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78 Min.
Was hast Du gegen Selbstliebe und „gut genug“, Ildikó von Kürthy? Wieso willst Du weniger lachen? Und ab wann genau ist es ungesund, sensibel zu sein?
In dieser Folge wird es besonders persönlich. Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy ist zu Gast und räumt gründlich mit dem modernen Diktat der Selbstliebe auf.
Psyche

Eine Folge für alle, die keine Lust auf Weichzeichner haben und wissen wollen, warum echte Verbundenheit wichtiger ist als jedes Krafttraining.
Kapitelmarken
00:00 Intro
01:36 Coole 70: Ist Reife besser als Jugendlichkeit?
08:55 Longevity-Wahn: Zwischen Krafttraining und Rinderkraftbrühe
10:48 Sklavin ihres Schrittzählers
14:58 Das Leben als Problemzone: Wenn die Hitzewallung die Lebenslust bremst
16:41 Perimenopause: Warum Aufklärung so wichtig ist
33:11 GNTM-Abenteuer: Mutproben und die hässliche Seite der Abwertung
37:22 Die Kraft der Frauenfreundschaften: Von Schminktipps bis Todesangst
39:42 Warum tiefe Gespräche unter Männern oft Arbeit sind
50:50 Kritik & Dünnhäutigkeit: Die Debatte um Denis Scheck
1:01:13 Entweder/Oder
1:09:44 Ildikós Abrechnung mit „Optimismus-Tourette“ und Selbstliebe
Transkript zur Folge
Ildikó von Kürthy 0:00
Selbstliebe, dass ich mich jetzt auch noch ständig lieben muss und auch ich muss mich auch noch wunderschön finden. Ich meine, ich bin doch nicht blöd. Ich gucke in den Spiegel, ich ziehe mich aus. Mein Bauch ist alles andere als schön. Meine Oberschenkel, ich sprach schon drüber, die sind auch nicht schön. Aber das müssen die ja auch gar nicht sein. Und also das ist wirklich so eine Szene und ein Du bist gut genug. Wenn auf einmal alle denken würden, sie seien gut genug, erst mal würde dann diese Coaching-Szene sofort sterben, weil dann gibt es ja keinen Verbesserungsbedarf mehr. Und ich finde, bei mir ist noch Luft nach oben. Und ich kenne viele Leute, die nicht an sich selbst zweifeln und das besser täten. Und dann stand ich so praktisch hilflos, verzweifelt und auch sehr wütend vor diesen ganzen Behauptungen und vor dieser Diskussion und habe das zum ersten Mal irgendwie erfahren, wie wenig Hemmungen nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch im Feuilleton herrscht. Und da war ich schon, das hat mich wirklich mitgenommen.
Brigitte Huber 1:02
Heute zu Gast in Die Sache mit dem Älterwerden: Ildiko von Kürthy, Bestsellerautorin, seit Wochen wieder auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Sie hat jetzt mit Alt genug ihr persönlichstes Buch geschrieben, nach einer Reihe von sehr, sehr erfolgreichen Romanen.
Stephan Seiler 1:20
Wir reden heute mit Ildiko darüber, warum sie sich manchmal leidenschaftlich gerne alt fühlt. Wieso sie das Gebot zur Selbstliebe ablehnt. Genau wie das Mantra „gut genug" übrigens. Und weshalb sie sich vorgenommen hat, in Zukunft weniger zu lachen. Ich bin Stephan Seiler.
Brigitte Huber 1:36
Ich bin Brigitte Huber. Und das ist „Die Sache mit dem Älterwerden". Liebe Ildiko, Wie alt fühlst du dich heute?
Ildikó von Kürthy 1:53
Heute fühle ich mich eigentlich wie so richtig coole 70.
Brigitte Huber 1:58
Coole 70?
Ildikó von Kürthy 1:59
Ja, coole 70. Ich bin ja 58 und heute habe ich das Gefühl, ich bin so der Welt gewachsen. Also als sei ich schon ein bisschen älter, als ich bin. Ich habe irgendwie turbulente Zeiten hinter mir und das hat mich alles sehr angestrengt. Und jetzt habe ich das Gefühl, ich kann der Welt begegnen mit Lebensweisheit, vielleicht sogar ein bisschen mehr, als mir eigentlich zusteht. Also Ja, heute fühle ich mich super wie 70. Okay.
Brigitte Huber 2:24
Gibt es auch Tage, da fühlst du dich jünger?
Ildikó von Kürthy 2:27
Ja, ja, ja. Es gibt Tage, da fühle ich mich quasi wie neugeboren. Also im Sinne von schutzlos und ausgeliefert und habe irgendwie keine Kampfmechanismen oder ja, diese, die keine Schutzmöglichkeiten, die gibt es auch. Natürlich. Ja klar, die gibt es auch. Ja.
Brigitte Huber 2:45
Das heißt aber, für dich ist sich älter fühlen eine positive, ein positiver Gefühlszustand und sich jünger fühlen in der Regel eher schwieriger, noch nicht so erfahren, also negativer konnotiert?
Ildikó von Kürthy 2:58
Also ich will jetzt nicht sagen negativer, aber wir sprechen da jetzt über sozusagen mentale Befindlichkeit. Natürlich, je älter sich mein Körper anfühlt, desto gebrechlicher fühle ich mich vielleicht oder weniger fit. Aber hier geht es ja jetzt auch sicherlich darum, wie man sich inwendig fühlt. Und da finde ich eben diesen Zustand der Reife und des sich selbst irgendwie auch beschützen können und bei sich selbst geborgen fühlen, den finde ich schon. Ja, dann ist es natürlich eine Wertung, aber irgendwie besser, als als ich mit 20, 30 noch so wahnsinnig auf der Suche war, noch so leicht zu beeindrucken von völlig Vollidioten. Und ja, das finde ich tatsächlich angenehmer, dass da, dass ich da so kurz vor Weisheit, lieber kurz vor Weisheit. Genau.
Brigitte Huber 3:46
Ja, also es ist insofern spannend, weil Stephan und ich befassen uns mit diesen Themen, wie alt man sich fühlt. Durch die Arbeit mit dem Podcast häufiger. Und es gibt auch viele Studien, dass die meisten Menschen sich in Deutschland beispielsweise im Schnitt um 8 bis 10 Jahre jünger fühlen. Und glaubst du, die verdrängen dann was?
Ildikó von Kürthy 4:05
Nein, ich glaube, dass die Begrifflichkeit vorher nicht richtig besprochen wird und dass man mit alt automatisch entweder körperliche Malaisen meint. Und wir fühlen uns ja oft Toi, toi, toi, vielleicht etwas doch noch fitter, als uns das vielleicht mit Ende 50 oder Ende 60 früher mal zustand. Oder wenn wir an unsere Eltern denken. Und ich glaube, dass eben Altsein blöderweise und falscherweise oft in Zusammenhang gebracht wird mit müde, erschöpft, frustriert vom Leben, versteinert, intolerant. Und insofern ist das wahrscheinlich ganz schön, dass die Leute sich als jünger empfinden. Aber was sie aus meiner Sicht damit meinen, ist, dass sie gut älter geworden sind, weil sie, als sie diese 8 oder 10 Jahre jünger waren als die, die sie sich jetzt fühlen, waren sie ja noch viel döver. Im besten Fall. Also im besten Fall lernt man doch von Moment zu Moment dazu. In einer Stunde, wenn wir das Gespräch beenden, im besten Fall sind wir, die Zuhörer:innen, alle noch mal ein bisschen gereift. Und deswegen denke ich, wenn ich jetzt sage, ich fühle mich 8 Jahre jünger, Dann bin ich ja irgendwie auch 8 Jahre döver, weil definitiv wusste ich vor 8 Jahren noch nicht so gut Bescheid über bestimmte Sachen, die ich jetzt weiß, oder hatte noch nicht dieses Zuhausegefühl in mir selbst. Also bei mir haben sich in den letzten 8 Jahren unfassbar viele Sachen entwickelt. Zum Positiven.
Stephan Seiler 5:31
Jetzt bin ich eigentlich dran mit der nächsten Frage. Die Fragen sind leider auch von unserem Zettel verschwunden, liebe Brigitte.
Brigitte Huber 5:37
Oh, das ist ja schade.
Stephan Seiler 5:39
Kannst du die noch mal zurückkopieren?
Brigitte Huber 5:40
Das ist eine gute Idee. Oh Mann. Also warte, deine nächste Frage wäre, dass es wissenschaftlich erwiesen ist, dass es gesünder ist, wenn man sich jünger fühlt. Die kannst du so. Danach, jetzt hör weg, Ildiko, kommt so eine Longevity-Frage, die gehört auch noch dir.
Stephan Seiler 5:57
Die weißt du überhaupt nicht.
Brigitte Huber 5:58
Aber ich bin so eine schlechte Multitaskerin. Ich muss meine ganze, die ganze Energie einer 62-Jährigen darauf verwenden, das jetzt zu kopieren und dir Wie denn? Okay, können wir so weitermachen?
Ildikó von Kürthy 6:14
Ich finde, es läuft hervorragend.
Stephan Seiler 6:16
Super, dann machen wir es genauso wie von Brigitte vorgeschlagen. Ich stelle die Fragen und dann zeigt Brigitte vielleicht die Fragen.
Ildikó von Kürthy 6:23
Das wird nicht rausgeschnitten. So ist das Leben. So ist das.
Stephan Seiler 6:26
Alles muss genauso bleiben.
Ildikó von Kürthy 6:27
So ist nämlich das lange Leben. Brigitte, klappt ja hinten und vorne nicht.
Brigitte Huber 6:32
Genau, klappt hinten und vorne nicht. Gerade habe ich noch gesagt, dass ich mir keine Gedanken mehr wegen der Technik mache.
Ildikó von Kürthy 6:37
Aber so ist doch auch das Leben. Also sozusagen, mich regt das jetzt überhaupt nicht auf, dich vielleicht auch nicht so sehr, Brigitte. Stephan hier, der Jungspund, ist natürlich aufgeregt, weil ihm die Fragen fehlen. Aber er hat einfach auch noch nicht so viel Lebenserfahrung wie wir, Brigitte. Wir lehnen uns lässig zurück und sagen, es wird schon gehen. Und das hätte ich vor 10 Jahren auch noch nicht gemacht. Hier mit diesem Embryo Stephan an der Seite ist es natürlich. Der bringt so eine Hysterie da rein.
Brigitte Huber 7:00
Es ist heutzutage.
Stephan Seiler 7:02
Dankeschön.
Ildikó von Kürthy 7:03
Das war kein Kompliment, Stephan. Ich war einfach nicht alt genug.
Stephan Seiler 7:06
Ich werte es aber als Kompliment. So, ich versuche das umzumünzen, damit ich da was Positives rausziehen kann.
Brigitte Huber 7:13
Also, du stellst jetzt eine Frage. Ich bin schon fast am Ziel, glaube ich.
Stephan Seiler 7:17
Ja, Studien sagen, dass Menschen, die sich jünger fühlen, tatsächlich auch älter werden, dass sie gesünder bleiben, dass sie noch vor gewissen Krankheiten geschützt werden. Was sagst du denn dazu? Schüttelst du das einfach von dir ab?
Ildikó von Kürthy 7:30
Nein, das ist aber, glaube ich, eine Wie soll ich sagen, irgendwie auch eine Form, was ich eben sagte, eine Form von Altersdiskriminierung, weil man eben in solchen Umfragen und solchen Studien immer voraussetzt, dass jung besser ist als alt. Was ich eben sagte, man verbindet mit dem Altwerden so viel Negatives. Das entspricht überhaupt nicht meinem Lebensgefühl. Und ich habe das Gefühl, dass wenn ich mich dauerhaft wie 70 fühle, damit sehr, sehr alt werden kann. Und ich hoffe, dass wenn ich 90 bin, dann sage ich das auch. An guten Tagen fühle ich mich wie 100, als sei ich schon so klug wie eine 100-Jährige. Also ich finde, da ist so ein Grundproblem von der Wertung jung und alt. Jung ist gut, alt ist schlecht, jung ist neugierig, alt ist vertrocknet. Und ich will jetzt auch nicht sozusagen so die große unreflektierte Hymne auf das Älterwerden singen, weil es ist mir natürlich auch klar, dass wir kränker werden, dass wir Abschied, furchtbare Abschiede nehmen müssen von geliebten Menschen, auch von Tätigkeiten, von Hobbys, was weiß ich. Das sind ja alles schwere Abschiede, die auf einen zukommen. Aber ich glaube, wenn man das mit einer reifen Geisteshaltung und die nicht jugendlich ist, sondern reif, diesen Abschieden und diesen Schwierigkeiten begegnet, ist man besser dran. Also hau weg die Studie in Papierform.
Stephan Seiler 8:55
Heißt das auch, kannst du also auch mit diesem ganzen Trend rund um die Longevity, also diese Geschichte um Langlebigkeit, dass Menschen zum einen versuchen, länger zu leben und dafür auch etwas zu tun, aber auch der milliardenschwere Markt ist damit ja gemeint, mit diesem Begriff Longevity, Langlebigkeitstrend. Kannst du damit also auch nichts anfangen?
Ildikó von Kürthy 9:15
Also ich kann viel damit anfangen, dass man als Mensch versucht, sich Gutes zu tun und seinen Körper dabei zu unterstützen, zu leben. Sei mal dahingestellt, ob möglichst lang. Aber letztlich ist ja Longevity, würde ich sagen, eine überhaupt nicht neue Form von ernähre dich gesund, dann lebst du auch länger und mach Krafttraining und Ausdauer. Und dass da jetzt so ein Riesenmarkt von: Du musst dieses Kollagen nehmen, aber das darfst du auf keinen Fall in heißem Wasser auflösen. Dieses hingegen schon. Und dann musst du noch diese, also diese Übungen musst du täglich machen. Und also das da.
Stephan Seiler 9:48
Und jedes Püppelchen nehmen.
Ildikó von Kürthy 9:49
Dieses was?
Stephan Seiler 9:50
Und jenes Nahrungsergänzungsmittel schon nehmen.
Ildikó von Kürthy 9:52
Ja, also ich mache das auch, das, was ich für sinnvoll halte. Ich halte zum Beispiel Krafttraining für unheimlich sinnvoll. Mache ich nicht. Ausdauer habe ich auch aufgegeben.
Brigitte Huber 10:02
Was bleibt dann noch?
Ildikó von Kürthy 10:03
Ich trinke keinen Alkohol.
Brigitte Huber 10:06
Haben wir gelesen.
Ildikó von Kürthy 10:07
Also ich möchte nicht besonders lange leben um jeden Preis. Zieht sich ja auch manchmal echt ganz schön hin, das Leben. Das möchte ich nicht erleben. Und aber natürlich möchte ich so gesund wie möglich bleiben. Ich tue aber letztlich dann auch nicht alles dafür. Insofern, ja, ich bin diesem Trend— es ist kein Trend, es ist Leute, ernährt euch gesund, tut euch was Gutes, macht Mittagsschläfchen. Und dass da so ein Riesenmarkt draus entstanden ist, da muss man auch mal sehen, was davon übrig bleibt. So in 10 Jahren wahrscheinlich schrumpft das dann zusammen. Dann erfahren wir alle, dass Kollagen überhaupt nichts nutzt. Dann kochen wir uns wieder Rinderkraftbrühe, so wie früher die Leute. Das war nämlich auch Kollagen-Substitut. Also ich habe so ein bisschen meine Zweifel an dieser Mega-Industrie.
Brigitte Huber 10:48
Und sag mal, du sagst, du machst kein Krafttraining und hast aufgehört, Ausdauertraining zu machen, weil es dir zu unbequem ist. Oder was sind da die Gründe?
Ildikó von Kürthy 10:58
Ich habe mein Leben lang immer viel Sport gemacht, und zwar aus unterschiedlichen Gründen. Früher war es hauptsächlich, um abzunehmen oder um nicht zuzunehmen und irgendwie straffe Schenkel zu haben. By the way, hatte ich nie, also nie einen straffen Schenkel trotz etlichen Bauch, Beine, Po Kursen. Und immer dann habe ich geschwommen und das war— ich will das überhaupt nicht schlecht machen. Ich hatte nur dann gemerkt, dann habe ich mir so einen Ring zugelegt, der mir sagte, ob ich genug gelaufen war, ob ich gut geschlafen hatte. Und ich fühlte mich auf einmal wie eine Sklavin meines Schrittzählers. Also ich bin zum Beispiel umgedreht, wenn ich joggen oder mit dem Hund raus war, wenn ich diesen Ring nicht trug, weil ich dachte, dann nutzt es ja irgendwie nichts, muss ja gezählt werden.
Stephan Seiler 11:41
Das mache ich auch, weil ich meine Watch zu Hause lasse.
Ildikó von Kürthy 11:43
Ja, ja, drehst um, um dir das Ding zu holen. Und dann, ich merkte, dass so gerne ich schwimme, ich irgendwie unter Stress geriet. Oh Gott, ich war heute noch nicht schwimmen. Es gab irgendwie so gar keine Gelassenheit mehr. Vor dem Sport war nach dem Sport und das ist für mich zu einem zusätzlichen Stressfaktor geworden. Und dann weiß ich auch nicht, hatte ich irgendwie eine Grippe oder eine Erkältung oder so und dann durfte ich nicht, dann konnte ich vielleicht 2 Wochen keinen Sport machen und merkte, wie mein Puls ruhiger wurde, wie ich irgendwie diesen— das war wirklich zum Stressfaktor geworden. Und ich will jetzt Sport auch nicht für immer aus meinem Leben verbannen. Und in jedem Urlaub mache ich Wassergymnastik. Ich bin wirklich die Heldin an der Schwimmnudel. Das möchte ich hier mal sagen. Okay, das liebe ich. Aber es war so ausgeartet in ein Programm, das ich auch noch zu erfüllen hatte. Und tatsächlich hat mich das entlastet, das jetzt mal eine Weile lang zu lassen. Und ich muss sehen, wie ich das irgendwie angenehmer in mein Leben integriere. Ich war neulich mit meinen Söhnen paddeln. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt. Paddelsport.
Stephan Seiler 12:47
Ja, so was wie Tennis, ne? Eine Mischung aus Tennis und Squash quasi.
Ildikó von Kürthy 12:50
Genau. Ja, und das hat nur Spaß gemacht. Ich habe keine, nicht die Kalorien gezählt, die ich dabei verbrannt habe. Ich hatte nachher Muskelkater. Wahrscheinlich war es auch noch Krafttraining. Ich dachte, wow, habe ganz vergessen, dass das auch Sport sein kann.
Brigitte Huber 13:05
Eine Spielsportart. Also diese Diskussion habe ich auch immer. Ich mache ja auch lauter so Disziplinsportarten mehr oder weniger. Und bin da auch immer auf der Suche nach etwas, wo man nicht denkt: Okay, komm, musst du jetzt durchziehen.
Ildikó von Kürthy 13:17
Und die Belohnung kommt nachher.
Brigitte Huber 13:18
Wo man sich was freut.
Ildikó von Kürthy 13:19
Tischtennis.
Stephan Seiler 13:19
Kann ich empfehlen.
Ildikó von Kürthy 13:20
Tischtennis habe ich gesagt. Ja, das konnte ich früher auch mal gut. Würde mir auch Spaß machen.
Brigitte Huber 13:25
Dann machen wir mal. Probieren wir mal.
Ildikó von Kürthy 13:29
Tischtennis machen wir, weißt du, wo man immer so rumrennt. Ja, wo man rundläuft. Dann haben wir direkt auch noch Jogging dabei.
Brigitte Huber 13:34
Wow, also das glaube ich richtig advanced. Du hast für die Brigitte viele Jahre eine Kolumne geschrieben, die hieß Problemzone. Erinnerst du dich noch?
Ildikó von Kürthy 13:44
Ja, natürlich.
Brigitte Huber 13:45
Würdest du heute eine Kolumne noch Problemzone nennen? Habe ich mir dann überlegt.
Ildikó von Kürthy 13:49
Nein, würde ich nicht. Und ich erinnere mich, du warst ja damals meine Chefin und ich habe sie dann auch die letzten Jahre, die ich sie gemacht habe, umbenannt. Da hieß sie nicht mehr Problemzone. Ich weiß allerdings, ich glaube, sie hieß Es wird Zeit oder so. Also sie hieß dann anders, weil ich das selber auch dann nicht mehr passend fand.
Brigitte Huber 14:06
Genau, weil bei Bauch, Beine, Po denkt man auch sofort an Problemzonen. Genau.
Ildikó von Kürthy 14:10
Das hieß früher auch Problemzonengymnastik. Das ist ja leider auch verschwunden aus dem Timetable der Fitnessstudios.
Stephan Seiler 14:17
Ja, genau. Darf ich mal ganz plump nachfragen?
Ildikó von Kürthy 14:20
Da ist auch noch einer. Guck mal, der Stephan.
Stephan Seiler 14:21
Hallo, ich bin's.
Brigitte Huber 14:22
Hallo.
Stephan Seiler 14:23
Also welches Problem habt ihr mit dem Begriff Problemzone? Um es mal ganz, ganz plump zu fragen.
Ildikó von Kürthy 14:29
Also ich war aus dem Begriff, weil meine Kolumne so hieß. Ich fand, hat das natürlich ironisch gemeint Problemzonen, nicht nur die äußeren, sondern auch die inneren. Und fand dann aber, da man eben doch als allererstes an Bauch, Beine, Po denkt, dachte ich nach 3 Jahren oder wann, oder noch länger, ich weiß gar nicht, dachte ich, nee, das ist sozusagen die Fokussierung, das hört sich falsch an, also es geht in eine falsche Richtung. Und da haben wir es dann umbenannt. Ich habe kein Problem mit Problemzonen.
Brigitte Huber 14:58
Nein, wir haben es ja eigentlich richtig gemeint. Wir wollten das tatsächlich übersetzen auf, so wie es heißt, das Leben ist eine Baustelle. Das Leben ist auch manchmal eine Problemzone. Ist denn Älterwerden eine Problemzone?
Ildikó von Kürthy 15:10
Oh ja, natürlich. Also das ganze Leben ist ja eine Problemzone, finde ich jetzt mal. Und jede Lebensphase hat ihre eigenen Herausforderungen. Man sagt ja nicht mehr Herausforderungen, sagt man ja nicht mehr. Habe ich ja bei meinem Coaching-Seminar gesagt. Es gibt keine Probleme mehr, es gibt Herausforderungen. Also jede Lebensphase hat ihre Herausforderungen und ich finde schon, boah, also das Älterwerden, das hat es ja schon in sich. Dann hast du erst, hast du die erste Hitzewallung, denkst ja auch, meine Güte, das hatte ich mir auch anders harmonoser vorgestellt. Also von Prämenopause, Menopause, Aftermenopause, Hormongedöns, dann körperliche Verschrumpelung, mit der man auch erst mal klarkommen muss oder versucht, sich gegen sie zu wehren. Zwei unterschiedliche Wege, beide schwierig oder schwer zu gehen. Dann eben die Abschiede, der Energieverlust. Also ja, alt werden ist natürlich ja, aber eben wie alle anderen Lebensphasen auch echt ein Problem.
Brigitte Huber 16:03
Also du hast es jetzt auch so ein bisschen festgemacht an diesen hormonellen Unterschieden erst mal, also Veränderungen, weil das wäre jetzt meine Frage gewesen: Wie hat sich quasi diese Problemzone bei dir als erstes Mal angekündigt? Oder wann hast du zum ersten Mal überlegt, oh, jetzt ändert sich was? Also ich hatte dann die körperlichen Veränderungen.
Ildikó von Kürthy 16:21
Also ich hatte gar keine Zeit mehr, da so was zu überlegen. Ich war überhaupt nicht vorbereitet. Ich dachte, Hitzewallungen kann ja so schlimm nicht sein. Dann hast du endlich keine kalten Füße mehr. Ich habe nämlich immer kalte Füße. Hatte mich im Grunde gefreut. War also entsprechend schlecht. Ich war überhaupt nicht aufgeklärt. Ich wusste auch nicht, dass ich das so was wie— wie heißt das vor der Menopause?
Brigitte Huber 16:41
Perimenopause. Das gab es damals noch nicht bei uns.
Ildikó von Kürthy 16:44
Das gab es überhaupt nicht. Und dann kriegte ich die erste Hitzewallung und da war der Spaß echt vorbei, weil das fand ich so, so schlimm. Und das hat mich in meiner Lebenslust und meiner Lebensfreude so beeinträchtigt. Ich konnte nicht mehr schlafen. 4, 5 Mal nachts schweißgebadet aufwachen, Bettwäsche wechseln, Tagsüber, ich saß in einer Talkshow, mir rann der Schweiß, ich konnte nicht mehr antworten, ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Und das hat mich aber wirklich nicht kalt erwischt, sondern heiß erwischt. Ich hatte keine Ahnung, dass das so gravierende Auswirkungen auf mein Leben haben würde und auf meinen Beruf tatsächlich auch. Und das habe ich mir nicht lange angeschaut. Da bin ich mit wehenden Fahnen und flatternden Nerven Richtung Gynäkologie gerannt. Und habe dann zum Glück eben auch, bin gut beraten worden und habe mich informiert, was kann ich tun? Und habe das dann eben mit naturidentischen Hormonen in den Griff bekommen. Also das war meine sehr schlechte Erfahrung mit den körperlichen Begleiterscheinungen der Wechseljahre und Hitzewallungen. Das ist ja fast noch das Harmloseste, was man haben kann. Und das fand ich schon so schlimm. Deswegen, das ist echt so eine Sollbruchstelle im Leben von Frauen. Da gehen— ach Brigitte, du weißt das auch, du kennst die Zahlen viel besser als ich. Dass so viele Frauen die Karrierechancen nicht mehr wahrnehmen, weil sie sich das nicht zutrauen, weil sie nachts nicht mehr schlafen. Da traut man sich sowieso nichts mehr zu. Die in Frührente gehen aufgrund menopausaler Beschwerden. Das ist ein Wirtschaftsfaktor. Und es ist natürlich, abgesehen davon hast du keine Lust mehr, so zu leben. Das hat mich kalt erwischt und ich wusste nichts.
Brigitte Huber 18:22
Ich kann das total nachvollziehen. Ich weiß, als ich zu Brigitte kam, da war ich ja Ende 30 und da wurde relativ— oder in den 40ern. Tabulos über Wechseljahre gesprochen. Ja, und ich habe mir das immer so angeschaut und habe gedacht, okay gut, habe dann so Dossiers darüber gelesen und da stand dann, dass ungefähr ein Drittel aller Frauen, so eine Charité-Umfrage war das damals, keine Beschwerden hat. Dann habe ich mir gedacht, das mache ich, so mache ich es. Kam natürlich anders. Und wenn du dann irgendwann mal deinem Chef, der 10 Jahre jünger ist, weil du vorher auch noch mit dem Fahrrad gefahren bist, Gegenübersitzt morgens um 9 und du merkst, dass aus allen Poren irgendwie Flüssigkeit dringt, dann kannst du dich auch nicht mehr richtig gut konzentrieren auf das, was gegenüber ist. Und dann war es auch so, ich habe deine Freundin angerufen, habe gesagt, du hast mir doch mal erzählt, dass du eine Gynäkologin hast, die— Und das, ich finde, da merkt man natürlich schon auch den Fortschritt, dass da eben nicht mehr so tabubehaftet über dieses Thema hinweggeht. Sondern dass ich letztes Mal bei so einem Frauennetzwerk, da waren viel jüngere Frauen gestanden und die haben mich dann gefragt: Wie hat sich denn bei dir die Perimenopause angekündigt? Dann habe ich nur sagen müssen, das gab es damals bei mir noch nicht. Und die waren so 37 und haben gefragt, ob dann irgendwie so eine Pigmentveränderung auf der Oberlippe da schon sein könnte. Und dann habe ich gedacht: Nee. Also, aber tatsächlich kann ich total nachvollziehen, ist ein richtiger Einschnitt.
Stephan Seiler 19:45
Darf ich kurz eine Frage stellen für alle, die sich damit nicht so auskennen? Wann beginnt denn die Perimenopause frühestens und wann geht es dann los? Das kann ich so Das kann ich dir sehr genau beantworten.
Ildikó von Kürthy 19:54
Viel früher als du denkst. Ja, ist so. Viel früher als du denkst. Das ist nämlich auch, wenn immer heißt, irgendwie 1/3 haben keine Beschwerden. Wenn du dann die Frauen mal fragst, was ist denn, schläfst du schlecht? Ja klar schlafe ich schlecht. Und zwar schon Mitte 40, Anfang 40. Aber ich kriege ja meine Tage noch regelmäßig. Das hat damit gar nichts zu tun. Dann schlafen sie schlecht, dann haben sie Gedächtnisstörungen, weniger Energie und bringen das gar nicht zusammen. Also die Ankündigung der Menopause fängt echt schon V******* früh an und ich stimme dir nicht zu, Brigitte, dass das schon wirklich sozusagen richtig durchdrungen ist in unserem Land und in der guten Informierung von Frauen. Ich wohne hier nun wirklich so im etepetete Stadtteil der besten Ärzte von Hamburg und eine Freundin von mir war hier beim Arzt und hatte furchtbare Beschwerden, also Menopause-Beschwerden, und sagte, sie würde gerne naturidentische Hormone nehmen. Und seine Antwort war: „Ach ja, wollen Sie Krebs?" Ach, das gibt es leider immer noch. Und deswegen, das ist wirklich schon bitter. Aber du hast völlig recht, umso wichtiger, dass darüber informiert wird und gesprochen wird. Ja, es ist besser geworden, aber wir sind noch lange nicht da, wo wir sein sollten. Ja, viel, viel besser geworden. Genau, absolut. Ja, zum Glück.
Stephan Seiler 21:08
Alt genug heißt dein aktuelles Buch. Es ist dein persönlichstes. Du schreibst, du bist jetzt alt genug für bequeme Unterwäsche, für flache Schuhe. Vor Mitternacht eine Party zu verlassen ist jetzt auch okay und vieles mehr. Was ist das Wichtigste, wofür du jetzt alt genug bist?
Ildikó von Kürthy 21:24
Ich glaube, also was ich, da muss ich jetzt einen Begriff klauen, den ich so gut finde, von der Philosophin Eva Redecker: die Bleibefreiheit. Also dass ich mir den Freibrief gebe, da zu bleiben, wo ich mich wohlfühle und im besten Fall sogar in mir selbst. Und die Bleibefreiheit beinhaltet ja auch die Weggehfreiheit. Also so dieses Gefühl, dass ich Weil, wie soll ich sagen, dass ich mich relativ gut auf mich verlassen kann, wenn es drauf ankommt. Also eben zum Beispiel nicht mehr in einen Geburtstag rein zu feiern, wenn ich merke, das ist jetzt gerade nicht das Richtige für mich und dann vielleicht auch mal gegen Konventionen angehen. Ich habe heute Morgen, habe ich eine Nachricht bekommen von einer sehr engen Freundin von mir, die ich am Wochenende besuchen wollte. Hatte mich schon total drauf gefreut und die hat mir abgesagt und hat gesagt, dass sie hofft, dass unsere Freundschaft das übersteht. Aber sie ist im Moment so bei sich und so unglücklich auch, aber nicht in der Lage, das zu teilen, dass sie diese Zeit für sich braucht. Und das ist, finde ich, dafür sind wir alt genug, alt genug, das auszusprechen und auch alt genug, in meinem Fall zu sagen: Super, mach das genauso, ich nehme es dir nicht übel. Ganz im Gegenteil, das ist Selbstfürsorge und dafür sind Freundschaften da, eben auch zurückzutreten, wenn es darauf ankommt. Also ja, das empfinde ich als Super Nebenwirkung des Älterwerdens.
Brigitte Huber 22:47
Gibt es irgendwas, wo du sagst, dafür bin ich noch nicht alt genug, da möchte ich noch hinkommen?
Ildikó von Kürthy 22:53
Ja, ja, das gibt es auch. Wobei ich da so, ja, ich bin da immer so zwiegespalten. Ich bin zum Beispiel sehr dünnhäutig, ich bin verletzlich, vieles geht mir nahe, ich stehe über nichts drüber. Das kostet mich manchmal sehr, sehr viel Kraft und Nerven. Und andererseits bin ich dadurch aber, finde ich, auch erreichbar und auch, wie soll ich sagen, sensibel, um so was eben auch zu beschreiben. Ich bin ja dann auch Schriftstellerin und man kann sich, finde ich, nicht von der Welt abschotten und gleichzeitig hoffen, viele Leute so zu erreichen, dass sie sich auch gesehen und getröstet fühlen. Deswegen, das ist zum Beispiel so etwas, wo ich denke, will ich mir ein dickes Fell wachsen lassen? Oder gibt es vielleicht auch so Felle, die teilweise durchlässig sind, teilweise nicht? Ein Wechselfell. Ja, also das ist gerade ein Thema, womit ich mich beschäftige.
Brigitte Huber 23:46
Das kann ich auch gut nachvollziehen. Ich habe vor ein, zwei Jahren von einer Therapeutin gehört, na ja, dass man ja so mit um die 60 vulnerabler wird. Dann habe ich gesagt: Wie bitte? Ich habe mich darauf verlassen, immer resilienter und stabiler usw. Ja, nee, es gibt dann auch diese Durchlässigkeit. Und da habe ich doch schon auch ein bisschen geschluckt. Ja, weil das ist ja das, was du auch beschreibst. Also die Dinge erreichen einen sehr unmittelbar an manchen Stellen.
Ildikó von Kürthy 24:12
Ja, wobei das eigentlich bei mir immer schon so war. Also ich war immer vulnerable und habe das auch als eine gute Eigenschaft empfunden. Ich finde, als Schriftstellerin oder im weitesten Sinne dann vielleicht auch Künstlerin, also jemand, der viel aufnimmt und auch viel abgeben möchte, muss man das ja auch sein. Da bin ich zwiegespalten. Aber wenn es noch schlimmer wird, na dann gute Nacht.
Stephan Seiler 24:33
Zu dem ganzen Themenbereich mit der Verletzlichkeit, aber auch Umgehen mit Kritik werden wir auch noch gleich kommen. Ich würde gerne jetzt noch mal kurz den Blick in die Breite schweifen lassen. Geht unsere Gesellschaft deiner Meinung nach, liebe Edith Kow, richtig um? Gehen wir richtig um mit dem ganzen Thema Älterwerden? Was nervt dich daran, wenn ich dir unterstellen möchte, dass dich womöglich tatsächlich etwas stört?
Ildikó von Kürthy 24:57
Also daran stört mich das, was ich eben schon gesagt habe, dass diese Fokussierung auf Jugendlichkeit, Hauptsache du fühlst dich jung, du bist jung, man ist immer nur so alt, wie man sich fühlt. Oder als ich 58 wurde und ich sagte, ich bin 58 Jahre alt geworden. Nein, das heißt nicht 58 Jahre alt, das heißt 58 Jahre jung. Das empfinde ich alles als unaufmerksam und auch im Grunde eine Form von Altersdiskriminierung. Und das nervt mich, dass ich würde gerne wieder praktisch auch den nicht nur gesellschaftlichen Respekt, sondern das fängt ja bei sich selber an, den Respekt vor dem eigenen Älterwerden. Und ich habe heute Morgen, klingt jetzt irgendwie voll pathetisch, bin ich aufgewacht und habe ein bisschen gelesen. Stimmt nicht ganz. Am Handy. Ach, gelogen. Also ich bin alt genug, zuzugeben, dass ich den Tag nicht mit dem Buch beginne, sondern am Handy. Und guckte so meine Hand an und die sieht auch echt alt aus, mit so Altersflecken drauf und relativ schrumpelig. Gerade am Morgen, wenn man noch nicht eingecremt hat. Und ich guckte mir die an und war so ganz verliebt in meine Hand, weil ich finde das nicht hässlich. Sondern schön. Ich weiß auch nicht, was da mit mir falsch gelaufen ist, aber ich dachte so: Wow, diese Hand trägt mich schon so lange durchs Leben. Ist ein bisschen ein stiefes Bild. Meine Füße waren aber auch sehr faltig.
Stephan Seiler 26:20
Wenn du einen Handstand machst.
Ildikó von Kürthy 26:23
Und sozusagen, das würde ich mir so wünschen, so eine Freude an sich selbst, auch trotz aller Schwierigkeiten, die einem da begegnen. Und dass das sozusagen gesellschaftlich auch mehr rüberkommt. Und ich will jetzt überhaupt nicht Alters-Einsamkeit, Alters-Armut, das sind alles total wichtige Themen. Und ich hoffe, dass da ja auch, da wird ja auch viel dran gemacht und also sozusagen, dass man alte Menschen integriert. Aber das hat auch immer mit Respekt zu tun.
Brigitte Huber 26:52
Wie geht es dir denn mit so Komplimenten? Da bin ich immer so wirklich sehr zwiegespalten, wenn jemand sagt: „Ach, du bist schon 60, hätte ich nie gedacht." Stört mich. Das ist ja so eine Art vergiftetes Kompliment. Also Wie geht es dir damit? Wie gehst du damit um?
Ildikó von Kürthy 27:07
Stört mich total. Also ich weiß, dass das nett gemeint ist, ist aber auch eine Form von: So alt aussehen, wie man ist, ist schlecht und jünger aussehen, als man ist, ist gut. Das würde man ja auch. Man sieht das, finde ich, so frappierend, wenn man Serien guckt, Netflix-Serien und man sieht den männlichen Hauptdarsteller und die weibliche Hauptdarstellerin und der männliche Hauptdarsteller, sagen wir mal, ich sage jetzt keine Namen, wissen wir alle, fällt mir auch gerade keiner ein. Mit einem faltigen, ausdrucksstarken Gesicht. Der ist dann auch Mitte 50 oder so und da tut sich ganz viel. Er runzelt die Stirn und die sind oft so zerfurcht. Und daneben steht die Hauptdarstellerin und da tut sich nichts. Die kann sozusagen ihr Gesicht nicht mehr einsetzen, als ob schon das ihr Beruf ist. Und das tut mir in der Seele weh, weil ich den Mann schöner finde. Also ich finde den schöner. Und das würde ich mir so wünschen. Aber es ist völlig illusionär. Das Gegenteil ist ja der Fall, dass Männer immer mehr auch diesem Druck des jugendlichen Erscheinungsbildes ausgesetzt sind.
Stephan Seiler 28:11
Also Botox spritzen oder andere Sachen dann machen, damit die Falten nicht mehr so sichtbar sind.
Ildikó von Kürthy 28:15
Dass die sich operieren, Botox spritzen. Ich will gar nicht— verstehe ja den Druck, unter dem viele Menschen Filter benutzen. Und da ist man ja regelrecht erschrocken, wenn man mal ein Gesicht sieht, was natürlich altert. Und wenn das nicht mehr das Normale ist, sondern das: Wie sieht die denn aus? Bei Männern ist es noch nicht so, wird vielleicht auch so. Das tut mir so wahnsinnig leid, weil es erst mal eine sehr fragwürdige Industrie unterstützt und reich macht und eben uns nicht mit uns selbst versöhnt, sondern ganz im Gegenteil. Dann kämpfst du bis zur Bahre dagegen, jünger auszusehen, als du bist. Das tut mir unfassbar leid. Ich finde es schlimm und Sehe aber den Druck natürlich.
Brigitte Huber 28:56
Allein immer diese Aussagen, 50 ist das neue 40 oder 60, das heißt ja dann quasi, du hast erreicht, irgendwie dir 10 Jahre da wieder rauszuschlawinern. Und in Wahrheit macht, hat das aber natürlich sehr viel mit unserem, hast du ja auch schon angesprochen, auch mit unserem negativen Bild vom Alter zu tun. Und das finde ich auch immer, also da arbeite ich jetzt auch total dran, weil tatsächlich die Studien auch immer beweisen, dass ein positives Altersbild so wichtig ist, dass es uns lang gut geht. Und wenn man natürlich immer gleich Verfall und Vereinsamung und Sturheit und so was damit verbindet, dann will man das ja nicht werden.
Ildikó von Kürthy 29:36
Aber weißt du, Brigitte, ich glaube, das liegt auch daran, dass wir wenig Vorbilder haben. Also sozusagen die Generation unserer Eltern oder unserer Großeltern, die sind ja ganz anders alt geworden als Wir das jetzt hoffentlich vermögen. Und wenn ich jetzt schaue, die, die jetzt alt sind, oder sagen wir mal 20, 30 Jahre älter als er, die vielleicht noch nicht, aber so 20 Jahre älter, da gibt es ja schon wirklich erste Beispiele, wo man sagt, nee, das sind nicht die typischen Alten, sondern da geschieht etwas, da verändert sich. Und damit wird sich auch das Bild des Altwerdens verändern und hoffentlich eben, dass man nicht mehr sagt Ja, ich fühle mich 10 Jahre jünger und dadurch gut.
Brigitte Huber 30:16
Was sind denn für dich gute weibliche Vorbilder, Role Models? Also damit beschäftige ich mich auch immer gern. Hast du da jemand?
Ildikó von Kürthy 30:22
Also ich drehe mich auf der Straße um nach Frauen, die natürlich altern, die kurze Haare haben, graue kurze Haare, die bunt gekleidet sind, die irgendwie— müssen noch nicht mal eine gute Haltung haben. Aber also das sind so meine kleinen Role Models, da freue ich mich, wenn ich die sehe. Und dann in sozialen Medien sehe ich dann natürlich Frauen wie Emma Thompson, Jedenfalls, es gibt auch da ja Frauengesichter, über die ich mich sehr freue. Und jetzt sozusagen im wahren Leben auch, weiß ich nicht, denke ich so, so bewegte Geister, die irgendwie noch teilhaben. Noch, das klingt auch wieder so abwertend. Also Elke Heidenreich oder so, die immer noch Diskussionen anstößt, ob gut oder schlecht. Aber das muss einem natürlich auch geschenkt werden, ein Geist, der das noch mitmacht, bis man 70, 80, 90 ist. Ist ja auch nicht die Regel. Aber ja, da möchte ich, ich möchte irgendwie auch gerne mal ein gutes Vorbild sein für die, die Angst vorm Alter haben.
Stephan Seiler 31:22
Apropos Vorbilder, du warst ja bei Germany's Next Topmodel. Gibt es irgendwas, was du von Heidi Klum gelernt hast?
Ildikó von Kürthy 31:28
Nein, nein. Ich habe aber beim Anschauen der Sendung etwas völlig Naives gesehen. Ich gucke ja normalerweise solche Reality-Formate. Das ist es ja im weitesten Sinne vielleicht auch nicht. Und wir hatten uns da getroffen, meine Freundin und ich, weil ich in der ersten Folge noch dabei war, bevor ich dann aufgehört habe, und haben uns getroffen. Das Blöde war, dass ich dann Viertel nach acht, saßen wir alle da bereit mit Joghurt, Torte und Gummibärchen. Und dann hatte ich gesehen, ich habe den Sender gar nicht einprogrammiert. Also ich hatte gar nicht ProSieben auf der Fernbedienung. Und dann musst du mal sehen, 6 Frauen hacken auf der Fernbedienung rum, auf der Suche nach der Programm-Neukonfiguration. Danach war alles durcheinander. Ich hatte gar nichts mehr, nicht mal die öffentlich-rechtlichen. Und dann musste natürlich ein Mann angerufen werden, der Mann von unserer gemeinsamen Freundin Kerstin, Brigitte, der uns dann per FaceTime eine App installiert hat, wo wir dann Germany's Next Topmodel gucken konnten. Cool. Was ich beim Betrachten dieser Sendung gelernt, bemerkt habe, ist, das ist jetzt naiv, aber da ich so was nicht, dass diese Formate nur funktionieren durch Abwertung. Also es macht nur Spaß, das zu gucken, wenn man be- und abwertet, wenn man sagt, die sieht doch echt nicht gut aus, oder was hat die denn da verloren, oder Oh, das sieht schrecklich aus, dieser Rock, so was kann man doch nicht tragen. Und ich merkte, dass diese Sendung keinen Sinn macht, wenn man da nicht mitmacht, weil dann ist es einfach natürlich unfassbar langweilig. Und ich dachte, boah nee, das ist ja genau das, was ich mir total abgewöhnen will. Diese Be- und Entwertung aufgrund von Äußerlichkeiten. Und natürlich, wenn man Model werden will, muss man sich dem aussetzen. Aber ich will so nicht sein. Ich bin ja auch kein Model Scout. Und das hat mich irgendwie, habe ich mich selbst angeekelt, ehrlich gesagt.
Stephan Seiler 33:11
Ja, muss man vielleicht noch mal kurz erklären. Du warst ja Teilnehmerin dieses Jahr. Für alle, die es nicht mitbekommen haben. Du warst dabei in der ersten Folge, in den ersten beiden Folgen. Kannst du noch mal kurz erklären, was dich dahin getrieben hat und warum du auch wieder rausgegangen bist so schnell?
Ildikó von Kürthy 33:25
Ja, ich habe mich im Rahmen meiner Buchrecherche "Alt genug" habe ich mir alle möglichen Sachen vorgenommen. Ich war allein in New York und also Mutproben für mich und Ich hatte mir nicht vorgenommen, mich zu bewerben bei Germany's Next Topmodel. Aber ich folge Heidi Klum auf Instagram und ich sah so einen Aufruf, dass sie sagt, die Best Ager, die bewerben sich nicht. Die Frauen im besten Alter, ist ja auch schon ein Quatschbegriff. Aber und da dachte ich, das mache ich. Die meint mich. Ich bewerbe mich jetzt da einfach mal als ungewöhnliche Selbsterfahrung. Das war ja sozusagen auch das, was ich für mein Buch sowieso machen wollte. Und dann habe ich wirklich innerhalb von 5 Minuten in die Kamera gesprochen, habe gesagt, warum ich mich für geeignet halte, Topmodel zu werden. Und habe das abgeschickt und bin dann eben tatsächlich zum Casting nach Köln eingeladen worden. Da gibt es zwei Casting-Tage, einen für Männer, einen für Frauen. Und dann war ich da eben mit sehr, sehr vielen, natürlich sehr jungen Frauen, aber eben doch auch etlichen älteren Frauen, von denen sich ganz viele nur beworben hatten, weil ich mich beworben hatte. Und da war ich schon so stolz, weil ich das auf Instagram gepostet hatte, mein Bewerbungsvideo. Und da war ich schon stolz, habe ich gedacht, ich habe eigentlich schon gewonnen. Und das war irgendwie, fand ich, war also für mich war es eine super Erfahrung. Ich bin da irgendwie lang gestapft auf dem Laufsteg und habe zu Heidi Klum und Jean Paul Gaultier gesagt, dass ich eben doch Sachen hier mitbringe, die sonst nicht so vertreten sind, nämlich Fett, Falten und Lebenserfahrung. Und das habe ich auch noch auf Englisch gesagt, damit der Jean Paul auch Bescheid weiß. Und damit war im Grunde meine Mission erfüllt. Und dass ich mich jetzt nicht halbnackt mit einem 18-Jährigen im Regen knutschen würde oder mich vom Helikopter abseilen oder so, Das war natürlich klar, dass das jetzt irgendwie auch nicht so mein Format ist. Dann hätten die das irgendwie verändern wollen. Ich bin trotzdem weitergekommen und habe das dann aber abgelehnt. Unter anderem auch, weil man sich völlig vom eigenen Leben verabschieden muss. Man darf wirklich, man hat 6 Wochen, muss man Handy und alles abgeben. Man kann nicht arbeiten, man kann nicht telefonieren, nur sonntags einmal 10 Minuten. Also das war einfach auch überhaupt nicht mit meinem Leben zu vereinbaren. Aber die Erfahrung fand ich super. Das war hochinteressant. Man kann darüber streiten. Ich streite auch gerne darüber, aber für mich war es eine der sicherlich ungewöhnlichsten Lebenserfahrungen.
Stephan Seiler 35:34
Deine Erfahrungen stehen ja auch in deinem Buch drin. Du hast darüber geschrieben in dem jetzt schon öfter erwähnten Buch Alt genug. Ich habe das vor kurzem gelesen im Zug und saß da und wurde dann auch dabei beobachtet von anderen Menschen, Männern wie Frauen. Und die haben mich teilweise ganz irritiert angeguckt, dass ich es mir als Also das war jetzt meine Wertung, dass ich da vor mich hin kichere und dein Buch lese. Sind deine Bücher Frauenbücher? Wenn ich als Mann dein Buch lese, muss ich mich da komisch fühlen und komisch angucken lassen an Bord der Deutschen Bahn?
Ildikó von Kürthy 36:07
Nein, das musst du natürlich nicht. Du kannst sofort zurückschlagen. Mit blanker Gewalt.
Brigitte Huber 36:13
Mit dem Buch eine drauf.
Ildikó von Kürthy 36:15
Genau, hau ihm einfach mit dem Buch eins über die Rübe. Also im Grunde sind ja die meisten Bücher Frauenbücher, weil die meisten Bücher von Frauen gekauft werden. Sogar die, sogar Fitzek-Krimis und so, der Großteil sind Leserinnen. Ja, das ist eher ein Frauenbuch, weil ich aus der Wahrnehmung von mir als Frau schreibe, in erster Linie für Frauen, die sich da hoffentlich angesprochen und getröstet fühlen, dass das auch bei einem Mann gelingen kann. Das finde ich natürlich super und das kann auch gelingen. Aber trotzdem sind wahrscheinlich etliche Themen darin, relativ frauenspezifisch. Also zum Beispiel, wenn es um Menopause geht, wobei das, darum geht es ja gar nicht in erster Linie. Aber irgendwie habe ich schon das Gefühl, auch im Zusammensein mit Frauen, dass da mehr, mehr Verständnis, mehr Nähe, mehr Gemeinschaftsgefühl herrscht, als wenn ich in einer Gruppe von Männern sitze. Und ja, insofern—
Brigitte Huber 37:09
Wir haben es vorher bei dem Thema schon gehabt, im Fernsehen oder so mit Rollen. Da haben es Frauen schwerer, älter zu werden. Und was denkst du, ist es in der Gesellschaft auch noch so, dass es Frauen schwerer haben, älter zu werden?
Ildikó von Kürthy 37:22
Ja, total.
Brigitte Huber 37:22
Oder gleichzeitig haben wir, haben wir eine stärkere Solidarität, mehr Miteinander. Ich habe ja auch ein Buch geschrieben und so ein bisschen recherchiert. Tatsächlich merkt man dann schon ab einem gewissen Alter, Frauen haben sehr stabile, gute Freundschaften. Sie können sehr, sehr offen sprechen, ist ein großer stabilisierender Faktor und hilft dann natürlich auch wieder beim Älterwerden. Also es ist wahrscheinlich auf beiden Seiten was zu holen, oder?
Ildikó von Kürthy 37:48
Das zum Beispiel zum Thema Longevity, dass das, was uns am besten alt werden lässt, sind enge Beziehungen. Und zwar nicht nur ausgesprochen, nicht nur Partner oder romantische Beziehungen, sondern das Beziehungsgeflecht, diese unsere engen Freundschaften, die tragen uns durch ein langes, gutes Leben oder, oder, oder sie fahren uns auch im Rollstuhl noch weiter. Also das ist aber eben das, was ich unter Frauen ganz besonders schätze und spüre. Und ich fahre jetzt 4, 5 Tage mit meinen Freundinnen an die Ostsee. Und ich weiß, dass da ist so viel drin, von Schminktipps bis Angst vorm Sterben. Zwei sind hochgefährlich krank und für alles ist Platz. Und wir finden uns auf einem gemeinsamen Nenner von Menschlichkeit und Frausein. Und ja, das erlebe ich halt unter Männern nicht so. Und ich weiß auch nicht, ob Männer es untereinander so erleben. Stephan, dieses Getragensein eigentlich doch auch dadurch, dass man vielleicht Mann ist. Wie ist das bei euch?
Stephan Seiler 38:49
Blöde Frage jetzt vielleicht, aber mit Blick auf die Freundschaften und die Verbindungen, die man unter Männern hat, verstehe ich die Frage richtig. Ich merke, dass es ein großes Bedürfnis gibt danach, aber dass man es irgendwie nicht auf die Kette kriegt, dass man andere Dinge höher priorisiert und dann vielleicht auch aufgrund von irgendwelchen sozialen Erwartungen sagt, dann lass uns unser Treffen noch mal verschieben, weil ich habe ja noch diese und jene Verpflichtung jetzt gerade. Und das ist mehr Arbeit, sich zu verabreden. Und gleichzeitig wissen wir aber auch darum, wie wichtig das ist, die Verbindung zu haben. Und auch Männer fühlen sich dann ja einsam irgendwann. Und ich habe zum Glück einen tollen Freundeskreis, aber der kommt nicht mehr so natürlich zu gemeinsamen Erlebnissen zusammen wie früher. Jetzt muss man sich richtig verabreden, treffen, planen, organisieren. Früher war es einfach logisch, dass man sich samstags bei einem Kumpel trifft und gemeinsam Fußball guckt. Da ist halt immer jemand da.
Ildikó von Kürthy 39:42
Gemeinsam Fußball gucken. Also würdest du sagen, sagen, dass ihr, wenn ihr zusammen seid, auch sozusagen über euer Innerstes, und das kann vom Beruflichen nicht nur erfolgen, sondern Misserfolgen, sprecht, über eure Angst vorm Älterwerden, über Probleme mit dem eigenen Körper. Glaubst du, dass die Offenheit da generell genauso groß ist wie unter Frauen? Oder sind das eher Tabuthemen?
Stephan Seiler 40:03
Ich erlebe das in 1:1-Gesprächen absolut. Da ist eine ganz große Offenheit da und ich gehe dann ja vielleicht auch manchmal einen Schritt nach vorne und öffne mich und öffne dadurch dann auch ein bisschen die andere Person. Das funktioniert sehr gut, aber Sobald so ein kleines Rudel ist mit 3, 4 Leuten, also auch wenn wir so Jungsurlaube machen, fahren immer an die Nordsee einmal im Jahr. Also die Gespräche werden nicht intellektueller am zweiten und dritten Tag, sondern das wird, also da nivelliert man sich irgendwie so und dann gibt es auch natürlich so eine Phase, wo man quasi in so eine präpubertäre Welt zurückgeht und dann auch so diese Schulhof-Sprüche bringt.
Ildikó von Kürthy 40:37
Ach ja, was ja auch ganz schön ist.
Stephan Seiler 40:40
Ist ja auch toll. Da fühlt man sich ja sehr oft noch mal ein bisschen jünger. Aber, aber es ist, sagen wir so, es ist auch nicht ganz so.
Brigitte Huber 40:45
Aber was man vielleicht noch mal sagen kann, ist, dass es da wohl doch deutliche Generationenunterschiede gibt. Zum Glück. Also ich habe, du kennst ja auch, mit Oscar Holzberg auch über das Thema gesprochen und mit vielen Männern jetzt meiner Generation, unserer Generation haben zum Beispiel mit so Begriffen wie Angst schon Probleme. Also es ist einfach nicht so gelernt, wie wir uns austauschen. Wenn ich das aber jetzt so ansehe, in der Generation jetzt bei meinem jüngeren Sohn, du hast ja auch zwei Söhne, die sprechen offen über ihre Themen. Wenn die Verluste haben, Menschen sterben oder was auch immer Schlimmes passiert, sie thematisieren das. Ich möchte es jetzt nicht für alle sagen, das ist bestimmt nicht so, aber deutlich stärker als die Jungs jetzt, als ich 20 plus war. Also vielleicht ist da doch was ein bisschen nach vorne gegangen.
Ildikó von Kürthy 41:31
Ja, hoffentlich.
Brigitte Huber 41:32
Das hoffen wir.
Stephan Seiler 41:33
Ich habe in deinem Buch ein Zitat gefunden, und zwar: Ich lachte über schlechte Witze, schreibst du. Über welche Art von Witze lachst du heute nicht mehr im Vergleich zu früher?
Ildikó von Kürthy 41:43
Ja, also vielleicht habe ich da den Mund ein bisschen voll genommen. Neulich habe ich mich doch auch noch mal ertappt, wie so ein latent frauenverachtender Witz gemacht wurde und ich um der Harmonie willen nichts gesagt habe und irgendwie so verkrampft gelächelt habe. Ich würde mir wünschen, dass ich da noch mehr sozusagen in die Konfrontation gehe, dass ich nicht nur nicht mehr lache, sondern dann vielleicht auch wirklich sage: Nee, die Zeiten sind vorbei. Das mag vor 20 Jahren noch gegangen sein, aber jetzt verkneif dir bitte solche Bemerkungen in meiner Anwesenheit.
Stephan Seiler 42:21
Aber wo ziehst du da genau die Grenze? Denn du hast ja eben zum Beispiel gesagt, dieses Beispiel gebracht mit ProSieben, Einstellen des Senders. Da hast du gesagt, wenn ich mich richtig erinnere: Überleg dir mal 4 Frauen, die versuchen, einen Sender einzustellen. Und bei mir sprang natürlich sofort an: Ach ja klar, Frauen verstehen nichts von Technik. Das ist das alte Mantra quasi. Also ist das nicht auch Teil davon? Oder ist das quasi ein Scherz, den du machen darfst, aber Männer dann nicht machen sollen?
Ildikó von Kürthy 42:50
Aber du zum Beispiel nicht. Also du hättest da vielleicht vorsichtiger sein müssen? Oder wenn du zum Beispiel von deinen Männerrunden erzählst und sagst, das kriegt dann so was Schulhofhaftes, Präpubertäres. Das ist wirklich eine gute Frage. Und ich finde das so lustig, dass dann da so ein Klischee sich bewahrheitet. 6 Frauen tippen auf der Fernbedienung hektisch rum und es war so, es war genauso. Und wird man dadurch, dass man es erzählt und auch als Anekdote erzählt, ist das nicht im Grunde misogyn? Und das kann auch gut sein. Ich glaube, dass ich Und wie viele Frauen meiner Generation, ich weiß nicht, Brigitte, ob du das bei dir auch entdeckst. Ich bin ja anders. Also meine Prägungen entsprechen ja überhaupt nicht meinen Überzeugungen und oft kommt das einfach noch mal durch. Ich meine, meine Helden waren Batman und Superman und Arpat der Zigeuner, so hieß der früher.
Brigitte Huber 43:43
Ich weiß, das habe ich auch meinem Sohn erklären müssen, als mir mal so was, dass man dieses Wort damals sogar im Zusammenhang mit Persiserien gesagt hat.
Ildikó von Kürthy 43:51
Ja, so hieß die Serie. Irgendwie fand ich dann auch J.R. Ewing auf gewisse Weise toll und das damit, das entschuldigt jetzt nicht, aber ich glaube, es erklärt doch manche Entgleisung. Vielleicht war das eine Entgleisung. Stephan, das sind nur diese Szenen so zu beschreiben. Brigitte, fandest du das frauenfeindlich?
Brigitte Huber 44:12
Nee, ich habe ehrlicherweise das dann teilweise auch, teilweise genau solche Situationen bemerkt. Wir hatten sogar schon in Interviewsituationen, Dass wir da zusammensitzen und dann muss dann unter Umständen auch eine Forscherin einen Mann aus einem Labor rausholen, damit das alles funktioniert. Davon erinnerst du dich? Das ist dann einfach so und mir fällt es dann auch auf und ich schildere das auch und ich mache mir dann auch so meine Gedanken. Ja, müssten wir uns noch mehr als Frauen digital interessieren? Und so weiter und so fort. Ich finde es nicht per se frauenfeindlich. Es ist eine eine Beobachtung und ich versuche dann immer, es nicht zu pauschalisieren, sondern mich beispielsweise daran zu erinnern, dass ich mit einer Sekretärin gesegnet war, die Digital Devil hieß, weil sie einfach jedes digitale Problem lösen konnte. Und dass wir uns dann ganz schnell immer an solchen Sachen festmachen, die, du nennst es ja patriarchal, an unsere patriarchalen Gesinnungen, Konditionierungen anknüpfen. Das merke ich ganz häufig.
Ildikó von Kürthy 45:14
Ja, aber weißt du was? Es ging mir gar nicht darum, dass Frauen sich jetzt mehr auskennen sollten im Digitalen und im Programmieren von Fernbedienungen. Verdienung, sondern ich würde eigentlich ganz gerne mich über Frauen lustig machen dürfen, über Männer auch und auch über— Ich habe zum Beispiel jetzt in meinem neuen Stück, habe ich einen Scherz über Transmenschen, habe ich jetzt rausgestrichen, weil das war jetzt gar nicht— Weil ich dachte, es ist doch im Grunde die größte Form von Gleichwertigkeit, wenn man— Ich meine, meine Show ist eine Comedy-Show. Ist es nicht im Grunde abwertend, wenn darin keine queeren Leute vorkommen, um denen nicht auf den Schlips zu treten. Ich mache mir aber die ganze Zeit über Frauen lustig, über Männer lustig. Aber die Transmenschen habe ich jetzt rausgestrichen und ich dachte, ist das richtig? Und deswegen denke ich, wenn ich so eine Anekdote erzähle von technisch völlig unversierten Frauen, ist das nicht mein Wunsch, wäre, dass wir uns, dass wir, wie soll ich sagen, eigentlich über alle lachen dürfen. Aber so weit sind wir ja noch lange nicht und vielleicht kommen wir auch nie so weit. Also wie gesagt, die Transmenschen habe ich rausgestrichen aus meiner Show. Weil ich dachte, nee, ich möchte mich da auch nicht angreifbar machen. Und es tut mir leid, ich hätte den Witz gerne gemacht, weil es nicht auf—
Brigitte Huber 46:27
Ja, ich hatte gedacht, das ist ja tatsächlich ein Zeichen auch dafür, dass man sich auf Augenhöhe begegnet, wenn man das Gefühl hat, man kann über mich so einen Witz machen. Das wird nicht sein.
Stephan Seiler 46:37
Kommt drauf an, mit wem man redet, muss ich sagen. Also ich habe auch, wenn ich das noch kurz ergänzen darf, ich habe auch genau da mit Menschen mit Behinderung drüber gesprochen und viele fühlten sich eben ausgeschlossen, weil über sie keine Scherze mehr gemacht wurden oder werden. Und viele freuen sich darüber, weil sie genau dann auch gesehen werden. Es muss natürlich dann quasi in einem gewissen Stil nicht überschreiten.
Ildikó von Kürthy 46:56
Aber das ist ja auch heikel. Und im Zweifelsfall hast du einen Shitstorm sondergleichen. Ich habe über meinen blinden Vater, wir haben uns so über den lustig gemacht und er hat herzhaft mitgelacht, wenn wir ihm irgendwelche komischen Sachen auf den Teller gelegt haben, die gar nicht essbar waren und er konnte es ja nicht sehen und hat sich dann irgendwas in den Mund gesteckt. Das fanden wir so lustig. Er auch. Aber weißt du, dann geht das. Wenn er dabei so mitlacht. Ganz genau.
Brigitte Huber 47:17
Ja, wenn er dabei so mitlacht.
Ildikó von Kürthy 47:21
Also das ist so ein heikles Gebiet. Und über wen darf man lachen? Ich wünschte, ich lache jedenfalls sehr gerne über mich. Das ist keine Diskriminierung.
Brigitte Huber 47:30
Ja, das ist die ideale Überleitung. In deinem Buch guckst du auch zurück und du gehst mitunter sehr hart mit der jungen Iliku ins Gericht. Also du nennst dich dann intolerant, unerfahren und dämlich. Da habe ich mir gedacht, hast du dir inzwischen verziehen? Kannst du über dich lachen oder ist da noch Groll?
Ildikó von Kürthy 47:48
Da ist schon auch noch Groll. Ja, also muss ich schon sagen. Ja, also weniger fürs Dämlichsein im Sinne von, also ich habe halt auch so viel, ich bin so spät vernünftig geworden, auch im Bezug jetzt, sagen wir mal, Alkohol, Zigaretten, wie ich mit meinem Körper umgegangen bin, auch wie viel ich Energie verschwendet habe, um Leuten zu gefallen, die mir noch nicht mal selber gefallen haben. Ich habe dafür Verständnis, aber Weißt du, ich wünschte, ich hätte ein bisschen weniger Zeit gebraucht und weniger Zigaretten. Und das tut mir schon manchmal leid. Also das nehme ich mir manchmal ein bisschen übel, dass ich da nicht schneller in der Entwicklung war.
Stephan Seiler 48:28
Wann hast du aufgehört zu rauchen?
Ildikó von Kürthy 48:29
Das weiß ich auch sehr schwer zu sagen. Ich habe dann eine Zeit lang nur Sommer geraucht. Der zog sich manchmal auch bis Weihnachten hin. Aber ich habe aufgehört mit 30 und dann hatte ich ja meine Kinder bekommen. Da habe ich nicht geraucht und auch nicht getrunken. Aber dann wieder mal. Rauche jetzt schon sehr lange nicht mehr, aber eben auch Alkohol. Ich bin schon sehr suchtaffin und da hat mir eben als jüngere Frau noch auch die Stabilität gefehlt, mich dagegen zu positionieren. Das hat lange gedauert. Ja, ich will es mir auch nicht übel nehmen, aber ich nehme mir eigentlich doch einiges ganz schön übel. Eigentlich nehme ich mir einiges übel. Ja.
Stephan Seiler 49:02
Blick nach vorne in 20 Jahren. Wie wirst du dann auf dein heutiges Ich zurückblicken? Kann es sein, dass du dann auch so kritisch mit dir umgehen wirst.
Ildikó von Kürthy 49:10
Ja, es kann sein, dass ich dann sage: Meine Güte, echt, was du dir da an Schokolade jeden Abend reingeschoben hast, nur weil du dachtest, du trinkst ja keinen Alkohol mehr. Da hättest du auch früher vielleicht mal drauf kommen können, dass— also ich meine, ich weiß ja, dass ich mir nichts Gutes tue, aber— oder ich bin so eine Alte, die dann schön da sitzt, sagt: Scheiß auf Dattelschokolade, wo ist die Rittersport? Also vielleicht werde ich auch so eine und dazu noch einen schönen Whiskey Malt kippen und sage: Jetzt ist auch egal.
Brigitte Huber 49:36
Ich weiß es nicht.
Ildikó von Kürthy 49:36
Mal sehen, wir sprechen dann noch mal. Auf jeden Fall hoffe ich, dass ich irgendwie, dass ich weitergekommen bin mit mir selbst und der Welt und irgendwie ja, vielleicht im besten Fall ja.
Brigitte Huber 49:47
Genau, aber ich meine, du guckst ja auf die junge Ildiko zurück, auch jenseits dieser Genussmittel-Geschichte, wenn du sagst intolerant oder sonst irgendwas. Also es wird dann wahrscheinlich auch, wenn du als 80-Jährige zurückblickst, vielleicht nicht nur über die Schokolade gehen. Ich glaube, das ist dann noch so ein Punkt. Gibt es dann was, was man sagt? Aber da lassen wir uns überraschen, oder?
Ildikó von Kürthy 50:07
Ja, aber bestimmt. Also ich reg mich heute auch immer noch so auf. Ich war neulich beim Abendessen, da habe ich mir keine Freundinnen gemacht, weil es gab so einen Punkt, wo ich richtig sozusagen die Harmonie, die eigentlich erwünscht war, gestört habe, weil ich anderer Meinung war und wo ich da auch denke, meine Güte, halt doch einfach mal die Klappe. Das musst du auch jetzt nicht jeden Brocken, der dir hingeworfen wird, so aufnehmen und vielleicht mal Mein Mann sagte auch, ich kam nach Hause und sagte: „Ey, ab und zu mal ein paar Sachen wegatmen." Das, also da wünsche ich mir wirklich, dass ich da auch mal sozusagen den ein oder anderen Müll einfach im Fluss an mir vorbeiziehen lasse, statt den rauszufischen und versuchen sauber zu machen. Nee, komm jetzt mal, ist gut.
Brigitte Huber 50:50
Dann lass uns doch mal auf das Thema Kritik kommen und wegatmen. Das finde ich ganz spannend, weil du bekommst ja irre viel Beifall. Du bist mit deinem neuen Buch auf Platz 1 und so weiter und so fort. Und manchmal kriegst du auch kritische Stimmen. Wie gehst du denn generell mit Kritik um?
Ildikó von Kürthy 51:07
Also generell bin ich empfindlich. Also ich bin aber generell empfindlich und das haben wir ja zu Anfang besprochen. Ich bin relativ dünnhäutig und ich kriege ja, seit ich schreibe, kriege ich Kritik. Und das ist tatsächlich bisher oftmals so an mir abgeperlt. Ich finde, es ist auch noch mal ein Unterschied, ob man einen Roman schreibt, der kritisiert wird, oder ob man eben so ein Memoir schreibt wie ich jetzt, wo es wirklich sehr, sehr persönlich ist. Und insofern, ich kann schlecht unterscheiden. Ich habe neulich, schrieb mir eine Frau, wie toll sie mein Buch findet und dass sie sich so getröstet fühlt und neuen Lebensmut bekommen hat. Und der letzte Satz lautete: Leider liege ich gerade im Sterben. Und das geht mir nah. Das geht mir einfach, das geht so richtig durch, direkt ins Herz. Und wenn dann 3 Tage später in der FAZ steht, die Kürthy sammelt Angststörungen wie andere Leute Lippenstifte, Dann kann ich da nicht auf einmal sozusagen die Schotten dicht machen und sagen: Ach komm, das nehme ich gar nicht wahr. Also auch das geht rein und deswegen, ich kann nicht leicht drüberstehen über den Dingen und ich weiß nicht, ob ich das ändern soll. Insofern habe ich jetzt diese Debatte, diese Kritikerdebatte, da ich habe mich da als auch eben relativ schutzlos empfunden, weil ich so ausgesetzt war so vielen Gemeinheiten. Auch Unwahrheiten. Und das setzt mir schon zu, muss ich sagen. Kostet mich Energie.
Brigitte Huber 52:32
Die meisten unserer Hörer:innen werden das wissen, aber vielleicht für die, die es nicht mitgekriegt haben. Du bist von dem ARD-Literaturkritiker Dennis Scheck, der eine Literatursendung hat, ist dein Buch als „Wie war die Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette" tituliert worden. Und in die Tonne geworfen worden. Wir haben jetzt inzwischen erfahren, das soll gar keine Tonne sein, sondern ein Rollband oder nobody knows. Wie war denn die erste Reaktion, als du das gehört oder gelesen hast?
Ildikó von Kürthy 53:04
Also dass die Bücher da in die Tonne fliegen, ist ja Teil der Sendung. Das macht er schon ewig. Das wollen wir jetzt nicht noch mal diskutieren, ob das irgendwie— Ich finde das okay. Ich finde es auch okay, provokant zu sein, damit überhaupt noch Leute sich für Literatursendungen, Literatur interessieren. Alles in Ordnung. Und er hat mich auch schon hat gesagt, ich schreibe wie Inge Meisel auf Ecstasy. Und also der kritisiert mich seit 20 Jahren. Alles okay, das wirklich, das hat mich auch nie gestört, weil ich möchte ja nicht, Dennis Scheck ist wirklich nicht meine Zielgruppe. Und diesen Ausspruch, aber das Geschnatter auf der Damentoilette, das habe ich als frauenverachtend empfunden. Also kann man auch anderer Meinung sein. Ich habe es als frauenverachtend empfunden, habe das gesagt, habe gesagt, ich empfinde es als eine Verachtung von schreibenden und lesenden Frauen. Weil das ist ja eine Kritik, die man auch wirklich nur einer Frau gegenüber sagen kann. Also das bezieht sich eben auf Frauen. Also für mich war das ganz klar frauenverachtend und das habe ich einmal gesagt und ich dachte, das war's. Mehr wollte ich gar nicht sagen.
Stephan Seiler 54:06
Und dann ging es erst richtig los.
Ildikó von Kürthy 54:07
Und dann ging es richtig los. Und Dennis Scheck war, also die Kritik von Dennis Scheck an meinem Buch war im Nachhinein das Harmloseste von allem, muss ich wirklich sagen. Ich habe einfach gesagt, ist frauenverachtend. Dennis, ich kann dich nicht mehr leiden. Ich habe es sogar noch auf eine relativ humorvolle Art gemacht und ich hatte keine Ahnung, was dann für eine Debatte in den Feuilletons und Elke Heidenreich und Sophie Passmann. Und dann wurde ihm Sexismus vorgeworfen. Habe ich nie. Das Wort habe ich nie benutzt, wurde mir dann aber auch untergeschoben und dann stand ich so praktisch hilflos verzweifelt und auch sehr wütend vor diesen ganzen Behauptungen. Vor dieser Diskussion und habe das zum ersten Mal irgendwie erfahren, wie wenig Hemmungen nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch im Feuilleton herrscht. Und da war ich schon— das hat mich wirklich mitgenommen.
Stephan Seiler 54:59
Wie kann ich mir denn das vorstellen, was da so quasi hinter den Kulissen der Instagram-Posts passiert ist damals, also jetzt vor ein paar Tagen und Wochen? Du hast schon angesprochen, Elke Heidenreich hat sich auch aufgeregt. Sophie Passmann hat sich aufgeregt. Hattet ihr Kontakt untereinander in irgendeiner Form? Hat sich vielleicht auch Dennis Schäck bei dir gemeldet oder die ARD? Was lief quasi so hinter dem Sichtbaren ab?
Ildikó von Kürthy 55:18
Also ich hatte Kontakt zu Sophie, weil ich mich von diesem Begriff Sexismus distanziert hatte. Das fand sie nicht so gut, aber ich habe sie jetzt in meinen Podcast eingeladen. Wir wollen darüber sprechen. Ich hatte sonst keinen Kontakt, auch nicht zu Dennis. Das— ich hatte ja lustigerweise, habe ich ja, bevor diese 3 Wochen vor der Debatte hatte ich Dennis geschrieben, habe ihm geschrieben: Du, ich weiß, dass du meine Bücher ja nicht gut findest. Das stört mich aber überhaupt nicht. Hast du nicht trotzdem Lust, mein Buch mit mir zusammen vorzustellen? Es gab so 3 Vorstellungsveranstaltungen. Ich hatte ihn, glaube ich, nach Aachen in meine Heimatstadt eingeladen, was mir viel bedeutet hat, weil ich dachte, das wäre schön, also mit ihm darüber zu sprechen. Und er schrieb total nett zurück und sagt: Ach, was für eine lustige, tolle Schnapsidee. Leider habe ich da keine Zeit, aber danke für die Anfrage und so. Also ich wollte das, ich weiß ja, dass er meine Bücher nicht schätzt, aber darüber kann man ja auch sprechen und das hätte ich gerne getan. Also insofern, das war der Kontakt vorher, vor der Diskussion. Danach gab es keinen mehr und ich bin auch froh, dass es jetzt abgeebbt ist. Und jetzt beschäftigt sich das Feuilleton wieder in gewohnt kulturell hochwertiger Weise mit anderen Themen. Zum Glück.
Brigitte Huber 56:24
Ich fand das ganz interessant. Wir hatten vor ein paar Wochen Micky Beisenherz zu Gast und dann haben wir ihn auch gefragt, was er vielleicht heute kann als älter werdender Mensch im Vergleich zu früher. Und dann hat er hat er gesagt, er denkt, er geht nicht mehr in jeden Kampf, also dass er tatsächlich sich das sehr genauer überlegt, dass er zum Beispiel auch negative Kommentare oft gar nicht liest und so weiter und so fort. Und da habe ich dann auch gedacht, was du jetzt gerade erzählst, also man kann die Zeit ja nicht zurückdrehen oder so was. Denkst du dir, vielleicht hättest du es wegatmen sollen, wenn du geahnt hättest, was du damit auslöst? Oder sagst du, das war dir einfach nicht wichtig?
Ildikó von Kürthy 56:58
Also weißt du, wenn du die negativen Kommentare nicht liest, dann liest du ja die positiven auch nicht. Ich lese, ich antworte auf alles und ich bekomme so, ich habe das ja zu Anfang gesagt, so, ich möchte die nicht verpassen. Und wenn ich mich den Positiven bereit bin auszusetzen, dann kriege ich das Negative auch mit. Da antworte ich nicht auf alles. Also ich gehe schon nicht auf jeden Kampf und ich schicke nicht eine Korrektur an die SZ, weil sie, weil der Artikel voller Fehler ist. Das mache ich ja schon gar nicht, weil ich weiß, dass man dann als beleidigte Leberwurst steht. Aber das ist eben mein Problem. Was kann ich an mich heranlassen und kann ich so eine Art von Filter, von mentalem Filter erlernen? Ich weiß nicht, ob man das tatsächlich sagt, das Gute lasse ich ran und die Beleidigungen beleidigen mich nicht. Warum eigentlich nicht? Wenn jemand beleidigend ist und man ist beleidigt, dann gilt man als beleidigte Leberwurst. Dabei ist ja der, der eine Beleidigung ausspricht, ist ja der, den man eigentlich dafür auch kritisieren möchte und auch darf. Also auch Kritiker dürfen kritisiert werden, ohne dass man gleich dasteht als: Ach, die kann keine Kritik vertragen. Das hat mich, das macht einen dann so hilflos.
Brigitte Huber 58:08
Absolut. Kann ich gut verstehen. Also es gibt ja diesen Spruch: Ich entscheide selbst, wer mich beleidigen kann. Aber ich finde, das ist schon extrem advanced, dass man sagt—
Ildikó von Kürthy 58:19
Ja, das ist halt die Frage: Ist das advanced oder ist es eben auch eine Form von Dickfälligkeit, wo einem auch andere Sachen entgehen, die vielleicht eine gewisse Sensibilität erfordern, was dann auch nicht mehr gut funktioniert. Ich weiß es nicht.
Stephan Seiler 58:33
Man bekommt das eine nur, wenn man auch das andere zulässt.
Ildikó von Kürthy 58:35
Ist das? Ich weiß es nicht. Vielleicht. Also ja, vielleicht. Also weißt du, wenn einem— mir geht ja sehr viel nahe und ich weiß nicht, ob, wie gesagt, ob ich da so einen Filter— vielleicht in 20 Jahren sage ich: Oh ja, guck mal, den Filter habe ich jetzt, der heißt so und so, den kannst du dann da bestellen.
Brigitte Huber 58:50
Ja, super. Gibt es jemanden, mit dem du deine Insta-Posts oder so was vorher besprichst? Oder machst du das alles mit dir selber aus?
Ildikó von Kürthy 58:59
Das mache ich selbst. Okay, das ist auch das. Ich habe ja, also jetzt, um das noch einmal zu sagen, mein Instagram-Kanal ist ja super. Ich gebe mir so viel Mühe mit dem. Also ich lese ja alle Kommentare, ich lösche auch Bots und so was. Oder manchmal werden meine, wenn meine, die Frauen, die mir Kommentare schicken, belästigt, dass man sagt, du siehst super aus, schick mir ein Pic von dir oder irgendwie so was. Das lösche ich auch sofort. Also weißt du, so was entgeht mir eben auch nicht. Ich blockiere sofort, wenn irgendwie, ja, meine, ich beschütze auch meine Follower:innen, das muss ich schon sagen. Dazu gehört aber, dass ich das alles lese. Und das war jetzt das erste Mal, dass ich da so Respektlosigkeiten gefunden habe. Das gibt es bei mir sonst gar nicht. Das ist wirklich ein ziemlich, es ist eben kein sicherer Raum, wie ich jetzt festgestellt habe. Natürlich nicht, ich bin ja nicht blöd. Aber auf meinem Kanal herrscht Respekt. Und darauf bin ich unheimlich stolz. Und deswegen habe ich auch den Frauen gesagt, ich möchte keine Respektlosigkeiten Dennis Schick gegenüber. Wenn die schreiben hässlicher, dicker, frustrierter Mann, das kommt, das habe ich, das, ich habe das sehr dezidiert gesagt, ich will das auf meinem Kanal nicht hören. Das ist genau die Kritik, die ich, die ich kritisiere.
Brigitte Huber 60:11
Wir haben in unserem Podcast immer zwei Rubriken. Ich glaube, es ist Zeit. Nicht wahr? Stephan, möchtest du?
Stephan Seiler 60:18
Meine Premiere?
Brigitte Huber 60:19
Deine Premiere?
Stephan Seiler 60:22
Ja, in dieser Rubrik Meine Premiere, Deine Premiere geht es um genau das. Premieren, erste Male. Das soll ja auch laut Wissenschaft etwas sein, was uns am Leben hält, was uns Gedächtnis auf Trab hält. Was war so für dich dein letztes erstes Mal, deine letzte Premiere? Oder hast du in Zukunft was vor? In den nächsten Tagen und Wochen?
Ildikó von Kürthy 60:43
In den nächsten Tagen. Werde ich stricken lernen.
Brigitte Huber 60:47
Wow!
Ildikó von Kürthy 60:48
Ja, ja, ich werde stricken lernen. Meine Freundin Jutta hält sich schon bereit. Wir fahren wie gesagt bald in Urlaub und da werde ich endlich stricken lernen. So, das war's.
Brigitte Huber 60:56
Hat man dir das in der Schule gar nicht beigebracht? Musstest du nicht Handarbeit und so was lernen?
Ildikó von Kürthy 61:01
Nee. Also wenn, dann habe ich es verdrängt und ich kann es auf jeden Fall nicht mehr.
Brigitte Huber 61:05
Aber vielleicht hast du doch irgendwie eine Grundlage, auf die du dann zurückgreifen kannst.
Ildikó von Kürthy 61:09
Werden wir sehen. Werden wir sehen. Mal schauen.
Brigitte Huber 61:11
Sehr gut.
Stephan Seiler 61:13
Danke dafür. Die nächste Rubrik ist Entweder oder.
Brigitte Huber 61:17
Entweder oder. Genau. Du darfst erst zwischen zwei Zitaten wählen. Das erste kennst du, ist auch immer eins meiner Lieblingszitate.
Stephan Seiler 61:28
Und das zweite vielleicht auch.
Brigitte Huber 61:29
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.
Stephan Seiler 61:41
Viktor Frankl, Holocaustüberlebender, Psychiater, oder Stephan: Seht ihr nun, dass das Leben ein Schlaf ist und das Alter seiner Wachen? Von August Strindberg. Welches gefällt dir lieber? Besser?
Ildikó von Kürthy 61:57
Ich nehme Viktor Frankl, den ich selbst oft zitiere. Und dieser Raum zwischen Reiz und Reaktion ist ein Raum, den zu erkunden sich wirklich lohnt und zu vergrößern.
Brigitte Huber 62:07
Eine Herausforderung, immer wieder aufs Neue. Absolut. Jetzt geht es immer zwischen zwei Begriffen. Du musst nur ganz kurz sagen, welcher springt dich mehr an. Serienmarathon oder ein gutes Buch?
Ildikó von Kürthy 62:19
Oh, gutes Buch.
Stephan Seiler 62:22
Loslassen oder festhalten?
Ildikó von Kürthy 62:25
Loslassen.
Brigitte Huber 62:26
Grübeln oder verdrängen? Grübeln.
Stephan Seiler 62:29
Kontrolle oder Vertrauen?
Ildikó von Kürthy 62:31
Vertrauen.
Brigitte Huber 62:32
Ehrlichkeit oder Harmonie?
Ildikó von Kürthy 62:35
Ehrlichkeit.
Stephan Seiler 62:36
Kopf oder Bauch?
Brigitte Huber 62:37
Bauch.
Ildikó von Kürthy 62:38
Nee, Kopf. Siehste schon, das ist meine Antwort. Bauch. Nee, Kopf. Nee, Kopf. Nee, Bauch. Ganz klare Antwort.
Brigitte Huber 62:46
Ganz klar. Reden oder schweigen können?
Ildikó von Kürthy 62:49
Reden.
Stephan Seiler 62:50
Streit klären oder aussitzen?
Ildikó von Kürthy 62:52
Klären.
Brigitte Huber 62:53
Komfortzone oder Risiko?
Ildikó von Kürthy 62:56
Komfortzone.
Stephan Seiler 62:57
Planen oder treiben lassen?
Ildikó von Kürthy 63:00
Planen.
Brigitte Huber 63:00
Die letzten zwei: Mehr Reue über das, was man getan hat, oder über das, was man nicht getan hat?
Ildikó von Kürthy 63:07
Was man nicht getan hat.
Stephan Seiler 63:08
Sich selbst wichtiger nehmen oder andere?
Ildikó von Kürthy 63:11
Im besten Fall andere. Gelingt mir immer besser, aber nicht oft.
Stephan Seiler 63:15
Okay, vielen Dank dafür. Darf ich da gleich noch eine Anschlussfrage stellen? Und zwar, du schreibst ja in deinem Buch auch von dieser, über diese Giftzwerggruppe im Kopf. Und die kenne ich, glaube ich, auch ganz gut. Du hast sie so unterteilt. Die eine Giftswerkgruppe macht dich selbst runter. Das sind so die Gedanken, die man so hat. Du beschreibst ja die Szene vom Spiegelstehen. Du machst dich schick für eine Party und dann kommt die eine Giftswerkgruppe und macht erst dich selbst runter. Und danach kommt die andere Giftswerkgruppe und macht die ganzen Gäste der Party runter. Was sind das alles für Flachblinden? Und diese beiden Gruppen, die kennen glaube ich sehr, sehr viele Menschen. Auch mir sind sie nicht ganz fremd. Wie sollten wir am besten umgehen mit den sogenannten Gedankenknomen?
Ildikó von Kürthy 64:01
Wenn ich das wüsste. Ich ja, im besten Fall gelingt es denen, die Mäuler zu stopfen und sie weder auf die einen noch die anderen. Ja, aber wie? Da fragst du mich was. Also mal gelingt es mir, mal gelingt es mir nicht. Ich versuche also, ich habe eine wunderbare Lehrerin gehabt auf so einem psychologischen Seminar, ist lange, lange her, da war ich 17. Mimpyu aus den USA, die sagte, wenn sie in Therapie geht oder in, also sie war Therapeutin, wenn sie eine Therapie gibt, wurde sie gefragt, wie sie sich darauf vorbereitet. Und sie sagte, sie bereitet sich auf jede Therapiestunde vor, so wie sie sich auf jeden Tag ihres Lebens vorbereitet. Und sie sagte: To become centered with a loving spirit. Und sich auf diese, diesen sozusagen, diese, die wohlwollende Gesinnung einem selbst gegenüber und den anderen gegenüber. Ich glaube, das ist ein Muskel, den man trainieren kann, und zwar ganz bewusst. Also es gibt wirklich Abende, wo ich mir vorher sage, ich gehe mit Freundlichkeit in diese Runde, wo sicherlich die eine oder andere Person ist, die mich triggert. Aber ich will das. Ich programmiere mich auf Menschlichkeit und Wohlwollen und das kann man trainieren.
Stephan Seiler 65:13
Und dann halten auch diese kleinen Gnome, die Gedanken-Gnome, die Gift-Zwerge Mal kurz die Schnässe, wie man in meiner Heimat gesagt hätte.
Ildikó von Kürthy 65:20
Manchmal ja, manchmal nein. Also manchmal sind die natürlich auch stärker und dann rauscht mein Selbstbewusstsein runter. Oder ich versuche, andere abzuwerten, innerlich, um mich selber besser zu fühlen. Also da bin ich keine, da bin ich nicht eine Meisterin meines Fachs. Also ich lebe mit ganz schön vielen Giftzwergen. Aber ich erkenne sie mittlerweile und ich lokalisiere sie immerhin. Und das ist ja auch schon mal ein Schritt, dass man das nicht Also dass man die sozusagen abspaltet und sich sehr genau anschaut, was tun die da gerade? Weil früher war ich denen so ausgeliefert, da dachte ich, das bin ja ich. Aber das ist letztlich, sind es auch nur Gefühle oder Stimmen, die man eben auch lokalisieren und zum Schweigen bringen kann. Und das ist schon mal ein Fortschritt.
Brigitte Huber 66:04
Finde ich immer so spannend, wenn es heißt: Glaub nicht deinen Gedanken oder so, wo ich am Anfang gedacht habe, what? Aber in Wahrheit sind es eben nur Gedanken und die kommen je nach Tagesverfassung, äußeren Umständen Und was mich noch sehr interessiert hätte, ist: Dein Markenzeichen ist ja unter anderem auch Humor. Die Leute lieben es, wie und auf welche ironische, selbstironische Art und Weise du über das Leben und dich und so weiter schreibst. Wir hatten jetzt schon ein paar humorfreie Zonen, aber was würdest du sagen, wo geht dir der Humor am ehesten abhanden?
Ildikó von Kürthy 66:39
Ja, bei Respektlosigkeit.
Brigitte Huber 66:42
Und was würdest du sagen, worüber kannst du heute im Gegensatz zu früher lachen? Die Giftswerge sind es noch nicht so ganz, aber—
Ildikó von Kürthy 66:48
Ach, über die kann ich auch lachen. Wir sprechen jetzt auch drüber. Ich schreibe ja auch in meinem Buch. Schon allein, dass ich sie Giftswerge nenne, zeigt ja auch, dass ich mich versuche, humorvoll irgendwie zu nähern, aber gleichzeitig zu distanzieren. Ich versuche ehrlich gesagt, ein bisschen weniger zu lachen als früher. Also ich versuche auch, mit Ironie viel vorsichtiger umzugehen. Das ist so ein schickes Allheilmittel geworden. Aber es hat bei mir dazu geführt, dass ich manchmal Dinge nicht ernst genommen habe, nicht ernst genug genommen habe, sondern mich in so einen Humor geflüchtet habe, statt die Dinge einfach mal ernst sein zu lassen.
Stephan Seiler 67:28
In welchen Situationen zum Beispiel? Bei schlechten Nachrichten? Oder?
Ildikó von Kürthy 67:32
Nicht unbedingt. Also das nicht. Also nicht bei wirklich schlechten Nachrichten, aber so in Beziehungen. Auch zu Freundinnen. Also ich habe so ein, ich habe eine Freundin, das ist eigentlich ein ständiger Schlagabtausch aus ironischen, sehr lustigen Bemerkungen und manchmal geht dabei die Ernsthaftigkeit verloren, die das Thema aber durchaus verträgt. Also ein Beispiel ist jetzt nicht aus meinem Leben, wenn jemand sagt, ich liebe dich und der andere sagt, ich weiß, oder dito mit so einem ironischen Lächeln und dann einfach mal zu sagen, ich liebe dich auch. Und das so stehen zu lassen. Ich finde, das fällt uns gerade auch so in Journalistenkreisen, da ist so die Wahrhaftigkeit, das einfach das Annehmen von Gefühl gar nicht so leicht, weil wir so auf Schlagfertigkeit, also ich zumindest, ich möchte immer schlagfertig sein, möchte das letzte Wort haben und im besten Fall noch einen Lacher. Und manchmal kann man einfach auch mal die Klappe halten oder sagen: Ja, ich dich auch.
Brigitte Huber 68:27
Ja, ich finde das gerade. Ich weiß gar nicht, ob das statistisch belegt ist, aber man weiß ja zum Beispiel, Oder ich glaube, dass es so ist, dass viele Comedian oder komödiantisch begabte Menschen eine sehr schwere Seite haben oder eine depressive Seite haben, wo man dann, dann schon merkt, und bei dir ist es ja auch durchaus so, du hast deine Tiefen, du schreibst über die, du lässt die seit Jahrzehnten behandeln, nimmst jetzt, hast du geschrieben, seit 2 Jahren Antidepressiva, wobei sie heißen anders, oder?
Ildikó von Kürthy 68:57
Na ja, ich habe keine Depressionen, deswegen führt dieser Begriff auf den falschen Weg. Ich habe halt eine Angststörung. Angststörung, genau. Die sogenannten Depressiva, die Anxiolytika eigentlich heißen.
Brigitte Huber 69:06
Und die Gefahr, dass dann schwierige Gefühle weggelacht werden, also der möchtest du, glaube ich, auf jeden Fall entgehen, oder?
Ildikó von Kürthy 69:13
Genau. Ich habe auch aus meinen Ängsten immer eine Anekdote gemacht. Ist ja auch oft lustig. Ich habe auch in meinem Buch, ist eine der lustigsten Anekdoten, hat mit meinen Ängsten zu tun. Nur wenn man das ständig ironisiert, dann kommt man auch letztlich nicht weiter, weil Eine Angststörung ist eine schwere psychische Erkrankung und keine Anekdote und auch keine Sammlung von Lippenstiften. Und es kann also Ironie, kann eine Vermeidungsstrategie sein und Humor auch, um Sachen eben auch vielleicht nicht an sich herankommen zu lassen.
Stephan Seiler 69:44
Du gehst ja in deinem Buch auch mit dem Gebot zur Selbstliebe, dieser Positivität und dem Mantra „gut genug" sehr hart ins Gericht. Ich habe da eine Stelle gefunden: „Scheiß Selbstliebe, ganz ehrlich, die geht mir total auf die Nerven." Du musst dich selbst lieben. Du bist gut, so wie du bist. Du kannst alles erreichen. Du musst da nicht selbst glauben. Du bist genau richtig. Du bist ein Wunder der Natur. Das scheinen alles Sätze zu sein, die dich richtig aufregen. Wie ernst meinst du das? Denn dieses Gut genug ist durchaus ein Mantra gewesen, eine Catchphrase gewesen, die wir hier auch ab und zu mal gehört haben, dass das eigentlich eine ganz gesunde Einstellung sei. Damit es einem einfach besser geht im Umgang mit sich selbst.
Ildikó von Kürthy 70:28
Also solange das so ist, ja. Aber an anderer Stelle nenne ich es, und ich bin ganz stolz auf diesen Begriff, das Optimismus-Tourette. Wenn einem immer wieder gesagt wird, dass man alles erreichen kann. Du schaffst das, du musst deine Träume leben und du bist gut so, wie du bist. Und alle Träume werden sich erfüllen, wenn du nur genug an dich glaubst. Das ist ja einfach nicht so. Und wenn man dann doch Krebs kriegt, dann hast du halt den Tag vorher nicht ordentlich gepflückt. Oder es liegt an deiner Einstellung. Deine Ehe scheitert oder dich eine Lebenskatastrophe ereilt. Und Harald Schmidt hat das mal das Flachland des Optimismus genannt. Und das finde ich einen grandiosen Begriff, weil eben das Scheitern und das Aufgeben auch— ja, du darfst scheitern, du darfst aber niemals aufgeben. Das stimmt nicht. Man darf auch aufgeben, wenn man auf dem falschen Weg ist oder auf einem Weg, auf dem man nicht gehört oder der einem zu viel Kraft abverlangt. Ich finde, es hat schon was Unmenschliches. Und so viel dem Einzelnen aufzulegen: Ja, natürlich darfst du scheitern, aber eben niemals liegen bleiben. Finde ich, das ist eine totale Überforderung. Und Selbstliebe, dass ich mir jetzt auch noch ständig lieben muss und ich muss mich auch noch wunderschön finden. Ich meine, ich bin doch nicht blöd. Ich gucke in den Spiegel, ich ziehe mich aus. Mein Bauch ist alles andere als schön. Meine Oberschenkel, ich sprach schon drüber, die sind auch nicht schön. Aber ich, aber das müssen die ja auch gar nicht sein. Und also das ist wirklich so eine Szene und ein Du bist gut genug. Wenn auf einmal alle denken würden, sie seien gut genug, erst mal würde dann diese Coaching-Szene sofort sterben, weil dann ja gibt es ja keinen Verbesserungsbedarf mehr. Und ich finde, bei mir ist noch Luft nach oben und ich kenne viele Leute, die nicht an sich selbst zweifeln und das besser täten und die sind nicht gut genug.
Brigitte Huber 72:15
Mir geht es nur, glaube ich, halt nach, vor allem im Hinblick auf Frauen ist bei dieses Gut genug bei ist bei mir schon so eine Überzeugung, dass Frauen einfach doch immer noch sehr perfektionistisch an sich rangehen. Und ehrlicherweise sagt man dann manchmal: Pass auf, gib 90%, das wird reichen. Und so, und das war schon so meine Lebenserfahrung. Wenn man immer versucht, Minimum die 100 abzuliefern, dann wird es auch schwierig. Und daher kommt das Gut genug. Und das ist ein bisschen was anderes, finde ich, als das, was du sagst, dieser Zwang zum Positivismus. Und dann aus jeder schlechten Erfahrung was rausholen zu müssen, wo du sagst, es gibt einfach Erfahrungen im Leben, die sind einfach nur abzuhaken und ich möchte da gar nichts Positives rausholen. Aber an dem gut genug. Mensch, Frauen, ihr seid in aller Regel, seid ihr schon, habt ihr schon sehr hohe Ansprüche an euch selber. Das wäre mir jetzt zum Beispiel, ist mir das schon immer ganz wichtig.
Ildikó von Kürthy 73:08
Ja, also das sehe ich auch so, und dass Frauen unter ihrem Perfektionismus leiden und sich auch Ihr Leben unnötig schwer machen. Das sehe ich ja auch. Aber selbst da finde ich, ist die, ist sozusagen die menschlichste Form, damit umzugehen, auch zu, weißt du, das ist ja das Gegenteil von Perfektionismus, ist: Scheitere. Du darfst scheitern, du darfst liegen bleiben. Das beinhaltet ja auch, dass dieses: Du bist nicht gut genug. Manchmal bist du auch richtig schlecht und das darfst du auch sein. Das gehört zum großen Ganzen, bunten, dunklen, hellen Leben dazu. Weißt du, Brigitte, ich verstehe natürlich total deinen Punkt. Aber für mich beinhaltet das das eigentlich.
Brigitte Huber 73:49
Also zum Abschluss, weil wir wollen dir auch dein Mittagessen nicht ewig vorenthalten.
Ildikó von Kürthy 73:54
Ja, mein Mann wartet schon.
Brigitte Huber 73:55
Ja, ja, absolut. Deswegen würde ich sagen, wir finden ein ganz schnelles Ende. Wie blickst du jetzt nach vorne?
Ildikó von Kürthy 74:00
Wie blickst du nach vorne? Das wünschen wir uns doch allen, ein schnelles Ende, oder?
Brigitte Huber 74:04
Ja, genau. Wie blickst du nach vorne, Ildiko?
Ildikó von Kürthy 74:08
Wie ich nach vorne blicke? Im Moment bin ich wirklich so voller Neugier und Zuversicht. Und ich habe, finde ich, ein Jahr tatsächlich voller Premieren vor mir und trotzdem aber hoffentlich auch mit genügend Schlaf vor Mitternacht und Mittagsschläfchen.
Brigitte Huber 74:27
Hervorragend. Also ich würde mal sagen, ganz herzlichen Dank. Ildiko, hat sehr, sehr viel Spaß gemacht. Könnte jetzt noch fragen, ob du dich jetzt hoffentlich jünger oder älter fühlst als am Anfang.
Ildikó von Kürthy 74:38
Aber da wir nicht ganz sicher sind— Viel älter, viel älter.
Brigitte Huber 74:43
Hat geklappt. Ja, danke für diese Reise.
Ildikó von Kürthy 74:43
Eine Begegnung. Ich bin innerhalb, ich würde sagen, ich bin innerhalb dieser anderthalb Stunden um 5 Jahre gealtert. Danke dafür.
Brigitte Huber 74:50
Hervorragend, aber im positivsten Sinne.
Ildikó von Kürthy 74:51
Im positivsten Sinne. Genau.
Brigitte Huber 74:53
Vielen herzlichen Dank, Ingrid.
Ildikó von Kürthy 74:56
Ich danke euch.
Stephan Seiler 74:57
In 20 Jahren treffen wir uns dann wieder, um dann zu verhandeln, was dir an deinem heutigen Ich nicht mehr gefällt.
Ildikó von Kürthy 75:03
So machen wir es. Ich trage es mir schon mal in den Kalender ein.
Brigitte Huber 75:05
Genau, Stefana, hast du ja auch schon statthaftes Alter bis dahin.
Ildikó von Kürthy 75:08
Genau, da kannst du endlich mitreden.
Stephan Seiler 75:12
Mach's gut, Ediko.
Ildikó von Kürthy 75:13
Danke, tschüss.
Stephan Seiler 75:15
Das war die heutige Folge mit Ediko von Kürthy. Ich habe immer wieder lachen müssen. Brigitte, ich habe auch bei dir das eine oder andere Schmunzeln gesehen. Es war sehr unterhaltsam, so habe ich es empfunden. Und auch immer wieder ist sie ja auch hart ins Gericht gegangen mit solchen Grundsätzen, Glaubenssätzen, die wir hier in den vergangenen Wochen im Podcast gehört haben und auch verinnerlicht haben. Brigitte.
Brigitte Huber 75:37
Ja, also deswegen würde ich sagen, es lohnt sich vielleicht durchaus noch mal unsere Folge 14 nachzuhören. Da geht es nämlich um „gut genug". Und ich glaube, es gibt viele gute Gründe, an diesem Mantra auch festzuhalten.
Stephan Seiler 75:51
Wer mehr über die Wichtigkeit von Verbundenheit mit anderen Menschen erfahren möchte, dem sei die Folge mit Stefanie Stahl empfohlen, der Psychologin und ebenfalls Bestsellerautorin. Folge 9. Darin findet ihr es.
Brigitte Huber 76:04
Und das Interview mit Micky Beisenherz, das wir erwähnt haben, das findet ihr in Folge 27. Daraus auch der schöne Spruch: Überleg dir genau, in welchen Kampf du gehst.
Stephan Seiler 76:15
Das überlegen wir jetzt auch die nächsten Tage. Wir hören uns wieder in einer Woche an dieser Stelle. Wir freuen uns drauf. Bis dahin alles Liebe, alles Gute. Ciao!
Brigitte Huber 76:25
Alles Liebe. Bis dann.
Stephan Seiler 76:28
Das war Die Sache mit dem Älterwerden, der Podcast mit Brigitte Huber und Stephan Seiler.
Brigitte Huber 76:33
Vielen Dank an Leo Ebert-Glang für die Titelmelodie, das Sounddesign und den Schnitt, und an Alina Zawalisch für die Covergestaltung. Die Sache mit dem Älterwerden erscheint mittwochs auf allen gängigen Podcastplattformen.
Stephan Seiler 76:47
Folgt uns, abonniert uns, dann verpasst ihr keine Folge und empfehlt uns bitte weiter.
Brigitte Huber 76:53
Das würde uns sehr freuen.
Stephan Seiler 76:55
Wenn ihr uns Feedback schicken möchtet, egal ob positiv oder negativ, oder wenn ihr Themenvorschläge für uns habt, schreibt uns eine E-Mail, eine Textnachricht oder Sprachnachricht auf unserem Instagram- oder Facebook-Kanal.
Brigitte Huber 77:08
Alle Infos findet ihr auch schriftlich zu dieser Folge in der Zusammenfassung in eurem Podcastplayer.
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Folge
43
·
65 Min.
Mit
Dirk Steffens
Wie bleiben wir optimistisch? Sind wir wirklich die glücklichste Generation der Menschheitsgeschichte?
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