin ich hingefahren, habe alles gelesen, habe in Finanzvertrieben hospitiert und mich dann mit 47 oder sogar 48, 47 selbstständig gemacht. Und da habe ich dann erst die Dinge ja kennengelernt. Wie ist es? Was kann man machen? Also Ehevertrag und solche Sachen, oder Aufteilung von Gehalt in einer Ehe, wenn eine nicht arbeitet oder so. Das wusste ich ja alles auch nicht. Ich war ja auch vollkommen unbeleckt von diesen Dingen. Und in den dann jetzt, die Firma gibt es jetzt fast 40 Jahre und über 30 Jahre habe ich Beratung gemacht. Ja, jetzt macht es meine Nichte. Ja, sehr gut, finde ich.
Stephan Seiler 58:58
Ja.
Helma Sick 58:58
Und ja, und da habe ich dann all das aus den Beratungen als praktische Lebenserfahrung Auch der Frauen, die sich mir anvertraut haben, gelernt, was man alles machen könnte. Aber natürlich auch, weil die öffentliche Diskussion ja weitergegangen ist. Ja, zum Beispiel Jutta Allmendinger. Ich habe alles von ihr gelesen. Die Sozialwissenschaftlerin überhaupt. Oder in der Bundesregierung die Gleichstellungsberichte. Mittlerweile gibt es 3. Der erste war bahnbrechend. Ja, und da war ich dann zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Und kam mit Renate Schmidt ins Gespräch. Und wir kamen da schon überein, ein Buch zu machen. Sie mit ihrer politischen Erfahrung und ich mit meiner praktischen.
Brigitte Huber 59:43
Genau, damals war sie ja Ministerin, oder als ihr euch begegnet seid, oder?
Helma Sick 59:48
Ja, genau.
Stephan Seiler 59:49
Wie stand es denn damals dann um ihre finanzielle Situation? Und was waren dann so die ersten Dinge, die Sie selbst umgesetzt haben, nachdem Sie das BWL-Studium gemacht haben, nachdem Sie schon mit der Finanzberatung für Frauen begonnen haben? Haben Sie dann quasi so nebenbei dann Ihre eigenen Finanzen irgendwie sortiert und neu aufgestellt? Wie kann ich mir das vorstellen?
Helma Sick 60:08
Ich habe ja immer gearbeitet. Ich hatte ja immer eigenes Geld. Ich habe auch in der Ehe immer gearbeitet. Nur diese 4 Jahre Erziehungszeit habe ich nichts verdient. Ja, ich habe dann für eine befreundete Ärztin Buchführung gemacht und da ein bissl Geld gekriegt. Ja, aber Ich habe nur diese 4 Jahre nicht gearbeitet. Sonst seit meinem 17. Lebensjahr habe ich immer eigenes Geld verdient. Und das hat mir natürlich immer geholfen. Also auch meinem Mann gegenüber. Ja, also das war nie das Problem. Ich wusste, wie wichtig das ist, eigenes Geld zu haben. Das habe ich schon immer gewusst.
Brigitte Huber 60:46
Und mit welchen Themen kamen dann die Frauen zu dir in die Beratung?
Helma Sick 60:50
Also die ersten Frauen, die kamen, die waren dann so 45, 50, 55, und oft weil der Mann gestorben war oder weil er sich von ihnen getrennt hatte, die dann aber sich nie um Geld in der Ehe gekümmert hatten und dann eigentlich ziemlich hilflos waren. Es gab da, und die konnten nicht meine, wussten nicht, wie man Überweisung ausstellt, ja, also weil alles der Mann erledigt hatte. Das waren so die ersten, aber das hat sich dann erweitert. Immer mehr Frauen kamen, fanden das Angebot interessant, auch weil viele Frauen damals sich nicht bei Banken wohlgefühlt haben. Sie haben gesagt, ja, da ist man auf meine Situation überhaupt nicht eingegangen. Also was ich möchte, was ich denke, was ich weiter vorhabe und was für mich. Das war nicht ganz am Anfang, aber in den ersten Jahren, was ich, wie das läuft, habe ich gesehen, als meine Frau zu mir kam. Die nicht mehr jung war, also ganz jung, also 55, 60 vielleicht. Und die kam zu mir und hatte so ein Packen Unterlagen dabei, weil sie bei 5 Banken war. Sie hatte etwas geerbt und hatte zum ersten Mal in ihrem Leben richtig Geld und war bei 5 Banken und hatte so viele Unterlagen und hat dann gesagt: Ja, weiß ich, ich möchte jetzt gern, dass Sie diese Unterlagen anschauen und mir dann sagen, was richtig ist für mich. Und ich habe gesagt: Ich möchte jetzt gern, dass wir die Unterlagen beiseite legen. Ich möchte Sie lieber erst mal was fragen. Nämlich: Als Sie gehört haben, dass Sie was erben, was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen? Was möchten Sie denn für sich mit diesem Geld machen? Und dann war erschütternd für mich, dass diese Frau geweint hat. Die fing zu weinen an und hat gesagt: Das hat mich niemand bisher gefragt, was sie will. Aber das ist doch das Entscheidende, was sie will. Und dann stellt es sich raus, sie wünschte sich eine kleine Ferienwohnung in einer schönen Gegend. Und alle bei den 5 Banken haben zu ihr gesagt: Das bringt doch keine Rendite. Und dann habe ich gesagt, das bringt selbstverständlich eine Rendite, nämlich ihre Lebensfreude. Und es war ja so, dass sie so viel Geld geerbt hatte, dass die kleine eigene Ferienwohnung und noch Geldanlage möglich war. Ja, aber dass das niemand diese Frau gefragt hat, da wusste ich, ich bin mit dem, was ich mit dieser Firma wollte, das will ich nämlich noch dazu sagen, Weil das wichtig ist. Ich bin auf dem richtigen Weg. Ich hatte anfangs schon die Idee, weil ich immer jemand war, der sehr ungern genötigt werden will zu etwas. Ja, und ich dachte, wenn man schaut, als Allererstes in einem Gespräch: Wer ist diese Frau? Wie lebt sie? Hat sie Familie oder ist sie alleine? Hat sie noch Ziele in ihrem Leben? Will sie eine Wohnung kaufen? Will sie sich selbstständig machen oder vielleicht mal ins Ausland gehen? Also all diese Dinge sollten eine Rolle spielen und dann erst sollte ein Anlagevorschlag gemacht werden. Und diese Vorgehensweise, heute verfeinert, machen wir in unserem Büro immer noch. Alle, die jetzt da arbeiten, sind mittlerweile 12 Leute. Und das hat sich als so gut herausgestellt und deshalb kamen Leute zu uns. Ich habe nie akquiriert. Das konnte ich gar nicht. Also die Leute kamen von sich aus, auch weil natürlich das relativ neu war, eine Finanzberatung für Frauen, und die Medien darüber berichtet haben. Die Süddeutsche hatte kleines Porträt mal gemacht, und dann 1992 das Zeit Magazin hat einen vierseitigen Artikel über mich gemacht. Da war ich noch am Anfang, also war über eine Finanzberaterin, die anders denkt und anders handelt.. Und mir haben damals die Männer in der Branche, da kamen welche vorbei bei mir, haben gesagt: Frau Sick, das ist so ein Schwachsinn. Also das kann überhaupt nicht funktionieren. Sie werden sehen, weil die Frauen, die haben kein Geld. Und die Frauen, die wissen auch nichts. Und die wollen auch nichts wissen. Und schon gar nicht wollen sie eine Geldanlage abschließen. Und dann verdienen sie auch nichts. Und einer sagte: Frau Sick, Sie werden sehen, in einem Jahr sind Sie pleite.
Stephan Seiler 65:28
Das ist so unglaublich.
Helma Sick 65:29
Aber den gibt es schon lange nicht mehr. Den gibt es schon lange nicht mehr. Und unsere Firma feiert in 2 Jahren das 40-jährige Bestehen. Und das hat sich gezeigt, dass meine damalige Idee, erst einmal zu schauen, was will jemand überhaupt, welcher Mensch ist jemand, was haben sie für Bedürfnisse, oder auch, wo wir aufmerksam machen müssen, welche Gefahren könnten lauern, wo muss man sich absichern, dass das genau das Richtige war.
Stephan Seiler 65:59
Hat sich an dieser Herabwürdigung irgendwas geändert? Frag aus einem bestimmten Grund. Ich möchte Ihnen kurz eine Anekdote erzählen. Ein Familienmitglied von mir hat um die 70, hat mir kürzlich von einer Geschichte erzählt bei der Kreissparkasse. Es ging um Versorgungsvollmacht oder was auch immer. Da ging es darum, welche Berufe auf dem Zettel standen. Und der Bankmensch hat bei dem Herrn geschrieben: Beamter Rentner, Beamter Pensionär. Und bei ihr stand dahinter wortwörtlich: Nicht relevant. Und die Person, die mir das erzählt hat, hat sich höllisch drüber aufgeregt. Wir machen ja gar nichts mehr, solange bis das hier geändert wird. Und das hat mich gerade, Sie haben mich gerade an diese Situation erinnert. Hat sich was geändert in Sachen Diskriminierung, Herabwürdigung von Frauen in Banken?
Helma Sick 66:52
Das weiß ich nicht, weil ich ja, ich habe zwar natürlich ein Bankkonto, logischerweise, aber ich brauche keine Beratung von Banken. Bei Banken, also ich denke, dass sich schon ein bisschen was geändert hat, weil viel mehr Frauen berufstätig sind und eigenes Geld haben. Ja, also da kann man nicht mehr hinschreiben, nicht relevant. Ja, das gibt es gar nicht, das gibt es nicht. Drum denke ich, dass sich was geändert hat. Aber es ist schon so, dass halt, ja, ich denke, bei Banken überwiegend der Produktverkauf im Vordergrund steht. Ja, denn das muss man natürlich, wenn man Geld verdienen will. Wir wollen auch Geld verdienen, aber das kann man. Ich wusste einfach, dass sich das lohnen wird, wenn die Leute zufrieden sind und sich gesehen fühlen.
Stephan Seiler 67:43
Ja, ja, verstehe. Ist ja ein großer, großer Mehrwert, den Sie da tun. Können Sie vielleicht einen kleinen Einblick geben in Ihr Geschäftsmodell? Also wie verdienen Sie am Ende Geld?
Helma Sick 67:52
Also wir haben das ganz traditionelle Modell, das die Banken haben, das wir auch haben. Wir verdienen, wenn jemand eine Geldanlage über uns abschließt, dann bekommen wir von dem Anbieter dieser Geldanlage eine Provision. Aber der Unterschied ist die Vorgehensweise. Wenn ich wie bei Banken sage, so, diese Woche müssen jetzt ganz viele Lebensversicherungen verkauft werden oder viele Bausparverträge, dann kriegen halt alle Leute die da vorbeikommen, eine Lebensversicherung oder ein Bausparvertrag. Ja, das ist der Unterschied. Wir schauen, was braucht jemand wirklich, und dann ergibt sich daraus ein Produktverkauf. Wir müssen ja auch Geld verdienen. Ja, ich weiß aus Erfahrung, dass mit Honorarberatung, die ja immer so von Verbraucherzentralen so hochgehängt wird, dass viele Leute dann nicht hingehen würden, weil sie eine Menge Geld bezahlen für einen Rat. Und selbst es aber umsetzen müssen. Und wenn sie noch mal einen Rat bräuchten, wieder Geld bezahlen. Bei uns ist es so, dass alle, die unsere über einen Produktverkauf Kundin werden, jederzeit uns beanspruchen dürfen, fragen dürfen. Das kommt oft vor, wenn zum Beispiel eine Krise ist, an der Börse ein Einbruch ist. Das ängstigt manche Leute. Ja, dann rufen sie an. Dürfen, können jederzeit mit ihrer Beraterin sprechen, sagen, ja, was raten Sie mir, soll ich jetzt dabei bleiben? Dann gibt's noch mal ein Gespräch. Oder die Leute kommen, wenn sie heiraten, wenn sie sich scheiden lassen, wenn ein Kind geboren wird oder wenn sie erben. Also da ist oft eine lange Beziehung. Wir haben Familien, die wir mittlerweile in der dritten Generation schon beraten. Und weil eben nicht der schnelle Gewinn, der schnelle Produktverkauf im Vordergrund steht, sondern weil sich aus dem Anliegen einer Frau, die zu uns kommt, ihr Bedarf, der entsteht, der wird daraus gesehen. Ja, und daraus ergibt sich dann das. Und ich glaube, dass das ist ein Geschäftsmodell, das funktionieren kann, denn Provisionsabhängigkeit wird ja immer sehr negativ dargestellt. Ich sage, überall müssen Sie was bezahlen. Für Beratung selbstverständlich. Ja, wenn die gut ist und im Sinne derer, die da Rat wollen, dann ist in meinen Augen dagegen nichts einzuwenden.
Stephan Seiler 70:26
Wie alt sind denn die Frauen, die heute zu Ihnen kommen? Hat sich das verändert?
Helma Sick 70:30
Alles, alles.
Stephan Seiler 70:30
Und bis zu welchem Alter können Sie den Frauen überhaupt helfen? Gibt es quasi ein Alter, ab dem Sie sagen müssen: Sorry, ihr seid einfach zu spät dran?
Helma Sick 70:38
Nein, es kommen zu uns junge Frauen ab 20, 25 bis zu 80, 85. Ja. Also das gibt's auch. Also wir haben, hatten einmal eine Frau zur Beratung, die war 90 und hat an der Börse spekuliert, und zwar heftig. Und gut, ja, nein, das kommt drauf an, was die Leute brauchen, ja. Also es gibt zum Beispiel ältere Frauen, die sagen, ich gehe in eine Seniorenresidenz oder brauche da jeden Monat festen Betrag, den ich haben muss. Dann schaut mal, wie kann sie den haben? Ja, entweder aus einer Auszahlung aus Fonds oder aus einer privaten Rentenversicherung, die lebenslang einen festen Betrag bezahlt. Also da gibt es ja verschiedene Modelle, das kann man machen.
Stephan Seiler 71:24
Also damit kann man noch starten, wenn man, wenn man quasi in einem gewissen Alter ist, auch über 60 könnte man noch starten mit einem Aktienfonds.
Helma Sick 71:31
Also man kann zum Beispiel eine private Rentenversicherung abschließen bis 85. Okay, später nicht mehr. Ja, und das kann durchaus Sinn ergeben, weil die Rente dann sehr hoch ist, weil ja das Lebensalter schon sehr hoch ist. Also der Abstand zum möglichen Tod nicht mehr so lang ist. Deshalb sind die Renten dann ziemlich hoch. Junge Frauen, die können Aktienfonds, Aktiensparpläne, ja, also je nachdem, wie risikobereit sie sind. Aber da in jungen Jahren kommt es ja häufig darauf an, Berufsunfähigkeitsversicherung, also die Arbeitskraft abzusichern für den Fall einer Krankheit. Risikoversicherungen, Haftpflichtversicherung. Es wissen viele nicht, dass sie die haben sollten. Unbedingt, falls sie jemand anderem einen Schaden zufügen.
Stephan Seiler 72:20
Unser Podcast heißt ja „Die Sache mit dem Älterwerden". Sie scheinen die Sache mit dem Älterwerden sehr gut zu beherrschen. Vor allem in den vergangenen 25 Jahren. Das war ja irgendwie noch mal eine neue Emanzipation, die ich da so wahrgenommen habe bei Ihnen. Wie ist Ihr Verhältnis zum Älterwerden, also zu diesem ganzen Prozess? Also ich bin mit Mitte 40 schon leicht verängstigt, deshalb mache ich das Ganze ja auch und schaue mit Sorge auf die nächsten 40 Jahre. Also nicht nur mit Sorge, auch mit Freude.
Helma Sick 72:46
Wie alt sind Sie denn, Herr Seidel?
Stephan Seiler 72:47
45 Jahre alt.
Helma Sick 72:50
Tolles Alter.
Stephan Seiler 72:51
Danke, dass Sie das sagen, denn man fühlt sich jetzt ja auch schon manchmal alt.
Helma Sick 72:55
Nein, wissen Sie, wenn Sie so was zu einer 84-Jährigen sagen, ich bin ja 84. Nein. Ja, ja. Also ich habe mit dem Älterwerden keine großen Probleme. Natürlich, mein Gott, die Einschränkungen, die unausweichlich sind, dass man nicht alles kräftemäßig so gut machen kann, wie man es früher gemacht hat. Aber man kann ja zu allem noch was tun. Ich tue da eine ganze Menge. Aber ganz entscheidend ist, dass ich das ganz, ganz, ganz große Glück habe, dass ich meine Firma an meine Nichte verkaufen konnte und dass ich trotzdem noch mitarbeiten kann für Öffentlichkeitsarbeit. Also zu dem Thema: Ein Mann ist keine Altersvorsorge. Die Bedeutung finanzieller Unabhängigkeit. Und da noch so gefragt bin. Also ich mache, ich habe wirklich eine ganze Reihe Anfragen. Das ist nicht nur etwas, was ich so ein bisschen nebenbei mache. Ich habe letztes Jahr, um das ein bisschen anschaulicher zu machen, ich habe letztes Jahr 25 Vorträge gehalten, 12 lange Interviews gegeben, 5 Podcasts gemacht und an 2 Podiumsdiskussionen teilgenommen. Und das muss ja alles vorbereitet sein. Ich muss immer auf dem Laufenden sein. Das heißt, ich muss alles, was neu dazu ist, an Erkenntnissen, Wissen, weil mich natürlich auch Leute in die in Vorträgen von mir sind, oft solche Sachen fragen. Ja, und da muss ich wissen, was in der neuesten Presse wieder über das Elterngeld, über Ehegattensplitting oder über Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist, wo die Männer klagen, wo die Frauen klagen. Also ich finde, das ist für jemanden in meinem Alter schon eine ganze Menge. Und ich mache das aber gern und das beflügelt mich und das hält mich auch natürlich im Kopf. Fit, weil nicht also die Vorträge unbedingt, weil da habe ich ja den Text, aber die Diskussion. Ich weiß ja nie, was die fragen hinterher. Ja, das sind für 50, 100, manchmal 200 Leute oder mehr. Und ich weiß nie, aus welcher Ecke Fragen kommen. Und also muss ich vorbereitet sein, weil ich nicht öfter als zweimal sagen möchte, das weiß ich nicht. Also Vorbereitung, also das ist schon wirklich ganz wichtig. Und dann habe ich mich ja mit 77 entschlossen, in eine Seniorenresidenz zu ziehen, in ein Augustinum. Und ich kann nur sagen, das ist das Beste, was ich hätte tun können. Das ist so großartig und so toll, weil ich völlig frei lebe wie in einem Hotel, aber alles zur Verfügung habe, was ich jemals im Leben brauchen könnte. Es bietet, die bieten kulturell eine ganze Menge. Ich setze mich jeden Abend an gedeckten Tisch. Ich habe Leute, nette Leute kennengelernt, Freundinnen, Freunde. Es gibt ein Schwimmbad. Ich gehe jeden Morgen zum Aquajogging und deshalb bin ich noch relativ fit.
Brigitte Huber 76:00
Das wollte ich gerade fragen. Was, was investierst du körperlich genau? Also geistig finde ich vollkommen klar. Das haben wir auch wirklich. Zeigen ja Studien. Wenn du lange arbeitest und es macht dir die Arbeit auch halbwegs Spaß, das gilt jetzt natürlich nicht für irgendwas, wo du dich hinquälst.
Helma Sick 76:16
Genau.
Brigitte Huber 76:17
Dann verlängert das die Lebenserwartung und auch dein Wohlbefinden in der Zeit ganz extrem. Also das machst du sowieso und deine grauen Zellen sind immer in Hochfunktion. Genau. Und was machst du körperlich? Also jeden Tag morgens Aquajogging?
Helma Sick 76:33
Also ich habe, ich habe einmal, das ist ganz wichtig, einen kleinen Hund. Eine kleine Mini-Lingshündin, die Millie heißt, ja, sehr intelligent ist und sehr clever und mir sehr viel Spaß macht. Und mit der muss ich dreimal am Tag rausgehen. Ja, morgens lang, mittags länger und nachmittags kurz und um 9 Uhr abends noch mal zum Pinkeln. Ja, Pinkel vor dem Schlafengehen. Also das ist schon etwas, was auch fit hält, weil ich muss zu jedem, in jedem, bei jedem Wetter raus. Der Hund muss Bewegung haben. Ja, und das ist ganz wichtig. Und dann, wie gesagt, mache ich, das ist mir empfohlen worden, auch von einer Ärztin. Ich schwimme nicht im Schwimmbad, sondern ich mache Aquajogging. Das ist mit so Styropor-Dingern an Füßen und Händen und trete im Wasser. Und das hat die Wirkung einer Lymphdrainage. Das ist so unglaublich, das wusste ich gar nicht. Ja. Und das ist so toll. Und das mache ich. Ich bin ja Frühaufsteherin. Und da ist dann außer einer Frau, mit der ich mich befreundet habe und die auch morgens das macht. Wir können dazwischen ratschen. Dazu muss man nicht Mund halten. Da kann man reden, während wir halbe Stunde lang treten. Und das bekommt mir sehr, sehr gut. Das muss ich wirklich sagen.
Brigitte Huber 77:55
Und diese Freiheit, die du jetzt eben hast, die hast du nicht hast du dir konsequent erarbeitet im Laufe der Jahrzehnte. Auch die finanziellen Mittel, muss man ja sagen. Und deswegen würde mich jetzt auch noch mal interessieren, und es ist für dich ein ganz, ganz großes Anliegen, das anderen Frauen, Männern auch, aber Frauen brauchen es ja vor allem, mitzugeben. Was war dann noch mal der Sprung, als du die Frau und Geld Agentur gegründet hattest, dass du gemerkt hast, das allein reicht mir noch nicht, ich möchte mehr Menschen erreichen? Das fing ja dann an mit den Kolumnen, die du geschrieben hast, unter anderem für die Brigitte, dann die Bücher. Also war das das Ausgangsszenario, dass du gesagt hast, oder ich möchte die Frauen beraten, bevor sie verzweifelt bei mir in der Agentur sitzen? Was war da dein Antrieb?
Helma Sick 78:40
Das war, ist ja gar nicht von mir ausgegangen, weil mit Brigitte, das hat damals die Susanne Meersmann, hatte mich gefragt und hat gesagt, sie hätte die Idee, eine Frauenzeitschrift müsste doch eigentlich auch über Geld schreiben. Weil Frauen einfach an Geld denken sollten, hat mich gefragt: Kannst du dir vorstellen, so was zu tun? Ich weiß gar nicht, ob dort Bedarf besteht, aber sie wollte mich. Und dann habe ich ja mich vorgestellt. Deine Vorgängerin, Anne Volk, hat mich ja gleich, gleich, da waren ja ganz viele von euch gesessen, und sie kam rein und sagte als Erstes: Ich sage Ihnen gleich was, ich bin dagegen.
Brigitte Huber 79:18
Das ist meine Anfrage.
Helma Sick 79:21
Um Gottes Willen. Ja, also, und nachher, sie hat mich mal besucht und dann hat sie gesagt, sie hat es absichtlich gesagt, um mich aufzufordern, ganz engagiert das darzustellen. Das habe ich dann auch gemacht. Und es war natürlich, ich habe dann natürlich Angst vor sowas. Ja, sie hat noch nie so, hat ja ein paar Interviews gemacht, aber nie für so eine, für die größte Frauenzeitschrift Deutschlands. Regelmäßig was zu machen. Aber ich habe sofort begriffen, das ist eine unglaubliche Möglichkeit, ganz viele Frauen zu erreichen. Und das hat mich so beflügelt. Und ich kann dir, Brigitte, nur sagen, ich höre auf allen Vorträgen, höre ich Leute, die sagen, ich habe immer ihre Brigitte-Tipps gelesen, es hat mir so viel gebracht, ich hatte überhaupt keine Ahnung. Und da bin ich erst drauf gestoßen, wie wichtig das ist. Und eine Frau hat noch was ganz anderes zu mir gesagt. In Hannover war das damals noch zu Präsenzvorträgen. Die hat gesagt: Ich habe immer die Brigitte Tipps gelesen und ihre Warnungen an Frauen. Frau Sick, Sie schimpfen immer so liebevoll mit uns Frauen. Und das hat mich so gerührt. Ja, weil das stimmt ja auch. Ja, ich war ja nie böse auf die Frauen. Ich wusste ja, warum sie es nicht wissen oder warum sie es nicht können oder so. Also das hat mir viel gebracht.
Stephan Seiler 80:45
Sie wirken so vital und ich kann mir eigentlich kaum vorstellen, dass Sie sich so fühlen, wie die Zahl in Ihrem Personalausweis es vermitteln würde.
Helma Sick 80:54
Das sehen Sie ganz richtig. Ja.
Stephan Seiler 80:56
Können Sie das irgendwie konkretisieren? Wie alt fühlen Sie sich?
Helma Sick 80:59
Also ich bin immer wieder erstaunt, dass ich schon 84 bin. Werde bei jedem Geburtstag daran erinnert. Natürlich. Aber ich Ich, ja, das bin ich eigentlich auch gar nicht. Und darum gibt es wirklich zwischen dem gefühlten und dem echten Alter oft große Unterschiede, weil ja manche Leute, die ich kenne, mit 65 nicht so aktiv sind wie ich. Ja, oder ich habe nie, nie das Bedürfnis gehabt, jetzt in Rente und jetzt aufs Sofa und Kreuzworträtsel lösen, die lese ich auch, aber Nur nebenbei. Aber das war es. Nein, mir hat es so gut gefallen, was die berühmte Anwältin, die Dr. Peschel-Gutzeit, die vor kurzem gestorben ist, mit der habe ich mal gesprochen für das Buch Ein Mann ist keine Altersvorsorge. Und die sagte etwas so Tolles. Die sagte mal, das habe ich mal aufgeschrieben, das lese ich jetzt vor: Mir es bequem zu machen war noch nie mein Ziel. Warum sollte ich jetzt damit anfangen? Es gibt noch so viel zu tun. Zu erreichen und zu verbessern. Und ich möchte gern etwas dazu beitragen. Das kann ich eins zu eins auf mich anwenden. Es gibt so viel noch zu tun. Ich habe mir Wissen erworben über Frauenleben. Das klingt vielleicht eingebildet, aber das ist einfach wahr. Ich glaube tatsächlich, dass es nicht viele in Deutschland gibt, die so viel über Frauen, echtes Frauenleben wissen wie ich. Ich habe 30 Jahre lang Frauen beraten, Tausende. Ich habe über Brigitte enorm viele Zuschriften bekommen von Frauen, die mir ihr Leben geschildert haben. Und jetzt erlebe ich wieder in Vorträgen, was mir Frauen erzählen. Ich glaube wirklich, ich kenne Frauenleben wie kaum jemand sonst. Und da noch was draus zu machen, ja, eine Botschaft rüberzubringen: Frauen, es geht auch anders, ja. Es geht noch besser. Das ist ein Anliegen. Warum sollte ich das nicht machen?
Brigitte Huber 83:01
Absolut. Absolut. Jetzt ist ja eine Sache, die glaube ich, muss man bei dir gar nicht lange nachfragen. Aber wir erleben das immer bei Menschen. Wenn sie älter werden, erleben sie immer weniger Premieren, also Dinge zum ersten Mal. Deswegen fragen wir auch unsere Gästinnen und Gäste immer nach entweder ihrer letzten, ja, ihrer letzten Premiere. Was war denn eine Premiere? Was hast du Neu wiedererlebt oder wiedererlebt, was du schon lange nicht mehr erlebt hast?
Stephan Seiler 83:29
Meine Premiere?
Brigitte Huber 83:30
Deine Premiere.
Helma Sick 83:32
Es waren zwei Dinge, die ich noch nie erlebt hatte und die also unglaublich für mich waren. Im Oktober 2022 hat mir der Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Für mein jahrzehntelanges Engagement für Frauen. Und das war überwältigend. Das war einfach ganz, ganz großartig. Das muss ich wirklich sagen. Es ist mir in Bayern von der hiesigen Familienministerin Ulrike Scharf überreicht worden mit einer sehr berührenden Rede. Das muss ich wirklich sagen. Also ganz toll. Das hat mich schon überwältigt. Und das Zweite war unmittelbar darauf, dass das Bayerische Fernsehen in dieser Reihe, die es schon lange gibt, Lebenslinien, einen Film über mein Leben gedreht hat.
Brigitte Huber 84:20
Du hast für unser Buch so einen Fragebogen auch ausgefüllt. Da ging es auch um Sachen, die wir heute können, die wir früher nicht konnten und so weiter und so fort. Und da war auch eine Frage, die schließt noch mal an das gefühlte Alter an, und zwar wann du dich zuletzt jung gefühlt hast. Weißt du noch, was du da reingeschrieben hast?
Helma Sick 84:38
Ich weiß es ganz genau. Ich habe reingeschrieben, dass ich mich noch mal so richtig verliebt habe. Und so erstaunt war, dass man mit in meinem Alter solche Gefühle erleben kann und dass die sich kaum unterscheiden von denen in jungen Jahren. Genau.
Brigitte Huber 84:57
Und jetzt kommen wir zu unserer Rubrik Entweder oder. Das geht ganz schnell. Wir geben dir immer zwei Begriffe und du entscheidest dich für einen. Und du musst den auch gar nicht lang begründen.
Stephan Seiler 85:08
Entweder oder.
Brigitte Huber 85:10
Ich fange mal an. Geld oder Liebe?
Stephan Seiler 85:13
Liebe. Vertrag oder Vertrauen?
Helma Sick 85:16
Beides. Das kann ich. Da gibt es kein Entweder-oder, finde ich.
Brigitte Huber 85:21
Sparschwein oder Kryptowährung?
Helma Sick 85:24
Na, beides nicht. Also, was sind das für Fragen, liebe Leute? Sparschwein? Mir als Finanzexpertin? Und Kryptowährung auch nicht. Das wäre— Nein, dazu habe ich keinen Bezug. Das ist mir unheimlich, ehrlich gesagt.
Stephan Seiler 85:39
Ja, da wird Sie vielleicht die nächste Frage auch nicht begeistern. ETF oder Eigentumswohnung?
Helma Sick 85:49
Also ich finde da bei den Fragen wirklich entweder oder nicht richtig, weil beides richtig sein kann. ETFs können sinnvoll sein, wenn man jung genug ist und lange sparen kann, und Eigentumswohnung, wenn man genug Geld hat, um eine zu kaufen. Kann das immer sinnvoll sein.
Brigitte Huber 86:07
Ja, also dann würde ich sagen, wir springen zu unseren Zitaten. Das sind zwei kluge Zitate und wir schauen, welches dich besser anspringt. Oder mittelklug, mal gucken. Seht ihr nun, dass das Leben ein Schlaf ist und das Altersein Erwachen, sagte August Strindberg. Ein Zitat, oder Stephan?
Stephan Seiler 86:28
Oder aber: Alter ist das große Privileg, dass man nichts mehr zu beweisen hat.
Helma Sick 86:32
Ja, das finde ich zum Beispiel besser als das erste. Ja, man muss nichts mehr beweisen. Ich muss die— deshalb sage ich, ich bin so leicht und frei in meinem Leben, weil ich nichts beweisen muss. Ja, ich habe, was mir möglich war, geschafft und mehr muss ich nicht mehr.
Brigitte Huber 86:53
Und dieser schlaue Satz kommt von Virginia Woolf. Insofern haben wir uns wieder für das Trauerm sie tat entschieden.
Helma Sick 87:01
Genau, die ja auch plädierte für ein Zimmer für sich allein, das jede Frau haben sollte. Also darum passt es. Strindberg liegt mir nicht so, Virginia Woolf, das gefällt mir. Nein, man muss im Alter— das ist ein großes Privileg, wenn man nichts mehr beweisen muss. Ja, genau.
— Ab hier liegt das Transkript hinter dem Ende der veröffentlichten Folge. —
Stephan Seiler 87:19
An alle da draußen, die die Zitate gerne mal nachlesen wollen. Wir schreiben sie immer in unsere Folgenzusammenfassung rein. Schaut gerne rein und Könnt uns auch gerne Kommentare schicken, welches Zitat euch lieber wäre, mit welchem ihr mehr anfangen könnt.
Brigitte Huber 87:34
Wir haben viele ganz, ganz tolle Sätze von dir gehört, Helma. Vielen, vielen Dank für deine Zeit. Manchmal ist Zeit ja auch Geld, aber in diesem Fall ist sie ein Geschenk. Und danke für dieses Geschenk. Und deswegen möchte ich mich jetzt an dieser Stelle verabschieden. Und der Stephan auch.
Stephan Seiler 87:51
Ja, ich möchte mich auch verabschieden. Vielen Dank für all die Lektionen, die auch ich mitnehmen konnte. Ich werde es im Rahmen meiner Möglichkeiten weitertragen an die Menschen, die ich da im Auge habe, in meiner Umgebung. Egal in welchen Altersgruppen sie sich befinden. Und werde auch noch mal versuchen, diesen Bankberater ausfindig zu machen, dem die Ohren langzuziehen, der damals der Person gesagt hat, dass ihr Job nicht relevant sei. Genau.
Helma Sick 88:15
Ja, und ich danke für die Einladung zu diesem Podcast und dass dich und Sie mein Leben und meine Einstellung zum Leben überhaupt interessiert hat und dass ich vielleicht für manche, doch manchen etwas sagen kann, was ganz wichtig ist.
Brigitte Huber 88:33
Und das vielleicht streichen wir raus. Das schneiden wir raus.
Helma Sick 88:36
Dann streichen wir das raus. Genau.
Stephan Seiler 88:39
Vielen Dank, Frau Sick.
Brigitte Huber 88:40
Vielen Dank, Helmut. Gerne.
Stephan Seiler 88:42
Danke.
Brigitte Huber 88:42
Tschüss.
Stephan Seiler 88:43
Tschüss. Das war Die Sache mit dem Älterwerden, der Podcast mit Brigitte Huber und Stephan Seiler.
Brigitte Huber 88:53
Vielen Dank an Leo Ebert-Glang für die Titelmelodie, das Sounddesign und den Schnitt, und an Alina Zawalesch für die Covergestaltung. Die Sache mit dem Älterwerden erscheint mittwochs auf allen gängigen Podcastplattformen.
Stephan Seiler 89:07
Folgt uns, abonniert uns, dann verpasst ihr keine Folge.
Brigitte Huber 89:10
Empfehlt uns bitte weiter, das würde uns sehr freuen.
Stephan Seiler 89:15
Wenn ihr uns Feedback schicken möchtet, egal ob positiv oder negativ, oder wenn ihr Themenvorschläge für uns habt, schreibt uns eine E-Mail, eine Textnachricht oder Sprachnachricht auf unserem Instagram- oder Facebook-Kanal.
Brigitte Huber 89:28
Alle Infos findet ihr auch schriftlich zu dieser Folge in der Zusammenfassung in eurem Podcastplayer.
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18
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64 Min.
Mit
Brigitte & Stephan
Wie bringen wir mit Ritualen Halt in unser Leben? Wann werden Routinen zum Käfig?
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